Curt Goetz & Valerie von Martens – Heiter und besinnlich – Aus der Literatur (1958)

FrontCover1Auch einer der ganz Großen aus der alten Garde deutscher Schauspieler:

Vom Schurken zum Satiriker – Eine Kurzbiografie von Jan-Eric Loebe:

Seine satirischen Stücke sind auch heute noch von keiner Boelevardbühne wegzudenken. Dabei wird er auch von der seriösen Kritik in Ehren gehalten und sein Name fällt in einem Zug mit George Bernhard Shaw und Oscar Wilde: Curt Goetz. Seine bekanntesten Bühnenstücke HOKUSPOKUS, DR. MED. HIOB PRÄTORIUS und DAS HAUS IN MONTEVIDEO wurden mehrmals verfilmt, wobei es keiner besser beherrschte als er selbst. Curt Goetz, der es wie kein anderer Verstand, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, hatte ausgerechnet im Nazideutschland von 1938 erstmals Gelegenheit Filmregie zu führen. Doch schon in der Stummfilmzeit stand er vor der Kamera – lange bevor er mit seiner Frau Valerie von Martens zu internationaler Anerkennung kam…

Kurt Walter Götz wird am 17. November 1888 als Sohn des schweizer Kaufmanns Bernhard Götz und seiner Frau Selma, geb. Rocco, in Mainz geboren. Schon 1890 stirbt der Vater, worauf Selma Götz mit dem gerade zweijährigen Sohn nach Halle an der Saale zieht. Die Mutter leitet dort eine Privatklinik.

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Curt Goetz

Im Alter von 18 Jahren besteht der junge Kurt dort das Einjährigen-Examen am Städtischen Gymnasium. Sein Stiefvater vermittelt ihm noch im gleichen Jahr Schauspielunterricht bei dem Berliner Schauspieler Emanuel Reicher. Sein erstes Engagement hat Götz bereits im Jahr darauf, 1907, am Stadttheater in Rostock. Hier schreibt er auch schon erste Sketche für die Bühne.

Es folgen Engagements am Intimen Theater Nürnberg (1909 bis 1911), an den Barnowsky-Bühnen (ab 1911), am Kleinen Theater, am Lessingtheater sowie im Deutschen Künstlertheater in Berlin. Nebenbei hat er Auftritte am Deutschen Theater und am Staatlichen Schauspielhaus. Dort spielt er Stücke unterschiedlichster Genres. In modernen Stücken von Oscar Wilde oder Georg Kaiser sieht man ihn ebenso wie in Hauptmanns DER ROTE HAHN oder Ibsens DIE WILDENTE.

In Berlin verfasst Götz 1911, der sich als Autor fortan Curt Goetz nennt, seine erste Komödie DER LAMPENSCHIRM. Es folgen zahlreiche Komödien und Grotesken aus mehreren Einaktern. Durch seinen hervorragenden satirischen Sprachwitz avanciert er mit Stücken wie NACHTBELEUCHTUNG (1918), MENAGERIE (1919) oder INGEBORG (1921) bald zu einem etablierten Bühnenautor des gehobenen Boulevardtheaters.

1912 heiratet Goetz die Schauspielerin Erna Nitter. Im gleichen Jahr tritt er zudem in zahlreichen Stummfilmen auf. In seinem Filmdebut SCHWARZES BLUT spielt er an der Seite und unter der Regie von Harry Piel einen indischen Mörder. Es folgen auch Komödien, in erster Linie aber weiterhin Krimis, in denen er meist den Gegenspieler von Leinwandhelden wie Max Landa mimt. Für die erfolgreichen Krimiserien des Leinwandhelden verfasst er auch zahlreiche Drehbücher.

Autogrammkarte
1917 wird die Ehe mit Erna Nitter wieder geschieden. Ab 1920 sieht man Goetz in einigen Filmen als Detektiv Joe Deebs. Zwei Jahre später gründet er die Kurt Götz-Film-Compagnie GmbH, bei der er als einzigste Produktion den Film FRIEDRICH SCHILLER – EINE DICHTERJUGEND inszeniert. Nach zwei weiteren Filmrollen unter der Regie von Joe May und Reinhold Schünzel konzentriert sich Goetz wieder ausschließlich auf das Theater.

923 heiratet er die Schauspielerin Valerie von Martens, die fortan zu seinem festen Ensemble auf zahlreichen Gastspielreisen gehört. 1927 feiert er mit der in Stettin uraufgeführten Kriminalkomödie HOKUSPOKUS seinen bis dahin größten Erfolg. Das Ehepaar Goetz und von Martens leistet sich von den Einkünften eine Villa in Merlingen am Thuner See in der Schweiz. Das Musical ZIRKUS AIMÉE (1928) wird zwar ein Misserfolg, die folgenden Stücke DER LÜGNER UND DIE NONNE (1929) und DR. MED. HIOB PRÄTORIUS (1932), allesamt erstklassige Satiriken, schließen aber wieder an den gewohnten Erfolg an.

Buchtitel

Buchausgabe

1930 wird mit HOKUSPUKUS sein erstes eigenes Stück mit den damaligen Publikumslieblingen Lilian Harvey und Willy Fritsch verfilmt. Beide sind auch die Stars der Filmerfolge GLÜCKSKINDER (1936) und SIEBEN OHRFEIGEN (1937), bei denen Goetz Dialoge beisteuert. 1937 erhält er das Angebot, in dem Reinhold Schünzel-Film LAND DER LIEBE neben seiner Frau Valerie von Martens die männliche Hauptrolle zu spielen. Er lehnt ab, während Valerie von Martens darin neben Albert Matterstock ihr Filmdebut gibt. Goetz steuert bei diesem Projekt wiederum zahlreiche Dialoge bei.

Der Film gerät, durch deutliche satirische Anspielungen auf die nationalsozialistischen Machthaber, in die Räder der Filmzensur. Während der Film stark gekürzt wird, entgeht der als Halbjude eingestufte Regisseur Schünzel seiner Verhaftung durch Emigration ins Ausland. Curt Goetz und Valerie von Martens werden bei der Reichsfilmkammer verhört. Stark gekürzt und mit nachgedrehten Szenen versehen, landet der aufwendige Film schließlich doch noch im Kino und kann trotz zahlreicher „Entschärfungen“ seine Tendenz nicht verbergen.

Durch die Emigration zahlreicher namhafter Regisseure ist der deutsche Film in dieser Zeit auf fähigen Nachwuchs angewiesen, so dass Goetz trotz der Vorfälle 1938 sein Drehbuch NAPOLEON IST AN ALLEM SCHULD inszenieren kann. Diesmal steht er selbst in der Hauptrolle neben Gattin Valerie von Martens vor der Kamera. Der Film, einer der aufwendigsten des Jahres, ist abermals von unzähligen unterschwelligen Witzen gegen die damaligen Machthaber durchzogen, entwickelt sich aber gerade deshalb zu einem großen Publikumserfolg.

1939 emigrieren Curt Goetz und Valerie von Martens zunächst nach New York, wo Goetz bei der MGM unter Vertrag genommen wird und mit Joseph L. Mankiewicz das Drehbuch zu dem unrealisierten Projekt THE ROAD TO ROME erarbeitet. Nach der Mitarbeit an dem Drehbuch zu dem Greta Garbo-Film TWO-FACED WOMAN lehnt er einen 5-Jahres-Vertrag der MGM ab und zieht sich stattdessen mit seiner Frau auf eine Hühnerfarm in Van Nuys zurück.

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Curt Goetz & Valerie von Martens

Dort verfasst er die Erzählung TATJANA und den Roman DIE TOTE VON BEVERLY HILLS sowie eine Neufassung des Stücks HOKUSPOKUS. Er arbeitet seinen Einakter DIE TOTE TANTE in das Stück DAS HAUS IN MONTEVIDEO um, in dem er mit Valerie von Martens 1945 am Playhouse-Theatre am Broadway auftritt.

1946 kehren beide in die Schweiz zurück, wo sie DAS HAUS IN MONTEVIDEO aufführen. Der Erfolg ist abermals enorm, so dass sie das Stück auch auf deutschen Bühnen einem begeisterten Publikum präsentieren.

1949 verfilmt Goetz – abermals als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller zugleich – sein Stück DR. MED. HIOB PRÄTORIUS für die Hans Domnick-Filmproduktion und landet damit einen der größten Filmerfolge der jungen Bundesrepublik.

1950 wirkt er in den USA am Drehbuch zu dem Films CHEAPER BY THE DOZEN (Im Dutzend billiger) mit. Im folgenden Jahr entsteht mit PEOPLE WILL TALK in Hollywood unter der Regie von Joseph L. Mankiewicz die Verfilumg des PRÄTORIUS-Stoffs.

1951 inszeniert er den Film DAS HAUS IN MONTEVIDEO, abermals mit Produzent Hans Domnick und abermals mit Valerie von Martens und ihm selbst als Hauptdarsteller. Wieder landet er einen großen Erfolg bei Puplikum und Presse.

1952 steht er mit seiner Frau in der Neubearbeitung des Stücks HOKUSPOKUS auf deutschen Bühnen und ein Jahr später unter der Regie von Kurt Hoffmann in der erfolgreichen Filmversion.

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Valerie von Martens

1955 folgt die Tournee mit seiner Bearbeitung der Komödie DER RAUB DER SABINERINNEN, 1956 kommt er mit seinem Stück NICHTS NEUES IN HOLLYWOOD, in dem er seine Erfahrungen mit der amerikanischen Filmindustrie thematisiert, groß heraus. Mit DER AUSBRUCH DES WELTFRIEDENS hat 1958 abermals eine erfolgreiche Goetz-Satire ihre Premiere. Noch im gleichen Jahr wird Goetz Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Im Renaissance-Theater findet ihm zu Ehren eine Gala-Vorstellung seiner letzten Einakter MINIATUREN statt.

Aus Altersgründen zieht sich Curt Goetz wenig später zusammen mit Valerie von Martens in sein Haus in Schaan in Liechtenstein zurück. Am 12. September 1960 stirbt Curt Goetz in Grabs im Schweizer Kanton St. Gallen.

„Miniaturen“ ist eigentlich der Titel einer Sammlung von drei Einaktern (Die Rache, Herbst und Die Kommode) aus der Endphase des Schaffens von Curt Goetz, die er unter dem Eindruck einer schweren Krankheit verfasste. Ihre Uraufführung fand am 12. Mai 1958 im Akademietheater, Wien, unter dem Titel Alte Möbel statt, die deutsche Erstaufführung bereits unter dem Namen Miniaturen am 17. November desselben Jahres im Rahmen einer Gala-Vorstellung zum 70. Geburtstag von Curt Goetz im Renaissance-Theater, Berlin.

Zwei der drei Einakter sind Originalstoffe von Curt Goetz, nämlich Die Rache und Herbst, der dritte Die Kommode ist eine freie Bearbeitung einer Vorlage von Guy de Maupassant.

Ebenfalls unter dem Namen Miniaturen erscheinen die drei kurzen Theaterstücke 1958 auch als Buchausgabe bei Herbig. Sie sind – so ist dort zu lesen – Dr. Herman Werder gewidmet, ohne dessen „chirurgische Kunst“ sie laut Autor „nicht mehr entstanden wären“. „Möge die Literatur ihm verzeihen“, setzt Goetz der Widmung mit dem ihm eigenen Understatement hinzu.

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Aus dem Inhalt:
Die Rache:
Ein Mann sucht den Staatsanwalt auf, der ihn ins Gefängnis brachte, der aber auch der Ehemann seiner Geliebten, die sich nach der Entdeckung des Verhältnisses selbst getötet hat, war, um den Selbstmord zu rächen, an dem er dem Ehemann die Schuld gibt. Nach einem Wortgefecht, an dessen Ende eigentlich die Tötung seines Gegenüber stehen soll, muss der Mann erkennen, dass der Ehemann, der seine Frau über alles liebte, an dem Selbstmord ganz und gar unschuldig und seine verstorbene Geliebte Nymphomanin war.

Herbst:
Cyprienne und ihre Tochter Florence befinden sich auf einem Kuraufenthalt. Auf einer Waldhöhe des Kurortes trifft Cyprienne Graf Dingelstädt, der sich zu ihr setzt und mit ihr über seine einzige wahre Liebe spricht, die er vor vielen Jahren verlor. Dingelstädts Gesprächspartnerin erkennt nach und nach, dass von ihr selbst die Rede ist, gibt sich allerdings – alt und blind geworden – nicht zu erkennen.

Die Biographie der Figur Graf Dingelstädts trägt offensichtliche Parallelen der Lebensgeschichte des Theatermannes Freiherr Franz von Dingelstedt.

In der Sprechplattenreihe Heiter & besinnlich. Aus der Literatur der Plattenfirma Electrola erscheint als neunte Folge 1959 das Album Curt Goetz und Valerie von Martens in „Miniaturen“, welches Schallplattenfassungen der beiden Goetz’schen Originalstücke aus Miniaturen in sich vereint. Curt Goetz selbst wirkte an diesen Produktionen als Sprecher der Rollen Dr. von Alten und Graf Dingelstädt, die er auch auf dem Theater verkörperte, mit. Den Cover-Text für das Album verfasste der Theaterkritiker Friedrich Luft. „Eine kleine Hohe Schule der Komödiendialektik“ nennt er darin das erste Stück, das zweite charakterisiert er als einfallsreiche Kurzkomödie „unversehens mit etwas Tragik garniert“.

Sein letztes Werk also … und trotz aller humoresker Aspekte von einer z.T. bemerkenswerten Tiefe !

Hinweis: angesichts des Alters dieser Schallplatten ist von einem gewissem Knister-Faktor auszugehen !

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Besetzung:

Seite 1:
Dr. von Alten – Curt Goetz
Frau Krause – Valerie von Martens
Der Besucher – Klaus Kammer

Seite 2:
Cyprienne – Valerie von Martens
Florence, ihre Tochter – Herta Staal
Graf Dingelstädt – Curt Goetz
Sprecher – Klaus Miedel

Gedenktafel
Titel:
01. Die Rache  (Ort der Handlung: Das Anwaltsbüro des Herrn Dr. von Alten) 22.03
01. Herbst  (Ort der Handlung: Eine Bank auf der Waldhöhe eines Kurortes) 24.28

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