Richard von Weizäcker – Zum 24. Mai 1989 (1989)

FrontCover1Nicht ganz so berühmt, wie seine Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, vom 8. Mai 1985, aber dennoch auch eine zumindest in Teilbereichen bemerkenswerte Rede, die der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker zum 40. Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland, vom 24. Mai 1989 hielt.

Nun ist es ja so, dass Sonntagsreden wie diese ofmals sehr schal sind … diese Rede erlebe ich in Teilbereichen anders, denn Richard von Weizäcker wagt einen Rückblick über 40 Jahre Bundesrepublik, und dabei markiert er einige zentrale Themen … und ein paar seiner Ausführungen und Anmerkungen, haben mich schon hellhörig gemacht.

Von daher ein paar (auch mal längere) Zitate aus dieser Rede.

Ich beginne mit einem Zitat, bei dem Richard von Weizäcker allerdings hoffnungslos irrte:

„Aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam die großherzige Hilfe des Marshallplanes. Sie trug nachhaltig zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg bei. „

Von wegen „großherzig“ … Die USA verfolgten damit ein klares strategisches Ziel, das dann ja auch überzeugend erreicht wurde.

Richard von Weizäcker über die Weimarer Republik:

„Im Bund und in den Ländern war eine Generation politisch am Werk, die durch Erfahrung klug geworden war. Sie wußte, daß es in der Weimarer Zeit nicht zu früh zu viele Extremisten gegeben hatte, sondern zu lange zu wenige Demokraten.“

Richard von Weizäcker über die 68er:

Dazu zählte die Jugendrevolte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Aktive Teile einer neuen Generation sahen keinen Grund, in kritikloser Dankbarkeit hinzunehmen, daß sie nun über weit mehr Freiheit und Wohlstand verfügten als ihre Vorfahren. Nach ihrem Empfinden hatte sich der Wiederaufbau in eine allzu einseitige, materiell orientierte, selbstsüchtige Leistungsgesellschaft hineinentwickelt. Es gab scharfe Fragen zur Vergangenheit, zur Offenheit des Bildungssystems, zur Demokratie als Lebensform. Jede Autorität geriet unter Verdacht. Überlieferte Bindungen wurden angefochten, eine neue Emanzipation ausgerufen. Die Verständigung unter den Generationen war, wie so oft, schwierig. Fehler wurden allseits begangen. Ältere fühlten sich mit ihren Aufbauleistungen verkannt. Jüngere verlegten sich mit moralischen, radikaldemokratischen und kulturrevolutionären Motiven aufs Provozieren, auf Abbruch und rücksichtslosen neuen Anfang. Es gab fundamentalen Widerspruch, strikte Verweigerung, massive Konfrontation. Zum Teil kam es zu offener Gewalt, später in einzelnen Fällen zu Terror und schweren Verbrechen.


Der demokratische Rechtsstaat bestand seine härteste Probe. In dieser Zeit schärfte sich unser Bewußtsein dafür, daß Recht Recht bleiben muß, daß Verbrechen Strafe fordert, daß aber auch Recht menschliches Recht ist und menschlich angewandt werden muß.
Geistige, soziale und politische Folgen sind seit 1968 geblieben. Gesellschaftspolitische Themen traten in den Vordergrund. Politisches Engagement drang über staatliche Organe hinaus in die Gesellschaft vor. Das ist unbequem und fruchtbar. Basisdemokratie wurde eingefordert, Bürgerinitiativen verbreiteten sich. Neue soziale Bewegungen entstanden. Befreiung und neue Gemeinschaft wurden gesucht. Dabei kamen alte menschliche Erfahrungen wieder zum Vorschein. Es gibt Abhängigkeiten im Leben, die menschenunwürdig sind; wir wollen sie loswerden.“

Richard von Weizäcker über die Gleichberechtigung von Mann und Frau (Artikel 3 GG):

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

„Hier ist von persönlichen Lebensentscheidungen die Rede, auf die die Gesellschaft tief einwirkt. Nirgends tritt uns dies schärfer vor Augen als bei der veränderten Stellung der Frau. Im Grundgesetz war nach heftigen Auseinandersetzungen die Gleichberechtigung von Mann und Frau mit lapidarer Eindeutigkeit verordnet worden. Um den Vollzug wird seither gerungen.
Bald nach dem Krieg wurden die Arbeiten und Verantwortungen, die die Frauen während des Kriegsdienstes und der Gefangenschaft der Männer hatten übernehmen müssen, wieder von den heimkehrenden Männern beansprucht. Dennoch gab es keine Umkehr mehr. Der Wunsch nach einem eigenen Beruf wurde für viele Frauen zur Notwendigkeit, für die meisten zur Selbstverständlichkeit. Der Weg zur Ausbildung glich sich allmählich an. Der Zugang zu bislang männertypischen Arbeiten wuchs – wir sehen es hier auf dem Dirigentenpodium.
Frauen sind aber nach wie vor zu oft benachteiligt. Sie bekommen es beim Einstieg, beim Aufstieg und beim Wiedereinstieg zu spüren. Dahinter steht die Spannung zwischen Familie und Beruf. Noch immer müssen sich Familien dem Arbeitsmarkt anpassen statt umgekehrt. Darunter leiden alle. Die Frauen aber tragen den Löwenanteil der Lasten, die sich daraus ergeben.
Die materielle Lage für Familien mit Kindern fällt stark ins Gewicht. Vor kurzem schrieb mir eine Frau: „Eine Gesellschaft, die sich alles leisten kann, nur keine Mütter, muß sich nicht wundern, wenn sich die Frauen keine Mutterschaft mehr leisten können.“ Sie wollte damit nicht ihren Wunsch, sondern nur den Zustand schildern.“

Richard von Weizäcker zum Thema „soziale Frage“ bei uns und anderswo:

Es gibt Spötter, die sagen: „Uns geht es schlecht, aber auf hohem Niveau.“ Das ist ziemlich grober Unfug. Denn einerseits ist es wahr, daß Menschen unter uns gar nicht auf hohem Niveau, sondern unter großen Schwierigkeiten leben. Ihnen gilt es, tatkräftig zu helfen. Andererseits befindet sich unser Land in der Spitzengruppe des Wohlstandes der Welt. Wir haben die materiellen und geistigen Kräfte, um uns führend am Kampf gegen globale Notstände zu beteiligen.

Die schärfsten Probleme der Gegenwart sind Hunger und Not, Ungerechtigkeit und Verschuldung in weiten Teilen der Welt. Der Zuwachs der Erdbevölkerung ist ungebrochen und nimmt wahrhaft verheerende Ausmaße an. Denn er führt zur immer weiteren Zerstörung der Naturräume. Wir in den Industrieländern denken vor allem an das zukünftige Weltklima. Menschen in Not denken an ihr Brot von heute. Sie werden erst dann lernen, die Kinderzahl zu begrenzen und die Natur zu schützen, wenn sich ihre Notlage bessert. Dies hängt zunächst von ihnen selbst ab, aber nicht weniger von unserer Hilfe und von den Weltmärkten, die wir beherrschen, nicht sie.

Richard von Weizäcker zum Thema Ökologie:

Noch leben wir in unverantwortlichem Ausmaß auf Kosten anderer Teile der Welt und zu Lasten der Zukunft. Ist uns das ganze Ausmaß drohender Klimaveränderungen wirklich bewußt? Wissen wir, daß wir einen Treibhauseffekt mitverursachen, der später weite, dichtbesiedelte Küstengebiete, Flußmündungen und ganze Inselstaaten buchstäblich dem Untergang preisgeben kann?

Nun gut … es gäbe noch etliche weitere Beispiele, die interessant erscheinen, kann sich ja jeder die Passage gedanklich rot anstreichen, die einem bemerkenswert erscheinen.

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Veröffentlicht wurde dieser Mitschnitt von Philips (wohl eine kostenlose Sonderedition) … und die schrieben dann dazu folgendes:

„Zum zweiten Mal binnen vier Jahren – und nun zum Gedenken an den 24. Mai 1949, den Tag, an dem vor 40 Jahren das Grundgesetz in Kraft trat – hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine Rede gehalten, die über den Tag hinaus wirken und dem Selbstverständnis der Deutschen differenzierte Wegweisung geben wird.

Wie seine Rede am 08. Mai 1985 ist auch die große Würdigung, die der Bundespräsident dem Leben der Deutschen mit dem Grundgesetz gewidmet hat, ein politisch-historisches Dokument von hohem Rang. Das hat die deutschen Philips Unternehmen bewogen, nun auch eine Langspielplatte der Rede vom 24. Mai 1989 zu publizieren.

Wir widmen diese Edition der Jugend, die ihre Zukunft mit dem Wissen um die Vergangenheit gestalten will.

Wir freuen uns, Ihnen ein Exemplar dieser Langspielplatte überreichen zu dürfen.

Philips Zentralbereich Öffentlichkeitsarbeit

Hamburg, im Juni 1989“

Nun gut … Zeitgeschichtliche interessierte Leser dieses Blogs kommen eigentlich an diesem Präsentation (dem ich auch eine Abschrift beigelegt habe) kaum vorbei.

Und natürlich habe ich nicht vergessen, dass Richard von Weizäcker z.B. als Regierender Bürgermeister von Berlin z.B. einem Politiker namens Lummer ziemlich freie Hand ließt, als es darum ging, die Hausbesetzer Szene in Kreuzberg zu drangsalieren.

 

Booklet1

Titel:
01. Rede zum 24. Mai 1989 (Teil 1) 27.51
02. Rede zum 24. Mai 1989 (Teil 2) 28.07

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Weizäcker

Richard von Weizäcker … konnte wohl auch albern sein: hier bei einer Schneeballschlacht