Brecht-Weill – Dreigroschenoper + Mahagony (Lewis Ruth Band mit Lotte Lenya; 1930) (1971)

FrontCover1Hier nun eine historische Rarität:

Die Dreigroschenoper ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill. Die Uraufführung fand am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt. Das „Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern“ wurde die erfolgreichste deutsche Theateraufführung bis 1933, einige Musiknummern wie die Moritat von Mackie Messer wurden Welthits.

Die Handlung kreist um den Konkurrenz- und Existenzkampf zwischen zwei „Geschäftsleuten“, dem Kopf der Londoner Bettelmafia (Peachum), der Bettler erpresst und sie so ausstattet, dass sie das Mitleid der Passanten erregen, und einem Verbrecher (Macheath), der gute Beziehungen zum Polizeichef (Brown) von London hat.

Ort und Zeit der Handlung: Das Stück ist in Soho, einem Londoner Stadtteil, der zum Zeitpunkt der Handlung von zwielichtigen Gestalten beherrscht wird, während des 18. Jahrhunderts angesiedelt. Eine Zeitangabe ist im Stück selbst nicht angegeben. Üblicherweise wird als Zeit 1728 – das Entstehungsjahr der Vorlage – angenommen, oder aber die Entstehungszeit der Dreigroschenoper selbst, also die 1920er Jahre.

„Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie ‚Die Dreigroschenoper‘“. (Einleitender Text von Brecht zur Schallplatten-Aufnahme)

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Verlagseinband des Erstdruckes (1928)

Die „Dreigroschenoper“ ist eine Bearbeitung der Beggar’s Opera von John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik) aus dem Jahr 1728. Vorlage war die deutsche Übersetzung dieser Oper von Elisabeth Hauptmann, von der sich Brecht im Laufe der Arbeit allerdings immer weiter entfernte. Ursprünglich lautete die Bezeichnung: „Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel mit 9 Bildern nach dem Englischen des John Gay. Übersetzung: Elisabeth Hauptmann. Bearbeitung: Bertolt Brecht. Musik Von Kurt Weill“.Die Handlung des Stückes hat im weiteren Sinne einen historischen Hintergrund. Im 18. Jahrhundert gab es in London eine gut organisierte Verbrecherbande, deren Anführer Jonathan Wild war. Diese Bande hatte mehrere Abteilungen, die einerseits Diebstahl und Raub betrieben, andererseits den Opfern die Beute zum Wiederkauf anboten. Zum dritten wurden enge Beziehungen zur Polizei unterhalten und missliebige Komplizen ausgeliefert. Wild wurde 1725 in London hingerichtet. Diese Konstellation griff John Gay für seine Beggar’s Opera auf, Jonathan Peachum trägt in der Oper Züge des Jonathan Wild.

 

Die Dreigroschenoper ist – trotz des Namens, der an die Vorlage angelehnt ist – keine durchkomponierte Oper im engeren Sinn, sondern ein politisch engagiertes Theaterstück mit 22 abgeschlossenen Gesangsnummern, für die keine Opernsänger benötigt werden, sondern singende Schauspieler.

Die Idee zur Aufführung der „Dreigroschenoper“ entstand im Frühjahr 1928 im Zusammenhang mit der geplanten Wiedereröffnung des Berliner Schiffbauerdamm-Theaters (heute Spielort des Berliner Ensembles), für die Brecht dem neuen Direktor des Theaters, Ernst Joseph Aufricht ein halbfertiges Manuskript als erste Premiere für sein renoviertes Haus anbot. Aufricht, der von dem Stoff sofort angetan war, nahm ihn an – gar nicht wissend, dass er damit auch den jungen Komponisten Kurt Weill, den Brecht von Anfang an für die Vertonung der Texte vorgesehen hatte, mitverpflichtete. Aufricht zweifelte anfänglich, ob der für seine Atonalität bekannte Weill der richtige Mann für die Musik war. Brecht und Weill wollten gemeinsam eine neue Form des Musiktheaters entwickeln. Gemäß Brechts Idee vom „epischen Theater“ sollte das Geschehen auf der Bühne die Zuschauer nicht in eine illusionäre Welt hineinziehen, sondern sie vielmehr zur kritischen Reflexion anregen.

Die Dreigroschenoper konnte nur geschrieben werden, weil Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann 1926 Presseberichte über den anhaltenden Theatererfolg der wiederentdeckten Beggar’s Opera von John Gay gelesen hatte, die seit 1920 in London und anderen englischen Städten wiederaufgeführt wurde, und ihre Übersetzung Brecht vorlegte. Die im Bettlermilieu spielende Satire war bei ihrer Erstaufführung 1728 in London Stadtgespräch und brach bei ihrer Neuaufführung im Jahr 1920 mit fast 1500 Aufführungen alle Rekorde. Von März bis Mai 1928, erarbeiteten Brecht und Hauptmann gemeinsam eine erste Textfassung, einen großen Teil des Theaterstücks schrieb Hauptmann dann selbst, wurde aber später im Zuge der weltweiten Erfolgsgeschichte nie entsprechend genannt oder gewürdigt (das Programmheft der Uraufführung nennt noch: Die Dreigroschenoper von John Gay, übersetzt von Elisabeth Hauptmann in der Bearbeitung von Bert Brecht)

Besetzungszettel der Uraufführung.

Besetzungszettel der Uraufführung. Die Angabe von Lotte Lenya als Jenny fehlt.

Brecht geriet wegen der bevorstehenden Eröffnung des Theaters in Zeitdruck und beschloss, mit Weill zum Arbeiten für einige Wochen an die Riviera zu fahren. Doch vorher regelte er in einem Vertrag mit dem Verlag Felix Bloch Erben die Gewinnbeteiligung. Brecht bestand auf 62,5 Prozent. Weill erhielt 25, Elisabeth Hauptmann 12,5 Prozent. Im Juni und Juli arbeiten Brecht und Elisabeth Hauptmann dann an der französischen Riviera gemeinsam mit Weill und dessen Frau Lotte Lenya an der Endfassung.

Brecht benutzte für die Dreigroschenoper einige Lieder von François Villon, die in der Übersetzung von K. L. Ammer (Karl Anton Klammer) erschienen waren. Die Tatsache, dass er diese Quelle nicht angegeben hatte, veranlasste den Kritiker Alfred Kerr zu heftiger Kritik. Im Mai 1929 erhob er scharfe Vorwürfe gegen Brecht im Berliner Tageblatt. Brecht räumte daraufhin seine „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ ein (betroffen waren rund fünf Prozent der Verse). Laut Friedrich Torberg (Die Tante Jolesch) musste Brecht an Klammer eine nicht unbeträchtliche Abschlagssumme zahlen, wofür dieser einen Weingarten erwarb und den dort gekelterten Wein „Dreigroschenwein“ nannte. Für die Neuausgabe der K.-L.-Ammerschen Villon-Ausgabe schrieb Brecht ein Sonett, das mit den Worten endete: „Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! Ich selber hab mir was herausgenommen …“Brecht hatte für die Oper ursprünglich den Titel Gesindel vorgesehen und sie im Juni 1928 unter dem Titel Die Ludenoper vom Verlag Felix Bloch Erben als Bühnenmanuskript vervielfältigen lassen. Erst Lion Feuchtwanger machte nach einem Probenbesuch den Vorschlag, das Stück Dreigroschenoper zu nennen.

 

Rudyard Kiplings Ballade Screw-Guns hatte Brecht zum Kanonen-Song angeregt. Die Quelle war: Kanonen (Rudyard Kipling) aus Balladen aus dem Biwak (übersetzt von Marx Möller); Vita Verlag, Berlin 1911.

Am 1. August 1928 war Probenbeginn am Theater am Schiffbauerdamm (Berlin) unter der Regie von Erich Engel. Die musikalische Leitung hatte Theo Mackeben; es spielte die Lewis Ruth-Band. Das Bühnenbild wurde von Caspar Neher entworfen. Besetzt waren: Harald Paulsen, Peter Lorre, Rosa Valetti, Carola Neher, Kurt Gerron, Kate Kühl, Ernst Busch und Naphtali Lehrmann. Kurt Weill trug zu Beginn seine Lieder vor und überzeugte den Regisseur Erich Engel und Direktor Aufricht, seiner Frau Lotte Lenya die Rolle der Spelunken-Jenny zu übertragen. In ihren Erinnerungen schrieb Lotte Lenya, dass die Produktion unter keinem guten Stern stand und in der Stadt Gerüchte über ein „völlig unzugängliches“ Stück, das Brecht geschrieben hätte, verbreitet wurden.

Bald begann eine Pechsträhne: Carola Nehers Mann, der Dichter Klabund, litt an Tuberkulose und musste nach einem Anfall in ein Sanatorium nach Davos. Als sich seine Lage verschlimmerte, brach Neher die Proben ab und fuhr zu ihm. Nach Klabunds Tod kam Neher am 18. August wieder nach Berlin zurück und wurde bei den Proben zweimal ohnmächtig, bis ihr ein Arzt das Auftreten untersagte. Später bekannte sie, dass sie Brechts Songs, die er teilweise von dem Französischen Dichter François Villon abgeschrieben hatte, nicht ertragen konnte, da Villon Klabunds Lieblingsdichter gewesen war. Eine Woche vor der Premiere übernahm Roma Bahn von ihr die Rolle der Polly.

Die letzten Tage vor der Premiere waren von Auseinandersetzungen zwischen dem Regisseur und dem Autor über die Songs geprägt, es wurde sogar vorgeschlagen, die Musik ganz zu streichen. Peter Lorre, der die Rolle des Jonathan Peachum spielen sollte, stieg aus, für ihn sprang kurzfristig Erich Ponto ein. Als der Regisseur Erich Engel nach einem Streit um den Schlusschoral entnervt das Handtuch warf, übernahm Brecht in letzter Minute selbst die Regie, außer ihm glaubte aber niemand mehr an eine Premiere. Harald Paulsen, der Darsteller des Mackie Messer, verlangte plötzlich eine bessere Einführung seiner Figur mit einem Lied, das auf sein Erscheinen vorbereiten sollte. Brecht schrieb einen Text und Weill vertonte ihn über Nacht: Es war die Moritat, die zum populärsten Lied des Schauspiels werden sollte. Eine weitere Panne passierte mit dem Besetzungszettel: der Name von Lotte Lenya, die die Jenny spielte, wurde versehentlich weggelassen.

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Lotte Lenya + Kurt Weill

Karl Kraus, der manchmal an den Proben zur Dreigroschenoper-Uraufführung teilgenommen hatte, steuerte während der Generalprobe die zweite Strophe des „Eifersuchtsduetts“ bei, da seiner Meinung nach das Publikum von einer nicht genug haben würde.

Die Uraufführung fand am 31. August 1928 statt und war einer der größten Erfolge der Theatergeschichte, allerdings nicht sofort. Zunächst herrschte eisige Stimmung und offensichtliche Ablehnung im Zuschauerraum. Erst mit dem Kanonensong brach das Eis. Beifallsstürme erklangen, das Publikum trampelte, der Song musste sogar wiederholt werden. Von da an wurde jeder Satz beklatscht und die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik.

Bereits im Januar 1929 wurde sie an 19 deutschen Theatern sowie in Wien, Prag und Budapest gespielt. Die eingängigsten Songs – Die Moritat von Mackie Messer, das Lied von der Seeräuber-Jenny oder die Ballade vom angenehmen Leben − wurden in der ganzen Stadt nachgepfiffen. Die Dreigroschenoper sollte später das erfolgreichste deutsche Stück des 20. Jahrhunderts werden. Allein zum Ende der Saison 1928/29 verzeichnete man 4000 Aufführungen in 200 Inszenierungen – schon damals ein Jahrhundertrekord. Elias Canetti schrieb später: „Es war eine raffinierte Aufführung, kalt berechnet. Es war der genaueste Ausdruck dieses Berlin. Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. das nahmen sie wörtlich.“

1933 wurde »Die Dreigroschenoper« von den Nazis verboten. Das Stück war bis dahin in 18 Sprachen übersetzt und mehr als 10.000 Mal an europäischen Bühnen aufgeführt worden. Ihre erste Wiederaufführung im Nachkriegs-Berlin erlebte sie bereits im August 1945 am Hebbel-Theater mit Hubert von Meyerinck in der Hauptrolle. 1949 spielten die Münchner Kammerspiele eine von Brecht veränderte Fassung mit Hans Albers als Macheath.

Hannah Arendt behauptet in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1951, das Stück habe „das genaue Gegenteil von dem, was Brecht mit ihm gewollt hatte“ bewirkt – die Entlarvung bürgerlicher Heuchelei. Das „einzige politische Ergebnis des Stückes war, daß jedermann ermutigt wurde, die unbequeme Maske der Heuchelei fallen zu lassen und offen die Maßstäbe des Pöbels zu übernehmen.“ (Quelle: wikipedia)

Hier also die 1939 entstanden Schallplattenaufnahmen dieses Klassiker und zwar in der Uraufführungsbesetzung. Erstaunlich gut die Klangqualität. Und dies war nicht die einzige Wiederveröffentlichung.

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Alternatives Front + Back Cover

Als Zugabe gibt´s dann noch Auszüge aus der französichen Filmfassung (ebenfalls 1930) sowie aus der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mit dem legendären Klassiker „Alabama Song“ (wer erinnert sich noch an die Fassung des Songs von den „Doors“) und dann auch noch die mir bis dato unbekannte „Ballade vom Seeman Kuttel-Daddeldu“.

Eigentlich könnte und müsste man ja noch viel mehr berichten … aber … Nur noch soviel:

Lotte Lenya, die als Kind von ihrem trunksüchtigen Vater jeden Tag verprügelt worden war, brachte es auf fünf Ehen (zwei mit Kurt Weill). Nach dem Tod Weills heiratete sie den schwulen Schauspieler George Davis, 1962 (mit 64 Jahren) den 27 Jahre jüngeren Maler Detwiler. Von ihrem letzten Ehemann, der wie die beiden davor alkoholkrank war, ließ sie sich 1973 nach zwei Jahren scheiden.

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Bertolt Brecht – Lotte Lenya – Kurt Weill

Besetzung:
Lewis Ruth Band – Jazzorchester unter der Leitung von Theo Mackeben
+
Kurt Gerron (Ausrufer)
+
Gesang bei 01. – 13.:
Erika Helmke – Lotte Lenja – Erich Ponto – Willy Trenk-Trebitsch (vocals)

Gesang bei 14. – 17:
Albert Préjean – Jacques Henley – Margo Lion

Gesang bei 18. + 19:
Lotte Lenja – The Three Admirals

Gesang bei 20.:
Kurt Gerron (mit Orchester)

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Titel:

Die Dreigroschenoper, Auszüge (aufgenommen. 7.12.1930):

1. Akt:
01. Ouvertüre und Moritat von Mackie Messer 2.09
02. Seeräuberjenny 3.15
03. Kanonensong 1.34
04. Liebeslied 1.49
05. Barbarasong 2.08
06. Erstes Dreigroschen-Finale

2. Akt:
07. Abschied 1.27
08. Zuhälterballade 1.43
09. Ballade vom angenehmen Leben 1.21
10. Eifersuchtsduett 1.23
11. Zweites Dreigroschen-Finale 2.10

3. Akt:
12. Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens 1.36
13. Moritat und Schlusschoral 3.21

Aus der französischen Fassung des Dreigroschen-Films (aufgenommen 27.11.1930):
14. Chant des Canons (Kanonensong) 2.19
15. Chant d’amour (Liebeslied) 3.03
16. Tangoballade Zuhälterballade) 3.25
17. Ballade de la vie agréable (Ballade vom angenehmen Leben) 2.06

Aus „Mahagonny“ (aufgenommen 24.2.1930):
18. Denn wie man sich bettet so liegt man 3.02
19. Alabama Song 3.07

Die Ballade Vom Seemann Kuttel-Daddeldu (aufgenommen 5.9.1930):
20. Die Ballade Vom Seemann Kuttel-Daddeldu (Grosz/Ringelnatz) 5.58

Texte: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

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MeineFrau

Konstantin Wecker – Brecht (1998)

WeckerFrontCover1Ein mehr als eindrucksvoller Beitrag zum hundersten Geburtstag von Bertholt Brecht:

Ganz klar, dass Kraftlackel Konstantin Wecker im „Brecht-Jahr 1998“ — der Dichter und Kommunist wäre 100 Jahre alt geworden — die Gunst der Stunde nutzte, um seinem großen Idol ein ur-eigenes Denkmal zu setzen. Schlicht und ergreifend Brecht nannte der Wirtshaus-Revoluzzer und Anarcho-Liedermacher dieses Dokument seiner Leidenschaft, und wie immer schaffte „Konny“ es, Liedern wie „Wenn sie trinkt, fällt sie in jedes Bett“, „Ballade vom Mazzepa“ oder „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ ein intimes, leidenschaftliches, großmäuliges Eigenleben zu verpassen, „typisch Wecker“ eben. Dabei hatte sich der Münchner Berserker den Liedern seines Vorbildes mit Samtpfoten genähert und wollte sie, nach eigener Aussage, „so authentisch wie möglich einer neuen Hörerschaft näherbringen“. Experiment gelungen — aber eben auch vor allem deshalb, weil Wecker immer Wecker bleibt und sich niemals zurücknimmt. Originale braucht das Land! (Michael Fuchs-Gamböck)

Verwandte Töne: Von Lebenslust und Übermaß singt Wecker wieder mal auf dieser 37 Minuten kurzen Platte. Sie klingt wie aus seinen besten Zeiten, aber die Texte stammen nicht von ihm.

Erstmals in seiner Liedermacher-Karriere stützt Wecker sich auf Texte eines anderen. Aber der heißt immerhin Bert Brecht. Damit ist Wecker einer von vielen Künstlern, die sich im Jubiläums-Jahr zu Deutschlands großen Quälgeist hingezogen fühlen. Aber kaum zwei passen so gut zusamen.

WeckerRoth

Konstantin Wecker + Wolfgang Roth

„Alle Laster sind zu etwas gut“ schrieb Brecht in seinem „Choral vom Baal“, und Wecker, der auch nie maßhalten wollte, lockt mit saftiger Stimme: „Sucht euch zwei aus. Eines ist zuviel!“ Auf den Leib geschrieben ist dem bayerischen Kraftstrotz ebenso Brechts Zeile „Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch“.

Ja, der politische Intellektuelle aus Augsburg war auch ein Erotiker. Unter den rund 2500 Gedichten, die er zwischen 1913 und 1956 schrieb, finden sich gut hundert erotische, teils sogar obszöne und handfest pornographische. Vor allem für solche Texte hat Wecker sich von den Erben die Erlaubnis zur Vertonung geholt. „Oh, die unerhörten Möglichkeiten, wenn man Frauen um die Hüften nimmt, zwischen Schenkeln sanft im Abwärtsgleiten durch das grüne Meer der Wollust schwimmt“ singt er nun und preist damit wie je Lust, Genuß und Übermaß.„Alle Laster sind zu etwas gut“ schrieb Brecht in seinem „Choral vom Baal“, und Wecker, der auch nie maßhalten wollte, lockt mit saftiger Stimme: „Sucht euch zwei aus. Eines ist zuviel!“ Auf den Leib geschrieben ist dem bayerischen Kraftstrotz ebenso Brechts Zeile „Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch“.

Da sind zwei sich ähnlich, nicht nur thematisch. Das soll schon das Cover des Albums deutlich machen. Ein kleiner Bert Brecht pinnt da als Foto neben dem großen Wecker, der sich auch schon mit Kurt Tucholsky gemein machte. Beide lächeln leise aus dem Augenwinkel, als schielten sie bereits nach dem nächsten Unterleib.

Die Platte klingt wie aus Weckers besten Zeiten. Hemmungslos zitiert der Künstler sich selbst, läßt das „Liebeslied“ seiner wilden Ballade „Du mußt dir alles geben“ ähneln und vertont Brechts „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ als Mischung aus „Genug ist nicht genug“ und „In diesen Nächten“: Da kommen einem die typischen Harmonien so vertraut vor wie die Texte, die die Leidenschaft und den Tod besingen oder den Wunsch, sich „von Ziel und Schwere“ zu lösen. Den politischen Songs gab Wecker einen ungewohnten Ton: Nicht fordernd und antreibend wie von Therese Giehse bekannt, sondern nachdenklich interpretiert Wecker die von Krieg und Exil geprägten Verse („In den Zeiten der äußersten Verfolgung“). Am lustvollsten aber hört man dem Traumpaar Brecht/Wecker zu, wenn sie vom faulen sich Hingeben an den Augenblick schwärmen und einen davontragen mit der sorglosen Zeile: „Natürlich muß man auf dem Rücken liegen…und sich treiben lassen. Man muß nicht schwimmen.“ (Bettina Koch)

Eine kongeniale musikalische Umsetzung all jener Brecht Texte, die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben.

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Besetzung:
Gerd Baumann (guitar)
Leopold Gmelch (trombone, tuba)
Yogo Pausch (percussion)
Maria Reiter (accordion)
Lenz Retzer (bass)
Wolfgang Roth (saxophone, flute, clarinet)
Nici Walde (bassoon)
Konstantin Wecker (vocals, piano)
Stephan Wildfeuer (drums, vibraphone)

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Titel:
01. Choral vom Baal 3.47
02. Oh, die unerhörten Möglichkeiten 3.30
03. Das Schiff 4.22
04. Ballade vom Mazeppa 5.10
05. Wenn sie trinkt, fällt sie in jedes Bett 2.26
06. Erinnerung an die Marie A. 3.20
07. Vom schwimmen in Seen und Flüssen 5.38
08. In den Zeiten der äußersten Verfolgung 3.26
09. Liebeslied 2.56
10, Vom Glück des Gebens 2.30

Musik: Konstantin Wecker
Texte: Bertolt Brecht

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Im Studio

Therese Giehse – Therese Giehse singt Brecht (1975)

FrontCover1Ganz sicher war sie eine der ganz großen Schauspielerinnen des letzten Jahrhunderts:

Therese Giehse, geborene Therese Gift, (* 6. März 1898 in München; † 3. März 1975 ebenda) war eine deutsche Schauspielerin.

Therese Giehse kam 1898 als Tochter des jüdischen Kaufmannsehepaars Gertrude und Salomon Gift zur Welt. Von 1918 bis 1920 nahm Giehse Schauspielunterricht bei Tony Wittels-Stury. Ihre Saison-Engagements von 1920 bis 1926 („meine Lernjahre“) führten sie durch die Provinz: Siegen/Westfalen, Gleiwitz/Oberschlesien, Landshut/Niederbayern, die Bayerische Landesbühne, Breslau bei Paul Barney. Von 1926 bis 1933 war sie Mitglied an den Münchner Kammerspielen bei Otto Falckenberg.

Giehse gründete Anfang 1933 zusammen mit ihrer Freundin Erika Mann sowie mit deren Bruder Klaus Mann, der ihr später seinen Roman Mephisto widmete, in München das Kabarett „Die Pfeffermühle“. Mit diesem emigrierte sie noch im gleichen Jahr, da sie als Jüdin und politisch links stehende Künstlerin mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten rechnen musste. Erste Station ihrer Flucht war Zürich. Danach verlief ihr Fluchtweg von 1934 bis 1936 über Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich bis in die Tschechoslowakei. Am 26. April 1936 erlebte die „Pfeffermühle“ ihre 1000. Vorstellung in Amsterdam.

Am 20. Mai 1936 heiratete die lesbische Giehse den homosexuellen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson († 1955), um auf diese Weise einen britischen Pass zu erhalten und so dem Zugriff der Nationalsozialisten entgehen zu können. 1937 wurden in Amerika begonnene Aufführungen der „Peppermill“ nach kurzer Zeit wegen Erfolglosigkeit wieder eingestellt. Sie kehrte an das Zürcher Schauspielhaus zurück, dem sie ihr Leben lang treu blieb. Nach 1945 stand sie in München, Berlin, Salzburg und auch in Wien auf der Bühne.

Therese Giehse in der Rolle der Mutter Courage, Porträt von Günter Rittner, 1966

Therese Giehse in der Rolle der Mutter Courage, Porträt von Günter Rittner, 1966

Als zeitweiliges Mitglied des Berliner Ensembles von Bertolt Brecht war Giehse nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke. So erschien ihr Rezitations-Abend Ein Bertolt Brecht-Abend mit Therese Giehse auf mehreren Schallplatten sowohl in der BRD wie auch in der DDR.

Therese Giehse starb 1975 drei Tage vor ihrem 77. Geburtstag in München. Während der Gedenkfeier in den Münchner Kammerspielen starb der Regisseur Paul Verhoeven an Herzversagen, als er während der ersten Sätze seines Nachrufs auf Giehse zusammenbrach. Therese Giehse wurde auf ihren eigenen Wunsch auf dem Friedhof Fluntern in Zürich begraben.Als zeitweiliges Mitglied des Berliner Ensembles von Bertolt Brecht war Giehse nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke. So erschien ihr Rezitations-Abend Ein Bertolt Brecht-Abend mit Therese Giehse auf mehreren Schallplatten sowohl in der BRD wie auch in der DDR.

Während der Zeit von 1937 bis 1966 war Giehse am Schauspielhaus Zürich sowohl als festes Ensemblemitglied wie auch als Gast engagiert. Sie wirkte in den Brecht-Uraufführungen von Mutter Courage und ihre Kinder am 19. April 1941 sowie von Herr Puntila und sein Knecht Matti am 23. April 1948 mit. Am 22. September 1949 spielte sie in der ersten Premiere nach ihrer Emigration an den Kammerspielen in München in Der Biberpelz von Gerhart Hauptmann mit. Von 1949 bis 1952 war Giehse Mitglied am Berliner Ensemble und von 1949 bis 1973 auch an den Münchner Kammerspielen engagiert.

Am Zürcher Schauspielhaus wirkte Giehse in den Uraufführungen von Friedrich Dürrenmatts Theaterstücken Der Besuch der alten Dame am 29. Januar 1956 sowie in Die Physiker am 21. Februar 1962 mit. Die Physiker wurden ihr vom Autor gewidmet. An den Kammerspielen in München wirkte sie am 4. Oktober 1967 in der Uraufführung von Die Landshuter Erzählungen von Martin Sperr mit.

Am 24. Juni 1955 verlieh man ihr das Filmband in Silber für ihre Rolle in dem Spielfilm Kinder, Mütter und ein General.

Am 10. November 1988 wurde Giehse mit einer Briefmarke der Dauermarken-Serie Frauen der deutschen Geschichte geehrt. Da es sich bei dem Wert der Marke seinerzeit um das Standardporto für Briefe handelte, wurde Giehse hierdurch auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

In München wurde 1975 die Therese-Giehse-Allee in Neuperlach nach ihr benannt, in Unterschleißheim 1995 die Therese-Giehse-Realschule. In Zürich-Oerlikon existiert eine Therese-Giehse-Straße. Im Hamburger Bezirk Bergedorf ist im Stadtteil Neu-Allermöhe-Ost ebenfalls eine Straße nach ihr benannt, der Therese-Giehse-Bogen. Auch in Berlin-Spandau gibt es eine Therese-Giehse-Straße. (Quelle: wikipedia)

Therese Giehse in

Und die interessante Seite fembio weiß folgendes über Therese Giehse zu berichten:

Thereses gutbürgerliche jüdische Familie riet ihr davon ab, zum Theater zu gehen; sie sei »doch überhaupt nicht schön«. Zum Glück besaß die junge Frau schon früh ihren später so berühmten Eigensinn und folgte dem eigenen Willen – und wurde zur überragenden und beliebten, immer sozial und politisch engagierten Schauspielerin, die von der Weimarer Republik bis zu ihrem Tode fast ununterbrochen das moderne Theaterleben bereicherte und schließlich prägte. Nach sieben »Lehr- und Wanderjahren« in der Provinz wurde Giehse 1926 nach München an die Kammerspiele geholt. Zu den vielen politischen Dramen, die damals dort aufgeführt wurden, zählt auch Cyankali, das Stück des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf gegen den Paragraphen 218.

Giehse, eine der meistbeschäftigten SchauspielerInnen an den Kammerspielen, war bei Hitler und seinen Nazis, die das Theater trotz seines politischen Protestcharakters oft besuchten, besonders beliebt. »Endlich ein deutsches Weib in diesem verjudeten Haus!« meinten sie, aus Unkenntnis ihrer jüdischen Herkunft. Auch Thornton Wilder, Karl Kraus und Thomas Mann gehörten zu ihren Bewunderern.

BriefmarkeKnapp einen Monat vor der Machtübernahme der Nazis gründeten Therese Giehse, Erika und Klaus Mann und der Musiker Magnus Henning in München das literarische Kabarett Die Pfeffermühle. Das Kabarett, das »indirekt politisch« gegen die Nazis arbeitete, mußte bald ins Ausland, und am 13. März 1933 floh Therese Giehse zur Mann-Familie in die Schweiz. Bis 1937 reiste sie mit der Pfeffermühle quer durch Europa. Die international beliebte deutsche EmigrantInnentruppe feierte am 26.4.36 in Amsterdam ihre 1000. Vorstellung, bevor sie sich 1937 nach einer enttäuschend verlaufenen Amerika-Tournee auflöste. Erika Manns Versuch, die antifaschistische Botschaft der Pfeffermühle auch in New York zu verkünden, war auf taube Ohren gestoßen.

1936 hatte Giehse den schwulen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson geheiratet, um zu einem britischen Pass zu kommen, da die EmigrantInnen von Hitler ausgebürgert worden waren. Über ihre Liebesbeziehung zu Erika Mann in dieser Zeit hatte sie ihrer späteren Gesprächspartnerin und Biographin Monika Sperr »nichts zum Sagen«, wie sie sich auch grundsätzlich dagegen sträubte, etwas über ihr Privatleben preiszugeben: »Aber über mich red’ ich nicht.«

Nach der Auflösung der Pfeffermühle ging Giehse zurück ans Zürcher Schauspielhaus. Aus dem finnischen Exil schickte Brecht ihr 1941 seine Mutter Courage zur Uraufführung. 1948 begann dann ihre entscheidende Zusammenarbeit mit Brecht, der sie 1949 nach Berlin an sein Berliner Ensemble holte. Dort hat sie auch selbst (im Zerbrochenen Krug) Regie geführt. Nach 1952 wieder an den Münchener Kammerspielen, war sie mit Marieluise Fleisser befreundet, in deren Komödie Der starke Stamm sie 1950 die Hauptrolle spielte.

Während der 50-er und 60-er Jahre machte Giehse die großen Frauenrollen von Friedrich Dürrenmatt berühmt und trat im Film (Mädchen in Uniform, Kinder Mütter und ein General u.a.) und im Fernsehen auf. Bis zuletzt war sie aktiv und engagiert, stets für neue Ideen offen, vor allem für die Bemühungen von jungen Theaterleuten wie Peter Stein, Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz. Nach einer Augenoperation starb Therese Giehse unerwartet an Nierenversagen. (Quelle: fembio)

Als Therese Giehse dann 1975 verstarb veröffentlichte man diesen Zusammenschnitt von Aufnahmen die zwischen 1967 – 1972 auf der Deutschen Grammophon unter dem Titel „Ein Berthold Brecht Abend“ erschienen sind (2 Alben).

So sperrig ihr Gesangsstil auch sein mag, so überzeugend ist er … und man kann sich nicht nur von der Giehse begeistern lassen, sondern wiedermal mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, mit welcher Sprachgewalt Berthold Brecht seine bissigen aber auch verzweifelten Kommentare formuliert hat.

Therese Giehse mit Klaus Havenstein in dem Film

Besetzung:
Therese Giehse (vocals)
+
Peter Fischer (musikalische Leitung)

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Titel:

Die Lieder der Mutter Courage:
01. Lied der Mutter Courage 5.40
02. Das Lied von der grossen Kapitulation 4.38
03. Das Wiegenlied 1.13
(Musik: Paul Dessau)

Die Lieder der Mutter:
04. Lob des Kommunismus 1.17
05. Lob der dritten Sache 0.58
(Musik: Hanns Eisler)

Lieder von Hanns Eisler:
06. Ballade vom Wasserrad 4.12
07. Deutsches Miserere 2.20
08. Lied einer deutschen Mutter 1939 1.32
09. Mutter Beimlen 1.47

Lieder von Peter Fischer:
10. Der Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde 4.52
11. Der Wolf ist zum Huhn gekommen 1.48
12. Die Krücken 1.40
13. Das Lied von der Tünche 2.28
14. Die haltbare Graugans 1.55
15. Lied der Schwestern 2.09
16. Gegen Verführung 1.33
17. Grosser Dankchoral 2.25

Alle Texte: Bertholt Brecht

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Ernst Busch – B.B. – Legenden, Lieder und Balladen 1914 – 1934 (1974)

FrontCover1.JPGWieder mal so ein „höchste Zeit“ Beitrag:

Friedrich Wilhelm Ernst Busch (* 22. Januar 1900 in Kiel; † 8. Juni 1980 in Berlin) war ein deutscher Sänger, Schauspieler und Regisseur.

Busch war Sohn des Maurers Friedrich Busch und dessen Ehefrau Emma. Er absolvierte von 1915 bis 1920 eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker und arbeitete anschließend als Werftarbeiter. Er trat 1916 der Sozialistischen Arbeiterjugend bei, 1918 der SPD. Unter dem Eindruck des Kieler Matrosenaufstandes 1918 ließ er sein Parteibuch Anfang 1919 auf die USPD umschreiben.

1920 nahm Busch Schauspiel- und Gesangsunterricht und wurde von 1921 bis 1924 am Stadttheater Kiel (sein Bühnendebüt machte Busch am 8. Oktober 1921, als der Ministrant in Cavalleria rusticana), danach bis 1926 in Frankfurt (Oder) und anschließend an der Pommerschen Landesbühne engagiert. 1927 zog er nach Berlin, wo er an der Piscator-Bühne engagiert war und ab 1929 in der Künstlerkolonie wohnte. Ab 1928 trat er in Berlin an der Volksbühne, dem Theater der Arbeiter und der Piscator-Bühne in Stücken von Friedrich Wolf, Bertolt Brecht und Ernst Toller auf. In der Verfilmung der Dreigroschenoper von Georg Wilhelm Pabst spielte er den Moritatensänger (mit dem Mackie-Messer-Song).

ErnstBusch01Von 1929 bis 1933 wirkte er in einem Dutzend Filme mit, so spielte er die Hauptrolle in Slatan Dudows Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?. Nicht in allen Filmen war er vor der Kamera zu sehen, meist aber als Sänger zu hören.

Busch sollte nach der „Machtergreifung“ der NSDAP von der SA verhaftet werden. Durch glückliche Umstände entging er einer der ersten Razzien in der Künstlerkolonie in Berlin-Wilmersdorf, so auch am 9. März 1933. Als die SA gegen 12 Uhr Busch festnehmen wollte, öffnete niemand, so dass die SA vermutete, Busch sei schon geflohen. Doch Busch war gewarnt und wollte nun Deutschland zügig verlassen. Busch flüchtete daraufhin mit seiner Ehefrau, der Sängerin Eva Busch, zunächst nach Holland. Von dort aus folgten weitere Stationen: Belgien, Zürich, Paris, Wien und schließlich die Sowjetunion, wo er u. a. für Radio Moskau arbeitete.

1935 wirkte er in der Sowjetunion in Gustav von Wangenheims Film Kämpfer mit. 1937 reiste Busch mit der Journalistin Maria Osten nach Spanien und trat als Sänger bei den Internationalen Brigaden auf. Mit seinen Liedern Die Thälmann-Kolonne, No pasaran, Bandiera Rossa äußerte er sich offen gegen den Faschismus. In Spanien gab er Liederbücher heraus (Canciones de las Brigadas Internacionales), nahm Schallplatten auf und sang vor den Mitgliedern der Internationalen Brigaden und im Radio. Mitte 1938 verließ Busch den Kriegsschauplatz und kehrte nach Belgien zurück. 1938 machte er Aufnahmen bei Radio Brüssel, gab Konzerte und spielte Schallplatten ein.

Mit dem Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 gegen die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg wurde er in Antwerpen verhaftet und nach Südfrankreich in das Internierungslager Camp de Gurs deportiert. Er war dort bis Ende 1942 interniert, dann gelang ihm die Flucht bis zur Schweizer Grenze. Die Französische Grenzgendarmerie verhaftete Ernst Busch vor dem Grenzübertritt, lieferte ihn an die Gestapo aus und er wurde über Paris im Januar 1943 in das Polizeipräsidium Alexanderplatz überstellt. Im März 1943 wurde er in der Haftanstalt Moabit in Einzelhaft genommen. Die Anklage gegen Busch lautete „Vorbereitung zum Hochverrat“. Am 22. November 1943 wurde er bei einem alliierten Luftangriff auf die Haftanstalt schwer verletzt. Durch die Intervention von Anwälten über Gustaf Gründgens entging er aufgrund der im April 1937 erfolgten Ausbürgerung und seiner schweren Kopfverletzung der Todesstrafe und erhielt 1944 letztendlich eine vierjährige Zuchthausstrafe.

Am 27. April wurde er von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit und machte sich von dort aus auf den Weg in das noch umkämpfte Berlin. Im Mai 1945 zog er wieder in das Wohnhaus in der Künstlerkolonie, in dem er bis 1933 gewohnt hatte. 1949 siedelte er mit seiner neuen Lebensgefährtin Margarete Körting nach Treptow im Ostteil Berlins über, ab 1951 wohnten die beiden in der Heinrich-Mann-Straße in Berlin-Pankow. 1945 trat er in die KPD ein und wurde 1946 durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD automatisch Mitglied der SED.

ErnstBusch02
Als Schauspieler war er am Berliner Ensemble, dem Deutschen Theater und der Volksbühne tätig. Außer in seinen Brecht-Rollen machte er sich noch in anderen Rollen um die Entwicklung der Schauspielkunst verdient:

1946 als Satin in Maxim Gorkis Nachtasyl
1947 als Galileo Galilei im Leben des Galilei
1949 als Koch in Mutter Courage und ihre Kinder
1953 als Jago in William Shakespeares Othello
1954 als Azdak in Brechts Kaukasischen Kreidekreis und als Mephisto in Goethes Faust

Busch wurde auch als Interpret der Lieder von Hanns Eisler (Der heimliche Aufmarsch) und internationaler Arbeiter- sowie sozialistischer Propagandalieder bekannt. Daneben

Ernst und Irene Busch (1977)

Ernst und Irene Busch (1977)

leitete er bis 1953 die Schallplatten-GmbH Lied der Zeit, die erste und einzige Schallplattenfirma der SBZ/DDR. Lied der Zeit war der Vorläufer des VEB Deutsche Schallplatten mit den Sublabels Eterna und Amiga, die ebenfalls unter Busch entstanden. 1956, 1966 und 1979 erhielt er den Nationalpreis der DDR. Von 1963 bis 1975 spielte er in der Schallplattenreihe Aurora der Deutschen Akademie der Künste etwa 200 seiner Lieder ein. Er war Mitglied der Akademie.

1961 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne zurück. Busch übte zwar keine öffentliche Kritik an der Politik der SED, hatte aber diverse Streitereien mit Funktionären, darunter Erich Honecker. Seit 1952 war er faktisch kein Parteimitglied mehr, weil er sich beim Überprüfungsverfahren nicht kooperativ gezeigt hatte. 1977 trug ihm die SED ein neues Parteibuch an, das Busch annahm.

Die letzten Jahre verbrachte Busch – zusehends an Demenz leidend – in der Psychiatrie in Bernburg, am Ende in der geschlossenen Abteilung, aus der er mehrfach (vergeblich) zu fliehen versuchte. Er starb in Berlin. Seine letzte Ruhe fand er in einem Ehrengrab in der Abt. 36-28/29 auf dem Friedhof Pankow III.

Den Nachlass von Ernst Busch bewahrt das Archiv der Akademie der Künste in Berlin. (Quelle: wikipedia)

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Die Eterna Labels aus dem Jahr 1965

Diese Album. ursprünglich bereits 1965 enthält einen Querschnitt von Bert Brecht Texten der Jahre 1914 – 1934. Zusammengestellt hat diese Sammlung dann der Ernst Busch persönlich und es wurde eine großartige Zusammenstellung.

Und ich weiß nicht, was ich beeindruckender finden soll, all die Zeilen des noch jungen Brecht (den Text „Moderne Legende'“ bereits als 16jähriger im Jahr 1914 schrieb). Die Texte, oftmals prophetisch, oftmals bitter, oftmals zynisch aber immer geprägt von viel Zuneigung für diese „Arbeiterklasse“, die es so heute eigentlich kaum noch gibt.

Und der Ernst Busch … ihm hört man an, dass er vonall diesen Botschaften durchdrungen war … sein engagiertes Leben ist dafür das beste Beispiel.

Und ein wenig packt mich dann doch die Wehmut, wenn ich all jene aufrechte Kommunisten denke, deren Ideale vom „real existierenden Sozialismus“ in den Dreck gezogen wurde … denn das unverzichtbare Grundprinzip einer Rosa Luxemburg („Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.“ in: „Zur russischen Revolution“ –  Zuerst veröffentlicht 1922 von Paul Levi nach dem handschriftlichen Manuskript aus dem Nachlaß.) wurde von all jenen „kommunistischen“ Staaten nicht wirklich beachtet oder gar ernst genommen.

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Besetzung:

Ernst Busch (vocals)
+
Adolf Fritz Guhl (keyboards bei 01., 02., 07., 10.
Walter Olbertz (piano bei 05.
Werner Pauli (guitar bei 11.
Dieter Rumstig (guitar bei 09.
+
Instrumentalgruppe unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 04., 06., 15.
+
Großer Chor des Berliner Rundfunks unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 15. + 17.)
Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 15. + 17.)

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Titel:
01. Moderne Legende (1914) (Brecht/Busch) 1.59
02. Legende vom toten Soldaten (Sommer 1918) (Brecht) 4.59
03. Als ich ins Exil gejagt wurde (Brecht) 1.11
04. Ballade vom Weib und dem Soldaten (Brecht/Eisler) 3.59
05. Gegen Verführung (Brecht/Busch) 1.20
06. Ein Pferd klagt an (Brecht/Eisler) 3.01
07. Von der Freundlichkeit der Welt (1922) (Brecht/Eisler) 1.18
08.. Gegenlied dazu: Von Der Freundlichkeit Der Welt (1955) (Brecht) 1.23
09. Die Ballade von den Abenteurern (Brecht) 1.49
10. Erinnerung an die Marie A. (Brecht) 4.56
11. Von den verführten Mädchen (Brecht) 1.46
12. Ballade von den Seeräubern (Melodie: L’Etendard De La Pitié) (Brecht/Traditional) 5.33
13. Die Ballade von der Hanna Cash (Brecht/Busch) 5.30
14. Das Lied vom SA-Mann (1931) (Brecht/Eisler) 3.25
15. Solidaritätslied (1931) (Brecht/Eisler) 2.41
16. Die Ballade vom Baum und den Ästen (1933) (Brecht/Eisler) 4.21
17. Einheitsfrontlied (1934) (Brecht/Eisler) 2.27

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Lutz Görner – Trunken von Gedichten (2000)

FrontCover1.jpgAlso eigentlich bin ich mit der deutschen und sonstigen Lyrik weder vertraut, noch wurde ich bisher mit ihr  besonders warm (mit wenigen Ausnahmen) … Das änderte sich ziemlich schlagartig, als ich diese Doppel-CD hörte:

Lutz Görner (* 1. Januar 1945 in Zwickau) ist ein deutscher Rezitator.

Görner wuchs im Rheinland auf und stand als Schüler in Statistenrollen und als Tänzer im Stadttheater Aachen auf der Bühne. Er wollte zunächst Theaterintendant werden, studierte in Köln Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie und besuchte dort die Schauspielschule. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen deutschen Bühnen als Bühnenarbeiter, Requisiteur, Schauspieler und Regisseur. Politisch organisierte sich Görner viele Jahre in der DKP.

LutzGörner1977

Lutz Görner, ca. 1977

Mitte der 1970er Jahre war Görner zunächst in München als Rezitator der Werke Heinrich Heines tätig. 1981 unternahm er zusammen mit Tahsin İncirci eine Tournee durch Deutschland unter dem Titel Ich liebe mein Land als Rezitator der Werke Nâzım Hikmets. Bis 1988 arbeitete er eng mit Ulrich Türk zusammen, der seine Programme und LPs musikalisch ausgestaltete. Programme wie Goethe für alle öffneten ihm die Stadttheater und Spielstätten auf der ganzen Welt. Görners Interpretation von Heinrich Heines Gedicht Deutschland – Ein Wintermärchen hatte im Großen Saal der Glocke in Bremen seine 1.000 Aufführung. Görner ging mit Programmen wie Droste für alle, einem Brecht-Programm (musikalisch begleitet von Oliver Steller, Dietmar Fuhr und Bernd Winterschladen) und über Friedrich Schillers Opiumschlummer und Champagnerrausch (mit Stefan Sell) auf Tournee. Von 1992 bis 1999 leitete Görner in Köln sein eigenes „Rezitheater“.

LutzGörner1994

1994 – Lasker-Schüler: Deutsche Dichterin

Im Fernsehen war Görner von 1993 bis 2010 durch die 200-teilige Serie „Lyrik für alle“ vertreten, eine kleine gesprochene Literaturgeschichte der Lyrik vom Barock bis heute, die jeden Sonntagmorgen bei 3sat gesendet wurde.

Seit 2012 tritt Görner im Rahmen von ihm inszenierter und begleiteter Klavierabende auf. Diese Abende sind eine Mischung aus Literatur und Musik von Komponisten, meist des 19. Jahrhunderts. Bisher sind Programme über Franz Liszt, Frédéric Chopin, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert sowie italienische Musik von Rossini, Donizetti, Bellini, u. a. unter dem Titel Eine italienische Nacht entstanden.

Lutz Görner lebt im Oberbergischen bei Köln. (Quelle: wikipedia)

LutzGörner1998

1998 – Zauberlehrling & Co von li Gerd Harder, Marcel Mader, Lutz Görner, Oliver Steller.

Und hier ein Querschnitt seines Schaffens … diese Doppel-CD trägt daher auch den Untertitel „Die fünfzig schönsten Texte aus fünfundzwanzig Jahren Rezitation“. Und es entfaltet sich vor uns ein wahrlich prachtvolles Kaleidoskop überwiegend deutscher Sprachgewalt, gewaltig diese Brandbreite … veredelt durch diesen Lutz Görner … ein Meister seines Fachs, wie er all diese Sprachklänge modulieren kann … betonen und somit den Kern einer Lyrik herausarbeitet … das ist wirklich famos !

Doch damit nicht genug: Görner nutzt dieses Best Of Album auch für sehr persönliche Rückschau auf seine Karriere wirft und dabei auch die Rückschläge nicht unter den Tisch fallen lässt.

Interessant auch sein Wandel vom politischen Rezitator hin zu einem, der sich auch an die deutschen Klassiker heranwagte. Und Görner bezeichnet sich im übrigen auch weiterhin als ein „68er“. Da steht mal wieder einer zu seiner Biographie und seinen Prägungen.

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2003 – Pessefoto Brecht-Programm. (v.l. Oliver Steller, Lutz Görner, Bernd Winterschladen, Dietmar Fuhr)

Von daher ein ganz besonderes Album. Leider lag meinem Exemplar (gebraucht erworben) kein Begleitheft bei, eigentlich ganz und gar nicht vorstellbar bei dem hochwertigem Naxos Label … Sehr schade !

Na, jedenfalls wird sich hier zukünftig mehr Lyrik tummeln und der Lutz Görner ist daran schuld !

Zwei erste und zwar dringende Empfehlungen: „Die Wahlesel“ (Heinrich Heine, passend zur Landtagswahl in Bayern) und „Krieg dem Kriege“ (Kurt Tucholsky, passend zur Weltlage).

LutzGörner2013

2013: Lutz Görner im Wagner-Museum in Bayreuth

Besetzung:
Lutz Görner (Sprecher)

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Titel:

CD 1:
01. Robert Gernhardt: Seht mich an, der Fuß der Zeit… 2.21
02. Christian Hoffmann: Von Hoffmannswaldau bei Antretung des 55. Jahres 1.49
03. Heinrich Heine: Vorrede zu „Geschichte der Philosophie“ 2.23
04. Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte 1.04
05. Novalis: Wenn Nicht Mehr Zahlen Und Figuren… 0.41
06. Joseph von Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen… 0.29
07. Robert Gernhardt: Gedichte sind Beschissen… 2.57
08. Heinrich Heine: Die Wahlesel 6.08
09. Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege 6.03
10. Bertolt Brecht: Diese Arbeitslosigkeit 2.11
11. Theodor Storm: Der Lump 2.23
12. Nazim Hikmet: Ich liebe mein Land 1.58
13. Nazim Hikmet: Die Mehrzahl der Menschen 1.34
14. Nazim Hikmet: Das Meer muß man sein 1.35
15. Louis Fürnberg: Das Nußbaumblatt 2.25
16. Johann Wolfgang von Goethe: Monolog aus Faust II.Teil 7.12
17. Unbekannt König Salomo: Aus dem Buch Prediger: Es ist alles ganz eitel… 6.32
18. Wilhelm Busch: Vorwort aus „Maler Klecksel“ 6.36
19. Wilhelm Busch: Der alte Narr 1.35
20. Wilhelm Busch: Verlust der Ähnlichkeit 1.49
21. Heinrich Heine: Die Launen der Verliebten 3.20
22. Johann Wolfgang von Goethe: Über allen Gipfeln ist Ruh… 1.15
23. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck… 3.07
24. Peter Maiwald: Das Meer 0.56

CD 2:
01. Robert Gernhardt: Folgen der Trunksucht 1.46
02. Berns: Lob der Schwarzen Kirschen 2.02
03. Robert Gernhardt: Ein Gleichnis 1.18
04. Robert Gernhardt: Monolog des Prinzen von Hamburg 3.14
05. F. W. Bernstein: Aus dem Schmatzkästlein… 4.32
06. Hadamar von Laber: Kometorik 1.47
07. Gotthold Ephraim Lessing: Der über uns 3.52
08. Clemens Brentano: Singet leise, leise, leise… 0.43
09. Clemens Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen… 2.18
10. Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang 2.28
11. Matthias Claudius: Der Mensch 1.19
12. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise 2.20
13. Else Lasker-Schüler: Ein Alter Tibetteppich 1.16
14. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier 1.43
15. Annette von Droste-Hülshoff: Mondesaufgang 4.45
16. Joachim Ringelnatz: Seepferdchen 2.13
17. Joachim Ringelnatz: Überall 1.01
18. Joachim Ringelnatz: Cassel 2.33
19. Christian Morgenstern: Die Schildkröte 1.08
20. Christian Morgenstern: Der Hecht 0.43
21. Christian Morgenstern: Das Wasser 0.39
22. Christian Morgenstern: Das Butterbrotpapier 2.47
23. Christian Morgenstern: Drei Hasen 2.03
24. Johann Wolfgang von Goethe: An Den Mond 3.01
25. Joachim Ringelnatz: Zum Aufstellen der Geräte (live) 2.33
26. Kurt Tucholsky: Ein deutsches Volkslied (live) 8.57
27. Johann Wolfgang von Goethe: Umsonst (live) 2.25
28. Patrizia Fortenkopp: Ohne Titel (live) 1.36

CD2A

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Das Schönste an Lutz Görner ist, dass er unprätentiös mit ein paar gebrochenen verspielten Gesten seine gut pointierten Texte spricht und mit ironischem Spaß die Dichtung und das Leben der Dichter zu trennen und aufeinander zu beziehen weiß. (Süeddeutsche Zeitung)

 

Verschiedene Interpreten – Schallwelten (2006)

FrontCover1Hörbücher sind ja schon längst nicht mehr aus der deutschen Literaturszene wegzudenken.

Und irgendwann gab´s da mal das hässliche Elke Heidenreich Statement, dass Hörbucher wohl eher was für Legastheniker sei … Vormalige Sympathiepunkte meinerseits sind da ganz gewaltig geschrumpft.

Sei´s drum.

Ihr eine Werbe-CD des Hörverlages mit aktuellen Neuerscheinungen aus dem Jahr 2006.

Und mir haben diese Appetithäppchen so richtig Spaß gemacht und ein paar Notizen in der Rubrik “ asnschaffen“ habe ich auch notieren müssen (z.B. Talk Talk (T.C. Boyle)).

Wir hören eine illustre Schar deutscher Schauspielerinnen und Schauspieler, wie hören deutsche und internationale Autoren von Rang und Namen …

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Auf dem Titelbild sehen wir übrigens den Autor Frank Schätzing auf dem Dach des Kölner Domes.

Und auch wenn dieses Promo-CD nun auch schon wieder 12 Jahre auf dem Buckel hat, aktuell ist sie immer noch … denn natürlich stehen auch diese ‚Aufnahmen in der Tradition dieser Radiohörspiele vergangener Dekaden … Allerdings sei noch ergänzt, dass das Radiohörspiel noch heute fester Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind.

Die damals mögliche Teilnahme an einem Preisausschreiben … nun, da ist die Einsendefrist natürlich längst abgelaufen.

Preisausschreiben

Titel:
01. Ansage 0.18
02. Jan Josef Liefers: Talk Talk (T.C. Boyle) 3.31
03. Patrick Bach + Céline Fontanges: Pompeji (Robert Harris) 2.56
04. Hans-Jörg Krumpholz: Regnerischer Vormittag (Håkan Nesser) 9.30 (*)
05. Jasmin Tabatabai: Von der Schönheit (Zadie Smith) 3.18
06. Brecht: Erotische Gedichte (Bertolt Brecht) 2.57
07. Peter Fitz: Jedermann (Philip Roth) 2.55
08. Marie Bäumer: Auftrag ausgeführt (Val McDermid) 2.38
09. Peter Matić + Anke Engelke: Tod und Teufel (Frank Schätzing)  5.28
10. Edgar M. Böhlke: Wie Engeln Flügel wachsen (Peter Härtling) 1.38 (*)
11. Bodo Primus: Der letzte Detektiv (Michael Koser) 2.20
12.  Achim Höppner: Der Herr der Ringe (J.R.R. Tolkien) 2.46
13. Manfred Zapatka + Felix von Manteuffel: Die Serapions-Brüder (E.T.A. Hoffmann) 2.55
14. Moritz Stoepel: Die Sphinx (Edgar Allan Poe) 12.50 (*)
15. Rufus Beck + Esther Hausmann: Nicht nur Kind seiner Zeit (Klaus Mann) 2.05
16. Konstantin Graudus, Gottfried John + Anna Thalbach: König Artus und die Ritter der Tafelrunde (Karlheinz Koinegg) 2.47

(*) abgeschlossene Kurzgeschichte)

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Hanns Ernst Jäger ‎– Bertolt Brecht – Songs Gedichte Prosa (1968)

FrontCover1Wie bitterböse Bertold Brecht sein konnte, das kann man hier auf dieser Hanns Ernst Jäger LP hören. Veröffentlicht wurde diese LP 1968 bei „Pläne Records“ (die Geschichte dieses Labels wäre auch ein eigener Beitrag wert !)

Aber zurück zu Hanns Ernst Jäger:

Hanns Ernst Jäger wurde am 1. Januar 1910 als Sohn eines Kriminalrats in Wien geboren. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura und Medizin, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. Schon während des Studiums war er aufgefallen, wenn er mit seiner unverwechselbaren Stimme aus Werken der Weltliteratur rezitierte. Sein Bühnendebüt gab der angehende Schauspieler am Wiener „Scala-Theater“, weitere Engagements in Linz, Graz und Chemnitz schlossen sich an, wo Jäger meist den klassischen jugendlichen Helden gab. Zwischen 1941 und 1944 trat Jäger in Darmstadt auf, musste dann seine Karriere zunächst beenden, da er noch gegen Ende des 2. Weltkrieges als Soldat eingezogen wurde. Erst nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft konnte der Schauspieler seine Laufbahn fortsetzen, über Baden-Baden, Essen, Mannheim und Frankfurt kam er schließlich 1951 nach Bochum, wo er bis 1955 auf der Bühne stand, anschließend war er drei Jahre lang am Wiener Burgtheater verpflichtet. Danach band sich Jäger nicht mehr fest an ein Haus, arbeitete als freischaffender Schauspieler.

Während seiner Zeit in Bochum brillierte Hanns Ernst Jäger beispielsweise als „Shylock“ in einer der ersten Nachkriegsinszenierungen von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (1952), seine Titelrollen in Kleists „Amphitryon“ und Shakespeares „Othello“ waren ebenso eindrucksvoll wie seine Verkörperungen des Kurfürsten in Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ oder des vermögenden Kaufmanns Lopachin in Tschechows „Der Kirschgarten“. Doch vor allem als herausragender Brecht-Darsteller machte sich Jäger einen Namen, mit seinen Interpretationen des „Herrn Puntila“ oder des „Schweyk“ schrieb er Theatergeschichte. Die Figur des „Schweyk“ wurde zu einer seiner Paraderollen, Brecht selbst hatte in seinem Vermächtnis verfügt, dass nur Jäger seinen „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Westdeutschland spielen solle. 1954 hatte Bertolt Brecht den Ausnahmeschauspieler in Frankfurt als Dorfschreiber Azdak im „Kaukasischen Kreidekreis“ gesehen und war beeindruckt von Jägers eigenwilligen Gestaltung der Rolle, drei Jahre nach Brechts Tod stand Hanns Ernst Jäger 1959 als erster westlicher „Schweyk“ auf der Bühne – mehr als 300 Mal begeisterte er – verschmitzt, aggressiv und listig – damit sowohl Zuschauer als auch Kritiker.
Weitere Glanzrollen von Jäger waren unter anderem der Dorfrichter Adam in Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, der „Theodor“ in Hofmannsthal Posse „Der Unbestechliche“ oder der Diener Ludwig in Walsers Schauspiel „Überlebensgroß Herr Krott“. Doch vornehmlich ist er als Brecht-Interpret in Erinnerung geblieben, gab auch Brechts „Galilei“ („Das Leben des Galilei“) oder den Koch in „Mutter Courage und ihre Kinder“, arbeitete mit so renommierten Brecht-Regisseuren wie Peter Palitzsch, Harry Buckwitz und Manfred Wekwerth zusammen. Seine Liebe zu Brechts Werken aber auch zu Brecht als politischem Menschen zeigt Jäger auch mit der heute auf CD erhältlichen Veröffentlichung „Songs, Gedichte und Prosa“, dass er beispielsweise auch Texte von Kurt Tucholsky bevorzugte, beweist die Audio-Produktion „Opposition! Opposition!“ mit Texten und Liedern wie „Was darf die Satire“, „Über Krieg“ oder „Rückkehr zur Natur“.

Jäger01Auch vor einem großen Publikum konnte Jäger seine Glanzrollen wie den Dorfschreiber Azdak oder den „Schweyk“ darbieten, das Fernsehen zeigte beispielsweise 1958 Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ in einer Inszenierung von Franz Peter Wirth, Rainer Wolffhardt setzte 1961 „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Szene. Weitere Literatur-Adaptionen waren unter anderem Peter A. Horns Tschechow-Verfilmung von „Der Bär“ (1955) mit Jäger als „rasend“ verliebter Gläubiger Smirnóff und Käte Jaenicke als trauernde Witwe Popówa oder das von Egon Monk inszenierte Maxim Gorki-Stück „Wassa Schelesnowa“ mit Therese Giehse (Wassa Schelesnowa) und Josef Dahmen (Sergej Schelesnow).

Vereinzelt übernahm Jäger auch Aufgaben in Kinoproduktionen, so spielte er in Josef von Bákys „Dunja“ (1955, nach Puschkins Novelle „Der Postmeister“) neben Eva Bartok und Ivan Desny, war an der Seite von Gert Fröbe und Hansjörg Felmy in Paul Mays Verfilmung von Trygve Gulbranssens „Und ewig singen die Wälder“1) (1959) zu sehen. Kurt Hoffmann besetzte ihn mit der Rolle des „Schlender“ in „Die Ehe des Herrn Mississippi“ (1961, nach Dürrenmatt), mit Wolfgang Reichmann und Heinz Weiss spielte er in dem Kriegsdrama „Division Brandenburg“ (1960).
Dass Jäger auch in Krimis zu überzeugen wusste, bewies er auf dem Bildschirm 1960 als zwielichtiger Zahnarzt Dr. Stevens in dem Mehrteiler „Es ist soweit“2), der ersten Durbridge-Produktion des deutschen Fernsehens. Drei Jahre später tauchte er in einer Episode von „Das Kriminalmuseum“ auf, mimte in der Folge „Das Haus bei den Blutbuchen“ (1968) aus der Reihe „Sherlock Holmes“ den merkwürdigen Mr. Rucastle. Zu Jägers letzten Arbeiten vor der Fernsehkamera zählen 1970 bzw. 1972 zwei Episoden aus der populären TV-Serie „Der Kommissar“ sowie der Mehrteiler „Die Reise nach Mallorca“ (1973).

Hanns Ernst Jäger starb am 15. August 1973 im Alter von 63 Jahren in einem Münchener Krankenhaus an Herzversagen. Während einer Aufführung von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ – Jäger spielte wie immer grandios den „Puntila“ – hatte er im März einen Zusammenbruch erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte.
Der Theaterwissenschaftler, Dramaturg und Journalist Werner Schulze-Reimpell würdigt Jäger in Rowohlts „Theaterlexikon 2“ als einen vitalen, in seinen Mitteln verschwenderisch ausladendenden, manchmal auch zu effektverliebten Darsteller mit großer Ausstrahlung und den Qualitäten eines Volksschauspielers. (Quelle: steffi-online)

Die „Fraqgen eines lesenden Arbeiters“ haben mir vor vielen, vielen Jahren die Augen geöffnet, haben nicht nur meinen Zugang zur Geschichte grundlegend verändert, hat mich zu Bert Engelmann geführt.

Und heute, beim wiederhören dieser LP empfinde ich ich so viel Sympathie – insbesondere bei seinen mehrals deutlichen Anti-Kriegs-Texten. Beeindruckend die Klarheit seiner Worte, beeindruckend die Radikalität seiner Worte !

Jäger

Besetzung:
Hanns Ernst Jäger (Sprecher)
+
mir unbekannte Musiker (die musikalische Leitung hatte Klaus Melchers)

 

BackCover

Titel:
01. Vom armen B. B. 3.03
02, Das Lied von der Schlacht 1.20
03. Das Lied von der Widersinnigkeit des Krieges 2.16
04. Das Lied vom Chaos, von der Schönheit der Revolution 3.44
05. Legende von der Entstehung des Buches Taoteking 4.12
06. Gegen Verführung 1.06
07. Fragen eines lesenden Arbeiters 2.07
08. An meine Landsleute 1.27
09. Der Soldat von La Ciotat 4.02
10. Bei der Kanone dort 1.17
11. Der Kälbermarsch 2.14
12. Das deutsche Miserere 2.12
13.  Das Lied von der Moldau 1.40
14.  Die Nachtlager 1.25
15.  Die Regierung als Künstler 1.57
16.  Bei der Geburt eines Sohnes 0.45
17.  Wenn die Haifische Menschen wären 4.03
18.  Kinderhymne 0.50
19.  Ich benötige keinen Grabstein 0.23

Texte: Berthold Brecht – Musik Hanns Weil

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