Die 68er und die Folgen (4): Karlheinz Liefers – Offene Zweierbeziehung (Dario Fo – Franca Rame) (Hörspiel) (1986)

FrontCover1Es mag ja ein wenig kühn sein, das Hörspiel des Nobelpreisträgers Dario Fo (* 1926) in meine kleine Reihe „Die 68er und die Folgen“ einzureihen, noch dazu, wenn es sich hier um ein Hörspiel des DDR Rundfunks handelt.

Aber natürlich haben die 68er auch die bürgerliche Moral wie z.B. die Monogamie themaisiert und in Frage gestellt. („Wer einmal mit derselben pennt, gehört zum Establishment“ … ja, ja)

Und von daher passt dieses Hörbuch durchaus in diese kleine Reihe:

Wie durch ein Brennglas gesehen entfaltet sich in dieser abgründigen Komödie das exemplarische Scheitern einer Beziehung – lustvoll, pointiert und spannungsgeladen.

Es geht um Antonia und ihren Mann, die in einer offenen Zweierbeziehung leben. Genau genommen lebt aber nur er in einer offenen Zweierbeziehung. Antonia erleidet sie. Nachdem es ihr selbst mit wiederholten Selbstmorddrohungen nicht gelingt, ihren Gatten vom Fremdgehen abzuhalten, erweist sie sich als äußerst lernfähig: Eigene Wohnung, eigener Job, eigener Liebhaber. Antonia findet Gefallen an der offenen Zweierbeziehung und dreht den Spieß um: Nun – wer hätte es gedacht – leidet ihr Mann.

In dieser rasanten Inszenierung jagt eine Pointe die nächste, wobei Verletzungen des anderen genussvoll in Kauf genommen werden.

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Dario Fo + Franco Rame

Vermeintliche Toleranz kippt in Sekundenschnelle in rasende Eifersucht. Denn die Großzügigkeit hat ihr Ende, sobald das eigene Herz in Gefahr gerät. Liebe hat leider allzu oft auch mit Besitz zu tun. Dass diese Wahrheit keine ausschließlich bittere ist, dafür sorgt ein brillanter Schlagabtausch. Diese Farce über das Eheleben schickt zwei Charaktere auf die Suche nach dem Kern ihrer zweisamen Beziehung, auf die Jagd nach Glaubhaftigkeit, Vertrauen, Respekt und Liebe. Und garantiert ist: Treuefetischisten bekommen hier genauso ihr Fett weg wie die Befürworter offener Beziehungsmodelle.

„Offene Zweierbeziehung“, 1983 in Italien uraufgeführt, zielt direkt und ohne Umschweife auf den scheinbar nur schwer behebbaren Dauerclinch seit Erfindung der Menschheit: Das vermeintliche Missverhältnis zwischen Mann und Frau. Das Stück begibt sich lustvoll in die Abgründe moderner Beziehungsdramatik, die immer auch eine Gratwanderung ist zwischen Aufbruch und Scheitern, Lieben und Leiden. „Offene Zweierbeziehung“ hat auch nach einem Vierteljahrhundert nichts an bissig-ironischer Aktualität verloren.

Der Nobelpreisträger Dario Fo und seine Frau Franca Rame gehen in ihrer Farce das Thema an, indem sie den Spieß der traditionellen Machtverhältnisse einfach umdrehen: Antonia leidet so lange an den Vorstellungen ihres Gatten über eine „offene Zweierbeziehung“, die dem Herrn alle Freiheit lässt und der Gattin die Rolle der treuen, fleißigen Hausfrau im Hintergrund zuweist, bis Antonia sich ebenfalls einen Liebhaber anlacht. Dario Fo pflegt einen an die Tradition der Commedia dell’Arte angelehnten volkstümlichen Stil, Franca Rame kommt aus der Tradition des Volksschauspiels. Beide zusammen stehen für ein fröhliches, anarchisches, aufgeklärtes Theater. (Quelle: www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de)

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Dario Fo + Franco Rame

Nun ja … und hier dieses hochexplosive Hörspiel … ein Zuckerschlecken ist das nicht, was in dieser großartigen Produktion da erwartet.

Da zerfleischt sich ein Ehepaar … mehr als einmal mehr als lautstark …

Und dann wollte ich doch mehr über die Akteure dieses Hörspiels wissen:

Angelika Waller (* 26. Oktober 1944 in Bärwalde) ist eine deutsche Schauspielerin.

Von 1963 bis 1966 wurde sie im Nachwuchsstudio des Deutschen Fernsehfunks zur Schauspielerin ausgebildet.

Ihr Filmdebüt ist zugleich ihre berühmteste Rolle, die der Öffentlichkeit erst 1989 zugänglich gemacht wurde. Der 1965 gedrehte Film Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig kam in der DDR auf den Index. Mit ihrer zweiten Kinorolle in Schwarze Panther Angelika Wallerwurde sie ein Publikumsliebling. In dem russischen Epos Befreiung spielte Angelika Waller 1969 die Eva Braun. Eine äußerst populäre Rolle war 1973 die Titelheldin im TV-Film Rotfuchs. Große Beachtung fand sie auch im Fernseh-Mehrteiler Johann Sebastian Bach.

Seit den 1970er-Jahren war sie zunächst Dozentin, später Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Außerdem arbeitete sie als Regisseurin und inszenierte in Berlin am Berliner Arbeiter-Theater. Seit 2010 arbeitet sie außerdem regelmäßig als Gastdozentin am Thomas-Bernhard-Institut für Schauspiel und Regie am Mozarteum in Salzburg.

Daneben lieh sie als Synchronsprecherin ihre Stimme u. a. Geneviève Bujold (Antonius und Cleopatra) und Linda Purl (Die letzten Tage von Pompeji).

1978 erhielt sie den Kunstpreis der DDR.

Ihre Tochter Susann Thiede (geboren 1963) ist ebenfalls als Schauspielerin tätig.

Klaus Manchen (eigentlich: Klaus-Joachim Manchen; * 1. Dezember 1936 in Breslau) ist ein deutscher Film- und Theaterschauspieler.

Seine Schauspielausbildung absolvierte Klaus Manchen an der Staatlichen Schauspielschule Berlin, der heutigen Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Im Anschluss daran arbeitete er von 1964 bis 1965 an der Vereinigung von Volksbühne und Maxim-Gorki-Theater. Nach Auflösung des Zusammenschlusses entschied er sich für das Maxim-Gorki-Theater und war dort von 1965 bis 2002 festes Ensemblemitglied.

Nebenbei nahm er Film- und Fernsehaufgaben für das Fernsehen der DDR und die DEFA wahr, u. a. in Konrad Wolfs Ich war neunzehn, in Lotte in Weimar oder im DEFA-Indianerfilm Der Scout, in dem er als Sergeant Anderson den Gegenspieler des von Gojko Mitić verkörperten Indianerhäuptlings „Weiße Feder“ spielte.

Seit 2002 arbeitet er als freischaffender Schauspieler für Film- und Fernsehproduktionen.

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Ja … und dann noch der Regisseur:

Karlheinz Liefers (* 6. August 1941 in Döbeln, Sachsen; † 21. Januar 2006 in Berlin) war ein deutscher Regisseur.

Karlheinz Liefers stammte aus einer Theaterfamilie. Sein Vater war der Schauspieler Heinz Liefers. Er begann seine Laufbahn als Schauspieler. Er war Regieassistent an der Berliner Volksbühne u. a. bei Benno Besson, Matthias Langhoff und Manfred Karge. Später war er als Regisseur an verschiedenen Theatern tätig, u. a. in Tübingen, Dresden, Cottbus, Frankfurt (Oder) und Schleswig. Von 1996 bis 2000 war er Schauspieldirektor am Thüringer Landestheater in Rudolstadt.

Bekannt wurde Liefers vor allem durch seine mit Auszeichnungen gewürdigten Hörspielinszenierungen, die er von 1984 bis zu seinem Tod 2006 intensiv betrieb.Neben seinen Hörspielen war Liefers auch weiterhin für das Theater als Regisseur tätig. An den Uckermärkischen Bühnen Schwedt inszenierte er Hexenjagd (2002), Ladies Night (2003) und für die Freilichtbühne Ritter Runkels große Stunde (2004).

Liefers Hörspielinszenierung des Volker-Braun-Stücks Iphigenie in Freiheit wurde im September 1991 zum Hörspiel des Monats gewählt und von der Akademie der Künste Berlin ausgezeichnet. Zwei Mal wurde er mit dem Deutschen Kinderhörspielpreis geehrt.

Er ist der Vater des Schauspielers und Musikers Jan Josef Liefers sowie der Stiefvater des Schauspielers Martin Brambach. Karlheinz Liefers starb 2006 im Alter von 64 Jahren. Er wurde auf dem Karlshorster und Neuen Friedrichsfelder Friedhof in Berlin-Karlshorst beigesetzt. (Quelle: wikipedia)

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Bub … ein Hörspiel, das nichts für zarte Gemüter ist, im Gegenteil … das ist wahrlich starker Tobak … und das führt zu einem ganz großen Kompliment für die Akteure … für mich ein Höhepunkt des deutschen Hörspiels.

Na ja, und dann führte mich dieses Hörspiel auch auf meine eigenen Spuren und ich erinnere mich schmunzelnd an manch´ Narretei meines Lebens .. auch in diesem Bereich. Wobei ich all jene diesbezüglich  dramatischen Momente meines Lebens denke, ist mir natürlich auch klar …  wie illusionär so manche Überlegungen der 68er Jahre waren … und welche Verletzungen daraus entstanden sind.

OffeneZweierbeziehung

Besetzung:
Klaus Manchen (Mann)
Martin Seifert (Professor)
Angelika Waller (Frau)

Bearbeitung: Gabriele Bigott

Regie: Karlheinz Liefers

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Diverse Buchausgaben des Theaterstücks (alle erschienen im Rotbuch Verlag, Berlin)

Titel:
01. Offene Zweierbeziehung 43.10

OffeneZweierbeziehung2

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Die 68er und die Folgen (3): Erich Rauschenbach – Reichtum ist was wunderbares – Cartoons für Manager (1996)

TitelEs mag ein wenig verwegen wirken, wenn ich nun den Erich Rauschenbach in diese Serie (die ja ihren Hintergrund darin hat, dass ein Alexander Dobrindt die Auffassung vertrat, 50 Jahre „68er“ sind genug) aufnehme, aber liest man sich nur ein paar Eckpunkte seiner Biographie durch …. wird das vielleicht ein wenig verständlicher:

Erich Rauschenbach (* 21. Mai 1944 in Lichtenstein) ist deutscher Cartoonist.

Nach einer Banklehre, Reiseleitertätigkeit und einem nicht abgeschlossenen Studium an der Pädagogischen Hochschule Berlin studierte Rauschenbach von 1969 bis 1973 Grafikdesign an der HdK Berlin.

Seitdem arbeitet er als freiberuflicher Karikaturist und Illustrator für Verlage, Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen. Bisher erschienen über 50 Bücher seiner Cartoons.

Von 1994 an entstand eine Serie von mehr als 50 Acrylbildern („Alle meine Mädels“), die in Ausstellungen u.a. in Berlin (Lindencorso), Kassel (Caricatura), Greiz (Sommerpalais) und im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (Juli – September 2005) gezeigt wurden.

Rauschenbach lebt in Berlin. (Quelle: wikipedia)

Erich RauschenbachAlso … wenn da einer im Jahre 1968 an der Pädagogischen Hochschule Berlin studierte … dann kann mir keiner sagen, dass er nicht von dem Geist jener Jahre erfasst wurde.

Und viele seiner späteren Cartoon-Bänden sprechen da auch ne klare Sprache  … über all die Widersprüchlichkeiten der „linken Szene“ kann man nur dann so fein humoristisch, karikierend berichten (bzw. die Feder schwingen), wenn man jene Geisteshaltung dieser Szenerie mehr als gut kennt.

Dies gilt insbeondere für all seine Werke, die sich mit dem Verhältnis der Geschlechter beschäft … hier lief er regelmässig zur Höchstform auf …  Kein Wunder, denn damals beschlossen ja so etliche Frauen, zum Halali gegen das Patriachat zu blasen.

Also: der Erich Rauschenbach ist für mich ein Kind der 68er … ohne wenn und aber …

In diesem Band bekommen nun die Manager ihr Fett ab … dabei bedient er sich eines allseits beliebten Stilmittels: Man konfrontiert den erfolgreichen Manager mit seinen Idealen der Jugend.

Das ist auf Dauer ein wenig ermüdend, von daher ist dies eher ein mittelmäßiger Rauschenbach … aber selbst ein eher mittelmäßiger Rauschenbach ist immer noch des Lesens wert … ganz, ganz sicher.

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Das Buch ohne Schutzhülle

 

Die 68er und die Folgen (2): May Spills – Zur Sache Schätzchen (1968)

Filmplakat1Zur Sache, Schätzchen ist eine deutsche Filmkomödie von May Spils aus dem Jahr 1968. Die weibliche Hauptrolle spielte Uschi Glas, die männliche Werner Enke. Der am 4. Januar 1968 uraufgeführte Film zählte zu den kommerziellen Erfolgen des „Jungen Deutschen Films“. Er beeinflusste die Umgangssprache, unter anderem mit Begriffen wie „fummeln“, „Dumpfbacke“ sowie „tüllich“ als umgangssprachliche Kurzform von „natürlich“. In den USA lief er unter dem Titel Go for it, Baby.

Martin lebt in München-Schwabing ziel- und sorglos in den Tag hinein. Er verdient sein Geld mit dem Texten von Schlagern für seinen Auftraggeber Block. Selbst ein Einbruch, den er zufällig beobachtet, interessiert ihn nicht sonderlich.

Erst sein Freund Henry überredet ihn, die Tat bei der Polizei zu melden. Auf dem Polizeirevier legt er jedoch eine solche Lustlosigkeit bezüglich der Aufklärung an den Tag, dass er selbst verdächtig erscheint. Dank der flotten Barbara, die er kurz zuvor kennengelernt hat, kann er aber zunächst entkommen; sie lenkt die Polizisten durch einen Striptease ab.

Später wird Martin gestellt, aber sein Verhalten hat sich nicht verändert. Vor den Augen des Polizisten, der ihn verhaften will, hantiert er gelangweilt mit einer Pistole, beteuert aber gleichzeitig, diese sei nicht geladen. Der verunsicherte Polizist feuert schließlich einen Schuss auf ihn ab, doch selbst das kann Martin nicht aus der Ruhe bringen. Er gratuliert dem Polizisten zu dessen Glück, dass es nur ein Streifschuss war.

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Zur Sache, Schätzchen ist der Beginn eines spontan gedichteten Vierzeilers, mit dem Martin seine Tätigkeit als Schlagertexter selbst parodiert: „Zur Sache, Schätzchen / mach’ keine Mätzchen / komm’ ins Bettchen / rauchen wir noch’n Zigarettchen.“

Laut Drehbuch sollte Martin – ähnlich wie Jean-Paul Belmondo in Außer Atem – von einem Polizisten erschossen werden. Als kurz nach Beginn der Dreharbeiten am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg von einem Polizeibeamten erschossen wurde, änderte man das Filmende, weil die Filmemacher „nicht die Realität abbilden wollten“.

Der Text, den Martin schließlich bei seinem Auftraggeber abliefert, spiegelt die lakonische Haltung des Antihelden. Block will das Ganze als Seemannslied vermarkten:

„Alter Junge, zieh’ kein Gesicht, geh’ still in die Koje und frage dich nicht, nach diesem und jenem und was es auch sei, am Ende ist doch alles einerlei.“

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Der Film, der sich als einer der ersten mit dem Lebensgefühl junger Menschen am Vorabend der 68er-Unruhen auseinandersetzte, erlangte zeitweise Kultstatus. Er zeichnet das Milieu einer Subkultur, die das Gut-und-Böse-Schema der bürgerlichen Welt ignoriert und deren Vorstellungen von Normalität in Frage stellt.

„Ein gammliger Nichtstuer in Schwabing gibt seiner Verdrossenheit an der bürgerlichen Welt mit pseudo-philosophischen Sprüchen und geistreichen Zynismen Ausdruck. Leichthändig inszenierter Erstlingsfilm; eine intelligente und streckenweise amüsante zeitkritische Glosse, in der selbstironische Kritik und das Verlangen nach menschlichen Beziehungen unüberhörbar sind. Auch in der Rückschau bleibt der Film einer der wenigen wirklich unterhaltsamen Autorenfilme.“ (Lexikon des Internationalen Films)

„In ihrem Erstling sind Spils und Enke einzigartig in der Beobachtung einer Situation zwischen Melancholie und Groteske.“ (Heyne Filmlexikon)

„Eine rundum burleske und sympathische Geschichte. Ab 16 zu empfehlen.“ (Evangelischer Filmbeobachter)

(Quelle: wikipedia)

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„Es wird böse enden!“ – das dachte sich wohl auch der Filmproduzent Horst Wendlandt, als die Schauspielerin Uschi Glas unbedingt bei einem Film mit dem seltsamen Namen „Die Gafler“ mitspielen wollte.

Bis heute erinnert sich die Münchnerin an den Kommentar des Produzenten, bei dem sie unter Exklusivvertrag stand: „Nein, den machst du nicht. Jetzt geht es gerade so gut los. Wenn du jetzt so einen Flop baust, das ist nicht gut.“
Chaotische Dreharbeiten

Glas, die mit „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ gerade einen Erfolg gefeiert hatte, setzte ihren Willen durch. Eine Entscheidung, die sie nie bereuen sollte. Unter dem neuen Titel „Zur Sache, Schätzchen“ wurde das Kinodebüt der Regisseurin May Spils zum Kultfilm. Eine Überraschung, denn vor der Premiere am 4. Januar 1968, vor 50 Jahren, hatte keiner mit diesem Erfolg gerechnet.

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Die Dreharbeiten verliefen chaotisch. Gedreht wurde in Schwarz-Weiß, weil kein Geld für einen Farbfilm da war. „Ich habe wirklich gedacht, das wird alles nichts mehr, ganz zum Schluss habe ich nicht mehr an den Film geglaubt“, erzählt Hauptdarsteller Werner Enke, der im Film als tiefenentspannter Martin zu sehen ist.

Ein Faulpelz, der mit frechen Sprüchen die gutbürgerliche Barbara (Uschi Glas) herumkriegen will, während sein Freund Henry ihn drängt, endlich die versprochenen Schlagertexte zu dichten.

Doch die Verlockungen des heißen Münchner Sommers sind zu groß. Mit dem Cabrio durch Schwabing zu fahren, in der Kneipe philosophieren, hübschen Bikinimädchen hinterherschauen und diese mit selbst gemalten Daumenkinos beeindrucken. Dazu Nachhilfe in Sachen Fummeln.

„Wir haben schon nach dem Rohschnitt den Film einigen Journalisten gezeigt, da gab es einiges Kopfschütteln“, zitieren Lisa Wawrzyniak und Reinhold Keiner in einer Filmanalyse den Produzenten Peter Schamoni, der 2011 starb.

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Na endlich … Uschi Glas betritt die Szenerie ….

Auch der Constantin Filmverleih wollte den Film nicht haben. Schamoni erzählt von der Vorführung, mit der er die Verantwortlichen überzeugen wollte. „Die drei Herren haben sich immer nur irritiert angeguckt, es gab keinerlei Reaktion, kein Lachen; die schüttelten immer nur den Kopf und rutschten auf ihren Stühlen herum.“
Dann kamen sechs Millionen Zuschauer

Dann kam der 4. Januar. Schon am Nachmittag stand Werner Enke mit den anderen vor dem damaligen Filmtheater am Lenbachplatz. Es schneite, und alle hatten Angst, dass keiner kommen würde.

„Dann wurde die Bude doch voll“, erinnert sich Enke. Und noch viel besser: Die Leute lachten. „Die Reaktionen waren so spontan und mitreißend, dass May, Werner und ich uns so gefreut haben, weil wir gemerkt haben, jetzt ist es doch geglückt“, sagt Uschi Glas.

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Geradezu unverschämt keck …

Und Schamoni spricht von rund sechs Millionen Zuschauern, die den Film damals sahen. „Damit hatten wir mehr Zuschauer als der damals aktuelle James-Bond-Film.“

Es war eine Zeit der Unruhe, die 68er-Bewegung formierte sich, diskutierte leidenschaftlich über neue Ideale und protestierte gegen alte, verkrustete Strukturen und Denkweisen. Und es gab die freie Liebe, die in Wohngemeinschaften wie der Kommune 1 in Berlin ihren Ausdruck fand

In München gab es eine Gruppe junger Filmemacher, mit denen Enke und May Spils verkehrten, darunter Rudolf Thome, Klaus Lemke und Max Zihlmann. Ihr Vorbild: die Filme der französischen Nouvelle Vague mit Regisseuren wie Jean-Luc Godard oder François Truffaut. Ihre Heimat: der pulsierende Stadtteil Schwabing, in dem noch nicht alle Ecken luxussaniert waren und in dem es viele verrauchte Kneipen gab. „Die ‚Tarantel‘, das ‚Käuzchen‘, die ‚Schleiereule‘, das war umwerfend“, erinnert sich Enke.

Spils trauert diesen Zeiten ein bisschen nach. „Es war alles sehr viel lässiger und diese 1968er, wir wollten die Welt verändern“, sagt sie. „Wir wollten einfach alle raus aus diesem Nachkriegsmief.“ Denn außerhalb des Schwabinger Partylebens sei alles eher spießig gewesen. „Man durfte eigentlich gar nichts. Man durfte früher nicht mal den Rasen im Englischen Garten betreten.“

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Über diese vielen Verbote und Tugendvorstellungen setzte sich Spils in „Zur Sache, Schätzchen“ unbekümmert hinweg. Legendär etwa die Szene, in der Uschi Glas als Barbara auf der Polizeiwache einen Beinahestriptease hinlegt, um die Polizisten aus dem Konzept zu bringen.

Das Erfolgsgeheimnis des Films liegt wohl gerade in dieser Mischung aus Leichtigkeit, Nachdenklichkeit, Witz und frechen Sprüchen, die Fans noch heute mitsprechen können.

Etwa wenn Martin fast mitleidig feststellt: „Terminhetze, was?“. Darauf sein Freund Henry: „Na klar, Terminhetze. Findet bei dir natürlich nicht statt“. Herrlich auch: „Mag’s gar nicht gern, wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln“. Und der absolute Klassiker, wenn Martin begleitet von einer komischen Handbewegung lakonisch feststellt: „Es wird bööööse enden“.

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Uschi Glas fummelt —- „verflixt, jetzt hab´ ich gefummelt“

Der Darsteller und Mitautor Werner Enke verkörpert als Martin sein Alter Ego. Im wirklichen Leben war er – genau wie im Film – einer der „Gammlertypen“ (aus SZ, 22. Juli 2011) aus Schwabing, die mit ihren pseudophilosophischen Sprüchen die Münchner Gesellschaft aufmischten. Ganz Lebenskünstler und Tagträumer, kam er zusammen mit Kultregisseur Klaus Lemke (geb. 1940) um das Jahr 1963 nach München. Autor Peter Fleischmann (geb. 1937) beschreibt in „Herbst der Gammler“ von 1967 diese Art von jungen Aussteigern, die den Sommer auf der Straße ohne geregelte Arbeit verbrachten. Somit spielen Enke und sein realer Kumpel Henry van Lyck, alias Henry, in „Zur Sache, Schätzchen“ einfach sich selber. Die erst 26-jährige Regisseurin May Spils (geb. 1941, eigentlich Maria-Elisabeth Maier-Spils) war mit beiden befreundet und hatte sie für ihren Erstlingsfilm im Vorfeld monatelang beobachtet. Spils war der Filmwelt erst aufgefallen, als zwei ihrer Werke beim Kurzfilmfest Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) ausgezeichnet wurden. Produzent Peter Schamoni (1934-2011), der mit „Alle Jahre wieder“ zuvor den Bundesfilmpreis bekommen hatte, ließ sich von Jungregisseurin Spils überzeugen und finanzierte das Projekt mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Die Gafler“. Diese Wortkreation hatten sich Spils und Enke ausgedacht. Sie sollte ein Fantasieausdruck aus „Gammler“ und „Fummler“ sein (so Peter Schamoni im Interview mit Autor Achim Zeilmann [geb. 1968).

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Aus filmhistorischer Sicht zeigt „Zur Sache Schätzchen“ in einzigartiger Weise das damalige kulturelle Leben Schwabings. „Wie kaum ein anderer deutscher Film zeigt dieser das Lebensgefühl der Jugend Ende der 60er Jahre […] das damalige Bild der Deutschen von München und insbesondere von Schwabing wurde durch ihn ebenfalls entscheidend mitgeprägt.“ (Ingo Tornow, München im Film, München 1995, 176). Nach den Schwabinger Krawallen (1962) wurden gesellschaftliche Werte wie Arbeit und Ordnung von immer mehr Leuten nicht mehr so ernst genommen, und sie fanden alternative Lebensweisen. Die Stadt zog unzählige junge Cinephile an, von denen einige bald als Filmschaffende das Oberhausener Manifest 1962 während der Pressekonferenz der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage verfassten. Insgesamt 26 Filmemacher rechneten unter dem Slogan „Papas Kino ist tot“ mit der altbackenen Filmbranche ab. Sie forderten eine radikale Erneuerung der westdeutschen Filmproduktion, wollten einen „Neuen Deutschen Film“ (oder auch „Junger Deutscher Film“, JDF) mit mehr Unabhängigkeit für die Filmemacher und schrieben somit Filmgeschichte. Darunter waren in der „Münchner Gruppe“ Alexander Kluge (geb. 1932), Edgar Reitz (geb. 1932), Peter Schamoni (Produzent von „Zur Sache, Schätzchen“) und später Klaus Lemke sowie Rudolf Thome (geb. 1939). Sie wollten sich zum reinen Unterhaltungsfilm abgrenzen und filmisch Gesellschaftskritik üben.

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Mitten drin in der Münchner Szene war Spils, die als erste deutsche Regisseurin der Nachkriegszeit einen unterhaltsamen Autorenfilm schuf. Mit ihrem Kurzfilm „Manöver“ war sie selber schon 1966 zu Gast in Oberhausen und traf durch ihre visuell und dramaturgisch leichte Erzählform den Nerv der Zeit. Ganz im Stile der Nouvelle Vague drehte Spils auf der Straße und nicht im Studio. Parallelen zu Jean-Luc Godards (geb. 1930) „Außer Atem“ mit Jean-Paul Belmondo (geb. 1933) aus dem Jahr 1960 (Originaltitel: „À bout de souffle“) sind unübersehbar. Eigentlich wollte sie für „Zur Sache, Schätzchen“ den gleichen Showdown am Ende des Films, bei dem der Held niedergeschossen wird. Doch kurz nach Drehbeginn verstarb der Student Benno Ohnesorg (1940-1967) in Berlin in etwa so, wie es das Drehbuch vorgesehen hatte. Spils änderte die Handlung und ließ Martin am Ende nicht sterben. Mit ihrem Nachfolgefilm „Nicht fummeln, Liebling“ (1970) blieb Spils ihrem Stil treu. Als weitere Beispiele des Jungen Deutschen Films sind zu nennen: „48 Stunden von Acapulco (1967)“ von Klaus Lemke, „Jet Generation“ (1968) von Eckhart Schmidt (geb. 1938) und „Jane erschießt John, weil er sie mit Ann betrügt“ (1968) von Rudolf Thome.

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Ein alter Knacker (seines Zeichens Musikproduzent) schleimt sich an ….

„Zur Sache Schätzchen“ spielt an einem Tag und zeigt im Schnelldurchlauf Münchens Stadtbild, genauer gesagt: die Wirklichkeit des Stadtteils Schwabing im Sommer 1967. „Mit kleinem Team arbeitet sich die Filmproduktion durch München. Die Drehorte werden von Tag zu Tag ausgesucht, […] Hauptort der Handlung ist die Sackgasse quer zur Türkenstraße, die damals noch nicht verkehrsberuhigt war“ (Zeilmann, Drehort München, 94). Das damalige Kino Türkendolch (ehemalige Türkenstraße 74) und die Eisdiele Adria (Türkenstraße 59) als Fixpunkte des Straßenzuges sind nicht zu übersehen. Eine der wichtigsten Sequenzen des Films sind sogar während des normalen Betriebes im Ungererbad gedreht. Die Leopoldstraße durfte natürlich als Schauplatz auch nicht fehlen, sie war damals Dreh- und Angelpunkt des jungen Münchens. Doch eigentlich spielen viele Szenen des Films nicht im vermeintlich dargestellten Schwabing, sondern „tatsächlich im Tierpark in Thalkirchen […] oder am Eisbach auf der Höhe der Prinzregentenstraße“ (Tobias Kniebe, in: SZ, 22.7.2011, R12).

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Uschi Glas wird neckisch …

Die Darstellung des Flusssurfens im Film während einer Party war wohl die erste überhaupt in der deutschen Filmgeschichte. Regisseurin Spils lebte selber schon länger in München und kannte das urbane Umfeld gut. Sie und die anderen jungen Filmbegeisterten waren täglich im Kino, so auch im Türkendolch, und gingen alle regelmäßig in Schwabings Kneipen. „Zur Sache, Schätzchen“ reflektiert das Stadtleben der „Münchner Gruppe“ und transportiert die Lebensweise einer ganzen Generation. Insofern hatte und hat der Film ein Alleinstellungsmerkmal in der bayerischen Filmgeschichte. (Quelle: www.historisches-lexikon-bayerns.de)

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Der legendäre Strip der Uschi Glas … und ewig lockt das Weib ….

Und bis heute attestiert man diesem Film einen gewissen Kultstatus … einfach weil er jenes Lebensgefühl des Jahres 1968 (hinsichtlich seiner unbeschwerten Anteile) wie kein anderer Streifen repräsentiert.

Und selbst ein Gerhard Schröder erinnert sich gerne an diesen Film:

„Auf seine Weise hat mich der Film wohl auch deshalb angesprochen, weil er die Ereignisse von 1968 so ganz anders auf den Punkt brachte – eben nicht mit langen Theoriedebatten.
Aber alles, was Martin tut oder vor allem nicht tut, ist Auflehnung, und er hat auch seinen Spaß dabei. Das war natürlich kein politisches Programm, aber es drückte den Umbruch aus, den wir, die wir damals Mitte 20 waren, verspürten.

Unvergessen ist natürlich die Szene auf dem Polizeirevier, wo Uschi Glas, die damals wie heute so gar nichts von einer linken Revoluzzerin hatte, plötzlich anfängt, die Kleider abzulegen, und Rainer Basedow als Polizist sich gar nicht mehr einkriegt vor dieser Majestätsbeleidigung.
Rainer Basedow hat mir später in manchen Wahlkämpfen geholfen – man sieht also: Es muß gar nicht alles „böse enden“.

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Na ja … und dann noch ein paar Anmerkungen, Ergänzungen (der Präsentation liegen dann auch noch so ein paar weitere Materialien bei).

  • Die Bilder vom damaligen Schwabing … sie wecken bei mir Erinnerungen
  • Die mehr als interessante Musik zu dem Film schrieb übrigens Kristian Schultze (später tauchte er dann bei der großartigen Gruppe „Passport“ auf … 
  • Alexander Dobrint konnte der Film noch gar nicht gesehen haben … er wurde erst 1971 geboren
  • Die 68er und die Folgen: Auch jenes Lebensgefühl jener Tage gehört dazu … und hat sich bei vielen in irgendeines Weise erhalten … da bin ich mir sich.
  • Im Münchner literaturhaus kann man den Film z.B. mal wieder sehen … im Rahmen der Ausstellung „Blumenkinder“.
  • Uschi Glas ist mir alles andere als geheuerlich … hier ihr einziger Film, der mir gefällt … und man kann ihn noch heute anschauen, ohne einzuschlafen …
  • Neulich wurde sie über diesen Film wieder mal befragt und zwar vom „Münchner Merkur“ (4. Januar 2018)

MünchnerMerkur 4. Januar 2018_01

Münchner Merkur 4. Januar 2018_02

Besetzung:
Rainer Basedow (Wachhabender)
Ursula Bode (Mutter im Zoo)
Helmut Brasch (Viktor Block)
Johannes Buzalski (Spanner)
Werner Enke (Martin)
Uschi Glas (Barbara)
Martin Lüttge (Dichter im Lift)
Henry van Lyck (Henry van Bosch)
Inge Marschall (Anita)
Horst Pasderski (Filmproduzent)
Joachim Schneider (Wachtmeister)
Fritz Schuster (Bettler)
Edith Volkmann (Hausmeisterin)

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Bei der Premiere, 1968

Regie: May Spils
Drehbuch: Werner Enke
Produktion: Peter Schamoni
Musik: Kristian Schultze
Kamera Klaus König
Schnitt: Ulrike Froehner

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Jetzt wird es gleich dramatisch …. *

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May Spills, Werner Enke und Uschi Glas, 2013

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Die 68er und die Folgen (1): „Heute Journal“ Marietta Slomka provoziert CSU-Mann Dobrindt

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Die CSU und ihr Alexander Dobrindt bläst zum Halali auf die 68er Generation:

Alexander Dobrindt hat in der Zeitung „Die Welt“ ein Essay veröffentlicht, in der er die sog. „68er Generation“ als Quell allen Übels identifiziert:

„Wir müssen 1968 hinter uns lassen“, fordert der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt. In einem Beitrag für die „Welt“ (Bezahlinhalt) mahnt er eine „konservative Revolution“ an, die sich auch gegen die Ideale und Errungenschaften der 68er-Bewegung richtet. In einem viel diskutierten Auftritt im Heute Journal wiederholte er seine Thesen.“ (Quelle: www.abendblatt.de)

Leider liegt mir der Dobrindt Text noch nicht als Volltext vor (das ist aber nur eine Frage der Zeit), aber der Disput zwischen Alexander Dobrindt und der Heute Journal Journalistin Marietta Slomka  in der o.g. Sendung.

Und dieser verbale Meinungsaustausch wurde dann auch in der Tageszeitung „Münchner Merkur“ (wahrlich keine Zeitung der sozialistischen Bewegung) kmmentiert und zwar ziemlich eindeutig und überraschend giftig:

„Heute Journal“-Moderatorin Marietta Slomka hat CSU-Landesgruppenvorsitzenden Alexander Dobrindt öffentlich bloßgestellt: Der Politiker hatte eine Revolution gefordert.

Berlin – In einem in der Welt veröffentlichten Artikel hatte CSU-Landesgruppenvorsitzender Alexander Dobrindt eine „konservative Wende“, bzw. „konservative Revolution“ gefordert – dafür erntete er scharfe Kritik von Marietta Slomka im „Heute Journal“.

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Nach der Begrüßung legte die Fernsehmoderatorin los: „Nun erinnere ich mich an 1982/83, an die geistig-moralische Wende und danach 16 Jahre Helmut Kohl. Hat denn der Mann damals gar nichts erreicht, dass Sie sich heute noch an den Alt-68ern abarbeiten müssen?”
Nein, entgegnete Dobrindt, aber es sei im letzten Jahr klar geworden, dass sich eine Gruppe von Menschen nicht verstanden fühle – und daraus entstehe Protest. Es gebe aber eine bürgerlich-konservative Mehrheit in Deutschland – die das Gefühl habe, sie komme im „linken Meinungs-Mainstream“ nicht vor. Genau das hätte er mit seinem Beitrag ändern wollen.

„Deutschland ist nicht Prenzlauer Berg“
Diese Begründung ließ Slomka nicht zu: „Die Frage ist ja, ob das so zutrifft, dass der Mainstream quasi von einer Art linken Diktatur hierzulande verhindert wird. Sie sagen zum Beispiel, ‚Deutschland ist nicht Prenzlauer Berg‘. Ich weiß jetzt nicht, welche Vorstellung Sie von Prenzlauer Berg haben, aber da wohnen nun vor allem deutsche Familien mit Kindern, die so bürgerlich sind, dass sogar ein Eiscafé Ärger wegen Ruhestörung bekommt. (…) Gegen wen wollen Sie da eine Revolution anführen?“
Dobrindt reagierte: Niemand habe von einer Diktatur gesprochen, und außerdem gehe es ja um ein Gefühl – nämlich das Gefühl, nicht vertreten zu sein. Er sehe einen Auftrag darin, dafür zu sorgen, dass sich eine rechte Randpartei nicht dauerhaft im deutschen Bundestag etablieren könne.

„Revolution ist nicht ‚Wir wollen ein bisschen bürgerlicher werden‘“
Auch hierauf hatte die Journalistin eine provokante Antwort: „Die Frage ist nur, ob man Protestwähler zurückholt, indem man ihre Parolen übernimmt.“ Schließlich nenne Dobrindt das Wort „Revolution“ gleich drei mal in seinem Artikel – und eine Revolution sei nicht nur „Wir wollen ein bisschen bürgerlicher werden“, sondern Aufstand, Systemveränderung und Wandel. „Sind Sie sicher, dass das deutsche Bürgertum eine Revolution möchte?“, hakte Slomka nach.
Das sei eine „Überinterpretation“, der er nicht folgen könne, meinte Dobrindt. Es gehe nur darum, dem bürgerlich-konservativen Wähler eine Stimme zu geben.

„Richtet sich Ihr Aufruf zur Revolution auch gegen Frau Merkel?“
So leicht ließ Slomka, die offenbar einen besonders angriffslustigen Abend erwischt hatte, den Politiker nicht vom Haken: Revolution sei per Definition ein radikaler Wechsel, ein Sturz – das habe sie sich nicht ausgedacht. „Im Moment regiert seit zwölf Jahren eine CDU-Kanzlerin – richtet sich Ihr Aufruf zur Revolution also auch gegen Frau Merkel?“, fragte sie.
Nein, wiegelte der Politiker ab – aber in Meinungsdiskussionen sollten alle gleichermaßen vertreten sein – dazu gehöre, sich zu Wort zu melden, und das habe er getan.

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Ein gelungener Jahresauftakt für Sondierungsgespräche?
Er sei zu der Erkenntnis gekommen, ‘68 müsse man hinter sich lassen. Auch die finale Frage der Moderatorin kann als klarer Angriff verstanden werden: „Damit provozieren Sie nun aber vor allem die SPD und nicht die 68er, die alle schon längst in Rente sind und weit über 70. Nun wollen Sie mit der SPD aber trotzdem eine große Koalition bilden – Ist das dann stimmungsmäßig ein gelungener Jahresauftakt für die Sondierungsgespräche?“
Er kenne die Schmerzgrenze der SPD, erwiderte Dobrindt – es bleibt zu hoffen, dass er damit recht hat. Münchner Merkur, 05.01. 2018)

Marietta Slomka schießt dann in diesem Interview noch ein paar Giftpfeilchen ab hinsichtlich des Paarungsverhalten von ein paar CSU Größen (Waigel & Seehofer) ab (nicht erwähnt wird dabei das nichteheliche Kind von dem zukünftigem CSU Star Söder …

Und für mich sind die dumm-dreisten Äußerungen eines Alexander Dobrindt Anlass genug … um in diesem Jahr das Thema „Die 68er und die Folgen“ aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten …

Und hier das Interview in voller Länge:

Oder aber auch:

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