Max Mutzke – Durcheinander (2012)

FrontCover1Einfach nur schön, dass immer wieder solche Alben wie dieses veröffentlicht werden, die bei mir so ne Art von Begeisterung auslösen können:

Max Mutzke auf dem Weg zur Jazz-Autobahn. Doch bevor er mit „Durch Einander“ so richtig Gas geben kann, winkt ihn die Kelle der gefürchteten Jazzpolizei heraus zur Kontrolle. Da lacht womöglich richtig fette Beute für diese knallharte Gattung Gesetzeshüter! Doch Mutzke kann der Inspektion beruhigt entgegensehen: Ist er künstlerisch doch bestens präpariert.

Es hätte so richtig schiefgehen können. Denn „Durch Einander“ setzt sich zwar aus Coversongs (auch aus dem eigenen Repertoire) zusammen. Doch Mutzke lässt den vertrauten Grundstrukturen der Originale ihren Raum und ringt jeder Nummer taufrische, oft aufregende eigene Akzente ab.

Eindrucksvoller Beleg dafür: Marvin Gayes Überklassiker „What’s Going On“. Der Soulkern steht natürlich unverrückbar wie eh und je. Doch den Groove und das Soundoutfit der Black Sixties ersetzt Mutzke – mit Unterstützung von Nils Landgren an der Posaune – durch ein abgespecktes, und gehaltvolles Jazz-Ambiente.

Gänsehaut stellt sich ein, wenn der Sänger Radioheads „Creep“ anstimmt. Mit kratziger, rauher und eindringlicher Intonation kämpft er sich hingebungsvoll bis zum emotionalen Finale durch. Die Zeile „You’re so fucking special“ klingt aus seinem Munde – gemessen am bisherigen Saubermann-Image – sogar so, als wärs seit jeher ein Stück von ihm. Diese Stimme lebt, ist hungrig und vermittelt jede Menge Credibility.

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Es erweist sich als geglückter Kunstgriff, Songs so unterschiedlicher Künstler wie den Beatles, Alicia Keys, Ideal oder Marvin Gaye als harmonisches Gesamtpaket aufzustellen. Diese Vielfältigkeit setzt sich in der Gästeliste fort: da finden sich z. B. Klaus Doldinger, Thomas D, Götz Alsmann und Christian Neander. „Durch Einander“ hinterlässt den Eindruck eines exzellenten, fein abgestimmten, mehrgängigen Menüs der Sonderklasse.

Im Verbund mit Cassandra Steen wandelt Mutzke das eigentlich totgenudelte „Me And Mrs. Jones“ (Billy Paul) in einen smarten Tanztee-Schleicher der gehobenen Güteklasse. Tausendsassa Wigald Boning verpasst dem „Sommerregen“ eine ekstatische, und fast schon freejazzig anmutende Querflöten-Inszenierung.

Ideals NDW-Kracher „Telefon“ reißt von Anfang an mit, und erfährt seine Veredelung durch eine quirlig herumwirbelnde Improvisations-Passage im letzten Songdrittel. Wirkungsvoll entschlackt Mutzke Alicia Keys‘ „Empire State Of Mind“ vom hymnischen Charakter des Originals. Durch den Verzicht auf große Orchestrierung wirkt die Nummer in seiner Umsetzung nachdenklicher, und sogar ein wenig düster. Lässig-gekonnt: Alsmann mit Akkordeon auf „Du Und Ich“. Knackig: Thomas Ds‘ Rap-Parts für „Du Bist Zu Sexy“.

Sämtliche Titel wurden während zweier Studiotage vornehmlich im First Take-Verfahren eingespielt, was Transparenz und gleichzeitiger Vielschichtigkeit sehr zugute kommt. Dadurch bedingt schimmert häufig ein Live-Charakter in den Aufnahmen durch. Der Verzicht auf eine womöglich zu hochpolierte Nachproduktion erweist sich fürs Klangbild als perfekte Vorgehensweise.

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Trotz des vorzüglichen Gesamtresultats beschlichen Max Mutzke viele Zweifel im Vorfeld, wie er mir im Rahmen eines Live-Gigs während der Hamburger Jazz-Tage verriet: „Ich war total unsicher, als ich die Bühne betrat. Ich dachte, das geht alles schief heute. Mag das überhaupt jemand hören? Um so glücklicher war ich dann über die Resonanz des Publikums.“ Kein Wunder: Die erste Liveumsetzung hinterließ ebenso begeistert wie lautstark feiernde Zuhörer.

Pech also für die pingelige Jazzpolizei. Die wird zwar manch dezent eingewobenen Popappeal gewiss schief von der Seite anschauen, aber so richtig fündig werden die Ordnungshüter nicht bei all dem positiv herumwirbelnden „Durch Einander“ des Max Mutzke. Freie Fahrt deshalb für Album und Sänger – der 2012 ganz klar sein bislang ambitioniertestes und gleichzeitig stärkstes Werk vorlegt. (Artur Schulz)

Ja, ja, ja … so ein Album nenn´ ich einen  Glücksfall und dann nehme ich es billigend in Kauf, dass auch ein Stefan Raab als Texter bei einigen Songs mitgewirkt hat.

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Besetzung:
Götz Alsmann (accordion bei 10.)
Wigald Boning (flute bei 07.)
Thomas D (rap bei 14.)
DJ E.A.S.E. (Programmed By, Beat  bei 14.)
Roberto Di Gioia (keyboards, cello, bass bei 07. + 14.)
Klaus Doldinger (saxophone bei 08.)
Wolfgang Haffner (drums, percussion)
Andreas Kurz (bass)
Nils Landgren (trombone bei 13.)
Bruno Müller (guitar bei 03.)
Max Mutzke (vocals)
Menzel Mutzke (trumpet bei 02. + 16.)
Christian Neander (guitar bei 06.)
Stephan Schulze (flugelhorn, trombone, tuba bei 1o.)
Cassandra Steen (vocals bei 09.) (tracks: 9)
Sebastian Studnitzky (trumpet bei 17.)

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Titel:
01. Telefon (Humpe/Krüger) 3.45
02. Vielleicht (featuring Menzel Mutzke) (Madsen) 3.46
03. Weil ich dich liebe (featuring Bruno Müller) (Mutzke/Raab) 3.43
04. Creep (Mutzke/Raab) 4.16
05. Empire State Of Mind (Keys/Jay-Z) 4.15
06. Ohne dich (featuring Christian Neander) (Neander/Plewka/Schmidthals/Eggert/Neumann) 4.55
07. Sommerregen (featuring Wigald Boning) (Rieke/Schmidt/Dürr/Beck/Rüger) 4.36
08. Singing My Song For You (featuring Klaus Doldinger) (Sutton/Sherrill/Wynette) 4.39
09. Me And Mrs. Jones (featuring Cassandra Steen) (Gamble/Huff/Gilbert) 4.24
10. Du und ich (featuring Götz Alsmann + Stephan Schulze) (Kerstgens/Deininger/Servaes) 3.33
11. Marie (Mutzke) 4.27
12. You Are So Beautiful (Preston/Fisher) 4.17
13. What´s Going On (featuring Nils Landgren) (Gaye/Benson/Cleveland) 4.59
14. Du bist zu sexy (featuring – DJ E.A.S.E., Nightmares On Wax, Thomas D) (Mutzke/Balk/Thomas D) 3.25
15. Michelle /Lennon/McCartney) 3.53
16. Song für dich (featuring Menzel Mutzke (Mutzke/Raab) 3.51
17. Durcheinander (featuring Sebastian Studnitzky) (Mutzke/Kurth/Haffner/Studnitzky) 6.05

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