Michael Schorr – Schultze gets the blues (2003)

FilmplakatEin wirklich feiner Film, der da 2003 in die Kinos kam:

Schultze gets the blues ist ein deutscher Film aus dem Jahr 2003. Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat Michael Schorr, bundesweiter Kinostart war der 22. April 2004. Schorr hatte seit 1995 an dem Projekt gearbeitet. Gedreht wurde 2002 in Sachsen-Anhalt, Texas und Louisiana.

Die Tragikomödie fällt – mit Ausnahme des Hauptdarstellers Horst Krause – durch weithin unbekannte Schauspieler (teilweise Laiendarsteller), Landschaftsaufnahmen und den Soundtrack mit Zydeco- und Cajun-Musik sowie Polka auf.
In einem abgeschiedenen Dorf in Sachsen-Anhalt (Teutschenthal bei Halle) wird der Bergarbeiter Schultze zusammen mit seinen Kollegen Manfred und Jürgen in den Vorruhestand geschickt. Auf die Drei wartet fortan ein trostloses Leben zwischen Schrebergarten, Kneipe und ihrem Angelplatz, einer Eisenbahnbrücke über der Saale.

Schultze lebt allein und besucht seine demenzkranke Mutter hin und wieder im Pflegeheim. Eines Nachts hört er im Radio zufällig Zydeco-Musik aus Louisiana, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Anstatt seiner gewohnten Polka spielt Schultze nach einiger Überwindung diese Melodie mit seinem Akkordeon sogar beim jährlichen Volksmusikfest seiner Gemeinde, was jedoch beim überwiegenden Teil des Publikums auf Unverständnis stößt. Einige dieser Zuschauer bezeichnen diese ungewohnten Klänge sogar als „Negermusik“.

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Schultze entdeckt den Blues im Radio …

Als von der amerikanischen Partnerstadt des Dorfes, New Braunfels in Texas, eine Einladung für eine Person zu ihrem dortigen Volksfest eintrifft, wird Schultze vom örtlichen Volksmusikverein als Repräsentant ausgewählt. Schon bald nach der Ankunft in den USA muss Schultze aber feststellen, dass die dortige „Wurstfeier“ mit Jodlern und deutscher Nationalhymne nicht mehr als eine schlechte Karikatur der Dorffeste seiner sachsen-anhaltischen Heimat ist. Er entflieht dem Trubel und besorgt sich ein kleines Boot, um damit auf Entdeckungstour zu gehen. Diese führt ihn neben dem Golf von Mexiko auch in die Bayous von Louisiana, wo er schließlich „seine“ Musik findet. Als er mit seinen neuen, amerikanischen Freunden feiert, wird Schultze sehr krank. Es wird nahegelegt, dass er stirbt. Am Ende des Films findet in Teutschenthal eine Beerdigung für Schulze statt, die zu einer Feier seines Lebens wird.

Bei dem Thema, das Schultze nächtens zufällig im Radio erwischt und im Film mehrfach in eigenen Bearbeitungen interpretiert, handelt es sich um „Zydeco from 1988“ der amerikanischen Band Zydeco Force.

Während Schultze an seinem analogen Radio einen anderen Sender sucht, überstreicht er einen kurzen Ausschnitt der 4. Symphonie von Tschaikowski. Derselbe Ausschnitt ist in der Anfangssequenz von Pink Floyds Wish You Were Here zu hören. (Quelle: wikipedia)

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Oder aber auch:
Im tristen anhaltinischen Bergbaustädtchen Teutschenthal möchte eigentlich niemand freiwillig sein Leben oder gar seinen Lebensabend verbringen.
Nach der Frühpensionierung macht sich Schultze (Horst Krause) deshalb hoch erfreut auf ins ferne Texas, um für seinen Volksmusikverein auf dem Wurstfest in New Braunfels aufzuspielen.
Im Land der unendlichen Möglichkeiten muss er jedoch feststellen: Die Welt ist sehr klein, und auch anderswo pflegt man ähnliche Sitten wie in der Heimat.
Regisseur Michael Schorr kommen seine Dokumentarfilmerfahrungen zugute, wenn er in seinem Spielfilmdebüt Realität und Fiktion mischt, die Menschen der Region einbezieht und Laien neben Profis auftreten lässt.
Die brillante Kamera folgt der nicht gerade geschwätzigen Hauptfigur Schultze auf der Suche nach irgendwas, wobei er auf skurrile Gestalten trifft. Die Handlung ist minimalistisch, doch Freunde abseitigen Humors kommen voll auf ihre Kosten.

„Stimmungsvolles, unaufdringlich humorvolles Porträt über Deutschland und seine Tradition am Beispiel eines älteren Mannes, der einen Neuanfang wagt, ohne dafür belohnt zu werden. Der dokumentarisch anmutende, stellenweise reizvoll lakonisch erzählte Spielfilm überzeugt durch den hervorragenden Hauptdarsteller, malerische Bilder und seinen einfühlsamen Umgang mit Musik und Geräuschen.“

Spätes Erwachen:
Das Leben war bisher an Schultze (Horst Krause) relativ unbemerkt vorbeigezogen. Schultze lebt allein in einer traurigen Wohnung in einem traurigen Kaff irgendwo in Sachsen-Anhalt, und er ist darüber im Laufe der Jahre zu einem wortkargen Kerl geworden. Sein Alltag besteht aus dem Job in der Mine, dem örtlichen Musikverein und Kneipenbesuchen mit seinen Kumpels Jürgen und Manfred. Als alle drei quasi über

Michael Schorr

Michael Schorr

Nacht unfreiwillig in den Vorruhestand versetzt werden, werden die Tage noch trister. Seine Freunde finden sich schnell mit der neuen Lage ab und suchen sich aufregende Hobbies wie Angeln oder Schrebergärten. Aber die haben ja auch Familie.

Da taucht, von jenseits von Schultzes begrenztem Horizont, ein kleines Licht aus der Dunkelheit auf: Schultze stolpert beim Radiohören über Zydeco-Musik, und die weckt eine bisher ungeahnte Sehnsucht in ihm. Fortan interessiert er sich für alles, was mit dem amerikanischen Süden zu tun hat, und als er beim alljährlichen Musikwettberwerb statt einer Polka oder eines Volksliedes einen Zydeco-Song auf dem Akkordeon spielt, kommt es zum Eklat – sein Vortrag wird als „Negermusik“ beschimpft.

Doch Schultze lässt sich nicht von seinem geheimen Traum abbringen. Er nimmt kleine Jobs an, um sich eine Reise nach Texas zu finanzieren. An dem Tag, als er zum Reisebüro kommt, ist das Angebot („EUR 699,-„) nicht mehr gültig. Da kommt ihm das Glück zu Hilfe: Der Musikverein erhält die Einladung, ein Mitglied zu einem Wettbewerb in Texas zu entsenden. Da sich niemand traut, fällt die Wahl auf Schultze. Und so tritt Schultze die erste große Reise seines Lebens an …

Schultze gets The Blues ist einer dieser seltenen Filme, die einen unerwartet treffen und gefangen nehmen. Voller Wärme, leisem Witz, Dramatik, einer ungeheuren Portion Wahrhaftigkeit und einer tollen Story. Es stimmt einfach alles, und man fragt sich, woher ein Debütant (Schorr) diese Weisheit und dieses Gespür nimmt. Und dabei auch noch den Mut aufgebracht hat, alles so zu realisieren, wie es ihm vorschwebte. Dabei ist er einige Risiken eingegangen, denn der Film ist unglaublich ruhig, unspektakulär und langsam erzählt. Die Kamera harrt in endlos langen Einstellungen aus, größtenteils sogar ohne eigene Bewegung. Die Darsteller treten aus dem Off ins Bild, und oft genug verlassen sie es wieder. Die Kamera bleibt stehen und lässt die leere Szene auf den Zuschauer wirken. Und dafür ist man dankbar, denn man hat Zeit, über das gerade Gesehene nachzudenken. Viele mögen das langweilig finden (und oft genug sind solche zur Langsamkeit stilisierten Filme das auch), aber ich kann nur versichern, dass die Langsamkeit in diesem Fall funktioniert. Der Film ist ein Meisterwerk, und man muss kein Cineast sein, um das zu sehen.

Horst Krause

Horst Krause, 2017

Einen sehr großen Anteil an der Wirkung des Films hat ohne Frage Horst Krause. Sein „Schultze“ ist derart echt und nachvollziehbar, dass es manches Mal weh tut. Denn ohne dass über die Vergangenheit geredet wird, erfährt man unglaublich viel über den Menschen Schultze, sein Leben und seine Einsamkeit. Horst Krause spielt zurückgenommen, aber eindringlich, und bleibt dabei wohltuend unakademisch und uneitel. So addieren sich die kleinen Gesten schließlich zu einem sehr lebendigen Bild eines Menschen. Dabei wird nicht viel gesprochen, aber das ist auch gar nicht nötig. Im Gegenteil, man würde den Menschen Schultze und die erzählte Geschichte ebenso verstehen, wenn man die Sprachausgabe wegdrehen würde (den Ton müsste man allerdings anlassen, denn die Musik spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Figur).

Die zweite Hälfte des Films spielt in Amerika, und wir erleben, wie Schultze, allein in der Fremde und der Sprache nicht mächtig, durch seine Unvoreingenommenheit und Offenheit Menschen für sich gewinnt (und das gilt natürlich auch für die Zuschauer). Schließlich landet er in den Sümpfen auf dem Hausboot einer dunkelhäutigen Frau und ihrer Tochter. Wie die Beziehung der beiden zueinander ist, wird nicht klar – Details spielen aber auch keine Rolle, denn es wird deutlich, dass Wärme und Sympathie im Spiel sind. Dass Schultze längere Zeit auf dem Hausboot lebt, wird einem klar, wenn seine Kumpels ein Bild von Krause auf dem Hausboot betrachten.

Schließlich stirbt Schultze. In dem Moment, in dem er – und man glaubt gerne, dass es das erste Mal überhaupt ist – sein Glück gefunden hat. Ein passendes Ende, das auch keineswegs so bitter ist, wie man vielleicht glaubt. (Sein Tod ist friedlich. Woran er stirbt, ist nicht ganz klar. Ich tippe auf Erschöpfung, denn auf der vorausgegangenen Fete hatte er einen Zusammenbruch.)
Der Film endet mit Schultzes Beerdigung in seinem Heimatdorf. Die Kapelle spielt die Zydeco-Melodie, die Schultze im Radio gehört hat und die ihn schließlich nach Amerika führte.

Schultze Gets The Blues erinnert mich, trotz aller Unterschiede, ein wenig an Dead Man: Beide Filme haben eine ähnliche Erzählweise, beide wurden mit überschaubarem Budget gedreht, und in beiden Filmen wird die Geschichte eines Menschen erzählt, der sein vertrautes Milieu verlässt und dadurch sowohl Lebenssinn als auch Tod findet.

Schultze Gets The Blues ist ein Glücksfall. Der Film spricht auf wunderbar unmittabere Weise das Gemüt an und ist gleichzeitig ein cineastischer Leckerbissen. Unbedingt angucken! (Rainer Bublitz 12/2005)

Ein Film, der vordergründig ausschließlich Verlierer zeigt … aber der Schultze, der zeigt uns dann, was ne Harke ist !

Prost Schultze ! Auf das Leben !

Gedreht im Herbst 2002 in Sachsen-Anhalt,
Louisiana und Texas.

Besetzung:
Anne v. Angelle (Aretha)
Rosemarie Deibel (Frau Lorant)
Wilhelmine Horschig (Lisa)
Horst Krause (Schultze)
Karl-Fred Müller (Manfred)
Harald Warmbrunn (Jürgen)

u.v.m.

Regie: Michael Schorr
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Fassungslosigkeit macht sich breit: Eine junge Bedienung und dann auch noch weiblich

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Und dann tanzt sie auch noch …

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Schultzes Zydeco kommt nicht gut an, beim Musikverein Harmonie e.V.

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Reisepläne ?

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Das Geburtstagsgeschenk: Eine Reise nach Texas

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Seine zwei besten Freunde bleiben zurück …

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Viel skurriler geht´s nicht: Ein Bad neben der Tankstelle

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Nicht minder skurril: Jodelmusik in Texas

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Und die Freunde in der Heimat vermissen ihn …

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Schultze lässt sich treiben …

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Schultze wird wagemutiger: Volle Fahrt voraus …

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… klappt bloß nicht, wenn das Benzin ausgeht.

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Ein paar Amis auf Entenjagd …

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… Schultze hat auch was davon

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Schultze wird noch wagemutiger

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Und hier spielt die Musik, die er gesucht hat

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Good night, Mr. Schultz

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And the Music goes on and on and on ….

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„Nun lasset uns Abschied nehmen von unserem Herrn Schultze“

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* (in 2 Teilen)

** (beide Teile in einem Aufwasch)

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