Musiker der Gruppen Oktober + Schmetterlinge u.a. Solisten – Peter P. Zahl – Alle Türen offen (1978)

FrontCover1Hier ein ganz besonderes und ganz sicher auch ein ganz ambitioniertes Projekt aus der Polit-Rock Szene der 70er Jahre. Musiker der damals durchaus bekannten Formationen „Schmetterlinge und „Oktober“ fanden sich in Wien zusammen, um Texte von Peter P. Zahl zu vertonen. Warum sie das taten … davon später mehr …

Und dieser Peter P. Zahl ist dann im Jahre 2011 verstorben. Die „taz“ schrieb folgenden Nachruf:

„Es war unklar, ob der Preisträger persönlich erscheinen konnte, denn er war ein Häftling, der gerade erst aus der Einzelhaft in den Normalvollzug überstellt worden war.

Als dem 1944 in Mecklenburg geborenen Peter-Paul Zahl im Jahr 1980 der Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen verliehen wurde, saß dieser junge Autor schon seit rund acht Jahren im Knast. Als mutmaßlicher Terrorist. Er hatte sich im Jahr 1972 seiner Verhaftung widersetzt, dabei von der Schusswaffe Gebrauch gemacht und einen Polizisten schwer verletzt.

Die Haftjahre nutzte Zahl, der bereits 1968 mit einem Buch in Erscheinung getreten war, zum Schreiben nicht nur politischer Texte. 1979 erschien dann schließlich sein berühmtester Roman „Die Glücklichen“, in der Zahl eine Alternativkultur beschrieb, die viele, die von den Utopien der Jahre 68 ff. geprägt waren, sehr gut kannten. „Die Glücklichen“ wurde zum Kultbuch.

Der im Dezember letzten Jahres verstorbene Peter O. Chotjewitz, der nicht nur Schriftstellerkollege, sondern auch Zahls Anwalt war, erinnerte sich vor einigen Jahren, dass er Zahl – obschon dieser immerhin wegen versuchten Mordes in zwei Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war und als politischer Häftling galt – einfach so mit dem Privatwagen aus der Haftanstalt abholen durfte. Chotjewitz, der selbst als Unterstützer der RAF angeklagt gewesen war, musste lediglich garantieren, den Häftling später auch brav wieder abzuliefern. Der Strafvollzug für Staatsfeinde war nach dem Deutschen Herbst des Jahres 1977 nicht immer ohne Witz.

Peter-Paul Zahl (links) und Peter Rühmkorf

Peter-Paul Zahl (links) und Peter Rühmkorf

Zahl nun erhielt den wichtigen Literaturpreis, und seine Schriften wurden somit von der Literaturkritik quasi geadelt. Mit geadelt wurde dabei allerdings auch immer der linksradikale Aktivist, der bei der legendären Berliner Untergrundzeitschrift 883 mitwirkte (und nicht nur bei dieser), der amerikanische GIs bei der Desertation und der Flucht nach Schweden unterstützte, der als Betreiber einer kleinen Druckerei half, so manch einer klandestinen Schrift eine Öffentlichkeit zu geben. Er war der Verleger von Westberliner Anarchisten und Gutlebeleuten, er selbst war auch durchaus ein Lebemensch.

Die Bremer Preisverleihung im Jahr 1980 war ein kleiner Skandal. Der damals noch weitgehend linksliberal gesonnene Literaturbetrieb genoss die Aufregung um den Preisträger. Dieser selbst genoss sie offensichtlich ebenso.

Nach der Haftentlassung, im Dezember 1982, und nach einigen merkwürdigen Wiedereingliederungsmaßnahmen für den bereits anerkannten Schriftsteller blieb Zahl ein linker Aktivist, doch wurde er gemäßigter. Sein Aktionsdrang verlegte sich ins literarische, er bereiste die damals für Linke interessanten Länder, schließlich ließ er sich auf der coolen Kifferinsel Jamaika nieder, der er sich auch literarisch näherte, allerdings oft auch sehr klischeehaft und oberflächlich.

Peter-Paul Zahl, 2006

Peter-Paul Zahl, 2006

Peter-Paul Zahl war kein politischer Theoretiker, kein großer Denker und kein feiner Stilist, er war manchmal derb, weil er nicht anders konnte, große Romane im Sinne der bürgerlichen Literaturkritik hat er nicht geschrieben, dennoch sind die besten seiner vielen Bücher weit mehr als nur Dokumente einer engagierten Linksliteratur. Zahl hatte Humor. Und auch Selbstironie.

Dass der Ruf des Politaktivisten bis zuletzt seinen literarischen Rang überdeckte – es hatte positive und negative Folgen für ihn. Einerseits galt er den meisten Fans der „Glücklichen“ mit allem, was er publizierte, als literarischer Heros, andererseits mied ihn der etablierte Literaturbetrieb zusehends. Er galt als „Figur“, nicht als Autor.

Auch der Umstand, dass ihm mit dem Glauser im Jahr 1995 für seinen Krimi „Der schöne Mann“ einer der wichtigsten Krimipreise verliehen wurde, änderte nichts daran. In den letzten zwei Jahren suchte Zahl noch Verlage für neue und vergriffene Titel, doch er wurde – soweit bekannt ist – nicht mehr fündig. „Miss Mary Huana“ von 2007 ist sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch.

Dieses Schicksal hat er, bei aller berechtigten Kritik an seinen manchmal doch mit allzu heißer Nadel gestrickten Büchern, nicht verdient.

Am Montag starb Zahl im Alter von 66 Jahren im Krankenhaus von Port Antonio auf der Insel Jamaica. Im vergangenen Jahr hatte sich Zahl wegen eines Krebsleidens noch in Deutschland behandeln lassen und kehrte dann in sein Haus in Longbay zurück.“

Zahl war also im Jahr 1978 noch in Haft, als diese Aufnahmen entstanden, und diese Aufnahmen sind ganz sicher auch als eine Aktion der Solidarität mit diesem Schriftsteller zu verstehen. Und für meinen Geschmack haben die Texte wirklich Bedeutung und Qualität … und das erfreuliche ist, dass die musikalische Umsetzung dieser Texte einfach nur grandios ist … im Gegensatz zu manchen Polit-Rock Alben dieser Jahren wird hier auf einem wirklich hohem Niveau musiziert … beeindruckend und auch noch im Jahre 2018 mehr als hörenswert !

Wenngleich, und das muss ich auch noch leider loswerden: Meine Sympathie für „gewaltbereite Linke“ in der damaligen BRD geht gegen Null !

Aufgenommen im August 1978 in den Schmetter-Sound-Studios, Wien

BackCover

Besetzung:
Andreas Hage- (piano)
Ali Husseini (drums, percussion)
Schurli Herrnnstadt (Schmetterlinge) (vocals)
Michael Iven (vocals, guitar)
Trixi Neundlinger (Schmetterlinge) (flute)
Peter Robert (Oktober) (keyboards, synthesizer, strings)
Hansi Schwarz (guitar)———————————–
Kalla Wefel (Oktober) (bass, guitar)
+
Willie Resetartis (Schmetterlinge) („Ostbahn Kurti“) (vocals bei 01.)

Booklet1A

Titel:
01. Meine kultivierten Bekannten (hage/Zahl) 2.57
02. Ninguneo (Iven/Zahl) 22.45
03. Hinter der dunklen Seite des Mondes 4:24
04. Zürückgebombt… (Schwarz/Robert) 6.40
05. Dynamos (Schwarz/Robert) 4.32
06.  …In Die Steinzeit (Schwarz/Robert) 4.52
07. Alle Türen offen (Schwarz/Robert) 4.50
08. Folter (Schwarz/Robert) 4.03
09. Brokdorfer Liebeslied (Schwarz/Robert) 4.01
10. Hierher gehört Leben (Schwarz/Robert) 5.30

Tracks 03. – 10. nach dem Gedicht „Doors“ von Peter P. Zahl

Label1

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Nachruf im "Spiegel" (05/2011)

Nachruf im „Spiegel“ (05/2011)