Verschiedene Interpreten – Grofschoaftersch Häämte – Weihnachta ei der Grofschoaft Glootz (1984)

FrontCover1Und wieder mal bin ich als Heimatpfleger unterwegs … diesmal führt mich mein Wegh in die Grafschaft Glatz (Schlesien), der Heimat meines Vaters …

Die Heimatvertriebenen pflegte ja mit einer inneren Notwendigkeit ihre Erinnerungen an die verlorene Heimat … und so kam es, dass landauf, landab „alte Bräiche“ und Rituale zelebriert wurden.

Und da konnten natürlich die spezifischen Klänge zur Weihnachtszeit icht ausbleiben.

Hier haben wir ein ganz besonders inniges Beispiel dafür. Mit einer schier unglaublichen Akribie stellte man dieses Doppel-Album zusammen, vollgepackt von heute längst vergessenen Texten und Melodien (läßt man mal das „Transeamus“ beiseite).

Vielen Liedern werden mundartlich gesprochenen Texten voranestellt … die leider nicht genauer bezeichnet werden …

Auf jeden Fall bleibt so dieser Galtzer Dialekt erhalten … heute spricht ihn wohl kaum einer mehr.

Das Album steht übrigens sehr unter dem Einfluss von einem Joseph Wittig. Im Hüllentext wird eindrucksvoll geschildert, wie die Familie Wittig bei der Vertreibung 1946 alles versuchte, die Krippe der Familie zu retten … und wie sich das zerschlägt … und wie sich das durch wundersame Weise doch wieder fügt …

Flucht

Und dieser Joseph Wittig war kein unbekannter … damals:

Joseph Wittig (* 22. Januar 1879 in Neusorge bei Schlegel, Landkreis Neurode, Schlesien; † 22. August 1949 Göhrde/Niedersachsen) war ein deutscher Theologe, Schriftsteller und Heimatforscher der Grafschaft Glatz.

Joseph Wittig besuchte die Volksschule in Schlegel und wurde von Dezember 1892 bis März 1893 von dem damaligen Schlegler Kaplan Heinrich May für die Aufnahmeprüfung in die Untertertia des Breslauer St.-Matthias-Gymnasiums. Dieses besuchte er ab April 1893 bis zum Abitur 1899. Seine Eltern waren der Zimmermann Eduard Wittig und Johanna, geb. Strangfeld.

Joseph Wittig studierte an der Universität Breslau Katholische Theologie und promovierte 1903 zum Doktor der Theologie. Im gleichen Jahr wurde er in der Breslauer Kreuzkirche durch Bischof Georg Kardinal Kopp zum Priester geweiht und war anschließend Kaplan in Lauban.

S 1681904–1905 studierte er in Rom Christliche Archäologie mit einem Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts. Hier traf er den gleichaltrigen Franz Joseph Dölger, mit dem zusammen er eine kurze Studienreise nach Nordafrika unternahm. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er zuerst Kaplan in Patschkau, dann in Breslau bei St. Maria auf dem Sande. 1909 wurde er durch die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau für das Fach Kirchengeschichte habilitiert. Anschließend übernahm er als Privatdozent die Vertretung seines erkrankten Lehrers Max Sdralek. In dieser Zeit war er auch Vize- bzw. Präses des Gesellenvereins.

1911 wurde er zum außerordentlichen Professor für Alte Kirchengeschichte und Christliche Archäologie, 1915 zum ordentlichen Professor für Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Kunst an der Universität Breslau ernannt, wo er im Studienjahr 1917/1918 auch das Amt des Dekans ausübte.

Mit dem Aufsatz Die Erlösten, der 1922 in der Kulturzeitschrift Hochland erschien, begannen die Schwierigkeiten mit der Amtskirche. In dem Artikel stellte Wittig der Theologie, deren Aussagen zur Erlösung oft schwer verständlich waren, in erzählerischer Form die von Alltagserfahrungen getragenen Ängste und Erlösungswünsche der einfachen Christen gegenüber. Er griff z. B. die katholische Beichtordnung an und forderte „mehr Seligkeit, mehr Gottesfreude“. Noch im gleichen Jahr entband ihn der Breslauer Erzbischof und Kardinal Bertram von der Leitung der Marianischen Kongregation, und es wurde ihm nahegelegt, das Amt des Universitätspredigers aufzugeben.

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1925 wurden mehrere seiner wissenschaftlichen Schriften, in denen er sich für Reformen in der katholischen Kirche eingesetzt hatte, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Die Auseinandersetzungen mit der Amtskirche hatten die Beurlaubung an der Universität und schließlich im Jahre 1926 die Exkommunikation zur Folge.

Joseph Wittig kehrte enttäuscht in sein Heimatdorf Neusorge zurück und lebte dort als Privatgelehrter und Schriftsteller. 1927 heiratete er Bianca Geisler, Tochter des Bürgermeisters von Habelschwerdt, und gründete eine Familie.

Neben der Bearbeitung theologischer Themen schrieb er viele volkstümliche Geschichten und wirkte für Zeitschriften und Rundfunkanstalten. Zusammen mit dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und mit Viktor von Weizsäcker gab er die Zeitschrift Die Kreatur heraus. Er verfasste die umfangreichen Chroniken von Schlegel und Neurode. Die Stadt Neurode ernannte ihn zum Ehrenbürger.

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Das Wittig-Haus wurde von der „Stiftung zur Erneuerung der Region Nowa Ruda“ renoviert und zum Museum ausgebaut.

1946 wurde die Exkommunikation aufgehoben. Kurz danach erfolgte die Ausweisung aus seiner geliebten Heimat. Am 22. August 1949 starb Joseph Wittig in Göhrde. Seine letzte Ruhestätte fand er in Meschede/Westfalen. In seinem ehemaligen Haus in Neusorge, das 1945 als Folge des Zweiten Weltkriegs an Polen fiel, befindet sich heute ein Museum. (Quelle: wikipedia)

Figuren

Figuren aus der Wittig-Krippe

Der oben abgebildete Text zur Rettung der Krippe stammt übrigens von seiner Tochter, Bianca Wittig, geschrieben im Dezember 1984.

Und dann möchte ich noch einen namentlich vorstellen … den Georg Amft,von dem auf dem Album so etliche Kompositionen zu hören sind:

Georg Amft (* 25. Januar 1873 in Oberhannsdorf, Landkreis Glatz, Provinz Schlesien; † 9. März 1937 in Bad Altheide) war ein deutscher Komponist und Musiklehrer. Zu seinen Kompositionen gehören u. a. Messen, Kirchenlieder und Instrumentalmusik. Bedeutung erlangte er auch durch wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Volkslied- und Heimatforschung der Grafschaft Glatz.

AmftGeorg Amft war der Sohn eines Organisten und Chorleiters. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er die Königliche Präparandenanstalt in Bad Landeck und anschließend von 1890 bis 1893 das Lehrerseminar in Habelschwerdt. Danach erhielt er eine Hilfslehrerstelle bei Trachenberg, 1896 wurde er Lehrer bei Potsdam. Nach dem Besuch der Hochschule für Schul- und Kirchenmusik in Berlin-Charlottenburg wurde er 1901 in der Nachfolge seines Lehrers Wilhelm Kothe Musiklehrer am Habelschwerdter Lehrerseminar, wo u. a. Georg Hartmann sein Schüler war. 1911, dem Erscheinungsjahr der von ihm gesammelten und herausgegebenen „Volkslieder aus der Grafschaft Glatz“, wurde ihm der Titel „Königlicher Musikdirektor“ verliehen. 1914 wurde er zum Kriegsdienst einberufen, zwei Jahre später wurde er Musiklehrer am Lehrerseminar in Bromberg. 1919 kehrte er an das Habelschwerdter Lehrerseminar zurück. Als dieses 1927 aufgelöst wurde, war er bis 1935 Studienrat an der dortigen Aufbauschule.

Nach seiner Pensionierung 1935 ließ er sich in Bad Altheide nieder, wo er am 9. März 1937 starb. Ein Nachruf von Alois Schirdewahn erschien in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens. (Quelle: wikipedia)

Dem Doppel-Album beigefügt wart dann noch ein „Textbegleitheft“ … so hat man zumindest die Chance, ein wenig mehr zu verstehen ….

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Und auch wenn mir diese Musik und diese Texte (Gesamtspielzeit: 96 Minuten !), die ja einer tiefen Frömmigkeit entprungen ist, mittlerweile sehr fremd ist … so sehr kann ich die liebevolle Mühe bei der Entstehung dieses Albums anerkennen.

Besetzung

Titel:
01. Von seinem ew´gen festen Thron (Grulich) 4.18
02. Pastorale F-Dur op. 3 (Nr. 3) (Führer) 2.17
03. Kommt ihr Herta oall zosamma (Amft) 2.52
04. Der Heiland ist geboren (Traditional) 0.47
05. Das Licht der Welt (Gertler) 1.08
06. Das Licht der Welt (Gedicht) (Gertler) 0.40
07. O Frääde, ieber Frääde (Traditional/Amft) 3.40
08. Was soll das bedeuten (Dietrich) 2.24
09. Laufet ihr Hirten (Traditional) 2.35
10. Rorate Nr. 1 (Reimann) 3.05
11. Freut euch, ihr Hirten all (Traditional) 1.04
12. Was soll das bedeuten (Amft) 2.24
13. Klänes Kendla gruußer Goot (Amft) 3.39
14. O du liebes Jesukind (Traditional) 3.08
15. Schlaf wohl du Himmelsknabe du (Traditional) 3.33
16. Auf, auf ihr Hirten (Amft) 1.57
17. Transeamus (Schnabel) 4.58
18. Der Heiland ist geboren (Traditional) 2.13
19. Böhmisches Weihnachts-Präludium (Geboren ist Christus der Herr) (Führer) 2.04
20. Kääne Herbriche (Gertler) 5.44
21. Inmitten der Nacht (Traditional) 5.29
22. Stille Nacht, heilige Nacht (Fügrer) + Stelle Nacht (Gertler) 4.26
23. Schlaf wohl du Himmelsknabe du (Aiblinger) 1.48
24. Heiligste Nacht (Gruber) 1.55
25. O du Fröhliche (Traditional) 0.45
26. Pastoral-Messe in C (op. 110) (Gloria – Sanctus – Benedictus) (Reimann) 9.33
27. O du liebes Jesukind (Traditional) 7.22
28. Neuroder Dreikeenichslied (Amft) 3.24
29. Die Heiligen Drei Könige (Improvisation) (Langer) 1.28
30. Zum Hochamt am hl. Christfeste (op. 207) (Maestoso – Allegro ma non tanto) (Führer) 4.05
+
31. Portrait: Joseph Wittig – Beweger seiner Zeit (Radio Vatikan, 01. März 2009)

LabelB1

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MC

Die MC Ausgabe dieses Albums (natürlich längst vergriffen)

Und hier Impressionen von der Joseph Wittig Gedenkstätte:

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