Werner A. Wiedmann – Die Bodenseehanse – Aus der Geschichte der grossen Ravensburger Handelsgesellschaft (1988)

TitelAlso, dieser Teil süddeutsche (Wirtschafts) Geschichte war mir bis dato gänzlich unbekannt:

Die Große Ravensburger Handelsgesellschaft (lateinisch: Magna Societas Alamannorum) wurde um 1380 durch Kaufleute aus den Familien Humpis (aus Ravensburg), Mötteli (aus Buchhorn) und Muntprat (aus Konstanz) gegründet. Sie war bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts eines der bedeutendsten europäischen Handelsunternehmen des Spätmittelalters.

Anfangs diente die Gesellschaft wohl vor allem der Vermarktung des heimischen Tuchs (vor allem Leinen und Barchent). Als 1402 in Ravensburg eine der ersten Papiermühlen nördlich der Alpen errichtet wurde, kam ein weiteres Eigenprodukt dazu; ebenso handelte man aber mit Gewürzen aus dem Orient, Wein und Öl aus dem Mittelmeerraum, Erzen aus Osteuropa und anderem mehr. Die Große Handelsgesellschaft ist vermutlich auch der Grund, dass Heimatforscher in Ravensburg keine historische Tracht ausfindig machen konnten; wer es sich leisten konnte, trug schon damals italienische Mode, und wer sich das Original nicht leisten konnte, schneiderte sich Kopien.

Durch die Errichtung von Niederlassungen (so genannten Geliegern) in Spanien, Frankreich, Italien und Osteuropa gewann die Handelsgesellschaft bald an gesamteuropäischer Bedeutung. Neben der in Ravensburg angesiedelten zentralen Leitung und der Niederlassung in Konstanz bestanden Verbindungen zu Memmingen, Biberach, Lindau, St. Gallen, Kempten, Ulm und anderen Städten der Umgebung. Niederlassungen, Kontore und Faktoreien hatte die Gesellschaft in der Blütezeit unter anderem in Antwerpen, Brügge, Lyon, Avignon, Genf, Wien, Venedig, Mailand, Genua, Barcelona, Saragossa und Valencia. Auch in den wichtigen Messestädten Frankfurt am Main und Nürnberg war sie präsent.

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Grabstein des Ravensburger Kaufmanns Henggi Humpis († 1429)

Über 100 Familien aus etwa 10 Städten des Bodenseegebietes waren an der Gesellschaft beteiligt. Die bedeutendsten waren die Humpis (die auch die meisten Regenten der Gesellschaft stellten), Mötteli, Muntprat, Ankenreute und Holbein.

Es gibt Hinweise darauf, dass sich auch die Fugger auf ihren ersten Italienfahrten Handelszügen der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft anschlossen.

Ab Ende des 15. Jahrhunderts machten Familienstreitigkeiten innerhalb der führenden Familien und Abspaltungen von Handelsfamilien, die Konkurrenz der St. Galler Diesbach-Watt-Gesellschaft, der Memminger Vöhlin-Welser-Gesellschaft sowie vor allem der Augsburger Fugger und Welser der Ravensburger Handelsgesellschaft zunehmend zu schaffen.

Beschleunigt wurde der Niedergang sicher auch durch eine ungenügende Anpassung an die von der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents veränderten Wirtschaftsbedingungen und durch die von hohen Goldimporten hervorgerufene Inflation.

Die Schwerfälligkeit der Ravensburger Organisationen einerseits und das Fehlen qualifizierten und risikofreudigen Nachwuchses andererseits verhinderten ein Gegensteuern. So scheuten die Ravensburger auch die Aufnahme von Bankgeschäften, die entscheidend zum späteren Reichtum der Konkurrenz etwa aus den Häusern der Fugger und Welser beitrugen. Stattdessen nutzten sie den erworbenen Reichtum, um die Stadt zu verlassen und nach dem Vorbild des Adels auf Landsitzen zu wohnen und selbst Adelstitel zu erwerben.

1530 erlosch die Handelsgesellschaft sang- und klanglos, als nicht mehr genügend Gesellschafter zur Erneuerung der jeweils nur auf Zeit geschlossenen Gesellschaftsverträge bereit waren.

Wer auf die Karte klickt, kann sie in ganz groß ansehen:

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Lange Zeit wussten Wirtschaftshistoriker und Lokalhistoriker recht wenig über den genauen Aufbau und die Geschäfte der Handelsgesellschaft. Wilhelm Heyd stellte die Geschichte der Gesellschaft anhand der wenigen erhaltenen Akten 1890 erstmals in einer Monographie dar. Die Kürze dieser Monographie symbolisiert, wie er auch selbst schreibt, den absoluten Mangel an bis dahin aufgefundenen und der Öffentlichkeit freigegebenen Quellenpapieren. 1909 wurden im Schloss Salem überraschend zahlreiche Akten der Gesellschaft gefunden, die – als unnütze Handelssachen deklariert – vorher jahrhundertelang unbeachtet geblieben waren. Die Papiere behandeln die Zeit zwischen 1427 und 1480, sowie von 1497 bis 1527 und sind für die Forschungsarbeit an der großen Handelsgesellschaft von enormen Wert. Hinterlassen wurden uns die Quellenpapiere von dem Enkel des letzten Buchhalters der Handelsgesellschaft mit dem Namen Alexius Hilleson. Die Quellen beschreiben zwar nicht lückenlos die Geschichte und die Tätigkeiten der Handelsgesellschaft von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende, geben jedoch stellenweise tiefe Einblicke in die Arbeit und Organisation der Gesellschaft. Aloys Beispiel37Schultes grundlegendes dreibändiges Werk von 1923 beruht auf diesen Akten und leitete eine tiefere Beschäftigung mit der Handelsgesellschaft ein.

In dem historischen Roman Der junge Herr Alexius von Otto Rombach wird das abenteuerliche Leben des Ravensburger Kaufmanns Alexius Hilleson auf seinen Reisen durch Europa geschildert. Obwohl sich Rombach in vielen Details auf Schulte stützt, ist der Roman doch weitgehend fiktiv.

In Ravensburg selbst erinnern viele Bauwerke, Wappen und Straßennamen an die Zeit der Handelsgesellschaft. Beim jährlichen Rutenfest werden ihre Geschäfte durch Kostümgruppen am Festzug dargestellt. Außerdem wurde in der Stadt ein offenes Stadtmuseum erbaut, welches aus sieben Gebäuden besteht, deren Räume aus der Zeit von 1435 bis 1508 stammen und in der Vergangenheit die Wohnquartiere der Familie Humpis bildeten. (Quelle: wikipedia)

Und genau um jene Zeit, in denen die Ravensburger Handelsgesellschaft groß und mächtig war, handelt dises Buch (66 Seiten). Herausgegeben wurde es von der Bayerischen Vereinsbank in der Serie „Bavaria Antiqua“

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Diverse Ausgaben der Serie „Bavaria Antiqua“

Verfasst wurde dieses Buch von Werner A. Wiedmann:

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Bei historischen Büchern dieser Art bin ich mir so ganz sicher, ob sie nicht arg beschönigend geschrieben wurde. Freilich fehlen mir die Zeit und die historischen Kenntnisse um das mal zu überprüfen. Der Niedergang dieser Mini-Hanse (die großen Hansestädte an der Nord-  und Ostsee können ob des kleinen Bruders aus Süddeutschland eh nur schmunzeln) erschließt sich mir z.B. noch nicht so recht.

Dennoch: Ganz sicher ein kenntnisreiches Buch, hübsch illustriert und natürlich vergesse ich darüber hinaus nicht die „Fragen eines lesenden Arbeiters (Brecht) und den Bernt Engelmann sowie nicht.

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links: Der Florenzer Tuchmarkt (14. Jhrd.); rechts: Herzog Heinrich der Löwe + Frau Gemahlin

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Der Veitsberg oberhalb von Ravensburg (Ölgemälde von Johann Andreas Rauch, 1622)

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Das ist ja ein drolliges Kerlchen aus der Kategorie Miesepeter, oder ?

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Lug und Trug im Mittelalter

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Der (Geselle Oswald Kröll, gemalt von Albrecht Dürer, 1499) schaut ja fast wie Ritchie Blackmore aus.

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The times, they are a-changing …

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Ein historisches Buch ohne Quellenangaben würde ja auch gar nicht gehen …

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Die Vorder- und Rückseite des Buches