Thomas Meinecke – Texas Bohemia (Hörbuch) (1993)

TitelDer deutsche Musiker und Autor Thomas Meinecke hat sich ganz in der Tradition der sog. „field recordings“ im Jahre 1993 auf eine Reise in die USA gemacht. Und auf dieser entstand ein faszinierendes Hörbuch, über das er folgendes schreibt:

„Ihre Städtchen und Dörfer heißen Boerne, Anhalt, Comfort oder Luckenbach. Texas Bohemia erstreckt sich, mit kleineren angloamerikanischen Unterbrechungen, zu beiden Seiten des Interstate Highway 10 zwischen Houston und San Antonio, und von dort nordwestlich, abermals in der Nähe des Interstate, bis nach Fredericksburg und Kerrville. Im Süden lassen sich böhmisch-mährische Enklaven bis nach Corpus Christi am Golf von Mexiko finden. Auf halber Strecke zwischen San Antonio und Houston liegen zahlreiche Kleinstädte, deren Bevölkerung zur einen Hälfte tschechisch und zur anderen deutsch ist. Die meisten Texas-Deutschen landeten um die Mitte des letzten Jahrhunderts in Galveston und flohen alsbald vor den krankheitsstiftenden Sümpfen des Küstenstreifens ins zentraltexanische Hügelland. Viele 1848er Idealisten waren darunter, welche utopische, nicht selten lateinisch-sprachige Kommunen in der Prärie begründeten, das Privateigentum abschafften, freies Einheiraten mit den Indianern proklamierten oder einfach nur das literarische Leben in New (Neu) Braunfels und Fredericksburg (Friedrichsburg) befruchteten. Deutsche Tageszeitungen, Theatervereine, Männerchöre, Blaskapellen, Turnvereine schossen aus der texanischen Erde. Die Böhmen und Mähren, gleichfalls nach erfolglosen Aufständen von der Obrigkeit geknutet, nicht selten auch auf der Flucht vor einer Rekrutierung in die österreichische Armee, trafen nur wenig später als ihre deutschen Nachbarn im Lone Star State ein. Schon bald teilten sich beide Sprachgruppen Kirchen, Brauereien und Friedhöfe, wobei jede Gruppierung ihre eigenen Sozialhilfe-Vereine mit jeweils eigenen Logen- und Tanzhallen etablierte.

WurstfestInTexas

Wurstfest in Texas


Dass Deutschland in Texas liegt, lässt sich mancherorts vernehmen, aber dass selbst die beiden Weltkriege die deutsche Sprache in den USA nicht haben ausmerzen können, überrascht. Wie bei den Cajuns (frankophone Bevölkerungsgruppe) in Louisiana war es auch bei den Deutschen in Texas erst die televisionelle Gleichschaltung der Jugendkultur in den sechziger Jahren, welche einen deutlichen Schlussstrich unter die allzu dezidierte Heimatpflege der einzelnen ethnischen Gruppierungen setzte – und die mitgebrachte Muttersprache binnen weniger Jahrzehnte zum Aussterben bringen wird.

Texas Bohemia ist eine dreiteilige Hörspiel-Collage aus äußerst raren sprachlichen sowie musikalischen (sehr soulvollen, zumeist texas-böhmischen) Originaltönen, welche ich im heutigen Texas (März und April 1992) aufgezeichnet habe. Die über ihre Herkunft und ihren Alltag – mal im holsteinischen, mal im pfälzischen Idiom – sprechenden Texaner heißen Harold und Meta Pahl, Marge Mueller, Joseph Emanuel Knutzen und Ronny Sachs, Harvey Meiners und Edgar Heinsohn, sind im Alter zwischen 41 und 82 Jahren und verständigen sich täglich im sogenannten Texas-Deutschen. (Quelle: Bayerischer Rundfunk)

Und hier noch ein paar Informationen über Thomas Meinecke:

Thomas Meinecke (* 25. August 1955 in Hamburg) ist ein deutscher Musiker, Autor und DJ.

Der in Hamburg aufgewachsene Meinecke begann 1977 ein Studium der Theaterwissenschaft, Neueren Deutschen Literatur und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seiner Magisterarbeit befasste er sich 1982 mit Karl Philipp Moritz. Schon als Gymnasiast hatte sich Meinecke für Popkultur begeistert. 1978 gründete er mit Kommilitonen die Literaturzeitschrift „Mode und Verzweiflung“. 1980 entstand daraus die Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle), die bis heute in fast gleicher Besetzung aktiv ist.

ThomasMeineckeIn den 1980er Jahren schrieb Meinecke zeitweilig Kolumnen für „Die Zeit“ und war kurzzeitig „Popredakteur“ des Lifestylemagazins „Wiener“, das er jedoch aufgrund von Differenzen über die Auffassung von Popkultur wieder verließ.

Seit Mitte der 1990er Jahre ist er mehrfach als postmoderner Literat hervorgetreten, der durch eine ungewöhnliche, den musikalischen Experimentierfeldern ähnliche Schreibtechnik des Sampling auffällt. Er setzt sich mit verschiedenen Themen aus den vergangenen hundert Jahren Kulturgeschichte auseinander, unter anderem mit Popkultur und -musik, der deutschen, jüdischen und afrikanischen Diaspora in den USA, und den Geschlechterrollen (Gender). Besonders zu letzterem Thema wird er häufig zu Podiumsdiskussionen geladen.

Seit 2008 führt Meinecke unter dem Titel „Plattenspieler“ im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) durch eine lose Veranstaltungsreihe, in deren Mittelpunkt eine beliebige Mischung mitgebrachter Musikaufnahmen steht. So sitzt Meinecke jeweils mit einem anderen Gast für einen Abend auf der Bühne und beide Gesprächspartner spielen sich gegenseitig und dem Publikum im Wechsel Musik aus ihren privaten Sammlungen vor.

Von April bis November 2005 war Meinecke Stipendiat des Literaturbüros Niedersachsen und verfasste dort die „Netznotizen eines Zeitgenossen“. Im Januar/Februar 2012 hielt er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen des Jahres 2012. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Meinecke ist mit der Musikerin und bildenden Künstlerin Michaela Melián verheiratet und hat eine Tochter mit ihr. Seit 1994 lebt er in Berg (bei Eurasburg). (Quelle: wikipedia)

Thomas Meinecke hat dann später als Herausgeber mehrere CDs (bei Trikont) veröffentlicht, die sich mit der Musik dieser Deutschen in den USA beschäftige. Der Titzel dieser CD-Reihe „Texas Bohemia Revisited“

Aber hier geht´s nun zu dem 3-teiligen Hörbuch der ganz besonderen Art:

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