Mame-Loshn – Der Rebe tanzt (2009)

FrontCover1Vielleicht gar keine so schlechte Idee, zum Osterfest 2014 eine CD vorzustellen, die sich aus den Wurzeln der Kelzmer Musik speist.

Ursprünglich ist Klezmer (sprich „Klesma“, mit weichem s) die jüdische Musik Osteuropas der letzten Jahrhunderte, die v.a. zu Hochzeiten und anderen Festen gespielt wurde. Klezmer hat also nichts mit israelischer Musik zu tun, wie manchmal vermutet wird, sondern ist zwar jüdisch, aber eben eine Musik aus Osteuropa, mit vielen Verbindungen zur rumänischen, russischen und zur Roma-Musik.

Im 19. Jahrhundert lebten an die 7 Millionen Juden in Osteuropa, vom Baltikum im Norden über Russland, Polen und die Ukraine bis nach Rumänien im Süden. Als Wiege der Klezmermusik wird Moldawien angesehen.

Die Juden lebten meist abgesondert, in eigenen Stadtviertel (den „shtetls“) oder Dörfern, mit ihrer eigenen Kultur, Religion, Sprache (dem Jiddischen) und Musik. Sie waren immer wieder politischer Willkür, wirtschaftlichen Benachteiligungen, Übergriffen, Pogromen und Vertreibungen ausgesetzt und so kam es schon lange vor dem Holocaust, v.a. in der Zeit zwischen 1880 und 1920, zu großen Auswanderungswellen.

Das Hauptziel der Auswanderer war Amerika, und hier v.a. New York. Für lange Zeit war New York die Stadt mit der weltweit größten jüdischen Bevölkerung. Die Musik veränderte sich hier natürlich allmählich, sie wurde urbaner, griff Jazz-Elemente auf, und die Klarinette, die schon in Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts die Geige zu verdrängen begann, wurde endgültig zum typischen Hauptinstrument des Klezmer.

Aber hier fand die Klezmermusik eine Nische, wo sie überleben konnte. Denn die osteuropäische jüdische Kultur, so wie sie jahrhunderlang bestanden hatte, würde von den Nazis mit dem Holocaust vollständig ausgelöscht.

OldKlezmerBand

„Old Klezmer Band“ (Gemälde von Leon Zernitzky)

Mit dem Klezmer-Revival, das in den 60/70ger Jahren begann, machten sich amerikanische Klezmermusiker der jüngeren Generation auf, ihre Wurzeln in Osteuropa zu erforschen, letzte noch lebende Musiker kennenzulernen, die Musik aufzunehmen und zu notieren.

So haben wir heute doch einen ziemlich reichen Schatz an Noten- und Aufnahmematerial, sowohl des ursprünglichen europäischen als auch des neueren amerikanischen Klezmers. Und das Revival ist immer noch nicht zu Ende: Klezmer wird heute weltweit von jüdischen wie von nicht-jüdischen Musikern gespielt und hat sich fest in der Weltmusik-Szene etabliert. (Daniel Marsh)

Und hier nun ein Beispiel das vor allem dadurch besticht, dass der Bandleader Leonid Khenkin nicht nur über eine bewegte Vita zurückblicken kann, sondern zudem auch ein Virtuose auf seinem Instrument ist. Und das macht dann die Musik einfach noch mitreißender.

Und hier ein paar Informationen zu seiner Biographie:

LeonidKhenkinGeboren in Kemerovo in Russland. Abschluss der Musikschule und Musikfachschule in Tomsk im Fach Klarinette.

Abschluss der Musikhochschule in Novosibirsk . Sehr gute Musikalische Ausbildung brachte Leonid zu den besten Jobs in Sibirien. So spielte er im führenden Militär Orchester Sibiriens, im Opernhaus Nowosibirsk. Solierte mit Städtischem Philarmonieorchester Tomsk. Unterrichtete Klarinette an der Musikfachschule Tomsk und dirigierte im Musiktheater Sewersk.

Ab dem Jahr 2000 in Deutschland als Freiberuflicher Musiker tätig.

Verheiratet, hat fünf Kinder. (Selbstdarstellung)

Nun, ganz so einfach war es nicht in Deutschland:

„»Warum sollen wir auf der Couch liegen? Wir wollen spielen!« Für Leonid Khenkin war die Sache klar, als er 2007 beim Jobcenter vorsprach: Arbeitslose Musiker aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sollten sinnvoll tätig werden und beispiels­weise in Kindergärten und Altenheimen auftreten.

Aus der Idee wurde die Musikwerkstatt der gemeinnützigen Beschäftigungsgesell­schaft Noris Arbeit (NoA) geboren. Sie hat zeitweise 80 ausgebildeten Sängern und Instrumentalisten eine Anstellung auf Basis von Ein-Euro-Jobs geboten und organi­siert jährlich rund 2000 Auftritte. Weil nun die Eingliederungsmittel drastisch gekürzt worden sind, droht ihr Ende März 2012 das Aus – dies wäre das Ende für ein unge­wöhnliches Projekt, welches soziale Integration und gesellschaftlichen Auftrag auf vorbildliche Weise verbindet. (Quelle: medienpraxis.tv)

Das eben genannte Beschäftigungsprojekt gibt es noch, aber die dazugehörige Musikwerkstatt wurde eingestampft … Manchmal möchte ich ne Bombe sein und einfach explodieren …

Angesichts dieser traumhaft schönen Musik von Mame-Loshn (auf deutsch: Muttersprache) kann ich nur hoffen, dass Lenonid Khenkin und seine Gefährten ihren Weg einfach weitergehen können und werden …

Für mich ist diese Musik eher noch Neuland, aber ein Land das mich fasziniert … das es zu bereisen und zu entdecken gilt. Wer will kann sich ja dieser Reise anschließen.

Booklet1

Besetzung:
Lenonid Khenkin (clarinet)
Boris Kupin (bass)
Michael Winnizkij (accordeon)
+
Serafina Khenkina (vocals bei 06.)
Diana Liberova (vocals bei 02.)
Eugen Wasinger (guitar bei 02.)
Michael Winnizkij (vocals bei 04., 08., 10. 14.)

Live01

Titel:
01. Shalom Alechem (Traditional) 4.08
02. Guando El Rey (Traditional) 3.07
03. Besarabichr Bulgar (Traditional) 2.23
04. Tum – Balalaika (Traditional) 2.51
05. Sher – Budapest (Traditional) 1.42
06. Der Rebe (Traditional) 3.05
07. Street Melody (Traditional) 4.17
08. Chiri Bim – Chiri Bom (Traditional) 2.30
09. Josel – Josel (Traditional) 4.17
10. Ose Shalom (Traditional) 2.37
11. If I Were A Rich Man (Bock) 2.44
12. Klesmeron (Traditional) 2.59
13. Bei mir bist du schön (Skunda) 3.16
14. Hava Nagila (Traditional) 3.27
15. Israels Weinen (Traditional) 2.55

CD1

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