Michaela Melián – Föhrenwald (2005)

FrontCover1Ich habe in diesem blog schon mal über die Siedlung Föhrenwald berichtet und zwar hier.

Und das ist die Geschichte der Siedlung Föhrenwald:

Das Displaced Person (DP)-Lager “Föhrenwald” bei Wolfratshausen wurde im Frühjahr 1945 von den Amerikanern in den Arbeiterheimen der ehemaligen IG-Farben Munitionsfabrik eingerichtet. Dort waren bereits kurz zuvor die wenigen Überlebenden des Dachauer Todesmarsches untergebracht worden.

In Bayern existierten kurz nach Kriegsende fast 60 solcher Auffanglager für so genannte Displaced Persons. Als DPs bezeichneten die Alliierten Menschen, die infolge des Krieges aus ihren Heimatländern verschleppt, geflüchtet oder vertrieben worden waren. Deutsche Heimatvertriebene zählten nicht dazu.

Die DPs sollten auf die Auswanderung nach Palästina oder in andere Staaten wie USA, Kanada oder Südamerika vorbereitet werden. Die Mehrheit der anfänglich sechseinhalb bis sieben Millionen DPs in Deutschland verließ diese Lager noch bis September 1945. Eine Million Flüchtlinge und Zwangsarbeiter aus Osteuropa, aber auch rund 150.000 jüdische Überlebende blieben. Diese heimatlos gewordenen Opfer des nationalsozialistischen Regimes hatten zum großen Teil ihre übrige Familie in den Konzentrationslagern verloren. Viele konnten wegen des in Polen weiterhin bestehenden Antisemitismus nicht in ihre Heimatorte zurückkehren, die auch größtenteils durch den Krieg zerstört worden waren.

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Das Lager Föhrenwald wurde von den Alliierten ausschließlich für Juden bestimmt. Anfang 1946 lebten dort bis zu 4.000 DPs, im Winter 1951/52 noch immer 2.000. Föhrenwald wurde 1957 als letztes DP-Lager in Deutschland geschlossen. Heute ist es als Ortsteil Waldram der Stadt Wolfratshausen angegliedert. (Quelle: badehauswaldram.de)

Und diese Siedlung für diese geschundenen Opfern des Nazi-Terrors war dann auch für die Künstlerin Michaela Melián Anlass genug,

Michaela Melián (* 15. Juni 1956 in München) ist eine deutsche Künstlerin und Musikerin. Sie ist Mitgründerin der Band F.S.K. und seit 2010 Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) in Hamburg.

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Das Gelände von Föhrenwald, ca. 1956

Michaela Melián wuchs in München auf. Sie studierte Bildende Kunst und Musik (Cello) in München und London. Über die Zeitschrift Mode und Verzweiflung lernte sie Ende der 1970er Jahre Thomas Meinecke, Justin Hoffmann und Wilfried Petzi kennen, mit denen sie die Zeitschrift herausgab. 1980 gründeten die vier ihre Band F.S.K., mit der Melián als Sängerin und Bassistin durch Europa und in die USA tourte. Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitet sie als Künstlerin, Musikerin und lehrte zuvor an verschiedenen Universitäten: Akademie der Bildenden Künste, München (1998–1999), der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HfbK, 2006–2008) und an der ETH Zürich (2008–2009).

Michaela Melián 2015

Michaela Melián, 2015

Ihre Produktion, das Hörspiel Föhrenwald, das sich mit dem ehemaligen Lager Föhrenwald beschäftigt, wurde Hörspiel des Monats Juli 2005, gewann im November 2005 den Publikumspreis ARD-Online-Award der ARD-Hörspieltage und wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 2005 ausgezeichnet. Das Hörspiel wurde Hörspiel des Jahres 2008. 2009 sang sie auf dem Album „Die Entstehung der Nacht“ von der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen.

Mit ihrem Konzept Memory Loops gewann Michaela Melián 2008 den Kunstwettbewerb der Landeshauptstadt München „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk/Hörspiel und Medienkunst verwirklicht und als Hörspiel des Jahres 2010 ausgezeichnet. 2012 erhielt Memory Loops den Grimme Online Award SPEZIAL. „Memory Loops – 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933–1945“ basiert auf Transkriptionen historischer und aktueller Originaltöne von NS-Opfern und Zeitzeugen. Michaela Melián entwickelt daraus Collagen aus Stimmen und Musik, die mit der Topographie des Nationalsozialismus in München verknüpft sind. Sie können entweder einzeln mit Standortbezug gehört werden oder in einer Einheit als gestaltetes Hörspiel. Neben den deutschen Tonspuren sind auch 175 Zeitdokumente in Englisch abrufbar.

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Melián lebt mit Ehemann Thomas Meinecke in Oberbayern.

Typisch für Meliáns Arbeiten sind Verbindung von Kunstobjekten und Klang. Ähnlich wie in der Musik von F.S.K. greift sie historische Geschichten, die oft auf eine bestimmte örtliche Gegebenheit bezogen oder mit einer bestimmten musikalischen Assoziation verbunden sind, auf und verfremdet sie, so dass von der ursprünglichen Assoziation nur überlagerte Spuren übrig bleiben. (Quelle: wikipedia)

Booklet06ASo eine Hörbuch nennt man heutzutage wohl „oral history“ und viel eindringlicher geht es nicht mehr:

Es klingt wie Hohn: Eine von Nationalsozialisten Ende der 30er Jahre erbauten Musterwohnsiedlung namens „Föhrenwald“, etwa dreißig Kilometer südlich von München gelegen und für Zwangsarbeiter der nahen Munitionsfabrik gedacht, diente nach dem Zweiten Weltkrieg als exterritoriale Siedlung für „Displaced Persons“ jüdischer Abstammung. Menschen am falschen Ort – Verschleppte oder Zwangsumgesiedelte, Überlebende des Holocaust, die auch in Nachkriegsdeutschland eigentlich nicht erwünscht waren und darauf warteten, endlich in einen neu zu gründenden jüdischen Staat auswandern zu können. Sie „durften“ mit einer geringfügigen Veränderung ihres Status´ hinter genau dem Stacheldraht verbleiben, den die Zwangsarbeiter der Rüstungsindustrie während der Naziherrschaft täglich vor Augen hatten.

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In dieser Siedlung wurden die Straßen und Plätze mehrmals umbenannt. Der einstmalige „Adolf-Hitler-Platz“ hieß beispielsweise später „Roosevelt Straße“ und schließlich „Seminarplatz“. Das Camp existierte bis 1957.Die wechselhafte Realität animierte die Künstlerin und Musikerin Michaela Melián zu dem multimedialen Projekt „Föhrenwald“, dessen Hörspielpart 2005 vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde. Melián erhielt dafür den „Online Award 2005“ der ARD-Hörspieltage. Darüber hinaus wurde es von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt im Juli 2005 als Hörspiel des Monats ausgezeichnet. Im Mai 2006 erhielt die Arbeit den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“.Individuelle, professionelle Sprecherinnen und Sprecher erzählen vom Lagerleben: Erinnerungen von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern sowie Berichte aus der Entstehungszeit der Siedlung. Das Ganze sachlich und ohne große Emotionen. Der ständige Fluss der Musik lässt kontinuierlich die Lebenslinien einzelner namenloser Schicksale im Hintergrund vorbeiströmen. Fragmente aus den Werken von Bach, Schubert, Mendelssohn-Bartholdy und Beethoven werden kollagiert zu einem Ambient-Soundtrack, der beinahe tranceartige Stimmung erzeugt. (Klaus Hübner)

Kurz und bündig: Ein kleines und zugleich großes Meisterwerk !

Booklet04ABesetzung (Sprecher):

Philip Götz – Leonie Hofmann – Gabriel Hecker – Marion Breckwoldt – Peter Brombacher – Eva Gosciejewicz – Hans Kremer – Anna Barbara Kurek – Stefan Merki – Stefan Zinner

Musik: Michaela Melián + Carl Oesterhelt

Realisation: Michaela Melián

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Hauptgebäude Föhrenwald, ca. 1956

Titel:
01. Föhrenwald 50.40

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Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das ehemalige Zwangsarbeiterlager Föhrenwald von den Amerikanern in ein DP-Lager umgewandelt. Diejenigen, die den Holocaust überlebt hatten und zu schwach, zu krank oder zu arm waren, um Deutschland, das Land der Täter, sofort zu verlassen, fanden hier eine Unterkunft. Föhrenwald wurde erst 1957 geschlossen, es existierte länger als die anderen DP-Lager in Bayern.

Die Umbenennung von Straßen und Plätzen bei wechselnden politischen oder hierarchischen Veränderungen dient ganz vorneweg einer auch optisch favorisierten Hegemonie neuer Machtverhältnisse. Man kann das in Diktaturen genauso beobachten wie in Volksdemokratien oder adliger Herrschaftsmacht. Sehr deutlich wird diese Praxis im Hörspiel „Föhrenwald“ von Michaela Melián herausgestellt.

Alexander Fuhrmann – Es brennt, Brüder, es brennt… – „Reichskristallnacht“ – 9.10. November 1938 (TV Dokumentation) (1988)

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Mit den Novemberpogromen 1938 trieben die Nationalsozialisten ihren „Krawallantisemitismus“ auf die Spitze und gingen zum offenen Terror über. Hunderte Synagogen brannten nieder, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, 91 Menschen starben. Tausende Juden wurden in KZ verschleppt.

„Reichskristallnacht“ nannte der Volksmund die Ausschreitungen gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Propaganda des Joseph Goebbels sprach vom „spontanen Volkszorn“, doch die Terrorakte waren reichsweit bestens organisiert. Aktivisten der NSDAP zündeten hunderte Synagogen an, zerstörten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Es kam zu Plünderungen, 91 Menschen wurden getötet, rund 30.000 jüdische Männer vorübergehend in Konzentrationslager verschleppt. Als Vorwand für die Aktionen diente die Ermordung des deutschen Legationsrates Ernst vom Rath in Paris. Mit dem Attentat hatte der 17-jährige Jude Herschel Grynspan auf die Abschiebung seiner Familie aus Deutschland nach Polen reagiert.

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Die Sendung beleuchtet nicht nur Ursachen und Geschehnisse der “Reichskristallnacht”, sie macht auch deutlich, dass der rassistische Antisemitismus Staatsdoktrin im „Dritten Reich“ war. Die Hetz- und Diffamierungskampagnen der Nationalsozialisten fielen auf einen fruchtbaren Boden, viele Deutsche beteiligten sich an der Judenverfolgung und profitierten von der „Arisierung“ jüdischen Besitzes. Zwei Zeitzeugen kommen zu Wort: Alfred Jachmann, der später nach Auschwitz deportiert wurde, und die Berliner Ärztin Hertha Nathorff, der es gelang, Deutschland zu verlassen. (Quelle: Pressetext)

Das Thema ist hinlänglich bekannt, daran zu erinnern bleibt dennoch eine vordringliche Aufgabe.

Und auch bei dieser Dokumentation wird überdeutlich, dass die erst subtile, späer dann brutale Verfolgung der Juden land auf, landab öffentlich propagiert wurde.

Von wegen: „Ich habe von nichts gewusst“.

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Besetzung:

Sprecher:
Anja Buczkowski
Gert Heidenreich

Buch und Regie: Alexander Fuhrmann

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Die Synagoge in der Frankfurter Altstadt (Max Beckmann)

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Die Synagoge in der Frankfurter Altstadt (09.11.1938)

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Er überlebte Ausschwitz … er verstarb dann im Juli 2002

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„Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein
Jud
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
(Martin Niemöller)

Beno Salamander – Kinderjahre im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald (2011)

KinderjahreInFöhrenwald01AHeiter ist dieser Beitrag wahrlich nicht … aber auch das Teil dieses blogs … der ja irgendwie so ne Art Bestandsaufnahme deutchen Lebens und deutscher Kultur sein soll.

Und darum geht es:

Das Lager Föhrenwald im Ortsteil Waldram in der Stadt Wolfratshausen in Oberbayern als anfängliche städtische Siedlung wurde zu einem Lager für Zwangsarbeiter und nach 1945 zur einem Lager für Flüchtlinge und ist heute wieder eine Wohnsiedlung.

Erbaut 1937, war die Anlage zunächst eine Wohnsiedlung in Einfamilien- und Reihenhaus-Bauweise zur Unterbringung von Beschäftigten der Sprengstoff- und Munitionsfabriken der Deutschen Sprengchemie GmbH (DSC) und der Dynamit Actien-Gesellschaft (DAG) im Staatsforst von Wolfratshausen. Bei den Beschäftigten handelte es sich um Zwangsarbeiter, Angehörige des Reichsarbeitsdienstes in der Zeit des Nationalsozialismus sowie um zivile Angestellte (vorwiegend in der Verwaltung). Neben dem Lager Föhrenwald existierten in der Nähe noch die Lager Buchberg auf der heute sogenannten Böhmwiese gegenüber dem Rathaus von Geretsried sowie Stein (heute Stadtteil von Geretsried).

Aus dem Lager Föhrenwald entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Auffanglager für so genannte Displaced Persons (DP), die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik entkommen waren. Daher wird das Lager Föhrenwald in der Literatur auch als DP-Lager bezeichnet.

Straße im DP-Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen 1956

Unmittelbar nach dem Kriegsende in Bayern wurde das Lager von der amerikanischen Armee zur Unterbringung von befreiten Zwangsarbeitern verwendet. Auch einige Überlebende des Todesmarsches der Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau wurden nach ihrer Befreiung Anfang Mai 1945 im Lager Föhrenwald untergebracht.

Mit der Zeit kamen immer mehr jüdische Überlebende des Holocaust nach Föhrenwald, so dass das Lager im September 1945 zum Jewish Displaced Person Center erklärt wurde.

Plan des Lagers Föhrenwald

Ab November 1945 übernahm eine internationale Hilfsorganisation, die UNNRA, die Verwaltung aller DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone. Das Lager Föhrenwald wurde danach in weitgehender Selbstverwaltung von einem lokalen Rat unter dem Vorsitz von Henry Cohen geleitet. Diese Veränderungen standen im Zusammenhang mit der Umsetzung der Vorschläge des Harrison-Reports, der die allgemeine Lage in den DP-Lagern in Deutschland und Österreich scharf kritisiert hatte. Zwischen 1946 und 1948 war Föhrenwald mit ungefähr 5.600 Bewohnern eines der größten DP-Lager in der Amerikanischen Besatzungszone.

Für die meisten Bewohner des Lagers Föhrenwald kam eine Repatriierung in ihre Herkunftsländer oder ein Verbleiben in Deutschland nicht in Frage. Die Mehrheit bemühte sich darum, nach Israel (zunächst noch britisches Mandatsgebiet) beziehungsweise in die Vereinigten Staaten oder Kanada auszuwandern. Viele der Auswanderer kehrten jedoch nach persönlichen Rückschlägen oder infolge von gesundheitlichen Problemen illegal nach Föhrenwald zurück. Ein anderer Teil der Bewohner war durch das erlittene Unrecht geschwächt oder krank. Diese Menschen waren daher dauerhaft auf Unterstützung durch Hilfsorganisationen wie zum Beispiel das American Joint Distribution Committee und die deutsche Fürsorge angewiesen.

Neben denjenigen, die noch auf eine Ausreise warteten, mussten zwischen 1949 und 1953 insgesamt circa 3.500 sogenannte „Rückwanderer“ zeitweise in Föhrenwald untergebracht werden. Dies waren Menschen, die bereits in andere Länder – zumeist nach Israel – ausgewandert waren, die sich jedoch dort keine Existenz hatten aufbauen können, oder aus gesundheitlichen Gründen zurückkehren mussten.

LageDem Lager Föhrenwald angegliedert war auch eine Barackensiedlung nahe Königsdorf, das ehemalige Hochlandlager, das 1936 für Zwecke der Hitlerjugend und des BDM errichtet worden war. Nach dem Krieg wurden im Hochlandlager von der Hagana Offiziere für die bevorstehenden Auseinandersetzungen um die Staatsgründung Israels ausgebildet.

Ab Dezember 1951 kam das Lager Föhrenwald unter deutsche Verwaltung und wurde zum „Regierungslager für heimatlose Ausländer“ erklärt. Das Lager Föhrenwald wurde offiziell 1956 aufgelöst, die letzten Bewohner verließen das Lager jedoch erst im Februar 1957.

Das Gelände und die Wirtschaftsgebäude waren bereits im Oktober 1955 durch das von Kardinal Joseph Wendel gegründete Diözesansiedlungswerk und die Erzdiözese München und Freising erworben worden, die hier später auch das Spätberufenenseminar St. Matthias mit Gymnasium und Kolleg einrichtete. Ab April 1956 wurden auf dem Gelände heimatvertriebene Familien angesiedelt, so dass zeitweise Displaced Persons und deutsche Heimatvertriebene gemeinsam auf dem Gelände des Lagers Föhrenwald lebten.

Die Gebäude wurden renoviert und zu günstigen Konditionen an Heimatvertriebene und Wolfratshauser Familien verkauft. Im Laufe der Nachkriegszeit entstand so aus dem ehemaligen Lager Föhrenwald seit 7. November 1957 der Wolfratshauser Ortsteil Waldram. (Quelle: wikipedia)

Und ein Beno Salamander (Jahrgang 1944)  hat als Kind in diesem Lager gelebt;

KurzbiographieBenoSalamanderWie es dazu kam, dass er dann schlußendlich seine Erinnerungen an jene Jahre aufzeichnete (veröffentlicht von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Zusammenarbeit mit dem Jüdischem Museum, München, 80 Seiten), ist mir grad nicht bekannt, aber es sind wertvolle Erinnerungen, denn Geschichte ist immer auch die Geschichte von Individuen und ganz sicher nicht nur die Geschichte von großen Konferenzen und Plenardebatten.

Beno Salamander kam mit seiner Familie 1951 nach Föhrenwald:
„War das Leben für uns Kinder unbeschwert und voller Abenteuer, so war es für die Erwachsenen bedrückend und voller Entbehrungen: Ein Provisorium mit einer ungewissen Zukunft,“ schreibt Beno Salamander und erzählt auf bewegende Weise über das Leben in einem DP Lager. Er erzählt von den Freundschaften zu anderen DP-Kindern, die teilweise bis heute noch bestehen, aber auch von der schweren Krankheit seiner Mutter. Wer das Leben in einem DP-Lager einmal durch Kinderaugen sehen möchte, dem sei die Lektüre „Kinderjahre im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald“ von Beno Salamander empfohlen.

Und nachdem ich mehr als 20 Jahre genau in jener Gegend (also Geretsried und Wolfratshausen) gelebt habe, packt mich das Thema ganz besonders, insbesondere weil ich mich damals sehr wenig über jenen historischen Ort gekümmert habe … Das will und kann ich hier nun ein wenig nachholen.

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Das Zeugnis des Beno Salamanders aus dem Jahr 1951

Kinderheilstätte, Ruhpolding (1952)

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Benno Salamander signiert sein Buch (2012)

Und heute ist er wohl ein erfolgreicher Internist.

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Prospekt der Wanderausstellung

Verschiedene Interpreten – Klangdenkmal für die Opfer des Holocaust (2004)

FrontCover1Ganz sicher eins der ambitioniertesten Musikprojekte der letzten Jahre. Ganz sicher ein Projekt von besonderer Güte aber auch ganz sicher ein Album mit schwer verdaulicher Kost:

26 Variationen zu einem Thema, über das man sich verbal nur schwer äußern kann. Die Unfassbarkeit und Dimension des Holocaust lässt sich zwar mit Fakten, Daten und Zahlen beschreiben, aber das Leid der Opfer, das Bedauern des Geschehenen, die Konsequenz – auch oder gerade -für das eigene Leben ist schwer zu „fassen“. Vielleicht gibt es gerade auch deshalb Musik, denn sie ist „Sprache wo Sprache endet“ (R. M. Rilke) und gibt uns die Möglichkeit, ohne verbale Rahmen Gefühl und Ratio zu verbinden, Trauer und Hoffnung ineinander fließen zu lassen und der Opfer auf diese Weise in besonderer Art zu gedenken.

„Das Klangdenkmal für die Opfer des Holocaust“ haben 27 Komponisten des Deutschen Komponistenverbandes „gebaut“. Das Projekt wurde 1999 nach einem einstimmigen Beschluss im Landesverband Berlin gestartet. Komponisten unterschiedlichster Generationen und künstlerischer Herkunft beteiligten sich. Ausgangspunkt war das Thema eines Liedes von Coco Schumann. Er wurde als Sohn einer jüdischen Mutter verfolgt, in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Dachau deportiert, überlebte und steht heute noch als Musiker auf der Bühne. Das Thema seiner Komposition wurde für die Besetzung eines Streichquartetts bearbeitet und in alphabetischer Reihenfolge nacheinander an alle Mitwirkenden des Projekts gesandt.

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Jeder Künstler hatte dann die Möglichkeit unter Berücksichtigung des Ausgangsthemas an seinen Vorgänger kompositorisch anzuknüpfen oder unabhängig in eigener Weise fortzufahren. Die Länge des jeweiligen Beitrags sollte ein bis zwei Minuten betragen. Nach zweijähriger Arbeit entstand so, entgegen aller Zweifel ein erstaunlich homogenes, musikalisches Stück Zeitgeschichte von Künstlern der verschiedensten Genre zwischen Jazz, Avantgarde und E-Musik. Ein Werk, in dem Vergangenheit und Gegenwart als Summe persönlichen Erfahrens und subjektiven Erlebens in jeweils eigener künstlerischer Verarbeitung der beteiligten Komponisten zu einem ideellen Ganzen zusammenfließen.

Wie gesagt: keine leichte Kost … aber kann es bei diesem Thema „leichte Kost“ geben ?

Holocaust

Titel:
01.  Coco Schumann: Thema aus dem Lied „Jedes liebe Wort“  1.22
02. Variation von Maria Babtist 1.49
03. Variation von Reiko Clement 1.20
04. Variation von Hans-Jörn Brandenburg  1.21
05. Variation von Raimond Erbe 1.11
06. Variation von Lutz Gerlach 1.15
07. Variation von Joachim Gruner 1.20
08. Variation von Friedrich Graef  1.53
09. Variation von Helge Jung  1.32
10. Variation von Maria Kroutairskaia 2.05
11. Variation von  Gottfried Klier 1.36
12. Variation von Kurt Dietmar Richter 2.49
13. Variation von Siegfried Matthus 0.54
14. Variation von Helmut Oehring 2.08
15. Variation von Daniel Seitz  1.34
16. Variation von Werner Seitz 3.02
17. Variation von Christoph Schambach 1.47
18. Variation von Oskar Siebert 2.26
19. Variation von Stefan Sobotta  1.33
20. Variation von Otto Ruthenberg  1.18
21. Variation von Lexa A. Thomas  0.59
22. Variation von Peter Weirauch 2.24
23. Variation von Gebhard Ullmann 1.45
24. Variation von Christian Steyer 2.53
25. Variation von Karl Heinz Wahren 0.59
26. Variation von Lothar Voigtländer 1.59
27. Variation von Hannes Zerbe 1.06
28. Schlussthema von Coco Schumann 1.45

Ursprüngliche Komposition: Coco Schumann

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Mechthild Müser – Nazi-Swing als Propaganda – Charlie and his Orchestra (2008)

Label1Schon seit längerer Zeite habe ich ein umfangreiches Audio-Archiv der deutschen Jazz Kapelle Charlie And His Orchestra … Ich hatte allerdings nicht die geringste Lust, diese Musik hier zu präsentieren. Der Grund ist einfach: Diese Kapelle war ein Propagandainstrument der Nationalsozialisten, das seit 1939 eingesetzt wurde, um im Rahmen des Auslandsrundfunk eingesetzt wurde, um die „Gegenseite“ zu demoralisieren. Allein die Texte sind so widerlich, dass es sich verbot, diese Musik hier unkommentiert zu präsentieren.

Dann habe ich neulich einen Rundfunkmitschnitt zu diesem Thema gefunden und diesen will ich nun hier präsentieren:
„Charlie and His Orchestra

Ein fast unbekanntes Stück nationalsozialistischer Radiogeschichte

Sie haben es lange geschafft, im Dunkeln zu bleiben, die Musiker jener geheimnisvollen Big Band, die sich „Charlie and His Orchestra“ nannte. Als einzige deutsche Band spielte sie im offiziellen Auftrag jene Musik, die in Nazi-Deutschland nicht gespielt werden durfte: Swing.

Den Augen und Ohren der Öffentlichkeit verborgen nahmen bekannte Musiker wie Lutz Templin, Willy Berking und Freddy Brocksieper mit dem Sänger Karl Schwedler und weiteren europäischen Elite-Musikern in schallgedämpften Studios beliebte amerikanische Hits auf – und mischten nationalsozialistische Propaganda-Texte in englischer Sprache dazu, häufig in Anbindung an das aktuelle Kriegsgeschehen. Ziel war es, mit dieser heiklen Mischung über Rundfunksendungen die Bevölkerung im sogenannten Feindesland zu infiltrieren.

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Freddy Brocksieper

Als Texter fungierten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, des Reichspropaganda-Ministeriums und der englischsprachigen Sendungen verschiedener deutscher Kurzwellensender. Sie waren erfolgreich. Zu Beginn des Krieges soll jeder vierte Engländer das Programm „Germany Calling“ gehört haben – amüsiert oder empört. Die BBC setzte sogar einen Ausschuss ein, um zu untersuchen, wie „groß die Gefahr der Sendungen“ sei und was man dagegen tun könne.

Mehr zufällig waren Jahre nach Kriegsende Plattenaufnahmen von „Charlie and His Orchestra“ entdeckt worden, dann machten sich Jazz-Kenner gezielt auf die Suche. Inzwischen sind zahlreiche Titel auf CD erhältlich und die Namen der Beteiligten aufgedeckt. Aus Scham oder Angst vor den Folgen hatten sie ihre Arbeit für Goebbels verschwiegen. Erst in hohem Alter gaben einige der Musiker zu, dass die Lust am Swing, das Geld und die Freistellung vom Wehrdienst schwerer gewogen hätten als ihr schlechtes Gewissen.“ (Quelle: Deutschlandfunk)

Dass über dieses Thema derart viel fundiertes Material vorhanden ist, haben wir eben dem deutschen Jazz-Sammler Rainer Lotz zu verdanken. Der hat in seinem famosen Archiv in Hamburg neben 1000 anderen Raritäten ebenauch über all die Jahe diverse Aufnahmen dieses Orchesters zusammengetrangen

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Der Jazz-Sammler Rainer Lotz

 

In diesem hörenswerten Radiobeitrag hört mann dann nicht nur ihn, sondern es kommt auch Coco Schumann, der deutsche Jazzgitarrist, der wegen seiner jüdischen Abstammung im III. Reich so einiges erleben und erleiden musste.

Aber auch der Schlagzeuger Freddy Brocksieper kommentiert jene Zeiten im O-Ton.

Ich kann diesen Radiomitschnitt nur empfehlen und um das Thema abzurunden, habe ich dem Info-Päckchen neben dem Radiomitschnitt noch das Sendemanuskript, einen ausführlichen „Spiegel“-Artikel zu dem Thema sowie einen Zeitungsbericht über Rainer Lotz hinzugefügt.

 

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CD´s von Charlie & His Orchestra

 

Selten war mir so speiübel, wenn ich Jazz gehört habe …

 

SendeManuskript

Sendemanuskript

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LVR-Industriemuseum Ratingen (Hrsg.) – Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich (2015

TitelEs war meine Frau Gemahlin, die mich im letzten Jahr dazu motivierte, nach Augsburg zu fahren, um diese ganz spezielle Moden-Ausstellung zu besuchen. Und ich habe es nicht bereut.

Das LVR-Industriemuseum Ratingen untersuchte in einem außergewöhnlichen Forschungsvorhaben die Alltagskleidung der Menschen, Trage- und Konsumgewohnheiten, die Verfügbarkeit von Kleidung und Mode sowie deren Herstellung in der Zeit des Nationalsozialismus. In Kooperation mit der Philipps-Universität Marburg, Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, entstand so das Forschungsprojekt „Soziokulturelle Untersuchungen zur Bekleidungsgeschichte der 1930er/40er Jahre“, das mit finanzieller Hilfe der VolkswagenStiftung realisiert wurde. Die Sonderausstellung „Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich“ war das sichtbare Ergebnis der ersten Etappe.

Diverse in der Literatur sowie in Spiel- und Dokumentarfilmen immer wieder vermittelte Stereotype über diese Epoche in Hinblick auf das Kleidungs- und Modeverhalten und damit den Alltag werden kritisch hinterfragt. Dafür werden sowohl spezifische Kleidungsstücke untersucht als auch objektbasierte Befragungen von Zeitzeugen durchgeführt. Für beide ist der Ausgangspunkt die umfangreiche Sammlung alltagskultureller Textilien des Museums, in der sich mehr als 500 Kleidungsstücke und Accessoires aus den 1930er und 1940er Jahren befinden sowie Zeitschriften, Fotos etc., die die Bestände zur Mode und Konsumgeschichte ergänzen. Dazu kommen viele private Spenden von Ratinger Bürgerinnen und Bürgern.

„Glanz und Grauen – Mode im ‚Dritten Reich’“ zeigte die wichtigsten Erkenntnisse der bisherigen Forschungsarbeit und war zugleich Abschluss der ersten Etappe eines Forschungsprozesses, der mit der Ausstellung zur Diskussion gestellt wurde. Das Team erhielt vom Feedback der Besucherinnen und Besucher auch Impulse für die weitere Forschungsarbeit.

Im Rahmen der Untersuchung werden noch eine wissenschaftliche Fachtagung und eine Fachpublikation zum Abschluss des Forschungsvorhabens folgen.

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Da erinnert sich einer …

Die Uniformen der Hitlerjugend oder die fließenden Roben einer Zarah Leander – sie gelten als typisch für die Nazi-Zeit. Dieses Klischee hinterfragte die Ausstellung „Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich“. Gezeigt wurden nicht nur elegante Abendkleider, Dirndl und Uniformen. Im Mittelpunkt standen Alltagskleidung und Notgarderobe im Nationalsozialismus – und die politische Bedeutung vermeintlich banaler Hosen oder Jacken.

1933 übernahm die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Macht in Deutschland. Adolf Hitler und seine Schergen errichteten eine Diktatur, die mit Rassismus, Terror und Gewalt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 fast jeden Lebensbereich prägte.

Ihr ideologisches Ziel war das „Tausendjährige Reich“. Um es zu verwirklichen, mussten die Nazis die breite Masse der Bevölkerung hinter sich scharen. Sie lockten sie mit der Idee der „Volksgemeinschaft“ aller Deutschen, die sich unter ihrem „Führer“ für das „eine große Ziel“ einsetzte.

„Volksgemeinschaft“ definierte das Regime, indem es andere ausgrenzte. Es verfolgte und vernichtete alle, die nicht seinen Kriterien entsprachen: Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, politische Widerständler und Verweigerer. Wer dagegen „arisch“ und linientreu oder einfach angepasst war, gehörte zu den „Volksgenossen“. Denunzierung, Fehltritte oder Verweigerung konnten aber auch aus einem Kameraden jederzeit einen Verfolgten machen.

Wie sahen Mode und Kleidung des Alltags in dieser Zeit aus? Und was haben sie mit dem NS-Regime zu tun? Die Uniformen für Parteiorganisationen schufen einerseits eine sichtbare Einheit und integrierten ihre Träger und Trägerinnen in die „Volksgemeinschaft“. Die Regierung diktierte andererseits „Judensterne“ als textile Kennzeichen für eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sie ausgrenzte. Hat aber Alltagskleidung auch etwas mit Politik zu tun? Ist eine Schürze nicht einfach nur eine Schürze? (Quelle: industriemuseum.lvr.de)

Eine wirklich beeindruckende Ausstellung … und nicht minder beeindruckend ist dieses sog. Begleitbuch (102 Seiten).

Und so stell ich mir packende Geschichtsforschung vor: Ganz viel Quellenstudium, Recherchen ohne Ende … und dann auch noch die Gabe, die Forschungsergebnisse auf eine nachvollziehbare Weise darzustellen.

Von daher: ein wunderbar gelungenes Buch mit einer außergewöhnliche Variante, das III. Reich zu betrachten.

Mich verwunderte nur, warum die Herrenmode eigentlich kaum eine Rolle spielt (mit Ausnahme der Uniformen)

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„Auch im Kriege gut gekleidet … „

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Und hier geht´s zu einem „virtuellen Rundgang“ durch die Ausstellung:

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Peter Longerich – Davon haben wir nichts gewusst (2006)

TitelbildEs bleibt ein wichtiges Thema …

Davon haben wir nichts gewusst — So lautete nach dem Ende der Naziherrschaft in Deutschland die Standardantwort auf die Frage, wie man die millionenfache Vernichtung von Juden hatte zulassen können. Die historische Forschung hatte daran, dass die übergroße Mehrheit der Deutschen tatsächlich nicht gewusst haben sollte, wie das Regime mit den ja nicht etwa im Verborgenen, sondern unter großem propagandistischen Tamtam Deportierten verfuhr, zwar immer wieder wohl begründete Zweifel geäußert. Eine derart faktenreiche und auf nur annähernd so breitem Quellenstudium basierende Arbeit, wie die nun von Peter Longerich vorgelegte, stand aber bis jetzt aus.

Der Autor belegt mit seiner ebenso fundierten wie sorgfältigen Analyse, dass die Zahl derer, die sehr wohl um die Judenvernichtung wussten, um ein Vielfaches höher gewesen sein muss, als bisher angenommen. Auch wenn die Mehrheit trotz allem tatsächlich wohl nicht so genau wusste oder wissen wollte, was mit den Juden tatsächlich geschah: Je länger der Krieg dauerte, desto geringer wurde das Interesse der Naziführung zu verhindern, dass die in Umlauf befindlichen Gerüchte zur allgemeinen Gewissheit würden: „Seit Mitte 1942 propagierte das Regime zunehmend – ein ungefähres Wissen um die „Endlösung“ voraussetzend – und ganz offen, dass im Falle einer Niederlage in diesem Krieg die Juden den Deutschen das Gleiche zufügen würden, was diese ihnen angetan hatten.“

Judenverfolgung2

Und keiner wollte dies gesehen haben … 

Das Gefühl, so Longerich, dass die „Judenfrage“ unmittelbar eine Frage des eigenen Überlebens sei, „war offenbar weit verbreitet“. 1943 ging die NS-Propaganda diesbezüglich endgültig in die Offensive und bekannte sich ganz und gar unmissverständlich zu ihrer Vernichtungspolitik. Im Werben für den „Totalen Krieg“ wurde dessen Notwendigkeit für jeden deutlich hörbar damit begründet, „der jüdische Erzfeind“ müsse ausgerottet werden, bevor dieser seiner Absicht in die Tat umsetzen könne, seinerseits das deutsche Volk zu vernichten. „Die ‚dem Volk‘ abverlangten zusätzlichen Kriegsanstrengungen versuchte das Regime in ein Plebiszit für die radikalste denkbare ‚Lösung der Judenfrage‘ umzumünzen.“ Zugleich ließ man keinen Zweifel daran, dass das Volk insgesamt im Falle einer Niederlage von den Siegern wegen seiner Komplizenschaft zur Rechenschaft gezogen würde.

Als die unvermeidbare Niederlage näher rückte, vollzog das NS-Regime noch einmal einen Schwenk und belegte die „Endlösung“ parteiintern mit einem Erörterungsverbot. Doch da hatte die Bevölkerung in ihrer übergroßen Mehrheit ohnehin bereits ihre „Flucht in die Unwissenheit“ angetreten und sich so gegen die bevorstehende Generalanklage gewappnet. (Andreas Vierekce) 

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Die Verfolgung der Juden erfolgte öffentlich, und nicht im stillen Kämmerlein

 „So methodisch reflektiert, so akribisch genau ist das schwierige Thema noch nie behandelt worden. Kurzum: ein exzellentes Buch, das für eine längst fällige Korrektur unseres Geschichtsbildes sorgt.“ (Die Zeit)

„Longerichs Studie beeindruckt durch derartige Analysen und die große Materialfülle, aber auch durch die differenzierte Herangehensweise und abgewogene Urteile.“ (blick nach rechts)

»Longerichs voluminöses Werk lässt sich flüssig lesen und bietet einen guten Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit dem Thema.« (Mindener Tageblatt)

Es bleibt ein wichtiges Thema …
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Es geschah in aller Öffentlichkeit: Ohne Schuhe und mit abgeschnittenen Hosenbeinen trieben SS-Leute Michael Siegel am 10. März 1933 durch München.