Reinhard Mey – Mein Achtel Lorbeerblatt (1972)

FrontCover1ADer Reinhard Mey war damals ein fester und unverzichtbarer Bestandtteil der deutschen Liedermacher-Szene (ich glaub´, die Bezeichnung „Liedermacher“ gab´s damals noch gar nicht). Er war freilich nie so „radikal“ wie z.B. ein Hannes Wader …. Er war eher so eine Art Chronist des Alltäglichen, Fundamentalkritik an unserer damaligen Gesellschaft war ihm eher fremd.

Mein achtel Lorbeerblatt ist das fünfte deutsche Studioalbum des deutschen Liedermachers Reinhard Mey und erschien 1972 bei Intercord.

Das Album beginnt mit dem Lied Musikanten sind in der Stadt, in dem Mey mit leicht ironischem Blick von fahrenden (und bisweilen rabiaten) Musikanten singt.

Das Lied Manchmal wünscht‘ ich ist ein Liebeslied, in dem Reinhard Mey über die gemeinsame Zeit mit einer Angebeteten nachdenkt.

Annabelle, ach Annabelle ist eines der kontroversesten Lieder Meys. Das Lied beschreibt die Sicht des Freundes auf seine studentische Freundin, die sich in der Studenten- und Emanzipationsbewegung zu Beginn der 1970er Jahre engagiert. Das Lied führte zu einem Höhepunkt der Kritik. Thomas Rothschild schrieb in dem Buch Liedermacher: „Mit dieser Karikatur einer linken Studentin […] entpuppte sich Reinhard Mey endgültig als einer, der seinen kleinbürgerlichen Zuhörern, die sich ihre heile Welt nicht rauben lassen wollen, nach dem Mund singt. […] Was offenbar sogar Moderatoren für Humor halten, ist bösartige Lächerlichmachung einer Minderheit. Von der Annabelle, die nie lacht, zum Russen mit dem Messer zwischen den ReinhardMey3Zähnen ist es nur ein Schritt. Mey betreibt mit Annabelle Hexenjagd in Chanson-Form.“ Für das Lied, das ihm nach eigenem Bekunden „jede Menge Ärger, aber auch jede Menge Spaß“ eingebracht hat, schrieb er 1998, Jahrzehnte später, mit „Der Biker“ eine Art Entschuldigungslied, in dem er seine Wertschätzung für Annabelle zum Ausdruck bringt.

Alles, was ich habe ist ein Freundschaftslied an eine Küchenschabe, die des Protagonisten einziger Freund ist, nachdem alle seine anderen Freunde „mit dem Glück“ davon sind.

Im Lied Schade, daß du gehen mußt besingt der Liedermacher einen verstorbenen Zechbruder.

Die heiße Schlacht am kalten Buffet gibt satirisch stark überzeichnet wieder, wie in einer Veranstaltungspause Menschen aus der sozialen Oberschicht ein kaltes Buffet stürmen.

Mein achtel Lorbeerblatt erzählt vom Druck und den Erwartungen, die auf den Singenden ausgeübt werden, und wie dieser damit umgeht.

Ein weiteres Liebeslied findet sich mit Herbstgewitter über Dächern.

Das Lied In Tyrannis (Von Wand zu Wand sind es vier Schritte) enthält den inneren Monolog eines unschuldig Gefangenen in Isolationshaft. Im Verlauf des Lieds beschreibt dieser, was ihm dort geschehen ist. Zum Ende hin wählt er den Weg des falschen Geständnisses, um der ansonsten aussichtslosen Situation zu entrinnen.

Bevor ich mit den Wölfen heule ist ein klares individualistisches Bekenntnis, gegen den Strom zu schwimmen.

Im Lied Ich wollte immer schon ein Mannequin sein besingt Reinhard Mey den vergeblichen Traum eines Handwerkers, endlich einmal als Mannequin über den Laufsteg zu gehen.

Für das Duo Inga und Wolf schrieb Mey unter seinem Pseudonym Alfons Yondraschek das Abschiedslied Gute Nacht, Freunde, das er hier selbst interpretiert. (Quelle: wikipedia)

Und auch wenn Fundamentalkritik z.B. am Kapitalismus nie seine Sache war, so finden sich auch auf diesem Album durchaus Texte, die alles andere als billig sind, sondern eben durch Substanz überzeugen.

Und ja, ich finde „Annabell“ noch heute witzig, denn – so ganz verkehrt war der natürlich überzogenen Text nicht  – bedenkt man den missionarischen Eifer – mit dem so manch „emanzipierte“ Dame in den Kampf zog … damals, als die Alice Schwarzer vom kleinen Unterschied zu berichten hatte.

Und „Gute Nacht Freunde“ ist heute eine warmherzige Reminiszenz an jene Tage, als man/frau noch nächtelang im Kreis von Freunden plauderte, diskutierte, flirtete und sich auch schon mal voller Inbrunst ereiferte …

ReinhardMey2

Besetzung:
Heinz Cramer (guitar)
Addi Feuerstein (flute)
Hajo Lange (bass)
Reinhard Mey (vocals, guitar)
Heinz Niemeyer (drums)
Kai Rautenberg (piano, cembalo, glockenspiel)
Hubert Schulte (flute)

ReinhardMeyTitel:
01. Musikanten sind in der Stadt 3.23
02. Manchmal wünscht‘ ich  2.57
03. Annabelle, ach Annabelle 4.02
04. Alles, was ich habe 1.57
05. Schade, daß du gehen mußt 4.21
06. Die heiße Schlacht am kalten Büffet 3.16
07. Mein achtel Lorbeerblatt 3.29
08. Herbstgewitter über Dächern 3.13
09. In Tyrannis (Von Wand zu Wand sind es vier Schritte) 5.31
10. Bevor ich mit den Wölfen heule 2.54
11. Ich wollte immer schon ein Manneqin sein 2.10
12. Gute Nacht, Freunde 2.51

Musik und Texte: Reinhard Mey

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Booklet1

Mehr vom Reinhard Mey:

Mehr

Reinhard Mey – Keine ruhige Minute (1979)

FrontCover1.JPGDer Reinhard Mey kann ja auf eine wirklich unglaubliche Biographie zurückblicken (60 Studioalben, mehr als 20 Live-Alben !): Und so sah es bei ihm in der zweite Hälfte der 70er Jahre aus:

1976 Einwöchiges Ensuite-Gastspiel im Théâtre de la Ville, Paris. 40-Städte-Frankreich-Belgien-Holland-Tournee. Dreiwöchiges Ensuite-Gastspiel im Palais des Congrès, Paris. Erste Platin-LP für „Als de dag van toen“ in Holland. In Holland wird eine Chrysanthemenzüchtung „Reinhard Mey“ getauft. Französische LP „Frédérik Mey, Volume 4“. Zweite holländische LP „Er zijn dagen …“ Erwerb der Instrumentenflugberechtigung. Scheidung von Christine. Sohn Frederik geht aus der Verbindung mit Freundin Hella hervor.

1977 LP „Menschenjunges“, 30-Städte-Frankreich Tournee.
72-Städte-Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Veröffentlichung der Liedersammlung „Von Anfang an“ (Voggenreiter-Verlag), die die bislang geschriebenen ca. 180 deutschen und französischen Lieder enthält. Eheschließung mit Hella, Mutter seines Sohnes.

Reinhard Mey 1978

Reinhard Mey, 1978

1978 Live-Doppelalbum „Unterwegs“ und eine Instrumental-LP mit dem Titel „M(e)y Instrumentals“, LP „Keine ruhige Minute“.

1979 LP „Frédérik Mey, Volume 5“. Dreiwöchiges Gastspiel in der Pariser Music-Hall „Bobino“. Der französische Rosenzüchter André Eve benennt eine korallenrote Floribunda Rose – eine Neuzüchtung – „Frédérik Mey“, die wiederum in Orléans mit einem 1. Preis ausgezeichnet wird. (Selbstdarstellung)

Ich weiß nicht, wie viel Alben des Reinhard Mey von meiner Seite das Prädikat „bemerkensert“ erhalten. Dieses gehört ganz sicher dazu.

Und das hat natürlich viel mit so etlichen Texten zu tun, die poetisch und zugleich sehr klar sind.

Da ist z.B. das Lied „Zeugnistag“

Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein,
Und wieder einmal war es Zeugnistag.
Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein,
Als meines weiß und hässlich vor mir lag.
Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt,
Ich war ein fauler Hund und obendrein
Höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt,
So ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir, jetzt ist alles aus,
Nicht einmal eine 4 in Religion.
Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus,
Sondern allenfalls zur Fremdenlegion.
Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie,
Schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n!
Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie,
Dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus,
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus,
So stand ich da, allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück,
Voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das missrat’ne Stück,
Diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft,
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran,
Das ist tatsächlich meine Unterschrift.“
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug.
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n,
Dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug.
Dann sagte sie: „Komm, Junge, lass uns geh’n.“

Ich hab‘ noch manches langes Jahr auf Schulbänken verlor’n
Und lernte widerspruchslos vor mich hin,
Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn,
Dass ich dabei nicht ganz verblödet bin!
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt,
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es Rechtens war, dass meine Eltern mich
Da rausholten, und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier’n, die Besserwisser streiten sich,
Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal.
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
Und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
Wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind.
Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind.

Oder aber auch sein „Alles ist gut“

Für ein paar Stunden neigt sich Frieden über uns’ren Meridian.
Alles ist gut.
Was heut‘ gescheh’n sollte, geschah, und was zu tun war, ist getan.
Für eine kleine Weile ist’s, als gäb es weder Hass noch Neid,
Als verginge alles Böse, alle Ungerechtigkeit
Im Dunkel des endlosen Raumes,
Und für die Dauer eines Traumes
Ist’s, als ob alle Zwietracht ruht:
Alles ist gut, mein Kind, alles ist gut.
Alles ist gut.
Für kurze Zeit erlöst die Nacht den Kranken von seinem Leid.
Alles ist gut,
Und schließt die Augen dem Betrübten über alle Traurigkeit.
Und dem Verzweifelten, der ohne Trost und ohne Hoffnung ist,
Schenkt die Erschöpfung doch Vergessen, wenigstens für kurze Frist.
Und der Verfolgte ist geborgen
In Dunkelheit, die bis zum Morgen
Den Mantel schützend um ihn tut:
Alles ist gut, mein Kind, alles ist gut.
Alles ist gut.
Alles Gemeine ungescheh’n und alle Schulden ausradiert.
Alles ist gut
Im Niemandsland, wo Heut‘ nicht mehr und wo noch Morgen nicht
regiert;
Wo der Gescheiterte sein Ziel, das Unerreichbare, erreicht,
Findet der Unterdrückte Zuflucht, wird ihm Unduldbares leicht,
Heilt Schlaf barmherzig alle Wunden,
Nimmt alle Last für ein paar Stunden,
Die schwer auf uns’ren Schultern ruht.
Alles ist gut, mein Kind, alles ist gut.
Alles ist gut.

Und sein ganz spezielles „Happy Birthday To Me“ Lied findet sich dann unten. Aber auch das Lid „Erinnerungen“ hat es in sich ….

Die dezente und zugleich intensive musikalische Begleitung von Solisten der Rias Berlin Band sorgt ein ums andere mal für ein ganz und gar angenehmes Empfinden.

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Die Singles, ja, ja …die Zeiten der Latzhosen ….

In den 70er Jahren konnte ich mit dem Reinhard Mey so gar nichts anfangen … aber heute … als Teil der reifen Jugend werde ich immer mehr warm mit ihm: Seine Lieder: zärtlich, nachdenklich, spöttisch … exakt jene Mischung, die mir sehr vielversprechend erscheint.

Ob es wirklich notwendig war, seinen Sohn auf die Hülle zupacken … da hab´ ich meine Zweifel …

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Besetzung:
Reinhard Mey (vocals, guitar)
+
Solisten der Rias Berlin Band

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Die vielen Facetten des Reinhartd Mey

Titel:
01. Happy Birthday To Me 5.11
02. Dieter Malinek, Ulla und ich 3.49
03. Dr. Nahtlos, Dr. Sägeberg und Dr. Hein 4.46
04. Von Kammerjägern, Klarsichthüllen, von dir und von mir 2.26
05. Zeugnistag 4.19
06. Alles ist gut 3.33
07. Keine ruhige Minute 2.27
08. Erinnerungen 3.23
09. Daddy Blue 5.07
10. Von Luftschlössern, die zerbrochen sind 3.17
11. Was weiß ich schon von dir? 3.11
12. Ab heut‘ und ab hier 3.00

Musik und Texte: Reinhard Mey

LabelB1

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Poster1

Das Poster zur LP

Und so sah dann 1979 die Zwischenbilanz des REinhard Mey bezüglichseiner Biographie aus:

Morgen brennt auf meinem Kuchen wieder eine Kerze mehr.
Langsam muss ich überlegen, wie lang ist denn das schon her,
Dass da noch gar keine brannte, wie alt ich denn nun schon bin,
Dabei geh’n mir mit den Jahren Geburtstage durch den Sinn.
Den ersten hab ich verschlafen, so hat man es mir erzählt.
Als die ersten Bomben fielen, kam ich grade auf die Welt,
Als es splitterte und krachte, alles hastete und schrie.
Ich sah aus, als ob ich lachte, happy birthday to me!

Ich entnehme noch der Chronik, dass ich aufwuchs und gedieh,
Masern hatte, Mumps und Röteln, Windpocken und Diphtherie.
Doch mit vier kann ich mich schon an der Hand meiner Mutter seh’n,
Nach ’nem bisschen Milch und nach Trockenkartoffeln Schlange steh’n.
Und dann wünschte ich mir sehnlichst eine Spielzeug DC 3,
Das war’n die „Rosinenbomber“, bei der Luftbrücke dabei.
Und darüber wurd‘ ich sieben, und endlich bekam ich sie
Und ein Care-Paket von „drüben“, happy birthday to me!

Ich war neun, als ich meine erste lange Hose bekam,
Und erlöst von Strümpfen, Leibchen und Strumpfbändern Abschied nahm.
Mit zwölf gab’s eine Gitarre, doch ich übte nicht so recht,
Denn fortan galt mein Int’resse nur noch dem and’ren Geschlecht.
Da musst‘ ich mit 16 dringend Moped ohne Auspuff fahr’n,
Mit ’ner James Dean-Wendejacke und Frisierkrem in den Haar’n.
Dann bin ich kleben geblieben wegen Mathe und Chemie,
Und mehrerer großer Lieben, happy birthday to me!

Dann mit 20 kam der Ernst des Lebens, Schluss der Fröhlichkeit,
Zur Erinn’rung hab ich heut‘ noch zwei Krawatten aus der Zeit,
Doch mit 24 kam mir die Erkenntnis über Nacht,
Dass nur glücklich ist, wen auch der Ernst des Lebens glücklich macht.
So entschloss ich mich, den Weg des größ’ren Widerstands zu geh’n,
Mein Handwerkszeug war’n die Noten und mein Reichtum die Ideen,
Die in meinem Kopf rumoren, und voll Hoffnung sang ich sie.
Und ich fand offene Ohren, happy birthday to me!

Und ich zog mit meinen Liedern durch das Land jahrein, jahraus.
Manchen Bahnhof, manche Straße sah ich öfter als mein Haus,
Und das Leben, das ich führte, machte mich glücklich und frei,
Doch der Frau an meiner Seite wurd‘ ich ein Fremder dabei.
Und wir haben uns verloren, ohne Hass und ohne Zorn,
Ganz leis‘, nach so vielen Jahr’n und ich begann noch mal von vorn
Mit den Träumen, die mir blieben im Gepäck, und ich fand „sie“,
Und ich lernte, neu zu lieben, happy birthday to me!

Dreiunddreißig mittlerweile stellt‘ ich staunend fest, dass man
Einem über dreißig hin und wieder doch vertrauen kann,
Denn ich sah, dass ich, mal abgeseh’n von einem grauen Haar
Und den Kratzern an der Seele, immer noch der alte war.
Weder Jahre noch Erfolg machten mich weder brav noch zahm,
Höchstens ein Geschenk von ihr, das schönste, das ich je bekam:
So groß wie ein Osterhase, und es sah so aus wie sie,
Und es hatte meine Nase, happy birthday to me!

Morgen brennt auf meinem Kuchen wieder eine Kerze mehr.
Käme aus dem Anlass die berühmte güt’ge Fee daher
Und sagte: „Du hast drei Wünsche frei!“, wär‘ mir die Antwort klar:
Erstens eine zweite Halbzeit, genau wie die erste war,
Zweitens würd‘ ich gern die doppelte Zahl Kerzen brennen seh’n,
Drittens soll das Haus voll alter Freunde aus den Fugen geh’n
Und von Kinderlärm erbeben, zwei Enkel auf jedem Knie,
Und dich als Großmutter daneben, happy birthday to me!

Verschiedene Interpreten – Starparade 1972 (1972)

FrontCover1.JPGUnd wieder mal so eine Benefiz-LP, diesmal galt es, dem Weltkinderhilfswerk der Veinten Nationen (UNICEF) zu unterstützen … mit dem klassischem Slogan „Der Reinerlös aus dem Verkauf dieser Langspielplatte fließt … “
Schirmherrin war die Frau des damaligen Bundespräsidenten, Frau Hilda Heinemann und dann noch dieser „Senator e.h. Dr. Franz Burda“, der dann auch gleich seine Zeitschrift „Die Bunte“ in die Waagschale warf.

Und auch diese LP bringt so ne bunte Mischung aus populären Melodien, die sich zum Teil noch heute ganz gut anhören lassen.

Klar, da schmettert der Heino („… und der Blacky mischte Karten … und Johnny saß schon wieder bei der Tänzerin … „), da präsentiert sich der Christian Anders als veritabler Gospelsänger (und der Bläser-Riff dieses Gospel-Songs erinnert doch verdammt an „Satisfaction“ von den Rolling Stones), Udo Jürgens versuchte sich bei seinem „…Und dann sagt man sich Goodbye“ (war mir bis dato so gar nicht bekannt), auch als Texter und versuchte dabei an seine „Merci Cherie“ Tradition anzuknüpfen.

Der olle Bill Ramsey schmettert das Liedchen über den „Trödler Abraham“ (abgewandelt wohl die Titelmusik für diesen blog… siehe unten)

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Ebenfalls selten das deutschsprachige Liedchen „Concerto“ von Cliff Richard und auch Adamo hatte schon bessere Lieder im Gepäck gehabt; gleiches gilt übrigens auch für den Sacha Distel … wobei dessen Lied durchaus so mancher Dame das Herz zu überlaufen bringen könnte … ja, ja, dieser alte Charmeur.

Aber dann kommt der Reinhard Mey mit seinem Klassiker „Ankomme, Freitag, den 13.“: noch heute kann ich mir über diese schelmische Ballade köstlich amüsieren …

Ebenfalls ein Klassiker: „Sag mir wo die Blumen sind“ von der großen Marlene Dietrich … noch heute beeindruckend in seiner Schlichtheit, ohne dass dadurch die Tiefe dieses Anti-Kriegs-Liedes leidet.

Ein wenig bombastischer dann die deutschsprachige Version von „Nathalie“, auch textlich hörenswert.

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Ein wenig überraschend taucht dann noch die Anneliese Rothenberger auf … keine Frage: die konnte schon singen … hier singt sie ja schon fast wie ein Engel aus anderen Sphären …

Also ein nette musikalische Zeitreise in eine Epoche, in der durchaus auch anspruchsvollere Lieder Platz auf so einer Benefiz finden konnten.

Interessieren würde mich, wie viele Einnahmen dann tatsächlich an die UNICEF überwiesen wurden …

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Titel:
01. Heino: In einer Bar in Mexico (v.Kleebsattel) 3.17
02. Christian Anders: Du hast sie verloren (Anders/Jay) 3.12
03. Howard Carpendale: Wenn unsere Liebe ewig so bliebe (Clan/Springbock) 2,41
04. Udo Jürgens: …Und dann sagt man sich Goodbye (Jürgens) 3.01
05. Bill Ramsey: Abraham (Hofer) 3.16
06. Cliff Richard: Concerto (Gordoni/Hertha) 2.59
07. Adamo: Komm in mein Boot (Adamo/Brandin) 4.08
08. Reinhard Mey: Ankomme, Freitag, den 13. (Mey) 4.52
09. Sacha Distel: Deine heimlichen Träume (Mayer/Kunze) 2.49
10. Marlene Dietrich: Sag mir wo die Blumen sind (Colpe/Seeger) 3.37
11. Gilbert Becaud: Nathalie (Becaud/Hertha/Delanoe) 2.49
12. Anneliese Rothenberger: Romance Espagnole (Traditional/Grund) 2.01

LabelB1

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Hüllentext2

Hey Leute, hört beim Trödler Abraham,
seht euch mal um beim alten Abraham!

Zog einst bis an der Erde Ende,
ob ich Sonderbares fände,
Gaben, Lichter, Götter, oder Tand,
fand in Stein gehau´ne Fragen,
Zauberkunst aus alten Tagen,
fand die Weisheit am Poseidon Strand.

Hey Leute, hört beim Trödler Abraham,
seht euch mal um beim alten Abraham!

Narrenspiel und hehre Dramen,
all das trug ich wohl zusammen
für die Jahrmarktsbude dieser Welt.
Wahrheit, Schein, Gerüchte, Lügen,
und kein Jota wird verschwiegen
wenn Abraham den Kirmes hält.

Hey Leute, hört beim Trödler Abraham,
seht euch mal um beim alten Abraham!

Schönes aus den alten Zeiten,
edle Werte, die uns leiten,
und ein gutes Werk, das Heil erbringt.
Was noch für den Schwärmer bliebe,
ein paar Töne zarter Liebe,
wie´s der Gondoliere wohl besingt.

Tschumbamba, ba-tschumbamba, ba-tschumbambambaba!
Ja, kommt und wühlt in Kitsch und Künsten,
Abraham ist stets zu Diensten,
nehmt den Kram und werdet froh damit!
Bam Bam Bam tschumbamba…

Hey Leute, lest beim Trödler Abraham,
seht euch mal um beim alten Abraham!

Jens Kommnick – Kommick spielt Mey (2011) – Kommick spielt Mey (2011)

FrontCover1.jpgUnd nun wieder mal was ganz besonderes … der Begriff „Schmankerl“ ist fast schon eine Untertreibung:

Da haben wir den Reinhard Mey (den brauc´ich nicht weiter vorstellen) und dann haben wir den Jens Kommnick und der stellt sich mal selber vor:

Jens Kommnick lebt in Wremen – einem Fischerdorf an der Nordsee – und arbeitet als Musiker, Komponist, Arrangeur, Produzent und freier Autor. Er begann mit 11 Jahren begeistert das Gitarrespielen zu erlernen und orientierte sich dabei zunächst an Persönlichkeiten der Liedermacher- und Folkgitarristen-Szene (Reinhard Mey, Hannes Wader, Werner Lämmerhirt, etc.). Mit 15 Jahren hatte er seine ersten Soloauftritte als Gitarrist in deutschen Folkclubs. Zudem bekam er ein 4-jähriges Engagement beim Stadttheater Bremerhaven. Mit 17 kam er in Kontakt mit irischen Musikern, wodurch seine Liebe für die keltische Musik ausgelöst wurde und bis heute anhält.

Jens Kommnick01

Seine Instrumente erlernte er hauptsächlich autodidaktisch. Zeitgleich mit seiner wachsenden Faszination für die keltische Musik studierte er klassische Gitarre und Kirchenorgel in Köln und lernte zudem Musiker/innen aus der lokalen Jazz-Szene kennen, wodurch er mit weiteren musikalischen Einflüssen in Berührung kam, die seinen Stil prägten. Es ergaben sich die verschiedensten Live- und Studioprojekte mit Persönlichkeiten wie Reinhard Mey, Liam O’Flynn, Werner Lämmerhirt, Klaus Weiland, Gerry O’Connor, Brendan Power, Allan Taylor, Tom McConville, Charlie McGettigan, Helmut Debus, John McSherry, Dónal O’Connor, Kevin Crawford, Cillian Vallely, Peter Kerlin oder Frank Bode sowie mit Gruppen wie Iontach, Limerick Junction, Liederjan und Lá Lugh. Jens ist an über 60 CD-Produktionen unterschiedlichsten akustischen Stils (Celtic Fingerstyle Guitar, Traditional & Contemporary Irish Music, Singer-Songwriter, Liedermacher, Musik für Kinder) beteiligt und dürfte landesweit der wohl meistgefragteste Studiomusiker dieser Szene sein.

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2012 wurde er – als erster und einziger Deutscher in der Geschichte überhaupt – „All Ireland Champion“; und das gleich doppelt: sowohl als Solist als auch als Begleiter. 2015 erhielt er für sein 3. Soloalbum „redwood“ den begehrten „Preis der deutschen Schallplattenkritik“. Schließlich arbeitet er als Gitarren- , Bouzouki- und Whistle-Lehrer auf zahlreichen Workshops in der ganzen Republik und im europäischen Ausland. (Selbstdarstellung)

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Und wann auch immer der Reinhard Mey den Jens Kommnick getroffen hat …. der Mey hatte jedenfalls im Jahr 2011 die Idee, dass just dieser Jens Kommnick mal ein Album mit akustischer Gitarrenmusik aufnehmen sollte … und dafür so etliche seiner Kompositionen als Basis nehmen sollte.

Gesagt, getan !

Und die Kompositionen von Reinhard Mey sind wirklich nur die Basis (und wahrlich keine schlechte Basis) … was der Jens Kommnick dann daraus gemacht ist schlicht und ergreifend sensationell. Und dabei bediente er sich niccht nur seiner Gitarre, sondern fügte nnoch diverse und ergänzende andere Instrumente hinzu … so entstand kein Album mit Klampfen-Musik, sondern ein Album, das voller musikalischer Überraschungen steckt.

Wenn´s nach mir ginge, müsste so ein Album wochenlang die Nummer 1 in den Charts sein … aber mich fragt ja keiner …

Ach ja … das Cover wurde von Jim Rakete fotografiert-.

Jens Kommnick03.jpg

Besetzung:
Jens Kommnick (guitar, bouzouki, mandolin, bass, cello, viola, violin, harp, piano, low whistle, uilleann pipes)

BackCover

Titel:
01. Die erste Stunde 3.09
02. Kleines Mädchen 3.04
03. Ich bin Klempner von Beruf 2.28
04. Berlin tut weh 2.55
05 Mein Kanapee 2:58
06. Ein Stück Musik von Hand gemacht 2.45
07. Es gibt keine Maikäfer mehr 4.12
08. Menschenjunges 3.51
09. Nachtflug 3.39
10. Die Kinderhosenballade 2.52
11. Drei Jahre und ein Tag 3.21
12 Danke, Liebe Gute Fee 4:17
13. Frühlingslied 2.37
14. Selig sind die Verrückten 3.36
15. Lebewohl, adieu, gute Nacht 4.39

Musik: Reinhard Mey

CD1

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Verschiedene Interpreten – Lieder die uns Brücken bauen (1971)

FrontCover1.JPGFrüher konnte ich solche Benefiz-Sampler eigentlich au den Tod nicht leiden. Heute sehe ich ihnen durchaus interessante Zeitdokumente … da sie etwas vom jeweiligen Zeitgeist verraten.

Und hier habe ich ein besonders schönes Beispiel … Ich nenn´das mal einen Sampler aus den glorreichen Tagen der Sozialdemokratie (und das nicht nur, weil Gustav Heinemann Bundespräsident war).

Und getreu dem Zeitgeist dieser Jahre gibt man sich in dem umfangreichen Booklet gesellschaftlich engagiert:

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Und bei diesem Album hat man sich dann auch noch die Mühe gemacht, jeden             einzelnen Song zu charakterisieren und so ist ein durchaus ansprechendes Album entstanden … mit viel Licht ..

Das geht schon los mit den beiden Sängerinnen Nana Mouskouri und Vicky Leandros (für beide empfinde ich ja immer wieder mal nne Portion Sympathie)

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Das Album bietet aber auch Künstler, die man nicht so unbedingt kennen kann, kennen muss … aber dennoch interessant sind.

So z.B. der Schweizer Bass Peter Lagger, der den Lee Marvin Hit „Wand’rin Star “ interpretiert.

Oder auch die Lee Patterson Singers, die mit ihrer Version von „Rock My Soul“ wie die Les Humphries Singers für arme klingen.

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Über Reinhard Mey und Hildegard Knef braucht man gar nicht diskutieren, hier hören wir zwei unbekanntere Lieder … sehr beeindruckend.

Na ja … und wenn der Louis Armstrong zu seinem „What A Wonderful World“ anhebt … da kann man wieder mal die tröstende und optimistische Kraft der Musik spüren und erleben … gerade für mich nach einer emotional sehr bewegenden Woche:

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Wo viel Licht, da ist natürlich auch Schatten. Auf Roger Whittaker hätte ich gerne verzichten können (wobei der Text ein wenig überrascht):

Now if you load your rifle right
And if you fix your bayonet so
And if you kill that man my friend
The one we call the foe
And if you do it often lad
And if you do it right
You’ll be a hero overnight
You’ll save your country from her plight
Remember God is always right
If you survive to see the sight
A friend now greeting foe
No you won’t believe in If anymore
It’s an illusion
It’s an illusion
No you won’t believe in If anymore
If is for children
If is for children
Building daydreams
If I knew then what I know now
(I thought I did you know somehow)
If I could have the time again
I’d take the sunshine leave the rain
If only time would trickle slow
Like rain that melts the fallen snow
If only Lord if only

Und  die Ramona (später dann aktiv bei Silver Convention) ist einfach nur albern …

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Gustave Heinemann (Mitte) mit den RK Funktionären Marcel A. Naville und Walter Bargatzky

Die Schirmherrschaft für dieses Album der bereits oben erwähnte Gustav Heinemann übernommen … der würde ja eigentlich mal einen eigenen Beitrag verdienen.

Nun gut …

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Titel:
01. Nana Mouskouri: Bridge Over Troubled Water (Simon) 4.14
02. Peter Lagger: Wand’rin Star (aus ,,Paint Your Wagon“) (Loewe/Lerner) 3.48
03. Vicky Leandros Singers: Wo ist er? (My Sweet Lord) (Harrison/Munro) 4.06
04. Roger Whittaker: I Don’t Believe In If Anymore (Whittaker) 3.18
05. Hildegard Knef: Insel meiner Angst (Hammerschmidt/Knef) 2.43
06. Louis Armstrong: What A Wonderful World (Weiss/Douglas) 3.19
07. The New Seekers: What Have They Done To My Song, Ma? (Safka) 3.18
08. Ramona: Alles, was wir woll’n auf Erden (Henning) 2.13
09. Lee Patterson Singers: Rock My Soul (Traditional) 1.56
10. Alexandra: Weißt du noch? (Oltra La Notte) (Vandor/Fishman/Alexandra) 2.45
11. Reinhard Mey: Heimkehr (Mey) 3.00
12. Oliver Franklin: A Song Of Joy (Beethoven/Rios/Orba/Parker/Lilibert) 3.19

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Werbung für weitere Benefiz-Schallplatten zugunsten des Roten Kreuz

Reinhard Mey – Hannes Wader – Konstantin Wecker – Das Konzert (2003)

FrontCover1Mein Gott, was muss das für ein fulminantes Konzert gewesen sein !
Was für ein einzigartiges Live-Erlebnis der drei wohl bedeutendsten Liedermacher Deutschlands: Reinhard Mey, Hannes Wader und Konstantin Wecker singen zusammen auf einer Bühne! Für Mey war es schlichtweg ein „Elementarereignis“. Für Wader war es ein „Glücksfall“, dass jemand daran gedacht hatte, den gemeinsamen – längst legendären – Auftritt im Juni 2002 mitzuschneiden. Initiiert wurde „Das Konzert“ von Hannes Wader anlässlich seines 60. Geburtstages. „Beide, Reinhard Mey als auch Konstantin Wecker“, erinnert sich der Jubilar, „hatten nicht nur Lust, sondern waren von der Idee begeistert, mit mir und zu meinen Ehren in meiner Heimatstadt Bielefeld aufzutreten.“ (Promotion-Text)

Nach dem in den vorrangegangenen Jahren bereits einige gemeinsame Konzerte von Hannes Wader und Konstantin Wecker stattfanden, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich zu den beiden auch noch Reinhard Mey, der alte Weggefährte Waders aus den späten sechziger Jahren, gesellen würde. Im Juni 2002 war es dann soweit. Anlässlich Waders sechzigstem Geburtstag fanden sich in Waders Geburtsstadt Bielefeld die drei bekanntesten deutschsprachigen Liedermacher auf einer Bühne zusammen und gaben ein Konzert, das ich nur zu gern live erlebt hätte.

Live01

Wie das heutzutage so ist, wird aber selbst ein einmaliges Ereignis wie dieses Konzert vor der Zeit konserviert und auf einen robusten Tonträger (in diesem Fall gleich auf zwei CDs) gebannt. So haben auch Leute wie ich, die es leider nicht zum Konzert geschafft haben, die Möglichkeit dieses zumindest im nachhinein zu geniesen. Sehr liebenswert an dieser CD, die unter dem schlichten Titel „Mey Wader Wecker – Das Konzert“ erscheint, ist das authentische Flair, das sie ausstrahlt, eine Athmosphäre, die den meisten Live-Alben innewohnt, bei „Mey Wader Wecker – Das Konzert“ jedoch noch dadurch betont wird, dass bewusst kleinere Fehler beibehalten wurden. So machten gelegentliche Abstimmungsprobleme der Musiker untereinander noch einmal deutlich, dass es wirklich nicht so gewöhnlich ist diese drei großen Texter deutscher Zunge auf einer Bühne zu erleben.

Live02

Von der persönlichen Bedeutung dieses Ereignisses einmal abgesehen erwartet den Hörer nicht viel Neues. Die Rollenverteilung ist relativ klar: Reinhard Mey ist für die beschaulichen Momente zuständig, Konstantin Wecker fürs Politische und Hannes Wader findet wie so oft einen schönen Kompromiss zwischen diesen beiden Extremen. Unbekannte Stücke sucht man vergebens, dafür findet man eine Menge Live03Klassiker und Stücke von den aktuellen Alben (K. Wecker – Vaterland, H. Wader – Wünsche). Bei den aktuellen Weltpolitischen Problemen durften natürlich politische Lieder wie „Willy 4“, „Amerika“ und „Sage nein“ von Wecker nicht fehlen. Ebensowenig wie Reinhard Meys „Ich wollte wie Orpheus singen“, „51er Kapitän“ und „Komm, giess mein Glas noch einmal ein“. Schliesslich war es ein Geburtstagskonzert und ausserdem schon lange her, dass Wader und Mey eine Bühne geteilt haben. Also schwelgte man ein wenig in der Vergangenheit und beschwor Bilder von der ersten gemeinsamen Konzert-Reise.

„Mey Wader Wecker“ ist eine schöne Reise durch die Zeit, die geradezu dazu einlädt persönliche und aktuelle Ereignisse durch die Augen der drei Sänger zu betrachten. Gewürzt mit einem guten Schuss Humor und Gemeinschaftlichkeit. Begleitet wurden die drei Liedermacher im übrigen von Weckers ständigem Begleiter Jo Barnickel an den Keyboards. (Ralf)

So ganz kann ich meinem Vorredner nicht zustimmen, zumindest bei dem Satz „Von der persönlichen Bedeutung dieses Ereignisses einmal abgesehen erwartet den Hörer nicht viel Neues.“ Nein, natürlich nicht viel Neues, aber dafür eine großartige Revue mit so vielen Texten, die wenngleich sie auch älteren Datums sein mögen, z.T. verdammt aktuell sind („Wenn die Börsianer tanzen“, „Vaters Land“,  „Willy 4“ (anhören: Pflichtext !) und, und, und).

Und natürlich schwingt jede Menge Nostalgie und ein Hauch von Wehmut mit, so manche Texten wurden ein wenig humoristisch umformuliert und dann kann man auch immer wieder ein wenig schmunzeln, ob der Narreteien unserer Jugendzeit.

Der einfühlsame Text im Begleitheft stammt von Hannes Wader und die Fotos sind von dem legendären Günter Zint.

Kurz und schmerzlos: Ein großartiges Album das auch darüber Auskunft gibt, auf welch hohem Niveau diese drei „Liedermacher“ ihr Handwerk verstehen !

Übrigens: Als Trio sangen die drei auch nochmals im Rahmen einer Demo in Berlin, an der 500.000 Menschen teilnahmen, gegen den (ersten) Irak-Krieg.

Booklet07A

Besetzung:
Reinhard Mey (guitar, vocals)
Hannes Wader (guitar, vocals)
Konstantin Wecker (piano, vocals, guitar)
+
Jo Barnickel (keyboards)

Inlay1

Titel:

CD 1:
01. Gut, wieder hier zu sein (Taylor/Wader) 4.54
02. Damals (Johnson/Wader) 4.37
03. Schön ist die Jugend (Wader) 4.33
04. Kleine Stadt (Coulter/Wader) 4.12
05. Komm, gieß mein Glas noch einmal ein (Mey) 3.58
06. Ein Stück Musik von Hand gemacht (Mey) 5.20
07. Freundliche Gesichter (Mey) 4.32
08. Rencontre / Begegnung (Wader/Mey) 5.06
09. Im Namen des Wahnsinns (Wecker) 3.04
10. Wenn die Börsianer tanzen (Wecker) 2.55
11.  Willy 4 (Wecker) 9.30
12. Rosen im Dezember (Wader/Petersen) 2.59
13. Vaters Land (Traditional/Wader) 3.54

CD 2:
01. Wünsche (Gieco/Wader) 4.13
02. Erste Liebe (Wader) 5.01
03. Was passierte in den Jahren? (Wecker) 4.01
04. Stürmische Zeiten, mein Schatz (Wecker) 7.03
05. Amerika (Wecker) 4.21
06. Ich wollte wie Orpheus singen (Mey) 3.00
07. 51er Kapitän (Mey) 4.53
08. Lass Liebe auf uns regnen (Mey) 4.41
09. Diplomatenjagd (Mey) 4.49
10. Gestresst (Wader/Traditional) 3.17
11. Sage nein! (Wecker) 3.15
12. Bella Ciao (Traditional/Berner) 4.08
13. So trolln wir uns (Bellmann/Zuckmayer) 2.59
14. Gute Nacht Freunde (Mey) 3.23
15. Wer weiß (Wacker/Traditional) 4.02
16. Happy Birthday (Traditional) 0.46

CD 2A.jpg

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Live04

Reinhard Mey – Ich bin aus jenem Holze (1971)

FrontCover1Der Reinhard Mey hatte ja Anfang der 70er Jahre seine wohl bedeutendste Phase … zumindest war er damals sehr erfolgreich ….

Ich bin aus jenem Holze ist das vierte deutsche Studioalbum des deutschen Liedermachers Reinhard Mey und erschien 1971 bei Intercord.

Das Album beginnt mit einer Parodie auf die Anfang der 1970er populären Spionage- und Agentenfilme: Das Geheimnis im Hefeteig oder Der Schuß im Backofen.

Eine weitere Parodie ist das inzwischen redensartliche Lied Der Mörder ist immer der Gärtner, das die Vorhersehbarkeit in Kriminalfilmen, wer der Täter ist, persifliert. Es parodiert damit die in den 1960er Jahren populären Agatha-Christie- und Edgar-Wallace-Filme. Zu diesem Lied wurden später weitere Strophen getextet, wie beispielsweise auf dem Live-Album 20.00 Uhr zu hören.

Das Lied Cantus 19b macht sich mit einem Nonsenstext lustig über bestimmte moderne Lyrik-Strömungen, die Quantität über Qualität stellen.

Wie üblich finden sich Liebeslieder auf dem Album mit Längst geschlossen sind die Läden, Ich glaube, so ist sie und dem Jubellied Sie ist zu mir zurückgekommen. Das Lied Ich trag’ den Staub von deinen Straßen oder Berlin ist quasi eine Liebeserklärung an Berlin.

Im Lied 71 1/2 macht der Dichter eine Abrechnung mit den Neujahrsvorsätzen.

Schließlich finden sich noch einige besinnliche Lieder auf dem Album: Ich bin aus jenem Holze geschnitzt, Der irrende Narr und Seifenblasen.

Das Lied Maskerade wirft einen kritischen Blick auf das Verdrängen, indem es Kriegsinvaliden bei einem Karnevalsumzug beschreibt. (Quelle: wikipedia)

Es macht Spaß, hin und wieder den alten, oftmals pfiffig-spöttischen Texte von Mey zu lauschen … Und ja: er hatte schon was zu sagen … und seine Texte sind auch heute noch z.T. sehr bewegend  („Der irrende Narr“ oder auch „Ich trag‘ den Staub von deinen Straßen“)….

Aber schade ist es, dass man so wenig über das „Begleitensemble Pepe Neumann“ weiss.

Single

Besetzung:
Reinhard Mey (vocals, guitar)
+
Begleitensemble Pepe Neumann

BackCover1

Titel:
01. Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen 5.25
02. Längst geschlossen sind die Läden 2.30
03. Der Mörder ist immer der Gärtner 4.49
04. Cantus 19B 1.13
05. Ich glaube, so ist sie 4.07
06. 71 1/2  3.24
07. Ich bin aus jenem Holze geschnitzt 3.10
08. Der irrende Narr 3.26
09. Ich trag‘ den Staub von deinen Straßen 5.10
10. Maskerade 2.42
11. Seifenblasen 2.42
12. Sie ist zu mir zurückgekommen 3.14

Musik und Texte: Reinhard Mey

LabelA1

 

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David Wonschewski – Interview mit Reinhard Mey (2013)

ImStudio1Es gibt da so ein online-Magazin namens „einachtellorbeerblatt“ … und dieses Magazin widmet sich der Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunst -Szene und es ist ein großartiges Magazin … liebevolle und mit Enthiasmus gestaltet.

Teil dieses Magazins ist die online abrufbare „Radiosendung“ namens „Herbstgewitter“.

Und im April 2013 erschien ein „Herbstgewitter spezial“ und zwar mit einem ausführlichem Interview mit Reinhard Mey und zwar anläßlich der Veröffentlichung seines Albums „Danns machs gut“.

Und der ist nun natürlich eine ganz, ganz wichtige Figur der deutschen Liedermacher/Chanson-Szene und das seit den 60er Jahren.

Und just dieses Interview litt unter „technischen Problemen“ (die so schlimm eigentlich gar nicht waren).

Jedenfalls gibt es zu diesen Problemen eine ausführliche Erläuterung auf dieser website:

„Fast wäre dieser Schnappschuss in der Ablage gelandet, gebrandmarkt als “nicht gelungen”. Gut, dass wir ihn aufbewahrt haben, drückt er doch weit mehr aus als gemeinhin zu vermuten wäre. Denn, wie wir sehen, sind es hier vor allem zwei Personen, die im kreativen Gewusel den Überblick behalten: Toningenieur Jörg Surrey (rechts) und Hella Mey (hinter der Kamera). Ein Zufall? Mitnichten, wie Ihnen unser Herbstgewitter spezial mit Reinhard Mey  vor Augen führen wird. Denn dass Hella Mey ihrem Mann eine große Stütze ist, das ist selbstredend nicht neu und war auch schon bei all den vorherigen Platten der Fall. Diesmal ist es jedoch allein ihrem Überblick und ihrem Instinkt zu verdanken, dass Reinhard Mey, bekanntlich ein Großmeister der deutschen Sprache, einen kleinen, aber doch recht ärgerlichen Wortlapsus gerade noch ausbügeln konnte. Und Jörg Surrey? Nun, auch er ist ein Meister seines Faches. Und hätten Reinhard Mey und EAL-Redakteur David Wonschewski ihn während ihres Gesprächs dabei gehabt, nun, ein kleiner technischer Lapsus hätte mit Sicherheit vermieden werden können. Welcher das ist – auch das erfahren Sie in diesem Herbstgewitter spezial.

Reinhard Mey 2013

Reinhard Mey, 2013

Allen Hörern, die das Herbstgewitter bisher über Kopfhörer verfolgen, möchten wir vorab jedoch klar ans Herz legen, für diese eine Ausgabe eine Ausnahme zu machen. Denn einige – je nach Hörempfindlichkeit – unliebsame Hintergrundgeräusche werden just durch die geliebten Horchmuscheln potenziert. “Freihörig” hingegen werden sie wesentlich weniger davon wahrnehmen.

Und so nehmen wir was genau mit aus unserem Gespräch mit Reinhard Mey? Nun, vermutlich, dass gerade die kostbaren und kostbarsten Momente unseres Lebens stets auch die zerbrechlichsten sind. Und es vielleicht sogar erst just diese porzellanartige Beschaffenheit des Moments ist, der dem Leben einen Zauber zu verleihen vermag.

Wohlan: Frische Sätze und frische Songs – Reinhard Mey im Herbstgewitter.“

ImStudio

Der oben genannte Schnappschuss

Das Interview führt der Begründer dieser website, David Wonschewski und ich weiß nicht recht, sein z.T. sehr betuchlicher (oder auch: überkandidelter) Sprachstil ist gewöhungsbedürftig … ändert aber nichts daran, dass dieses Interview einfach sehr interessant und aufschlussreich ist. Reinhard Mey gibt zu seiner Musik Auskunft … und das weckt natürlich Interesse …

Und: In dieser Sendung gibt es auch einen köstlichen Beitrag von Hanns-Dieter Hüsch … der mich wieder mal so richtig vom Hocker gehauen hat.

Voila … wieder mal so eine Präsentation, die Auskunft gibt … über vieles was uns auch mal bewegt hat.

David Wonschewski

David Wonschewski

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Interview: 1.31.35

Reinhard Mey – Ich wollte wie Orpheus singen (1968)

ReinhardMeyFrontCoverEr war wohl einer der ersten deutschen Liedermacher, der es geschafft hat, bis heute erfolgreich zu bleiben.

Ich wollte wie Orpheus singen ist sein Debütalbum:

Betrachtet man das Album aus heutiger Sicht, kommt einem vieles daran etwas bieder, verklärt oder verträumt vor. Die kritischeren Lieder stammen – abgesehen vom „Abscheulichen Lied“ – ausschließlich aus der Feder von Produzent Walther Richter, Reinhard Mey selbst war eher für die Liebeslieder auf diesem Album zuständig (wie gesagt – das „Abscheuliche Lied“ bildet hier die große Ausnahme, eine kleinere gibt es noch beim Gruppenbild mit Sänger namens „Hauptbahnhof Hamm“). Die etwas kritischeren Lieder sollten also erst noch kommen.
Das, was jedoch damals bereits vorhanden war, waren Reinhard Meys Gespür für schöne, eingängige Melodien und der geschliffene Umgang mit der Sprache; hier kann Walther Richter nun wiederum nicht mithalten – im Vergleich zu Meys Texten wirken manche Reime plump und ungeschickt, vielleicht auch etwas schwieriger zu singen. Dazu kommen noch die dezenten Arrangements, die sich zwar von denen der 70er Jahre deutlich unterscheiden, aber doch bereits eine gewisse Vorliebe des Interpreten (oder vielleicht auch eher Produzenten) für klassische Begleitinstrumente zeigen.
Reinhard Mey war auf seinem Debüt definitiv noch nicht „fertig“ – er sollte sich im Laufe der nächsten Jahre noch deutlich steigern und zu einem eigenen Stil finden, aber das Album zeigt doch bereits sein Potential auf und macht somit neugierig auf zukünftige Veröffentlichungen. Ein gelungenes Debüt. (skywise)

ReinhardMey.jpg

Nun, über Geschmack lässt sich immer trefflich streiten … Für mich ist dieses Album alles andere als antiquiert…. Nein, es ist zum einen natürlich vom damaligen Zeitgeist geprügt, aber es hat Bestand bis heute, hat soviel Substanz, dass ich es zu den zeitlosen Alben der damals gerade entstehenden Liedermacher-Szene zähle.

Der Reinhard Mey war natürlich auch ein 68er … aber von nicht von jener Sorte, die laut skandierend durch die Straßen zogen … nein, er war eher der stille Poet, der durchaus auch was zu sagen hatte zu dem Zustand der damaligen Gesellschaft, bei uns in der BRD.

Hüllentext

Hüllentext (Auszug)

Besetzung:
Reinhard Mey (guitar, vocals)
+
Igor Rosenow Ensemble

BackCover1

Titel:
01. Ich wollte wie Orpheus singen (Mey) 2.19
02. Und für mein Mädchen (Mey) 3.00
03. Fast ein Liebenslied (Mey) 3.06
04. Frühling in der Großstadt  (Unger/Richter) 2.05
05. Begegnung (Wader) 3.26
06. Platz für sie (Mey) 3.24
07. Das alles war ich ohne dich (Mey) 2.37
08. Ich denk‘, es war ein gutes Jahr (Mey) 3.46
09. In meiner Stadt (Mey) 3.12
10. Großstadt 8 Uhr früh (Unger/Richter) 2.30
11. Das Lied von der Straßenbahn (Unter/Richter) 3.15
12. Hauptbahnhof Hamm (Mey) 2.10
13. Das Lied von der Zeitung (Richter) 3.47
14. Novemberlied (Richter) 2.40
15. Abscheuliches Lied für abscheuliche Leute (live) (Mey) 2.45
16. Von heiligen Kriegen (Richter) 3.05

LabelB1.jpg

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ReinhardMey2

Reinhard Mey in den 60er Jahren

Reinhard Mey – Balladen (1988)

FrontCover1Mit dem Reinhard Mey geht´s mir wie mit dem Konstantin Wecker … je äler ich were, desto mehr schätzte ich ihn …

Oder: Um es gleich mal vorweg zu nehmen: Dieses Album ist schlicht und ergreifend `ne Wucht !!!

Die folgenden beiden Beiträge stammen von namentlich nicht genannten Amazon Kunden … und sie entsprechen doch sehr meinen Empfindungen beim mehrfachem anhören dieser LP.

Reinhard Mey’s 1988 veröffentlichte Album „Balladen“ hält was der Titel verspricht. Eine Mischung aus meist humorvollen, manchmal auch nachdenklich stimmenden oder anklagenden Balladen. Den Auftakt macht das Stück „Bei Hempels unterm Bett“, in dem auf heitere Art und Weise die Verlogenheit einer bieder wirkenden Familie geschildert wird. Auch das folgende Lied „In diesem, unserem Lande“ hat neben der witzigen Seite einen ernsten Hintergrund. Es wird die Geldverschwendung im Großen wie im Kleinen angeprangert. Im weiteren Verlauf wird der Fitneß-Studio-Kult („Die Body-Builder-Ballade“) auf’s Korn genommen, der Alltag eines Hausmanns auf unterhaltsame Weise beschrieben („Aller guten Dinge sind drei“) und auf den allzu sorglosen Umgang mit der Natur hingewiesen („Das Meer“). Neben noch einigen, die zwischenmenschliche Seite berührenden Liedern bildet „Die Eisenbahnballade“ einen krönenden Abschluß. In diesem über 10 Minuten langen Lied wird die Geschichte der Eisenbahn mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten erzählt.

„Balladn“ ist eine wunderschöne CD, die durch ihre sowohl musikalische als auch textliche Abwechslung erfreut und immer wieder Spaß zum Hören macht.

Jedesmal, wenn ich die Zeitung aufschlag‘,
Haben die Damen und Herren im Bundestag
Sich schon wieder mal die Diäten erhöht,
Und ich spür‘, wie ich für sie vor Scham erröt‘!
Ich seh‘ Familien, wo es vorn und hinten nicht reicht,
Seh‘ Opa Bölke, dem man cool das Taschengeld streicht,
Mir gehn die Bilder von Armut nicht aus dem Sinn,
Aber die Damen und Herren langen erst mal kräftig hin!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

In der Tagesschau zeigt man uns ein Staatsbankett:
Alle ha‘m Übergewicht, und alle sind zu fett.
Doch das gleicht sich wieder aus, denn wie man auch erfährt,
Sind in unserm eigenen Lande Menschen unterernährt.
Wir ha‘m ‘nen Butterberg, und auch ‘nen Milchsee ha‘m wir schon,
Und eine Schweinelawine überrollt die Nation,
Mit der Überschußvernichtung ha‘m wir unsre liebe Not,
Und Opa Bölke hat nicht mal die Margarine fürs Brot.
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

Am Flugplatz Bonn steht eine ganze Flotte parat,
Die nichts als nur Polittouristen rumzufliegen hat.
Kein Anlaß ist zu nichtig, keine Entfernung zu klein,
Und statt zu Fuß zu gehn, muß es ein Hubschrauber sein.
Für eine Stunde Bonzenjet bekommt man nebenbei
Für dreißig Kinder drei Wochen Ferien auf Norderney.
Und alle naselang düst ein Hanswurst nach irgendwo,
Und Opa Bölke streicht man den Seniorenausflug in den Zoo!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann hör‘ ich wie‘s Silvester knallt und kracht.
Opa Bölke ist jedesmal zu Tode erschreckt,
Sein Bedarf an Knallerei ist in zwei Weltkriegen gedeckt.
Und für das Geld, das man beim letztenmal verballert hat
Kriegst du eine Million Menschen ein Jahr lang satt!
Da kann die Welt verhungern und in Trümmer fall‘n,
Das ist uns scheißegal, wir wollen weiterknall‘n!
Ist das nicht eine Schande in diesem, unsrem Lande!

Lumpige 50 Milliarden kostet uns das Militär,
Die spar‘n wir uns vom Munde ab, die geb‘n wir locker her!
die Armee soll leben in Saus und Braus,
Dafür schließen wir auch gerne mal ein Krankenhaus.
Selbst Opa Bölke verzichtet aufs Sterben, weil man
Für sein Sterbegeld dann noch mehr Waffen kaufen kann.
Wir streichen Schul‘n und Kindergärten für den guten Zweck,
Nur bitte, bitte, nehmt uns unser Lieblingsspielzeug nicht weg!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!
Manchmal denk‘ ich, ich wand‘re in die Südsee aus,
Doch es gibt kein Entkommen, hier bin ich zu Haus,
Nirgends wär‘ ich mehr als hier ein freier Mann,
Nirgends, wo ich mich so grün, gelb, rot und schwarz ärgern kann,
Hier leben Freunde, die ich zum Leben brauch‘,
Und die brauchen meine Stimme als Wähler vielleicht auch,
Und weil ich Opa Bölke doch nicht so allein lassen kann,
Und schließlich häng‘ ich irgendwie ja doch daran,
– Das gesteh‘ ich am Rande – an diesem, unsrem Lande!
„Balladen“ ist sicherlich eines der schönsten Alben deutscher Musikgeschichte! Eine Ballade ist schöner als die andere, „Die Mauern meiner Zeit“, „Das Meer“, „Hab Dank für Deine Zeit“ oder „In diesem, unserem Lande“ – das sind Lieder, die einem das Herz aufgehen lassen. Am beeindruckendsten ist aber der Schlußtitel des Albums, „Die Eisenbahnballade“, in deren starken zehn Minuten die Geschichte der Eisenbahn besungen wird.
Wunderschön!

Der Wind reißt an den Hallentoren,
Regen schlägt auf das Wellblechdach,
die Schauer und die Böen rumoren
und hall’n im kalten Hangar nach.
Ich hab die alte Flugmaschine
hereingerollt, jetzt mag sie ruh’n.
Die Plane über der Kabine,
einen Winter lang steht sie nun.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Manchmal komm ich, nach ihr zu sehen,
um die Persenning straffzuziehn,
um einfach nur herumzustehen,
im Duft von ÖL, Lack und Benzin.
Wenn sich die ersten Blätter zeigen
und wenn die Winde milder wehn,
werden wir zwei wieder aufsteigen,
Am Himmel uns’re Kreise drehn.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Was halt ich Narr für ein paar Stunden
an diesem alten Vogel fest?
Ich hab meine Antwort gefunden:
Weil er mir ein Stück Freiheit läßt.
Er trägt mich – ich muß ja nur wollen –
an jeden Ort der Welt, und dann
geht es auch, dass ich ohne Grollen,
ruhig hier unter bleiben kann.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Tief berührt, ob der Intensität dieses Albums … freue ich mich sehr, diese LP hier präsentieren zu können.

Jedesmal, wenn ich die Zeitung aufschlag‘,
Haben die Damen und Herren im Bundestag
Sich schon wieder mal die Diäten erhöht,
Und ich spür‘, wie ich für sie vor Scham erröt‘!
Ich seh‘ Familien, wo es vorn und hinten nicht reicht,
Seh‘ Opa Bölke, dem man cool das Taschengeld streicht,
Mir gehn die Bilder von Armut nicht aus dem Sinn,
Aber die Damen und Herren langen erst mal kräftig hin!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

In der Tagesschau zeigt man uns ein Staatsbankett:
Alle ha’m Übergewicht, und alle sind zu fett.
Doch das gleicht sich wieder aus, denn wie man auch erfährt,
Sind in unserm eigenen Lande Menschen unterernährt.
Wir ha’m ’nen Butterberg, und auch ’nen Milchsee ha’m wir schon,
Und eine Schweinelawine überrollt die Nation,
Mit der Überschussvernichtung ha’m wir unsre liebe Not,
Und Opa Bölke hat nicht mal die Margarine fürs Brot.
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

BackCover1

Besetzung:
Olaf Berneck (drums)
Helge Brink (violin)
Robbie Doyle (whistle)
Anders Forstmann (pedal steel-guitar)
Wilfried Grünberg (guitar, keyboards)
Michael Keevers (bass)
Frank Lüdeke (saxophone)
Max McColgan (whistle)
Reinhard Mey (vocals, guitar)

Booklet1

Titel:
01. Bei Hempels unterm Bett 3.30
02. In diesem, unsrem Lande 3:56
03. Das letzte Abenteuer 3:59
4 Die Body-Building-Ballade 3:30
5 Fünf Gartennelken 1:51
6 Aller Guten Dinge Sind Drei 3:10
7 Hab‘ Dank Für Deine Zeit 3:46
8 Das Meer 3:50
9 Die Mauern Meiner Zeit 3:26
10 Lulu 3:04
11 Welch Ein Glücklicher Mann 2:52
12 Die Eisenbahnballade 10:11

Musik + Texte: Reinhard Mey

LabelB1
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Ein dichter Nebel senkte sich auf die große, fremde Stadt.
Ein langer Arbeitstag lag hinter mir, ich war abgespannt und matt.
Zu müde für die Autobahn, zu spät für den letzten Flug.
Doch ich wollte nach Haus,
Und da fand ich heraus,
Gegen Mitternacht ging noch ein Zug.

Es blieb noch etwas Zeit, ich wußte nicht wohin, so stand ich am Bahnhof herum:
Einem Prunkbau aus längst vergangener Zeit, Drängeln, Suchen und Schieben ringsum.
Ich sah die Reisenden, die Wartenden und die Gestrandeten der Nacht,
So viel Gleichgültigkeit,
So viel Jammer und Leid
Unter so viel kalter Pracht.
Ich trat auf den offenen Bahnsteig hinaus, die naßkalte Luft hielt mich wach.
Ich fröstelte, schlug meinen Kragen hoch und sah meinem Atem nach.
Aus der Dunkelheit schwebten überm Gleis drei Lichter, mein Zug fuhr ein.
Eine Wagentür schlug.
Es war warm in dem Zug,
Und ich war im Abteil ganz allein.
Lautlos fuhren wir an, und die Lichter der Stadt versanken in milchigem Brei.
Und immer schneller flogen erleuchtete Fenster und Vorstadtbahnhöfe vorbei.
Noch ein Bahnübergang, ein paar Scheinwerfer, und die Welt da draußen verschwand.
Mein Abteillicht fiel in weiß
Auf den Schotter am Gleis,
Und ich ahnte das dunkle Land.

Und durch die Dunkelheit drang
Der monotone Klang
Der Räder auf dem Schienenstrang,
Ein einsamer Gesang,
Den stählernen Weg entlang.

Vorn an der Trasse standen sie, die Haut wettergegerbt.
Mit ihren Spaten hatten sie Adern ins Land gekerbt,
Mit Hacken und mit Hämmern hatten sie Berge bewegt
Und Schwellen über Schotter und darauf Schienen gelegt.

In bittrem Frost, sengender Glut, in Regen, Tag für Tag,
Nachts einen Strohsack auf dem Boden im Bretterverschlag.
Und wieder auf beim Morgengrau’n für jämmerlichen Lohn
Und noch ein neues Vermögen mehr für den Stahlbaron.

Und bald fauchte das Dampfroß funkensprühend durch das Land.
Manch neue Industrie und manch Imperium entstand,
Manch unschätzbarer Reichtum, doch an jedem Meter Gleis,
Jeder Brücke, jedem Tunnel klebten Tränen, Blut und Schweiß.
Die Eisenbahn trug Fortschritt, technische Revolution
In jedem Winkel, bis in die entlegenste Station.
Trug Güter von den Seehäfen bis an den Alpenrand,
Verband Menschen und Städte und trug Wohlstand in das Land.
Doch der großen Erfindung haftet stets die Tragik an,
Daß sie dem Frieden, aber auch dem Kriege dienen kann.
Endlose Rüstungszüge rollten bald schon Tag und Nacht:
Kriegsgerät und Kanonen war’n die vordringliche Fracht.

Schon drängte sich auf Bahnhöfen siegesgewiß das Heer,
Den Jubel auf den Lippen und mit Blumen am Gewehr,
In fahnen- und siegesparol’n behangene Waggons
Nach Lemberg oder Lüttich, nach Krakau oder Mons.

Im Trommelfeuer von Verdun erstarb der Siegeswahn,
Aus Zügen wurden Lazaretts, und diesmal sah die Bahn
Den Rückzug der Geschlagenen und – den Kriegsherren zum Hohn –
Im Waggon im Wald von Compiègne, die Kapitulation.
Millionen Tote auf den Schlachtfeldern, sinnloses Leid.
Wer heimkehrte, fand Elend, Not und Arbeitslosigkeit.
Doch auf dem Boden des Zusammenbruchs gediehen schon
Die Schieber und die Kriegsgewinnler, die Spekulation.

Aber es sproß auch aus den Wirr’n verstrickter Politik
Der zarte, schutzbedürft’ge Halm der ersten Republik.
Doch Kleingeist, Dummheit und Gewalt zertrampelten ihn gleich
Mit Nagelstiefeln auf dem Weg ins Tausendjähr’ge Reich.

Die Unmenschen regierten, und die Welt sah zu und schwieg.
Und wieder hieß es: „Räder müssen rollen für den Sieg!“
Und es begann das dunkelste Kapitel der Nation,
Das dunkelste des Flügelrades: Die Deportation.

In Güterwaggons eingeschlossen, eingepfercht wie Vieh,
Verhungert und verzweifelt, nackt und frierend standen sie,
Hilflose Frau’n und Männer, Greise und Kinder sogar,
Auf der bittren Reise, deren Ziel das Todeslager war.

Dann aber brach der Zorn der Gedemütigten herein,
Kein Dorf blieb da verschont, da blieb kein Stein auf einem Stein,
Und Bomben fielen, bis das ganze Land in Flammen stand,
Die Städte ausradiert war’n und der Erdboden verbrannt.
Der Krieg war mörderischer als jemals ein Krieg zuvor,
Und schwer gestraft das Volk, das ihn frevelnd heraufbeschwor.
In Trümmern und Ruinen strichen sie hungernd umher,
Die Überlebenden, die Ausgebombten, nichts ging mehr.

Und immer längere Flüchtlingstrecks kamen Tag für Tag
Und irrten durch ein Land, das unter Schutt und Asche lag.
Der Überlebenswille zwang sie, nicht zu resignier’n,
Die Aussichtslosigkeit, das Unmögliche zu probier’n:

Noch aufzuspringen, wenn irgendwo ein Hamsterzug ging,
Wenn an den Waggontür’n schon eine Menschentraube hing.
Ein Platz auf einem Puffer, einem Trittbrett bestenfalls
Mit Hoffnung auf ein bißchen Mehl, Kartoffeln oder Schmalz.

Was auf dem Bahndamm lag, wurde von Kindern aufgeklaubt,
Und manch ehrlicher Mann hat manchen Kohlenzug beraubt.
Und dann kamen die Züge mit den Heimkehrern besetzt,
Verwundet und zerschunden, abgerissen, abgewetzt.

Wie viele Dramen spielten sich auf den Bahnsteigen ab!
Suchen und Freudentränen, wo’s ein Wiedersehen gab.
Warten, Hoffen und Fragen, wird er diesmal dabei sein?
Viele kamen vergebens, und viele gingen allein.

Zerschoss’ne Loks und Wagen wurden recht und schlecht geflickt
Und auf ein abenteuerliches Schienennetz geschickt.
Und der Puls begann zu schlagen, und aus dem Nichts entstand,
Mit Hoffnungen und Träumen beladen, ein neues Land.
Und durch das Morgengrau’n drang
Der monotone Klang
Der Räder auf dem Schienenstrang,
Ein schwermütiger Gesang,
Den stählernen Weg entlang.
Das Rattern der Räder über eine Weiche rief mich in die Gegenwart.
Übernächtigt war ich aufgewacht, ich war fast am Ziel meiner Fahrt.
Ich rieb mir die Augen und räkelte mich, das Neonlicht schien fahl,
Und im leeren Raum
Zwischen Wachen und Traum
Sah ich sie noch einmal:

Der Adler, der Fliegende Hamburger, die Preußische P 8,
Und die sagenumwobene O5 fauchten vor mir durch die Nacht.
Ein Gegenzug auf dem Nachbargleis riß mich aus den Träumen heraus.
Ein Blick auf die Uhr,
Zehn Minuten nur,
Und zum Frühstück wär‘ ich zu Haus.

Draußen konnt‘ ich für Augenblicke in erleuchtete Fenster sehn.
Sah die Menschen auf dem Weg zur Arbeit auf den Vorstadtbahnhöfen steh’n,
Sah die Scheinwerfer der Autos vor den Schranken am Bahnübergang,
Und eine Hoffnung lag
Über dem neuen Tag
Und in dem Sonnenaufgang.