Heiner Stahl – Jugendradio im kalten Ätherkrieg – Berlin als eine Klanglandschaft des Pop (1962-1973) (2010)

Titel1Bis heute höre ich gerne Radio und dementsprechend interessiere ich mich auch immer wieder mal für die sog. „Radiogeschichte“.

Einen großartigen Beitrag dazu hat Heiner Stahl geleistet und zwar mit dieser Dissertation, die hier nun auch als pdf Datei vorliegt. Und natürlich gibt es weitaus berufenere Geister als ich es bin, die sich ausführlich mit diesem Werk beschäftigt haben:

Die vorliegende Studie widmet sich einem der wirkungskräftigsten Medien der – zumindest virtuellen – Überwindung der deutsch-deutschen Grenze: dem Radio. Im Zentrum der Betrachtung steht das Jugendradio der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Die jungen Menschen waren die wohl am stärksten umkämpfte Klientel in der Hochzeit des Kalten Krieges. Sie integrierten das Radio und vor allem die Musik, die darüber empfangen werden konnte, in ihre soziale Praxis und nahmen dabei durchaus auch Einfluss auf die Programme.

Heiner Stahl untersucht aber nicht nur das Radio, sondern weitet seinen Blick auf den „Sound“ der Stadt, zu der auch Pop-Konzerte und Diskotheken gehörten. Sozialistische Machthaber drüben und demokratische Vertreter bzw. Alliierte hüben schätzten das Radio und die vornehmlich angloamerikanisch geprägte populäre Musik der Zeit einmütig als „Kommunikationswaffen“ (S. 17) ein, die eine Schlüsselrolle in der Systemauseinandersetzung spielten. Der Frage, wie ihre lange am Feinddenken orientierte Programmgestaltung von den jugendlichen Hörern umgedeutet wurde, geht Stahl in seiner Arbeit nach. Er kommt zu dem naheliegenden Schluss, dass die eigensinnigen Praktiken der Jugendlichen durchaus nicht immer herrschaftsbezogen, also im klassischen Sinn oppositionell waren. Ihre Haltungen und Aktionsformen stellten den Versuch dar, sich politischen Vereinnahmungs- und Ordnungsversuchen im privaten und öffentlichen Raum zu entziehen.

Die als Dissertation in Potsdam entstandene Studie versucht, an ältere Forschungsfelder wie die traditionell stark politisierte Geschichte des Kalten Krieges, der Jugendpolitik und des Medienkonsums anzuknüpfen und diese mit neueren kulturgeschichtlichen Ansätzen aus der Alltags- und Popgeschichte zu verzahnen. Zudem liegt die Studie ganz im Trend einer Aufwertung der in der Geschichtsschreibung lange vernachlässigten audiovisuellen Quellen.

Radio01Stahls Untersuchung rückt die historischen Akteure auf der Empfängerseite in den Mittelpunkt. Zentral ist dabei der Fokus auf die „selbst-erziehende Ebene“ (S. 35), die durch das „flüchtige Konsumieren von Musik und Sound im Radio, das Mitschneiden und die körperliche Erfahrung von Klang auf Live-Konzerten“ (S. 35) hergestellt wird. Das vorgeschlagene Konzept der „Soundscape“ (im Sinne von „Klanglandschaft“) nimmt neben der akustischen Dimension von Rundfunk- und Fernsehproduktionen auch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen in den Blick, die je nach Umwelt oder persönlichem Kontexte andere Inhalte und Bedeutungen erzeugen. Durch die Nachzeichnung „akustischer Topografien“ (S. 41) sollen soziale Beziehungen sichtbar werden, die die spezifischen Herrschaftsverhältnisse einerseits und die regional unterschiedlichen eigensinnigen Aneignungsweisen der Konsumenten andererseits beschreiben.

In Anbetracht dieser methodischen Herausforderung macht die Fokussierung auf den Berliner Raum als „Verstärkeranlage für besorgte Jugendpolitiken und sich abbildende jugendkulturelle Trends“ (S. 16) Sinn. Stahl löst seinen Anspruch mit der umfassenden Beschreibung der Rundfunkstruktur und der Entwicklung der Jugendsendungen, der Untersuchung jugendpolitischer Reaktionen, transnationaler Popkultur und jugendlicher Alltagspraxis in Ost und West überzeugend ein. Lediglich die These, dass die Begrenzungen zwischen freiheitlich-kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaften in der grenzüberschreitenden (pop-)kulturellen Sphäre aufgehoben waren (S. 44), wirkt überzogen. Denn schon im Zugang zur Popkultur und bei der Entzifferung ihrer Codes gab es durchaus systemspezifische Unterschiede, die sich nicht zuletzt in den „erlernten kulturellen Verfahren der Verständigung“ (S. 44) niederschlugen und auf die Stahl in seinem empirischen Teil selbst hinweist.

Zu Recht wird dagegen der Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Konsumkultur betont, der in der BRD und der DDR bis weit in die 1960er-Jahre als „ästhetische Sozialisationsinstanz“ (S. 57) gültig war. Erst nach und nach schwanden die sozialen Grenzen. Von Bedeutung dafür waren unter anderem die günstigen Transistorradios, die Anfang der 1960er-Jahre aufkamen, denn damit wuchsen die Möglichkeiten eines eigenständigen jugendlichen Medienkonsums. Mit Kofferradios Marke Spatz baby vom Volkseigenen Betrieb (VEB) Elektroakustik Hartmannsdorf oder dem Party-boy 210 von Grundig konnte man Radioprogramme auch außerhalb des häuslichen und oft von den Eltern überwachten Bereiches hören. Allerdings waren die in der DDR hergestellten Radiogeräte lange Zeit nicht in der Lage, Ultrakurzwellen (UKW) zu empfangen – eine Technik, auf die die westdeutschen Landesanstalten bereits 1960 umgestellt hatten, um mehr Programme anbieten zu können. Die DDR verfügte erst ab Mitte der 1960er-Jahre über die technischen Möglichkeiten, um flächendeckend auf UKW senden zu können und hinkte bei der Versorgung der Bevölkerung mit entsprechenden Radiogeräten noch lange hinterher.

Radio02Schon in den 1950er-Jahren beanspruchte eine wachsende Zahl von Jugendlichen mit zunehmendem Selbstbewusstsein auf beiden Seiten Deutschlands, an der internationalen Popkultur teilhaben zu können. Die konkurrierenden Rundfunksysteme reagierten zunächst zurückhaltend – Stahl spricht von einer „Verzögerungsgeschichte“. Erst ab 1964 integrierten sie verstärkt Popmusik in ihre Jugendprogramme, um im Wettbewerb um die jugendliche Aufmerksamkeit nicht vom Gegner abgehängt zu werden. Gleichzeitig wurden Jugendsendungen Mitte der 1960er-Jahre aufgewertet, indem sie von den Rändern der Wochenprogramme in die Mitte der vorabendlichen Sendeplätze rückten.

Die Untersuchung der verschiedenen Jugendprogramme, im Westen vor allem des RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) und des SFB (Sender Freies Berlin), im Osten des Berliner Rundfunks und seines zum Anlass des Deutschlandtreffens konzipierten Jugendprogramms DT64, zeigt, dass nicht nur in den Jugendprogrammen der Anteil der zunächst am deutschen Schlager orientierten musikalischen Unterhaltung wuchs. Auch in den anderen Programmen konnte man diesen Trend schon länger beobachten. Stahl konstatiert auf sozialistischer Seite zumindest beim Jugendradio seit den 1960er-Jahren einen ausgeprägten „Cold War Pragmatism“ (S. 55) , dem eine SED-Jugendpolitik gegenüber stand, die durch eine „gebrochene und aufgeschobene Fortschreibung von Mobilisierungsbemühungen“ (S. 79) gekennzeichnet war. Dazu gehörte, dass der Vertreter des FDJ-Zentralrates 1960 in der Jugendkommission des Politbüros forderte, einen DDR-Jugendsender nach dem Vorbild von Radio Luxemburg zu konzipieren, um auch jene Jugendlichen zu erreichen, die Westsender hörten. Dem wachsenden angloamerikanischen Einfluss versuchte man mit eigenen Formaten, in denen Jugendreporter in schnoddrigem Berlinerisch verkündeten, dass die DDR „mächtig im Kommen war“ (S. 163) etwas entgegen zu setzen.

Mit der Singebewegung der Freien Deutschen Jugend, die Elemente der amerikanischen Hootenanny-Bewegung aufgriff, sollte das Bedürfnis nach internationaler Popkultur befriedigt und gleichzeitig eine eigene deutsche und „saubere“ Popkultur angeboten werden. In diesem Zusammenhang sind auch die weitreichenden Verbote von Beat-Bands nach dem 11. Plenum des ZK im Dezember 1965 zu sehen, das Stahl zufolge nur eine „begrenzte Nachwirkung“ (S. 18) auf die Jugendprogramme im Radio ausübte. Am jugendpolitischen Profil, das mit der Sendung westlicher Titel weitgehend Rücksicht auf jugendliche Bedürfnisse nahm, wurde festgehalten. Den Hintergrund bildeten demnach gegenläufigen Interessen der ZK-Abteilungen Kultur und Agitation. Die Abteilung Kultur wollte sich durch Radio03eine strenge antiwestliche Haltung gegenüber der für Radio und Fernsehen zuständigen Abteilung Agitation profilieren. DT 64 etablierte zudem in den kommenden Jahren publikumswirksame Veranstaltungen, die die Popularität des Senders extrem erhöhten und setzte mit der Förderung bestimmter DDR-Gruppen Zeichen einer „popkulturellen Tiefenwirkung“.(S. 258) Bei der praktischen Jugendarbeit blieb man hingegen eher bei administrativen und disziplinierenden Stilen, die die Jugend zum Aufbau des Sozialismus anhalten sollten und eigenständige Freizeitaktivitäten möglichst unterbanden.

Stahl untersucht die jugendlichen Mediengewohnheiten vornehmlich in einer Zeit, in der das Radio noch das dominierende Informations- und Unterhaltungsmedium war, weil vor allem Anfang der 1960er-Jahre noch vergleichsweise wenige Haushalte über Fernsehgeräte verfügten, was sich im Laufe des Jahrzehnts zumindest in Westdeutschland rasant änderte. Auf die Unterschiede in der Verbreitung konkurrierender Medien und der damit zusammenhängenden Bedeutung des Radios in DDR und BRD geht er allerdings nicht ein. Dies ist schade, könnten doch an diesem Beispiel die strukturellen Unterschiede, die für das asymmetrische Medienverhalten in beiden deutschen Gesellschaften paradigmatisch waren, anschaulich gemacht werden. In der BRD löste das Fernsehen durch eine stärkere Verbreitung von Fernsehgeräten gerade bei Jugendsendungen wie dem Beat-Club, der seit 1965 ausgestrahlt wurde, das Radio schneller ab als in der DDR. Dort wurde erst ab 1973 mit der Sendung rund eine eigene Jugendmusiksendung im Fernsehen angeboten.

HeinerStahl

Der Autor: Heiner Stahl

Nichtsdestotrotz weitet die Untersuchung Heiner Stahls das Blickfeld der klassischen Mediengeschichte auf höchst produktive Weise, indem er sie als Ergebnis von Aushandlungen und Herrschaftsbeziehungen betrachtet. Die untersuchten Wechselwirkungen zwischen Selbstverwaltung der Anbieter, Außenlenkung und kollektiven Rezeptionspraktiken bietet nicht nur neue Einsichten in das sozialistische Herrschaftsgefüge, sondern auch in die Herrschaftsbeziehungen demokratischer Medienlandschaften.(Rebecca Menzel, Zentrum für Zeithistorische Forschung, 2012)

Soweit diese ausführliche Besprechung. Ich konnte das ganze Buch noch nicht lesen (und ich gestehe, das ist mit so pdf Datein auch nicht so ganz leicht … ) Aber die Passagen, die ich schon lesen konnte, habe mir doch sehr ob der Kenntnistiefe des Autors sehr überzeugt.

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Vorder + Rückseite des Buches

Und natürlich dürfen hier Informationen über dieses rührigen Heiner Stahl (der diverse seine Publikationen kostenlos ins Internet gestellt hat) nicht fehlen:

Autor

Und nun zur Präsentation …

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ÜberDasBuch

Verschiedene Interpreten – Programm für Millionen – Original-Dokumentation zum Thema 50 Jahre Deutscher Rundfunk (1973)

FrontCover1Also, wer sich für die Geschichte des deutschen Rundfunks auch nur annähernd interessiert, kommt an dieser Präsentation eigentlich nicht vorbei !

Am 29. Oktober 1923 ging der deutsche Rundfunk seinen Weg in das Land.

Und von daher kam es, dass man dann 1973 – man feierte das 50. Jubiläum – diese aufwendig gestaltete Box auf den Markt brachte.

Und wir hören „wichtige und interessante Höhepunkte aus Rundfunksendungen der Vergangenheit. Zwei Langspielplatten und ein reichbebildertes Beilageheft. Ein radioaktiver Report über ein erregendes Stück Zeitgeschicht 1923 – 1949“.

So kann man es auf der Hülle lesen. Und damit nicht genug … es gibt dann noch als Drauf- bzw. Zugabe eine Bonus-Single mit den Titeln „Liebes altes Dampfradio“ (Bully Buhlan) und „Ti-Pin-Tin“ (Teddy Stauffer mit der Sängerin Rosita Serrano – live in Berlin am 22. November 1938 in Berlin).
Dieses Werk konnte nur entstehen in der Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Rundfunkarchiv“… und die Zusammenstellung (was für eine Wahnsinnsarbeit) lag bei Walter Haas (damals Redakteur des NDR).

Was soll ich da noch schreiben … außer, dass diese Box einfach ne Wucht ist … unglaublich, was hier zusammengetragen wurde (ich hätte die Auswahl nicht treffen wollen).

Zu hören gibt es

Ergreifendes, sportliches, politisches, amüsantes, literarisches aus 5 Jahrzehnten, eine schier unglaubliche Fülle … Prädikat: atemberaubend !

 

Hier ein paar Beispiele aus dem ausführlichem Begleitheft (liegt der Präsentation bei, versteht sich ja von selbst)

Beispiel01.jpg

Beispiel02

Beispiel03

Beispiel04

Beispiel05

Beispiel06

Beispiel07

Beispiel08

Titel:

01. 1.Teil: 1923-1930  (27.29)
02. 2.Teil: 1930-1932  (27.10)
03. 3.Teil: 1933-1934  (27.14)
04. 4.Teil: 1935-1949  (28.03)
+
05. Bully Buhlan: Liebes, altes Dampfradio (Jary/Haas) 5.20
06. Teddy Stauffer + Rosita Serrano: Ti-Pi-Tin (Grever) 3.41

Und so schaut dann die Titelliste von Teil 1 aus:

Beispiel11

Der geneigte Leser wird es nachvollziehen, dass ich hier nicht alle Titel abtippen wollte …

Weitere Informationen befinden sich dann im Begleitheft.

Wer hier nicht zuschlägt, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

 

LabelD1

 

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ExtraSingle

Die Extra Single

SingelLabelB1