Tangerine Dream – Zeit (1972)

FrontCover1Ich konnte noch nie soviel mit dem Kosmischen Kurieren-Gedöns was anfangen. Aber als Edgar Froese vor drei Jahren  im Alter von 70 Jahren gestorben und da habe ich schon ein wenig innegehalten und mich seiner Musik besonnen:

Edgar Wilmar Froese (* 6. Juni 1944 in Tilsit; † 20. Januar 2015 in Wien) war ein deutscher Komponist, Musiker und Künstler. Er gilt als Pionier der Elektronischen Musik und war Gründer der Gruppe Tangerine Dream.

Froese wurde im letzten Jahr des 2. Weltkriegs im ostpreußischen Tilsit geboren. Sein Vater und einige Verwandte wurden von Nationalsozialisten ermordet. Seine Mutter musste schon vor Ende des Krieges nach Berlin fliehen, wohin auch der Rest seiner Familie nach dem Krieg folgte. Froese kam aus einer Kaufmannsfamilie, und der Einzige, dem künstlerische Talente nachgesagt werden konnten, war sein Vater, der gerne Arien aus bekannten Opern sang. Da seine Familie während des Krieges allen Besitz verloren hatte, musste Froese mit 15 Jahren anfangen, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Mit 18 Jahren bekam er ein Hochbegabtenstipendium und studierte 4 Jahre lang an der Berliner Akademie der Künste Malerei, Skulptur und Grafik. Um seine Ausbildung zu finanzieren, nahm er vielerlei Gelegenheitsarbeiten in einem Schauspielhaus an, wie zum Beispiel Sloganschreiber, Entwurfzeichner, Radiosprecher, Schriftdesigner und Redenschreiber. Er wirkte somit früh bei Werbespots für IBM, Coca-Cola, Ford und viele andere Firmen mit. Einer seiner lukrativsten Aufträge war es, Werbeplakate für die Berliner Busse zu entwerfen. Er begann ein Abendstudium der Psychologie und Philosophie und promovierte über Kants kategorischen Imperativ. Da seine Interpretation nicht mit der akademischen Denkweise konform war, verließ er das Kolleg mit dem Spruch: „Der Staub der Universitäten liegt wie ein Leichentuch über der Wahrheit.“

Booklet-2A
Froese wollte ursprünglich klassischer Pianist werden. Er wandte sich schließlich der Gitarre zu und erlernte das Spielen autodidaktisch.

Bereits als Kind erlernte Froese das Klavierspielen, später studierte er an der Berliner Akademie der Künste Malerei und Grafik. Dort gründete er 1962 seine erste Gruppe, in der er Gitarre spielte. Allerdings hatte Froese damals noch nicht vor, Musiker zu werden. Später half ihm seine künstlerische Ausbildung bei der Gestaltung der Plattenhüllen, wobei seine Frau Monika ihm zur Seite stand. Sie gestaltete viele Cover für Tangerine Dream und kann auch als die erste offizielle Band-Fotografin bezeichnet werden. Edgar und Monika Froese heirateten 1970, im selben Jahr kam Sohn Jerome zur Welt.

Froese lernte Salvador Dalí kennen und folgte 1967 einer Einladung, in Dalis Villa in Spanien mehrere Privatkonzerte zu geben. Hier trafen sich Künstler zu happening afternoons. Die Darbietungen waren eine Mischung aus Musik, Literatur und Malerei und können als frühe Form einer Multimediapräsentation bezeichnet werden. Zur Einweihung von Dalis Christus-Statue im Juli 1967 koordinierten sie die Musik.

Booklet-6AZurück in Berlin versuchte Froese Gleichgesinnte zu finden, die ebenfalls daran interessiert waren, nicht nur die Top 40 der amerikanischen Charts nachzuspielen. Die meisten Musiker fanden jedoch seine Vorstellung, Musik und visuelle Künste in Einklang zu bringen, uninteressant. Mit ständig wechselnder Besetzung spielte Froese oft im Cafe Zodiac bei so genannten „Nachtkonzerten“.

Aufgrund seines nordischen Aussehens bekam Froese den Spitznamen „Viking“. Mit der Band The Ones, die er bereits 1965 gegründet hatte, veröffentlichte er 1967 eine Single mit den Beat-Stücken Lady Greengrass/Love of Mine. Die Band spielte Rhythm and Blues und Rock ’n’ Roll.

Im September 1967 gründete Edgar Froese Tangerine Dream, deren Stil er maßgeblich beeinflusste. Mit ständig wechselnden Formationen brachte er mehr als achtzig Alben und Soundtracks heraus. Seine wichtigsten musikalischen Weggefährten waren dabei Klaus Schulze, Christopher Franke, Peter Baumann, Johannes Schmoelling, Paul Haslinger, Linda Spa und sein Sohn Jerome Froese.

Neben seiner Arbeit mit Tangerine Dream fand Froese immer noch Zeit, Solo-Projekte umzusetzen und zu veröffentlichen.

So erschien Mitte des Jahres 1974 Edgar Froeses erste Solo-LP Aqua auf dem Deutschrocklabel Brain. Die Aufnahmen entstanden mit dem von Günther Brunschen (TU Berlin) entwickelten Kunstkopf.

Froeses zweites Solowerk Epsilon In Malaysian Pale entstand unter dem Einfluss einer Asienreise in 1975. „Das ist, als wenn man aus der ewigen Dunkelheit des Dschungels in das pralle Sonnenlicht eines Strandes tritt – aus den Träumen der Nacht in die Realität des Tages“, wird die Platte vom Melody Maker beschrieben.

1976 brachte Edgar Froese seine dritte Solo-LP unter dem Titel Macula Transfer auf den Markt. Die Titel der einzelnen Stücke muten sehr eigenwillig an, da sie nach Flugnummern wie Qantas 611 oder OS 452 benannt sind.

1978 erschien Froeses viertes Soloalbum Ages. Als Inspirationen gab er den spanischen Architekten Antonio Gaudí an, sowie den amerikanischen Schriftsteller Henry Miller und Fritz Langs Metropolis.

Auf dem 1979er Album Stuntman verwendete Froese erstmals digitale Klänge. Unterstützt wurde er dabei von dem Hamburger Ingenieur Wolfgang Palm. Aus diesem Album stammt auch Froeses bisherige einzige Single Stuntman/Scarlet Score for Mescalero.

EdgarFroese
Edgar Froese schrieb 1982 den Soundtrack zu dem Wolf-Gremm-Film Kamikaze 1989 und veröffentlichte ihn unter seinem Namen bei Virgin. Der deutsche Film, in dem erstmals der deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder in einer Hauptrolle zu sehen ist, entstand nach dem Roman Mord im 31. Stock des schwedischen Schriftstellers Per Wahlöö. Im Juni 1982 starb Fassbinder plötzlich, so dass dieser Film auch zugleich sein letztes cineastisches Werk darstellt.

Eine weitere Soloarbeit von Froese wurde 1983 veröffentlicht. Die Platte Pinnacles wurde von der Musikszene als Produktion beschrieben, „die sich nicht durch Voluminösität, sondern durch die Intensität der Stimmungen und Atmosphären auszeichnet“. Der Titel bezieht sich auf jahrtausendealte Felsformationen im australischen Nambung-Nationalpark.

Erst 1995 brachte Edgar Froese mit der Doppel-CD Beyond The Storm ein weiteres, teilweise umstrittenes Soloprojekt heraus. Darauf befinden sich dreizehn remasterte ältere Titel sowie fünfzehn neue Stücke. Vor allem die überarbeiteten Stücke stießen bei einigen Fans auf Ablehnung. Bereits bei Tangerine Dream hatte Froese große Teile des Repertoires zeitgemäß überarbeitet und neu herausgegeben, was nicht immer auf Zustimmung traf.

Im Jahr 2000 starb Edgar Froeses Frau Monika nach langer Krankheit.

Mit seiner zweiten Frau Bianca Acquaye teilte Froese die Liebe zur Kunst, sie selbst malt Acryl-Bilder. Im Jahr 2004 hatten sie eine gemeinsame Ausstellung in Berlin. Bianca schuf auch die Bilder, die auf den Tangerine Dream-Alben Inferno und Purgatorio als Cover-Artwork zu sehen sind.

Edgar Roese mit Bianca Acquaye

Edgar Roese mit Bianca Acquaye

Unter dem Titel The Ambient Highway erschien 2004 eine fünfteilige CD-Kollektion, in der Froese älteres Material remastert und musikalisch weitergeführt hat. Auch hier finden sich im Cover Arbeiten seiner Frau.

2005 erschien Edgar Froeses letztes Soloalbum Dalinetopia. Im selben Jahr veröffentlichte er auch seine ersten sechs Soloalben auf seinem eigenen Label Eastgate Music. Aus rechtlichen Gründen wurden die Wiederveröffentlichungen neu abgemischt und zum Teil auch neu aufgenommen, was an veränderter Covergestaltung und der Künstlerangabe „Edgar W. Froese“ (anstelle von „by Edgar Froese“) erkennbar ist.

2013 hatte er einen schweren Unfall, als er bei Eis- oder Schneeglätte ausrutschte und eine Kopfverletzung erlitt, in deren Folge er ein halbes Jahr im Koma lag. Durch den erlittenen Kieferbruch konnte er zunächst weder essen noch sprechen. Noch Monate später hatte er erhebliche Probleme, sich zu artikulieren.

Edgar Froese starb am 20. Januar 2015 im Alter von 70 Jahren in Wien an einer Lungenembolie (Quelle: wikipedia)

Hier zur Erinnerung das Frühwerk „Zeit“, ein „Largo In Four Movements“:

Man braucht Zeit für „Zeit“. Zum Titel dieser Scheibe sagte Edgar Froese einmal Folgendes: „Nach Parmenidas, der ein halbes Jahrhundert vor Christus Mitbegründer der Philosophenschule von Elea war, existiert die Zeit mit allen ihren Erscheinungsformen nur in den Köpfen der Menschen. Demnach verändert sich nichts, und es lässt sich nichts wahrnehmen.“ Wenn es die Absicht von Tangerine Dream war vor allem den zweiten Teil von Parmenidas‘ Hypothese zu vertonen, so ist der Gruppe dies gelungen. Auf „Zeit“ verändert sich in der Tat nicht viel, gibt es fast nur statische, gemächlich an- und abschwellende, strukturlose Klangmassen zu hören. Diese monotonalen Endlosmuster haben eine durchaus hypnotische Wirkung und mögen ganz gut dazu geeignet sein zu meditieren oder sein Bewusstsein zu erweitern. Die meisten Zeitgenossen hat die 1972 auf dem Ohr-Label veröffentlichte Doppel-LP aber wohl eher verwirrt und ratlos zurück gelassen.

Booklet-5A
Mit ihrem dritten Album – das ursprünglich noch den Untertitel „Largo in four movements“ hatte – haben Tangerine Dream ihr wohl ambitioniertestes Werk eingespielt, was damals allerdings nicht ohne Komplikationen abging. Um die Klangpalette zu erweitern lud man einerseits Florian Fricke mit seinem großen Moog-Synthesizer ins Studio, andererseits engagierte man Jochen von Grumbcow (von Hölderlin) der eine Gruppe von Cellisten mitbrachte (die im einleitenden „Birth of Liquid Plejades“ zu hören sind). Mit beiden Klangerweiterungen gab es das eine oder andere Problem, vor allem weil die studierten Musiker und Komponisten nicht mit dem frei improvisierten Herumprobieren und Drauflosspielen klarkamen, mit dem Froese und Mitstreiter normalerweise ihre Stücke entwickelten. Trotzdem war das Album nach einer knappen Woche in Dieter Dierks Studio aufgenommen. Zwei Wochen später wurde das Ganze abgemischt und dann im August 1972 veröffentlicht, versehen mit dem klassischen Sonnenfinsternis-Gemälde von Froese als Cover.

Ein Meilenstein? Na ja, Komponisten wie Ligeti (z.B. „Apparitions“, 1958 oder „Atmospheres“, 1961) und Scelsi (z.B. „Quattro Pezzi Per Orchestra – Ciascun su una nota sola“, 1958) haben ähnliche Ideen schon um einiges früher und abwechslungsreicher vertont, wenn auch nicht in solch gigantischem zeitlichen Ausmaß. Im Rockkontext, oder in Bereichen außerhalb der klassischen Moderne und der intellektuellen Elektronik, steht die Scheibe in ihrer radikalen Umsetzung der Grundidee einer ewigen Statik, auch was die Länge des Gebotenen anbelangt, ziemlich einzigartig da und war damals sicher ein sehr radikales Werk. In der Tat ist die Klangmacht die diese Musik verströmt sehr beeindruckend, kann den Hörer gefangen nehmen und in andere Sphären transportieren … wenn man sich darauf einlässt. Ist man aber nicht in der richtigen Stimmung, kann das Ganze schnell langweilen, nach einiger Zeit auch nerven. Wer sich allerdings für Krautrock und elektronische Musik interessiert, sollte in „Zeit“ zumindest einmal reingehört haben!

Booklet-3A
Auf einer zweiten CD ist nämlich ein Konzertmitschnitt der Tangs zu finden, der am 25. November 1972 im Grossen Sendesaal des Rundfunkhauses in Köln gemacht wurde. Die Klangqualität ist sehr gut, was es dem Kraut- und/oder Elektronikfreak nun ermöglicht, einem Konzert der Band kurz nach dem Erscheinen von „Zeit“ zu lauschen.

Es handelt sich hier um eines der frühesten Live-Dokumente die es von Tangerine Dream gibt. Die beiden Teile von „Klangwald“ („Part One“ 37:23 Minuten, „Part Two“ 40:41) bieten ähnlich formlose Klanggespinste wie sie auch auf „Zeit“ zu finden sind. Diese sind wohl weitestgehend improvisiert, waren ursprünglich vermutlich noch länger (da aus- und eingeblendet, wird) und kommen sogar etwas wärmer und farbiger aus den Boxen als die Klänge des doch etwas unterkühlt und steril wirkenden Studioalbums. Erwähnenswert sind einige rhythmische Sequenzerabschnitte (den sich die Band wohl gerade zugelegt hatte), insbesondere in der zweiten Hälfte von „Part One“ und ein fast pastoral-psychedelischer Abschnitt nach rund 15 Minuten im zweiten Teil. Ansonsten passiert hier nicht wirklich viel, beziehungsweise es braucht seine Zeit, bis sich die Veränderungen bemerkbar machen (wie schon bei „Zeit“). Dem Rezensenten gefällt diese Livemusik jedenfalls besser als das Studioalbum und Tangerine-Dream-Fans sollte bei dieser Musik sowieso das Wasser in den Ohren zusammenlaufen. (Achim Breiling)

Wie gesagt: nicht meine Musik, aber ich verneige mich vor einem richtungsweisenden Pionier dieser Gattung !

InsideA

Besetzung:
Peter Baumann (synthsizer, organ, vibraphone)
Chris Franke (synthesizer, cymbals, keyboards)
Edgar Froese (guitar, electronics)
+
Hans Joachim Brüne (cello)
Florian Flicke (synthesizer)
Jochen von Grumbcow (cello)
Johannes Lücke (cello)
Steve Schroyder (organ)
Christian Vallbracht (cello)

Inlet01

Titel:
01. First Movement: Birth Of Liquid Plejades (Froese) 19.58
02. Second Movement: Nebulous Dawn (Froese) 17.55
03. Third Movement: Origin Of Supernatural Probabilities (Froese) 19.29
04. Fourth Movement: Zeit (Froese) 17.02
+
The Klangwald Performance:
05. Klangwald (Part 1) (Baumann/Franke/Froese)
06. Klangwald (Part 2) (Baumann/Franke/Froese)

LabelD1

 

*
**

Edgar Froese am Ende seiner Tage

Edgar Froese am Ende seiner Tage

Tangerine Dream – Rubycon (1975)

FrontCover1Tangerine Dream waren ein Exportschlager der deutschen Musikszene (und zwar nicht nur in den 70er Jahren). Man mag die Musik von Tangerine Dream „Krautrock“ nennen oder aber auch „Kosmische Musik“ … unabhängig von diesen Schubladen: sie waren schon ein wenig einzigartig. Und dass sie bei dem damaligen Kultlabel „Virgin“ anheuern konnten, erhöhte natürlich ihren ganz besonderen Status.
„Rubycon“ ist wie „Phaedra“ ein Album, das den Übergang von der „Kosmischen Musik“ der frühen TD Jahre hin zur Sequencer-betonten Musik der mittleren und späten Siebziger markiert. Auf „Rubycon“ werden beide Komponenten meisterhaft vereinigt, von der langen, rhythmus- und melodiefreien Einleitung, in der freie Geräusche allmählich von mächtigen Einsätzen des Mellotrons verdrängt werden, über einen Sequencer-dominierten Teil, bis zum wieder freien Schlussteil, der vor allem bei „Rubycon – Part Two“ sehr ausgeprägt ist. (Jochen Rindfrey)

„Rubycon“ ist wie „Phaedra“ ein Zwitter aus der experimentellen Frühphase und der sequenzerlastigen Zeit Mitte der 70er, jedoch schon etwas weiter Richtung letzterem orientiert. Da Chris Franke mittlerweile im Umgang mit dem Moog Synthie geübter geworden war, wird er auch häufiger eingesetzt als auf dem Vorgänger, was die Klanglandschaften insgesamt strukturierter erscheinen läßt. Der Eindruck der Einheitlichkeit kommt natürlich auch daher, daß es sich hier nur noch um zwei, noch dazu gleichlautende, Stücke handelt. Die nach wie vor vorhandenen Freiformteile wirken reifer und durchdachter als beim Vorgänger. Man bekommt Gongs, Gitarren und rückwärts aufgenommene E-Pianos zu hören. Das Tangerine Dream reifer geworden sind, belegt auch eine Chorstelle, die sie sich bei György Ligeti abgeschaut haben (vergleiche dazu den Soundtrack zu „2001“). Eines der besten, wenn nicht sogar DAS beste Tangerine Dream-Album. (Thomas Schüßler)

MC

„Die Leute denken, wir machen die Musik. Das ist nicht richtig. Der Zuhörer macht die Musik in seinem eigenen Kopf, wenn er uns zuhört.“

Das obige Zitat von Edgar Froese ist zwar relativ allgemeingültig, da wir alle Musik unterschiedlich aufnehmen, doch ist bei den Elektroklängen die Tangerine Dream und Kollegen in den Mitsiebzigern gemacht haben die persönliche Interpretationsfreiheit vielleicht etwas größer und lässt mehr Spielraum für individuelle Gedankenflüge. Das erklärt vielleicht auch die konträre Rezeption der Musik der Berliner. Für die einen sind die Klangemälde der Tangs spannende Soundreisen, weihevolle Klangmysterien oder mächtige und erhabenen Tongebilde, die die Phantasie anregen und ein ehrfürchtiges Zuhören garantieren. Bei anderen Hörern lösen die formlosen Klangschöpfungen und repetitiven Sequenzermuster aufgrund ihrer – im Vergleich zu „normaler“ Rockmusik – Andersartigkeit Unverständnis oder gar Aversionen aus. Für wieder andere sind sie nur Begleitmusik für träges Dahindämmern, eine Art erhabene Hintergrundbeschallung oder Wegdösmusik.

„Rubycon“, das zweite Album von Tangerine Dream für Virgin, bietet zwei lange Soundgemälde, die einerseits aus freien Konstruktionen verschiedener elektronischer Klangquellen (Mellotron, E-Gitarre, Orgel, präpariertes Klavier, etwas Perkussion und eine Ladung Synthesizer) bestehen, andererseits aus von repetitiven Sequenzerschleifen rhythmisch geformten Abschnitten, die wiederum mit dem Wabern, Zischen, Wogen und Dröhnen derselben elektronischen Klangquellen unterlegt sind.

Was diese Musik mit dem Rubikon zu tun hat, den Gaius Julius Ceasar im Januar 49 v. Chr. überschritt und damit den römischen Bürgerkrieg auslöste, ist mir nicht ganz klar. Oder soll die Musik diese Geschehnisse darstellen? Vermutlich wurde der Name aber einfach deshalb gewählt, weil er so gut und geheimnisvoll klingt.

Sehr erhaben und sphärisch sind diese Klänge, einige Mellotronchorpassagen in „Part Two“ erinnern – Kollege Thomas hat es weiter oben schon erwähnt – an die formlosen Chorwerke eines Györgi Ligeti („Lux Aeterna“) und alles in allem kann man dem Ganzen eine gewisse hypnotische Kraft nicht absprechen. Mitunter ist es allerdings etwas schwierig diese Musik zu hören, ohne das das Verlangen aufkommt, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Trotzdem, „Rubycon“ ist ein Standardwerk der Berliner Schule. Wer sich für elektronische Musik interessiert, sollte die Platte (oder den Vorgänger „Phaedra“, den ich aber im direkten Vergleich als etwas unausgewogener empfinde) kennen. Leute, die einmal herausfinden möchten, ob ihnen solche „Zukunftsmusik“ (so die Süddeutsche Zeitung damals) gefällt, können hier auch zugreifen! (Achim Breiling)

TangerineDreamLive1975

Besetzung:
Peter Baumann (keyboards, synthesizer)
Chris Franke (organ, synthesizer)
Edgar Froese (guitar, mellotron, synthesizer)

Booklet

Titel:
01. Rubycon, Part I (Baumann/Franke/Froese) 17.18
02. Rubycon, Part II (Baumann/Franke/Froese) 17.35

LabelB1

*
**