Therese Giehse – Therese Giehse singt Brecht (1975)

FrontCover1Ganz sicher war sie eine der ganz großen Schauspielerinnen des letzten Jahrhunderts:

Therese Giehse, geborene Therese Gift, (* 6. März 1898 in München; † 3. März 1975 ebenda) war eine deutsche Schauspielerin.

Therese Giehse kam 1898 als Tochter des jüdischen Kaufmannsehepaars Gertrude und Salomon Gift zur Welt. Von 1918 bis 1920 nahm Giehse Schauspielunterricht bei Tony Wittels-Stury. Ihre Saison-Engagements von 1920 bis 1926 („meine Lernjahre“) führten sie durch die Provinz: Siegen/Westfalen, Gleiwitz/Oberschlesien, Landshut/Niederbayern, die Bayerische Landesbühne, Breslau bei Paul Barney. Von 1926 bis 1933 war sie Mitglied an den Münchner Kammerspielen bei Otto Falckenberg.

Giehse gründete Anfang 1933 zusammen mit ihrer Freundin Erika Mann sowie mit deren Bruder Klaus Mann, der ihr später seinen Roman Mephisto widmete, in München das Kabarett „Die Pfeffermühle“. Mit diesem emigrierte sie noch im gleichen Jahr, da sie als Jüdin und politisch links stehende Künstlerin mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten rechnen musste. Erste Station ihrer Flucht war Zürich. Danach verlief ihr Fluchtweg von 1934 bis 1936 über Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich bis in die Tschechoslowakei. Am 26. April 1936 erlebte die „Pfeffermühle“ ihre 1000. Vorstellung in Amsterdam.

Am 20. Mai 1936 heiratete die lesbische Giehse den homosexuellen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson († 1955), um auf diese Weise einen britischen Pass zu erhalten und so dem Zugriff der Nationalsozialisten entgehen zu können. 1937 wurden in Amerika begonnene Aufführungen der „Peppermill“ nach kurzer Zeit wegen Erfolglosigkeit wieder eingestellt. Sie kehrte an das Zürcher Schauspielhaus zurück, dem sie ihr Leben lang treu blieb. Nach 1945 stand sie in München, Berlin, Salzburg und auch in Wien auf der Bühne.

Therese Giehse in der Rolle der Mutter Courage, Porträt von Günter Rittner, 1966

Therese Giehse in der Rolle der Mutter Courage, Porträt von Günter Rittner, 1966

Als zeitweiliges Mitglied des Berliner Ensembles von Bertolt Brecht war Giehse nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke. So erschien ihr Rezitations-Abend Ein Bertolt Brecht-Abend mit Therese Giehse auf mehreren Schallplatten sowohl in der BRD wie auch in der DDR.

Therese Giehse starb 1975 drei Tage vor ihrem 77. Geburtstag in München. Während der Gedenkfeier in den Münchner Kammerspielen starb der Regisseur Paul Verhoeven an Herzversagen, als er während der ersten Sätze seines Nachrufs auf Giehse zusammenbrach. Therese Giehse wurde auf ihren eigenen Wunsch auf dem Friedhof Fluntern in Zürich begraben.Als zeitweiliges Mitglied des Berliner Ensembles von Bertolt Brecht war Giehse nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke. So erschien ihr Rezitations-Abend Ein Bertolt Brecht-Abend mit Therese Giehse auf mehreren Schallplatten sowohl in der BRD wie auch in der DDR.

Während der Zeit von 1937 bis 1966 war Giehse am Schauspielhaus Zürich sowohl als festes Ensemblemitglied wie auch als Gast engagiert. Sie wirkte in den Brecht-Uraufführungen von Mutter Courage und ihre Kinder am 19. April 1941 sowie von Herr Puntila und sein Knecht Matti am 23. April 1948 mit. Am 22. September 1949 spielte sie in der ersten Premiere nach ihrer Emigration an den Kammerspielen in München in Der Biberpelz von Gerhart Hauptmann mit. Von 1949 bis 1952 war Giehse Mitglied am Berliner Ensemble und von 1949 bis 1973 auch an den Münchner Kammerspielen engagiert.

Am Zürcher Schauspielhaus wirkte Giehse in den Uraufführungen von Friedrich Dürrenmatts Theaterstücken Der Besuch der alten Dame am 29. Januar 1956 sowie in Die Physiker am 21. Februar 1962 mit. Die Physiker wurden ihr vom Autor gewidmet. An den Kammerspielen in München wirkte sie am 4. Oktober 1967 in der Uraufführung von Die Landshuter Erzählungen von Martin Sperr mit.

Am 24. Juni 1955 verlieh man ihr das Filmband in Silber für ihre Rolle in dem Spielfilm Kinder, Mütter und ein General.

Am 10. November 1988 wurde Giehse mit einer Briefmarke der Dauermarken-Serie Frauen der deutschen Geschichte geehrt. Da es sich bei dem Wert der Marke seinerzeit um das Standardporto für Briefe handelte, wurde Giehse hierdurch auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

In München wurde 1975 die Therese-Giehse-Allee in Neuperlach nach ihr benannt, in Unterschleißheim 1995 die Therese-Giehse-Realschule. In Zürich-Oerlikon existiert eine Therese-Giehse-Straße. Im Hamburger Bezirk Bergedorf ist im Stadtteil Neu-Allermöhe-Ost ebenfalls eine Straße nach ihr benannt, der Therese-Giehse-Bogen. Auch in Berlin-Spandau gibt es eine Therese-Giehse-Straße. (Quelle: wikipedia)

Therese Giehse in

Und die interessante Seite fembio weiß folgendes über Therese Giehse zu berichten:

Thereses gutbürgerliche jüdische Familie riet ihr davon ab, zum Theater zu gehen; sie sei »doch überhaupt nicht schön«. Zum Glück besaß die junge Frau schon früh ihren später so berühmten Eigensinn und folgte dem eigenen Willen – und wurde zur überragenden und beliebten, immer sozial und politisch engagierten Schauspielerin, die von der Weimarer Republik bis zu ihrem Tode fast ununterbrochen das moderne Theaterleben bereicherte und schließlich prägte. Nach sieben »Lehr- und Wanderjahren« in der Provinz wurde Giehse 1926 nach München an die Kammerspiele geholt. Zu den vielen politischen Dramen, die damals dort aufgeführt wurden, zählt auch Cyankali, das Stück des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf gegen den Paragraphen 218.

Giehse, eine der meistbeschäftigten SchauspielerInnen an den Kammerspielen, war bei Hitler und seinen Nazis, die das Theater trotz seines politischen Protestcharakters oft besuchten, besonders beliebt. »Endlich ein deutsches Weib in diesem verjudeten Haus!« meinten sie, aus Unkenntnis ihrer jüdischen Herkunft. Auch Thornton Wilder, Karl Kraus und Thomas Mann gehörten zu ihren Bewunderern.

BriefmarkeKnapp einen Monat vor der Machtübernahme der Nazis gründeten Therese Giehse, Erika und Klaus Mann und der Musiker Magnus Henning in München das literarische Kabarett Die Pfeffermühle. Das Kabarett, das »indirekt politisch« gegen die Nazis arbeitete, mußte bald ins Ausland, und am 13. März 1933 floh Therese Giehse zur Mann-Familie in die Schweiz. Bis 1937 reiste sie mit der Pfeffermühle quer durch Europa. Die international beliebte deutsche EmigrantInnentruppe feierte am 26.4.36 in Amsterdam ihre 1000. Vorstellung, bevor sie sich 1937 nach einer enttäuschend verlaufenen Amerika-Tournee auflöste. Erika Manns Versuch, die antifaschistische Botschaft der Pfeffermühle auch in New York zu verkünden, war auf taube Ohren gestoßen.

1936 hatte Giehse den schwulen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson geheiratet, um zu einem britischen Pass zu kommen, da die EmigrantInnen von Hitler ausgebürgert worden waren. Über ihre Liebesbeziehung zu Erika Mann in dieser Zeit hatte sie ihrer späteren Gesprächspartnerin und Biographin Monika Sperr »nichts zum Sagen«, wie sie sich auch grundsätzlich dagegen sträubte, etwas über ihr Privatleben preiszugeben: »Aber über mich red’ ich nicht.«

Nach der Auflösung der Pfeffermühle ging Giehse zurück ans Zürcher Schauspielhaus. Aus dem finnischen Exil schickte Brecht ihr 1941 seine Mutter Courage zur Uraufführung. 1948 begann dann ihre entscheidende Zusammenarbeit mit Brecht, der sie 1949 nach Berlin an sein Berliner Ensemble holte. Dort hat sie auch selbst (im Zerbrochenen Krug) Regie geführt. Nach 1952 wieder an den Münchener Kammerspielen, war sie mit Marieluise Fleisser befreundet, in deren Komödie Der starke Stamm sie 1950 die Hauptrolle spielte.

Während der 50-er und 60-er Jahre machte Giehse die großen Frauenrollen von Friedrich Dürrenmatt berühmt und trat im Film (Mädchen in Uniform, Kinder Mütter und ein General u.a.) und im Fernsehen auf. Bis zuletzt war sie aktiv und engagiert, stets für neue Ideen offen, vor allem für die Bemühungen von jungen Theaterleuten wie Peter Stein, Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz. Nach einer Augenoperation starb Therese Giehse unerwartet an Nierenversagen. (Quelle: fembio)

Als Therese Giehse dann 1975 verstarb veröffentlichte man diesen Zusammenschnitt von Aufnahmen die zwischen 1967 – 1972 auf der Deutschen Grammophon unter dem Titel „Ein Berthold Brecht Abend“ erschienen sind (2 Alben).

So sperrig ihr Gesangsstil auch sein mag, so überzeugend ist er … und man kann sich nicht nur von der Giehse begeistern lassen, sondern wiedermal mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, mit welcher Sprachgewalt Berthold Brecht seine bissigen aber auch verzweifelten Kommentare formuliert hat.

Therese Giehse mit Klaus Havenstein in dem Film

Besetzung:
Therese Giehse (vocals)
+
Peter Fischer (musikalische Leitung)

BackCover1

Titel:

Die Lieder der Mutter Courage:
01. Lied der Mutter Courage 5.40
02. Das Lied von der grossen Kapitulation 4.38
03. Das Wiegenlied 1.13
(Musik: Paul Dessau)

Die Lieder der Mutter:
04. Lob des Kommunismus 1.17
05. Lob der dritten Sache 0.58
(Musik: Hanns Eisler)

Lieder von Hanns Eisler:
06. Ballade vom Wasserrad 4.12
07. Deutsches Miserere 2.20
08. Lied einer deutschen Mutter 1939 1.32
09. Mutter Beimlen 1.47

Lieder von Peter Fischer:
10. Der Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde 4.52
11. Der Wolf ist zum Huhn gekommen 1.48
12. Die Krücken 1.40
13. Das Lied von der Tünche 2.28
14. Die haltbare Graugans 1.55
15. Lied der Schwestern 2.09
16. Gegen Verführung 1.33
17. Grosser Dankchoral 2.25

Alle Texte: Bertholt Brecht

LabelB1

*
**

Ernst Busch – B.B. – Legenden, Lieder und Balladen 1914 – 1934 (1974)

FrontCover1.JPGWieder mal so ein „höchste Zeit“ Beitrag:

Friedrich Wilhelm Ernst Busch (* 22. Januar 1900 in Kiel; † 8. Juni 1980 in Berlin) war ein deutscher Sänger, Schauspieler und Regisseur.

Busch war Sohn des Maurers Friedrich Busch und dessen Ehefrau Emma. Er absolvierte von 1915 bis 1920 eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker und arbeitete anschließend als Werftarbeiter. Er trat 1916 der Sozialistischen Arbeiterjugend bei, 1918 der SPD. Unter dem Eindruck des Kieler Matrosenaufstandes 1918 ließ er sein Parteibuch Anfang 1919 auf die USPD umschreiben.

1920 nahm Busch Schauspiel- und Gesangsunterricht und wurde von 1921 bis 1924 am Stadttheater Kiel (sein Bühnendebüt machte Busch am 8. Oktober 1921, als der Ministrant in Cavalleria rusticana), danach bis 1926 in Frankfurt (Oder) und anschließend an der Pommerschen Landesbühne engagiert. 1927 zog er nach Berlin, wo er an der Piscator-Bühne engagiert war und ab 1929 in der Künstlerkolonie wohnte. Ab 1928 trat er in Berlin an der Volksbühne, dem Theater der Arbeiter und der Piscator-Bühne in Stücken von Friedrich Wolf, Bertolt Brecht und Ernst Toller auf. In der Verfilmung der Dreigroschenoper von Georg Wilhelm Pabst spielte er den Moritatensänger (mit dem Mackie-Messer-Song).

ErnstBusch01Von 1929 bis 1933 wirkte er in einem Dutzend Filme mit, so spielte er die Hauptrolle in Slatan Dudows Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?. Nicht in allen Filmen war er vor der Kamera zu sehen, meist aber als Sänger zu hören.

Busch sollte nach der „Machtergreifung“ der NSDAP von der SA verhaftet werden. Durch glückliche Umstände entging er einer der ersten Razzien in der Künstlerkolonie in Berlin-Wilmersdorf, so auch am 9. März 1933. Als die SA gegen 12 Uhr Busch festnehmen wollte, öffnete niemand, so dass die SA vermutete, Busch sei schon geflohen. Doch Busch war gewarnt und wollte nun Deutschland zügig verlassen. Busch flüchtete daraufhin mit seiner Ehefrau, der Sängerin Eva Busch, zunächst nach Holland. Von dort aus folgten weitere Stationen: Belgien, Zürich, Paris, Wien und schließlich die Sowjetunion, wo er u. a. für Radio Moskau arbeitete.

1935 wirkte er in der Sowjetunion in Gustav von Wangenheims Film Kämpfer mit. 1937 reiste Busch mit der Journalistin Maria Osten nach Spanien und trat als Sänger bei den Internationalen Brigaden auf. Mit seinen Liedern Die Thälmann-Kolonne, No pasaran, Bandiera Rossa äußerte er sich offen gegen den Faschismus. In Spanien gab er Liederbücher heraus (Canciones de las Brigadas Internacionales), nahm Schallplatten auf und sang vor den Mitgliedern der Internationalen Brigaden und im Radio. Mitte 1938 verließ Busch den Kriegsschauplatz und kehrte nach Belgien zurück. 1938 machte er Aufnahmen bei Radio Brüssel, gab Konzerte und spielte Schallplatten ein.

Mit dem Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 gegen die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg wurde er in Antwerpen verhaftet und nach Südfrankreich in das Internierungslager Camp de Gurs deportiert. Er war dort bis Ende 1942 interniert, dann gelang ihm die Flucht bis zur Schweizer Grenze. Die Französische Grenzgendarmerie verhaftete Ernst Busch vor dem Grenzübertritt, lieferte ihn an die Gestapo aus und er wurde über Paris im Januar 1943 in das Polizeipräsidium Alexanderplatz überstellt. Im März 1943 wurde er in der Haftanstalt Moabit in Einzelhaft genommen. Die Anklage gegen Busch lautete „Vorbereitung zum Hochverrat“. Am 22. November 1943 wurde er bei einem alliierten Luftangriff auf die Haftanstalt schwer verletzt. Durch die Intervention von Anwälten über Gustaf Gründgens entging er aufgrund der im April 1937 erfolgten Ausbürgerung und seiner schweren Kopfverletzung der Todesstrafe und erhielt 1944 letztendlich eine vierjährige Zuchthausstrafe.

Am 27. April wurde er von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit und machte sich von dort aus auf den Weg in das noch umkämpfte Berlin. Im Mai 1945 zog er wieder in das Wohnhaus in der Künstlerkolonie, in dem er bis 1933 gewohnt hatte. 1949 siedelte er mit seiner neuen Lebensgefährtin Margarete Körting nach Treptow im Ostteil Berlins über, ab 1951 wohnten die beiden in der Heinrich-Mann-Straße in Berlin-Pankow. 1945 trat er in die KPD ein und wurde 1946 durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD automatisch Mitglied der SED.

ErnstBusch02
Als Schauspieler war er am Berliner Ensemble, dem Deutschen Theater und der Volksbühne tätig. Außer in seinen Brecht-Rollen machte er sich noch in anderen Rollen um die Entwicklung der Schauspielkunst verdient:

1946 als Satin in Maxim Gorkis Nachtasyl
1947 als Galileo Galilei im Leben des Galilei
1949 als Koch in Mutter Courage und ihre Kinder
1953 als Jago in William Shakespeares Othello
1954 als Azdak in Brechts Kaukasischen Kreidekreis und als Mephisto in Goethes Faust

Busch wurde auch als Interpret der Lieder von Hanns Eisler (Der heimliche Aufmarsch) und internationaler Arbeiter- sowie sozialistischer Propagandalieder bekannt. Daneben

Ernst und Irene Busch (1977)

Ernst und Irene Busch (1977)

leitete er bis 1953 die Schallplatten-GmbH Lied der Zeit, die erste und einzige Schallplattenfirma der SBZ/DDR. Lied der Zeit war der Vorläufer des VEB Deutsche Schallplatten mit den Sublabels Eterna und Amiga, die ebenfalls unter Busch entstanden. 1956, 1966 und 1979 erhielt er den Nationalpreis der DDR. Von 1963 bis 1975 spielte er in der Schallplattenreihe Aurora der Deutschen Akademie der Künste etwa 200 seiner Lieder ein. Er war Mitglied der Akademie.

1961 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne zurück. Busch übte zwar keine öffentliche Kritik an der Politik der SED, hatte aber diverse Streitereien mit Funktionären, darunter Erich Honecker. Seit 1952 war er faktisch kein Parteimitglied mehr, weil er sich beim Überprüfungsverfahren nicht kooperativ gezeigt hatte. 1977 trug ihm die SED ein neues Parteibuch an, das Busch annahm.

Die letzten Jahre verbrachte Busch – zusehends an Demenz leidend – in der Psychiatrie in Bernburg, am Ende in der geschlossenen Abteilung, aus der er mehrfach (vergeblich) zu fliehen versuchte. Er starb in Berlin. Seine letzte Ruhe fand er in einem Ehrengrab in der Abt. 36-28/29 auf dem Friedhof Pankow III.

Den Nachlass von Ernst Busch bewahrt das Archiv der Akademie der Künste in Berlin. (Quelle: wikipedia)

EternaLabels_1965.jpg

Die Eterna Labels aus dem Jahr 1965

Diese Album. ursprünglich bereits 1965 enthält einen Querschnitt von Bert Brecht Texten der Jahre 1914 – 1934. Zusammengestellt hat diese Sammlung dann der Ernst Busch persönlich und es wurde eine großartige Zusammenstellung.

Und ich weiß nicht, was ich beeindruckender finden soll, all die Zeilen des noch jungen Brecht (den Text „Moderne Legende'“ bereits als 16jähriger im Jahr 1914 schrieb). Die Texte, oftmals prophetisch, oftmals bitter, oftmals zynisch aber immer geprägt von viel Zuneigung für diese „Arbeiterklasse“, die es so heute eigentlich kaum noch gibt.

Und der Ernst Busch … ihm hört man an, dass er vonall diesen Botschaften durchdrungen war … sein engagiertes Leben ist dafür das beste Beispiel.

Und ein wenig packt mich dann doch die Wehmut, wenn ich all jene aufrechte Kommunisten denke, deren Ideale vom „real existierenden Sozialismus“ in den Dreck gezogen wurde … denn das unverzichtbare Grundprinzip einer Rosa Luxemburg („Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.“ in: „Zur russischen Revolution“ –  Zuerst veröffentlicht 1922 von Paul Levi nach dem handschriftlichen Manuskript aus dem Nachlaß.) wurde von all jenen „kommunistischen“ Staaten nicht wirklich beachtet oder gar ernst genommen.

ErnstBusch04
Besetzung:

Ernst Busch (vocals)
+
Adolf Fritz Guhl (keyboards bei 01., 02., 07., 10.
Walter Olbertz (piano bei 05.
Werner Pauli (guitar bei 11.
Dieter Rumstig (guitar bei 09.
+
Instrumentalgruppe unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 04., 06., 15.
+
Großer Chor des Berliner Rundfunks unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 15. + 17.)
Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Adolf Fritz Guhl (bei 15. + 17.)

BackCover1.JPG

Titel:
01. Moderne Legende (1914) (Brecht/Busch) 1.59
02. Legende vom toten Soldaten (Sommer 1918) (Brecht) 4.59
03. Als ich ins Exil gejagt wurde (Brecht) 1.11
04. Ballade vom Weib und dem Soldaten (Brecht/Eisler) 3.59
05. Gegen Verführung (Brecht/Busch) 1.20
06. Ein Pferd klagt an (Brecht/Eisler) 3.01
07. Von der Freundlichkeit der Welt (1922) (Brecht/Eisler) 1.18
08.. Gegenlied dazu: Von Der Freundlichkeit Der Welt (1955) (Brecht) 1.23
09. Die Ballade von den Abenteurern (Brecht) 1.49
10. Erinnerung an die Marie A. (Brecht) 4.56
11. Von den verführten Mädchen (Brecht) 1.46
12. Ballade von den Seeräubern (Melodie: L’Etendard De La Pitié) (Brecht/Traditional) 5.33
13. Die Ballade von der Hanna Cash (Brecht/Busch) 5.30
14. Das Lied vom SA-Mann (1931) (Brecht/Eisler) 3.25
15. Solidaritätslied (1931) (Brecht/Eisler) 2.41
16. Die Ballade vom Baum und den Ästen (1933) (Brecht/Eisler) 4.21
17. Einheitsfrontlied (1934) (Brecht/Eisler) 2.27

LabelB1.JPG

*
**
***

ErnstBusch05

Lutz Görner – Trunken von Gedichten (2000)

FrontCover1.jpgAlso eigentlich bin ich mit der deutschen und sonstigen Lyrik weder vertraut, noch wurde ich bisher mit ihr  besonders warm (mit wenigen Ausnahmen) … Das änderte sich ziemlich schlagartig, als ich diese Doppel-CD hörte:

Lutz Görner (* 1. Januar 1945 in Zwickau) ist ein deutscher Rezitator.

Görner wuchs im Rheinland auf und stand als Schüler in Statistenrollen und als Tänzer im Stadttheater Aachen auf der Bühne. Er wollte zunächst Theaterintendant werden, studierte in Köln Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie und besuchte dort die Schauspielschule. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen deutschen Bühnen als Bühnenarbeiter, Requisiteur, Schauspieler und Regisseur. Politisch organisierte sich Görner viele Jahre in der DKP.

LutzGörner1977

Lutz Görner, ca. 1977

Mitte der 1970er Jahre war Görner zunächst in München als Rezitator der Werke Heinrich Heines tätig. 1981 unternahm er zusammen mit Tahsin İncirci eine Tournee durch Deutschland unter dem Titel Ich liebe mein Land als Rezitator der Werke Nâzım Hikmets. Bis 1988 arbeitete er eng mit Ulrich Türk zusammen, der seine Programme und LPs musikalisch ausgestaltete. Programme wie Goethe für alle öffneten ihm die Stadttheater und Spielstätten auf der ganzen Welt. Görners Interpretation von Heinrich Heines Gedicht Deutschland – Ein Wintermärchen hatte im Großen Saal der Glocke in Bremen seine 1.000 Aufführung. Görner ging mit Programmen wie Droste für alle, einem Brecht-Programm (musikalisch begleitet von Oliver Steller, Dietmar Fuhr und Bernd Winterschladen) und über Friedrich Schillers Opiumschlummer und Champagnerrausch (mit Stefan Sell) auf Tournee. Von 1992 bis 1999 leitete Görner in Köln sein eigenes „Rezitheater“.

LutzGörner1994

1994 – Lasker-Schüler: Deutsche Dichterin

Im Fernsehen war Görner von 1993 bis 2010 durch die 200-teilige Serie „Lyrik für alle“ vertreten, eine kleine gesprochene Literaturgeschichte der Lyrik vom Barock bis heute, die jeden Sonntagmorgen bei 3sat gesendet wurde.

Seit 2012 tritt Görner im Rahmen von ihm inszenierter und begleiteter Klavierabende auf. Diese Abende sind eine Mischung aus Literatur und Musik von Komponisten, meist des 19. Jahrhunderts. Bisher sind Programme über Franz Liszt, Frédéric Chopin, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert sowie italienische Musik von Rossini, Donizetti, Bellini, u. a. unter dem Titel Eine italienische Nacht entstanden.

Lutz Görner lebt im Oberbergischen bei Köln. (Quelle: wikipedia)

LutzGörner1998

1998 – Zauberlehrling & Co von li Gerd Harder, Marcel Mader, Lutz Görner, Oliver Steller.

Und hier ein Querschnitt seines Schaffens … diese Doppel-CD trägt daher auch den Untertitel „Die fünfzig schönsten Texte aus fünfundzwanzig Jahren Rezitation“. Und es entfaltet sich vor uns ein wahrlich prachtvolles Kaleidoskop überwiegend deutscher Sprachgewalt, gewaltig diese Brandbreite … veredelt durch diesen Lutz Görner … ein Meister seines Fachs, wie er all diese Sprachklänge modulieren kann … betonen und somit den Kern einer Lyrik herausarbeitet … das ist wirklich famos !

Doch damit nicht genug: Görner nutzt dieses Best Of Album auch für sehr persönliche Rückschau auf seine Karriere wirft und dabei auch die Rückschläge nicht unter den Tisch fallen lässt.

Interessant auch sein Wandel vom politischen Rezitator hin zu einem, der sich auch an die deutschen Klassiker heranwagte. Und Görner bezeichnet sich im übrigen auch weiterhin als ein „68er“. Da steht mal wieder einer zu seiner Biographie und seinen Prägungen.

LutzGörner2003

2003 – Pessefoto Brecht-Programm. (v.l. Oliver Steller, Lutz Görner, Bernd Winterschladen, Dietmar Fuhr)

Von daher ein ganz besonderes Album. Leider lag meinem Exemplar (gebraucht erworben) kein Begleitheft bei, eigentlich ganz und gar nicht vorstellbar bei dem hochwertigem Naxos Label … Sehr schade !

Na, jedenfalls wird sich hier zukünftig mehr Lyrik tummeln und der Lutz Görner ist daran schuld !

Zwei erste und zwar dringende Empfehlungen: „Die Wahlesel“ (Heinrich Heine, passend zur Landtagswahl in Bayern) und „Krieg dem Kriege“ (Kurt Tucholsky, passend zur Weltlage).

LutzGörner2013

2013: Lutz Görner im Wagner-Museum in Bayreuth

Besetzung:
Lutz Görner (Sprecher)

BackCover1.jpg

Titel:

CD 1:
01. Robert Gernhardt: Seht mich an, der Fuß der Zeit… 2.21
02. Christian Hoffmann: Von Hoffmannswaldau bei Antretung des 55. Jahres 1.49
03. Heinrich Heine: Vorrede zu „Geschichte der Philosophie“ 2.23
04. Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte 1.04
05. Novalis: Wenn Nicht Mehr Zahlen Und Figuren… 0.41
06. Joseph von Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen… 0.29
07. Robert Gernhardt: Gedichte sind Beschissen… 2.57
08. Heinrich Heine: Die Wahlesel 6.08
09. Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege 6.03
10. Bertolt Brecht: Diese Arbeitslosigkeit 2.11
11. Theodor Storm: Der Lump 2.23
12. Nazim Hikmet: Ich liebe mein Land 1.58
13. Nazim Hikmet: Die Mehrzahl der Menschen 1.34
14. Nazim Hikmet: Das Meer muß man sein 1.35
15. Louis Fürnberg: Das Nußbaumblatt 2.25
16. Johann Wolfgang von Goethe: Monolog aus Faust II.Teil 7.12
17. Unbekannt König Salomo: Aus dem Buch Prediger: Es ist alles ganz eitel… 6.32
18. Wilhelm Busch: Vorwort aus „Maler Klecksel“ 6.36
19. Wilhelm Busch: Der alte Narr 1.35
20. Wilhelm Busch: Verlust der Ähnlichkeit 1.49
21. Heinrich Heine: Die Launen der Verliebten 3.20
22. Johann Wolfgang von Goethe: Über allen Gipfeln ist Ruh… 1.15
23. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck… 3.07
24. Peter Maiwald: Das Meer 0.56

CD 2:
01. Robert Gernhardt: Folgen der Trunksucht 1.46
02. Berns: Lob der Schwarzen Kirschen 2.02
03. Robert Gernhardt: Ein Gleichnis 1.18
04. Robert Gernhardt: Monolog des Prinzen von Hamburg 3.14
05. F. W. Bernstein: Aus dem Schmatzkästlein… 4.32
06. Hadamar von Laber: Kometorik 1.47
07. Gotthold Ephraim Lessing: Der über uns 3.52
08. Clemens Brentano: Singet leise, leise, leise… 0.43
09. Clemens Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen… 2.18
10. Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang 2.28
11. Matthias Claudius: Der Mensch 1.19
12. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise 2.20
13. Else Lasker-Schüler: Ein Alter Tibetteppich 1.16
14. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier 1.43
15. Annette von Droste-Hülshoff: Mondesaufgang 4.45
16. Joachim Ringelnatz: Seepferdchen 2.13
17. Joachim Ringelnatz: Überall 1.01
18. Joachim Ringelnatz: Cassel 2.33
19. Christian Morgenstern: Die Schildkröte 1.08
20. Christian Morgenstern: Der Hecht 0.43
21. Christian Morgenstern: Das Wasser 0.39
22. Christian Morgenstern: Das Butterbrotpapier 2.47
23. Christian Morgenstern: Drei Hasen 2.03
24. Johann Wolfgang von Goethe: An Den Mond 3.01
25. Joachim Ringelnatz: Zum Aufstellen der Geräte (live) 2.33
26. Kurt Tucholsky: Ein deutsches Volkslied (live) 8.57
27. Johann Wolfgang von Goethe: Umsonst (live) 2.25
28. Patrizia Fortenkopp: Ohne Titel (live) 1.36

CD2A

*
**

Das Schönste an Lutz Görner ist, dass er unprätentiös mit ein paar gebrochenen verspielten Gesten seine gut pointierten Texte spricht und mit ironischem Spaß die Dichtung und das Leben der Dichter zu trennen und aufeinander zu beziehen weiß. (Süeddeutsche Zeitung)

 

Verschiedene Interpreten – Schallwelten (2006)

FrontCover1Hörbücher sind ja schon längst nicht mehr aus der deutschen Literaturszene wegzudenken.

Und irgendwann gab´s da mal das hässliche Elke Heidenreich Statement, dass Hörbucher wohl eher was für Legastheniker sei … Vormalige Sympathiepunkte meinerseits sind da ganz gewaltig geschrumpft.

Sei´s drum.

Ihr eine Werbe-CD des Hörverlages mit aktuellen Neuerscheinungen aus dem Jahr 2006.

Und mir haben diese Appetithäppchen so richtig Spaß gemacht und ein paar Notizen in der Rubrik “ asnschaffen“ habe ich auch notieren müssen (z.B. Talk Talk (T.C. Boyle)).

Wir hören eine illustre Schar deutscher Schauspielerinnen und Schauspieler, wie hören deutsche und internationale Autoren von Rang und Namen …

Booklet02A

Auf dem Titelbild sehen wir übrigens den Autor Frank Schätzing auf dem Dach des Kölner Domes.

Und auch wenn dieses Promo-CD nun auch schon wieder 12 Jahre auf dem Buckel hat, aktuell ist sie immer noch … denn natürlich stehen auch diese ‚Aufnahmen in der Tradition dieser Radiohörspiele vergangener Dekaden … Allerdings sei noch ergänzt, dass das Radiohörspiel noch heute fester Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind.

Die damals mögliche Teilnahme an einem Preisausschreiben … nun, da ist die Einsendefrist natürlich längst abgelaufen.

Preisausschreiben

Titel:
01. Ansage 0.18
02. Jan Josef Liefers: Talk Talk (T.C. Boyle) 3.31
03. Patrick Bach + Céline Fontanges: Pompeji (Robert Harris) 2.56
04. Hans-Jörg Krumpholz: Regnerischer Vormittag (Håkan Nesser) 9.30 (*)
05. Jasmin Tabatabai: Von der Schönheit (Zadie Smith) 3.18
06. Brecht: Erotische Gedichte (Bertolt Brecht) 2.57
07. Peter Fitz: Jedermann (Philip Roth) 2.55
08. Marie Bäumer: Auftrag ausgeführt (Val McDermid) 2.38
09. Peter Matić + Anke Engelke: Tod und Teufel (Frank Schätzing)  5.28
10. Edgar M. Böhlke: Wie Engeln Flügel wachsen (Peter Härtling) 1.38 (*)
11. Bodo Primus: Der letzte Detektiv (Michael Koser) 2.20
12.  Achim Höppner: Der Herr der Ringe (J.R.R. Tolkien) 2.46
13. Manfred Zapatka + Felix von Manteuffel: Die Serapions-Brüder (E.T.A. Hoffmann) 2.55
14. Moritz Stoepel: Die Sphinx (Edgar Allan Poe) 12.50 (*)
15. Rufus Beck + Esther Hausmann: Nicht nur Kind seiner Zeit (Klaus Mann) 2.05
16. Konstantin Graudus, Gottfried John + Anna Thalbach: König Artus und die Ritter der Tafelrunde (Karlheinz Koinegg) 2.47

(*) abgeschlossene Kurzgeschichte)

CD1

 

*
**

BackCover1

 

 

Hanns Ernst Jäger ‎– Bertolt Brecht – Songs Gedichte Prosa (1968)

FrontCover1Wie bitterböse Bertold Brecht sein konnte, das kann man hier auf dieser Hanns Ernst Jäger LP hören. Veröffentlicht wurde diese LP 1968 bei „Pläne Records“ (die Geschichte dieses Labels wäre auch ein eigener Beitrag wert !)

Aber zurück zu Hanns Ernst Jäger:

Hanns Ernst Jäger wurde am 1. Januar 1910 als Sohn eines Kriminalrats in Wien geboren. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura und Medizin, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. Schon während des Studiums war er aufgefallen, wenn er mit seiner unverwechselbaren Stimme aus Werken der Weltliteratur rezitierte. Sein Bühnendebüt gab der angehende Schauspieler am Wiener „Scala-Theater“, weitere Engagements in Linz, Graz und Chemnitz schlossen sich an, wo Jäger meist den klassischen jugendlichen Helden gab. Zwischen 1941 und 1944 trat Jäger in Darmstadt auf, musste dann seine Karriere zunächst beenden, da er noch gegen Ende des 2. Weltkrieges als Soldat eingezogen wurde. Erst nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft konnte der Schauspieler seine Laufbahn fortsetzen, über Baden-Baden, Essen, Mannheim und Frankfurt kam er schließlich 1951 nach Bochum, wo er bis 1955 auf der Bühne stand, anschließend war er drei Jahre lang am Wiener Burgtheater verpflichtet. Danach band sich Jäger nicht mehr fest an ein Haus, arbeitete als freischaffender Schauspieler.

Während seiner Zeit in Bochum brillierte Hanns Ernst Jäger beispielsweise als „Shylock“ in einer der ersten Nachkriegsinszenierungen von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (1952), seine Titelrollen in Kleists „Amphitryon“ und Shakespeares „Othello“ waren ebenso eindrucksvoll wie seine Verkörperungen des Kurfürsten in Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ oder des vermögenden Kaufmanns Lopachin in Tschechows „Der Kirschgarten“. Doch vor allem als herausragender Brecht-Darsteller machte sich Jäger einen Namen, mit seinen Interpretationen des „Herrn Puntila“ oder des „Schweyk“ schrieb er Theatergeschichte. Die Figur des „Schweyk“ wurde zu einer seiner Paraderollen, Brecht selbst hatte in seinem Vermächtnis verfügt, dass nur Jäger seinen „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Westdeutschland spielen solle. 1954 hatte Bertolt Brecht den Ausnahmeschauspieler in Frankfurt als Dorfschreiber Azdak im „Kaukasischen Kreidekreis“ gesehen und war beeindruckt von Jägers eigenwilligen Gestaltung der Rolle, drei Jahre nach Brechts Tod stand Hanns Ernst Jäger 1959 als erster westlicher „Schweyk“ auf der Bühne – mehr als 300 Mal begeisterte er – verschmitzt, aggressiv und listig – damit sowohl Zuschauer als auch Kritiker.
Weitere Glanzrollen von Jäger waren unter anderem der Dorfrichter Adam in Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, der „Theodor“ in Hofmannsthal Posse „Der Unbestechliche“ oder der Diener Ludwig in Walsers Schauspiel „Überlebensgroß Herr Krott“. Doch vornehmlich ist er als Brecht-Interpret in Erinnerung geblieben, gab auch Brechts „Galilei“ („Das Leben des Galilei“) oder den Koch in „Mutter Courage und ihre Kinder“, arbeitete mit so renommierten Brecht-Regisseuren wie Peter Palitzsch, Harry Buckwitz und Manfred Wekwerth zusammen. Seine Liebe zu Brechts Werken aber auch zu Brecht als politischem Menschen zeigt Jäger auch mit der heute auf CD erhältlichen Veröffentlichung „Songs, Gedichte und Prosa“, dass er beispielsweise auch Texte von Kurt Tucholsky bevorzugte, beweist die Audio-Produktion „Opposition! Opposition!“ mit Texten und Liedern wie „Was darf die Satire“, „Über Krieg“ oder „Rückkehr zur Natur“.

Jäger01Auch vor einem großen Publikum konnte Jäger seine Glanzrollen wie den Dorfschreiber Azdak oder den „Schweyk“ darbieten, das Fernsehen zeigte beispielsweise 1958 Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ in einer Inszenierung von Franz Peter Wirth, Rainer Wolffhardt setzte 1961 „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Szene. Weitere Literatur-Adaptionen waren unter anderem Peter A. Horns Tschechow-Verfilmung von „Der Bär“ (1955) mit Jäger als „rasend“ verliebter Gläubiger Smirnóff und Käte Jaenicke als trauernde Witwe Popówa oder das von Egon Monk inszenierte Maxim Gorki-Stück „Wassa Schelesnowa“ mit Therese Giehse (Wassa Schelesnowa) und Josef Dahmen (Sergej Schelesnow).

Vereinzelt übernahm Jäger auch Aufgaben in Kinoproduktionen, so spielte er in Josef von Bákys „Dunja“ (1955, nach Puschkins Novelle „Der Postmeister“) neben Eva Bartok und Ivan Desny, war an der Seite von Gert Fröbe und Hansjörg Felmy in Paul Mays Verfilmung von Trygve Gulbranssens „Und ewig singen die Wälder“1) (1959) zu sehen. Kurt Hoffmann besetzte ihn mit der Rolle des „Schlender“ in „Die Ehe des Herrn Mississippi“ (1961, nach Dürrenmatt), mit Wolfgang Reichmann und Heinz Weiss spielte er in dem Kriegsdrama „Division Brandenburg“ (1960).
Dass Jäger auch in Krimis zu überzeugen wusste, bewies er auf dem Bildschirm 1960 als zwielichtiger Zahnarzt Dr. Stevens in dem Mehrteiler „Es ist soweit“2), der ersten Durbridge-Produktion des deutschen Fernsehens. Drei Jahre später tauchte er in einer Episode von „Das Kriminalmuseum“ auf, mimte in der Folge „Das Haus bei den Blutbuchen“ (1968) aus der Reihe „Sherlock Holmes“ den merkwürdigen Mr. Rucastle. Zu Jägers letzten Arbeiten vor der Fernsehkamera zählen 1970 bzw. 1972 zwei Episoden aus der populären TV-Serie „Der Kommissar“ sowie der Mehrteiler „Die Reise nach Mallorca“ (1973).

Hanns Ernst Jäger starb am 15. August 1973 im Alter von 63 Jahren in einem Münchener Krankenhaus an Herzversagen. Während einer Aufführung von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ – Jäger spielte wie immer grandios den „Puntila“ – hatte er im März einen Zusammenbruch erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte.
Der Theaterwissenschaftler, Dramaturg und Journalist Werner Schulze-Reimpell würdigt Jäger in Rowohlts „Theaterlexikon 2“ als einen vitalen, in seinen Mitteln verschwenderisch ausladendenden, manchmal auch zu effektverliebten Darsteller mit großer Ausstrahlung und den Qualitäten eines Volksschauspielers. (Quelle: steffi-online)

Die „Fraqgen eines lesenden Arbeiters“ haben mir vor vielen, vielen Jahren die Augen geöffnet, haben nicht nur meinen Zugang zur Geschichte grundlegend verändert, hat mich zu Bert Engelmann geführt.

Und heute, beim wiederhören dieser LP empfinde ich ich so viel Sympathie – insbesondere bei seinen mehrals deutlichen Anti-Kriegs-Texten. Beeindruckend die Klarheit seiner Worte, beeindruckend die Radikalität seiner Worte !

Jäger

Besetzung:
Hanns Ernst Jäger (Sprecher)
+
mir unbekannte Musiker (die musikalische Leitung hatte Klaus Melchers)

 

BackCover

Titel:
01. Vom armen B. B. 3.03
02, Das Lied von der Schlacht 1.20
03. Das Lied von der Widersinnigkeit des Krieges 2.16
04. Das Lied vom Chaos, von der Schönheit der Revolution 3.44
05. Legende von der Entstehung des Buches Taoteking 4.12
06. Gegen Verführung 1.06
07. Fragen eines lesenden Arbeiters 2.07
08. An meine Landsleute 1.27
09. Der Soldat von La Ciotat 4.02
10. Bei der Kanone dort 1.17
11. Der Kälbermarsch 2.14
12. Das deutsche Miserere 2.12
13.  Das Lied von der Moldau 1.40
14.  Die Nachtlager 1.25
15.  Die Regierung als Künstler 1.57
16.  Bei der Geburt eines Sohnes 0.45
17.  Wenn die Haifische Menschen wären 4.03
18.  Kinderhymne 0.50
19.  Ich benötige keinen Grabstein 0.23

Texte: Berthold Brecht – Musik Hanns Weil

LabelB1.jpg

*
**

Manfred Krug – Geschichten vom Herrn Keuner (Berthold Brecht) (2005)

FrontCover1Das war mir gar nicht so bewusst, dass der von mir sehr geschätzte Schauspieler und Sänger Manfred Krug, wohl eine ganz besondere Beziehung zu Berthold Brecht hatte.

Eigentlich kein Wunder, denn von 1955 bis 1957 war er als Eleve in Bertolt Brechts Berliner Ensemble engagiert.

Hier liest er nun die „Geschichten vom Herrn Keuner“:

Die Geschichten vom Herrn Keuner, auch bekannt unter dem Namen Geschichten vom Herrn K., sind Parabeln von Bertolt Brecht.

 

Sie entstanden verteilt über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren, seit dem Jahre seiner Heirat mit Helene Weigel (1926), während Brechts Zeit im Exil bis zu seinem Tod (1956). Die erste dieser Geschichten schrieb Brecht im Jahre 1926 im Zusammenhang mit den Arbeiten an dem Stück Fatzer. 1948 erschienen Brechts Kalendergeschichten, in denen 39 Keuner-Geschichten enthalten sind. Nach Brechts Tod wurden weitere Geschichten in weiteren Publikationen veröffentlicht. In Wangen-Brüttisellen im Kanton Zürich fanden sich im Nachlass der im Jahr 2000 verstorbenen Renata Mertens-Bertozzi 15 bislang unbekannte Keuner-Geschichten, die in die sogenannte „Zürcher Fassung“ des Suhrkamp Verlags aufgenommen wurden.

HerrK01

Die Ausgabe enthält alle 58 Geschichten, die in der sogenannten „Züricher Mappe“ aufgefunden worden waren. Die Keuner-Geschichten wurden immer in Zusammenhang mit Brechts anderen Werken geschrieben. Sie erschienen in der Heftreihe „Versuche“ zusammen mit anderen experimentellen Texten, Szenen aus Dramen und Gedichten. Es erschienen zunächst sieben Hefte, das Achte konnte 1933 nicht mehr gedruckt werden.

Aktuell (2008) werden 121 Einzeltexte dem Keuner-Komplex zugeordnet.

In den Geschichten vom Herrn Keuner ist die Hauptperson Herr Keuner, der Fragen von Mitmenschen gestellt bekommt oder Erklärungen abgibt. Er antwortet stets mit Weisheiten, die auch von Brecht stammen könnten. Somit sind diese Geschichten ein Instrument für Brecht, um seine eigenen Meinungen und Ansichten kundzutun. Die Keuner-Geschichten behandeln Themen, die immer wiederkehren, in den Geschichten vom Herrn K. aber auch in andern Werken von Brecht. So beschäftigt sich Herr Keuner mit für Brecht typischen Motiven, wie den folgenden:

Frauenbild
Marxismus
Tugenden des Menschen
Natur

HerrK02

All diese Motive sind zentral in Brechts Schaffen und sind auch jene, mit denen sich Brecht am meisten beschäftigt hat.

Die Geschichten vom Herrn Keuner sind kurze Ausschnitte aus Herrn K.s Leben, die den Parabeln zugeordnet werden, da die Geschichten auch zum Nachdenken anregen sollen. Auffällig ist die Länge der einzelnen Geschichten, da diese zwischen 2 und ca. 65 Zeilen variieren.

Da die Geschichten vom Herrn Keuner aus einzelnen, voneinander unabhängigen Geschichten bestehen, ist es schwierig, eine allgemeine Interpretation zu erstellen. Vielmehr kann man die einzelnen Geschichten separat deuten und sie müssen nicht im Kontext mit anderen Keunergeschichten gesehen werden. Die Geschichten vom Herrn K. spiegeln aber Brechts persönliche Meinungen und politische Ansichten wider. Darum wird Herr K. gerne auch als Spiegelbild Brechts gedeutet.

Alternatives Frontcover

Alternatives Frontcover

Die Figur war zunächst als handelnde Person in das Stück einbezogen und nahm im Verlauf der Bearbeitungen Brechts immer mehr die Rolle des kritischen Kommentators (im Sinne des epischen Theaters) ein. Herr Keuner wird als Denkender dargestellt, der nur wenig Empathie mit anderen Personen zeigt und darum eher unsympathisch wirkt. Er ist hilfreich, solange keine speziellen Opfer von ihm verlangt werden. Er beurteilt die Tugenden, die Menschen schätzen, als gut, weil sie nützlich sind, und nicht wegen irgendwelcher Gefühle. Ansonsten weist Herr K. nicht viele Charakterzüge auf, weil dadurch, dass die Geschichten eigentlich keine Handlung haben, nur Keuners Aussagen bewertbar sind. Herr Keuner wird als das Spiegelbild von Brecht angesehen.

Die Literaturkritik nahm die Keuner-Geschichten in dieser Zeit nicht wahr. Nur Walter Benjamin schrieb darüber. Dieser erklärte auch die Herkunft des Namens unter Bezugnahme auf Brecht von „Keiner“ her, gedacht als eigenschaftslose Figur, die nur als denkender Vermittler in Erscheinung tritt. (Quelle: wikipedia)

DiverseBuchausgaben

Diverse Buchausgaben (Kaufempfehlung meinerseits !)

Sie sind kurz, verfügen über einen Modellcharakter und geben Impulse zum Weiterdenken; ihre Form ähnelt Fabeln, Parabeln und Aphorismen, und sie beinhalten, zumindest unterschwellig, eine Handlungsanweisung. Die Rede ist von Bertolt Brechts berühmten Geschichten vom Herrn Keuner, an denen der Autor seit 1929 schrieb, und in denen er meist von sich selbst erzählt. Seit Ende 2000 im Nachlass einer Schweizer Dokumentarfilmerin ein Koffer mit Brecht-Texten gefunden wurde, die dieser 1949 bei seinem Umzug nach Ostberlin nicht mitgenommen hatte, gibt es neue Keuner-Geschichten. Manfred Krug liest 12 dieser neuen, bis dahin unbekannten und 38 der bereits berühmten Prosastücke.

Der Schauspieler, der am Berliner Ensemble Brechts seine Karriere begann, trägt die alten und neuen Geschichten vom Herrn Keuner (in Süddeutschen bedeutet „keuner“ „keiner“) mit einem zurückhaltend, leicht ironischen Akzent vor. Seit er 1977 nach Unterzeichnung der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns nach West-Berlin übersiedelte, ist Krug u. a. durch den „Tatort“ und die Serie „Liebling Kreuzberg“ zu einem der bekanntesten deutschen Schauspieler geworden. Nicht, dass Krug die vielen Dialoge zwischen dem Alter Ego Bertolt Brechts und den Fragestellern eintönig oder wenig abwechslungsreich lesen würde — nein keineswegs –, aber die häufigen pädagogischen, teils vor Lebensweisheit triefenden Anweisungen im Sinne eines korrekten Verhaltens im politisch-sozialen Kontext werden durch seinen Tonfall angenehm entschärft.

Brecht

Berthold Brecht

Mit heiterer Stimme und Feingefühl trägt er beispielsweise Keuners erstaunlich aktuelle Meinung über mustergültiges Autofahren vor, zeichnet das liebevolle Porträt eines Elefanten, der K’s Lieblingstier ist, und bringt die Geschichte Wenn Haifische Menschen wären sehr überzeugend zu Ohr. „Der Denkende“, der so kluge Sentenzen über die Liebe, den Erfolg, die Gastfreundschaft, die Veränderung (in Das Wiedersehen) oder die Haltung des Weisen formuliert, kommt in Krugs ironischer Diktion unbeschwert zur Geltung. Die zurückgenommene Virtuosität, mit der er die Kunstfigur Keuner spricht, ist ein charmanter Rahmen für die Moral, die Lehre und Weisheit des strengen Bert Brecht! Fazit: Manfred Krug, einer der populärsten Schauspieler Deutschlands, ausgestattet mit Ecken und Kanten, präsentiert hier eine sehr feinfühlige Interpretation der bekannten Prosa eines der größten Dramatikers des 20. Jahrhunderts. Hört sich gut an! (Quelle: culture.text)

Manfred Krug

Manfred Krug

Besetzung:
Manfred Krug (Sprecher, piano)

BackCover

Titel:
01. Mühsal der Besten 0.16
02. Wenn ich mit den Dingen 0.12
03. Wenn Herr K. einen Mensch liebte 0.22
04. Erfolg 0.30
05. Die Frage, ob es einen Gott gibt 0.31
06. Beispiel einer guten Belehrung 0.32
07. Deine Theorie hat Löcher 0.17
08. Herr K. und die Natur 1.10
09. Form und Stoff 1.20
10. Gespräche 0.26
11. Herr K. schätzte Freundlichkeit… 0.27
12. Warten 0.21
13. Die dritte Sache 9.28
14. Herr K. vertritt die Leute 0.45
15. Herr K. und der Ausdruck 0.35
16. Herr K. über Höflichkeit 1.18
17. Ruhm 0.23
18. Herr K. und der Tod 0.12
19. Lehren 0.16
20. Herr K. und die Konsequenzen 1.24
21. Herr K. sagte: Es ist Unfug, dass… 0.29
22. Gastfreundschaft 0.43
23. Erträglicher Affront 0.16
24. Verlässlichkeit 0.39
25. Herr K. sah sich die Zeichnung an 0.28
26. Das Altertum 1.24
27. Weise am Weisen ist 0.47
28. Originalität 1.27
29. Herr K. fährt Auto 0.36
30. Keuner, befragt über die Arbeit 1.01
31. H. K. und die Lyrik 0.30
32. Musik von der Stange 1.09
33. Das Schlechte ist auch nicht billig 1.20
34. Eine gute Antwort 0.31
35. Der natürliche Eigentumstrieb 1.35
36. Herr K. und die Katzen 0.55
37. Herrn Ks. Lieblingstier 1.52
38. Gerechtigkeitsgefühl 0.42
39. Wenn die Haifische Menschen wären 4.20
40. Das Horoskop 1.11
41. Der unentbehrliche Beamte 0.43
42. Maßnahmen gegen die Gewalt 2.18
43. Herr K. und die deutsche Politik 2.00
44. Vaterlandsliebe: der Hass gegen 1.13
45. Das Lob 0.17
46. Herrn K. läuft ein Schüler weg 0.34
47. Als Herr K. in die Emigration ging… 0.59
48. Zwei Städte 0.30
49. Da Wiedersehen 0.21
50. Herr K. war nicht für Abschied 0.27

Alle Texte: Berthold Brecht

HerrK03

*
**

Wer an weiterführenden Informationen, die zur Vertiefung

der einzelnen blog-Beiträgen dienen, interessiert ist,  benötigt ein Passwort.
Dazu schreibe man an

post-fuer-sammelsurium@gmx.net

Eine Leihgabe aus dem Schallarchiv des Herrn Ärmel … Vielen Dank !

Kurt Weill + Bertolt Brecht – Die Dreigroschenoper (mit René Kollo, Ute Lemper, Mario Adorf u.a.) (1990)

FrontCover1Keine Frage, die Dreigroschenoper ist eine der bedeutendsten Werke deutscher Musik im 20.Jahrhundert.

»Die Dreigroschenoper« mit dem Text von Bertolt Brecht und der Musik von Kurt Weill wurde 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. Das Stück spielt in Soho, einem Stadtteil von London. Der Hinweis auf Krönungsfeierlichkeiten lässt als Zeit der Handlung das Jahr 1837 (Krönung der Königin Viktoria) annehmen. Im Mittelpunkt stehen der Konkurrenzkampf zweier krimineller und skrupelloser Geschäftemacher, des attraktiven und charmanten Macheath einer- und des gerissenen Peachum andererseits, und die Bloßstellung ihrer Doppelmoral.

Jonathan Jeremiah Peachum betreibt die Firma »Bettlers Freund«. Er verkleidet arme Leute als Bettler, schickt sie auf die Straßen und ist an ihren Betteleinnahmen beteiligt. Sein Schlägerkommando überfällt Bettler wie Filch, die versuchen auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Verlagseinband des Erstdruckes (1928)

Originalausgabe (1928)

Peachums Tochter Polly heiratet heimlich den Gegenspieler ihres Vaters, den Verbrecher Macheath (genannt Mackie Messer oder Mac). Für die Hochzeit in einem Pferdestall lässt Mac seine Männer alles Notwendige stehlen und herbeischaffen: Möbel, Geschirr und Speisen. Der Raubzug kostet etliche Menschenleben. Pollys anfängliche Enttäuschung über die ungewöhnliche Hochzeit legt sich bald und sie hat Freude an den – ebenfalls gestohlenen – Geschenken. Unter den Gästen ist auch Macs enger Freund Jackie Brown, der oberste Polizeichef von London.

Pollys Eltern sind entsetzt über die Wahl ihrer Tochter, und da Polly einer Scheidung nicht zustimmt, beschließt Peachum Macheath anzuzeigen, während seine Frau zu Macs Huren geht, um ein Kopfgeld auf ihn auszusetzen.
Nach Peachums Anzeige kann Brown seinen Freund nicht mehr schützen. Brown und Polly raten Mac zu fliehen. Mac übergibt seiner Frau die Geschäfte: Sie soll das Geld aus der Firma abziehen und an ein Bankhaus schicken und anschließend seine Männer anzeigen.

Statt zu fliehen begibt Mac sich ins Hurenhaus, wo er von der Hure Jenny an die Polizei verraten wird. Bei der Ankunft im Gefängnis von Old Bailey straft Macheath seinen Freund Brown mit stummer Verachtung, woraufhin dieser zu weinen beginnt. Andererseits fürchtet Macheath, dass Brown von seinem Verhältnis mit dessen Tochter Lucy erfährt.

Die schwangere Lucy erscheint und erhebt schwere Vorwürfe wegen Macs Hochzeit. Mac verleugnet seine Frau Polly auch dann noch, als diese ebenfalls im Gefängnis auftaucht. Die beiden Frauen streiten um Mac, der sich auf Lucys Seite schlägt. Er kann sie dafür gewinnen, ihm bei der Flucht aus dem Gefängnis zu helfen.

Theateranzeige1928

Besetzungszettel der Uraufführung.  Die Angabe von Lotte Lenya (Ehefrau von Kurt Weill) fehlt.

Macheath flieht und Peachum wirft Brown daraufhin Versagen vor. Er droht, mit seinen Mitarbeitern die Krönungsfeierlichkeiten zu sabotieren und die Polizei vorzuführen.

Als Peachum die Bettler für sein Vorhaben mobilisiert, erscheint Brown, um alle wegen Straßenbettelei festzunehmen. Gelassen weist Peachum Brown darauf hin, dass die Stadt voll von Armen und Elenden sei, mit denen sich der Krönungszug stören lasse. Der so unter Druck geratene Brown verkündet, Macheath erneut festnehmen zu lassen. Daraufhin schickt Peachum alle Bettler nach Old Bailey.

Weder Lucy noch Polly wissen, wo Mac sich aufhält. Sie erkennen, dass sie beide betrogen worden sind. Lucy gesteht Polly, die Schwangerschaft mit einem Muff nur vorgetäuscht zu haben.
Macheath ist wieder im Gefängnis. Er soll am nächsten Morgen hingerichtet werden. Seine Männer geben sich wenig Mühe das notwendige Geld aufzubringen, mit dem Mac den Wärter Smith bestechen könnte. Auch Polly kann ihn nicht retten. Mac verschließt sich vor dem Versöhnungsversuch seines Freundes Brown.
Als Macheath auf dem Galgen steht, überbringt ein reitender Bote der Königin ihm ein Begnadigungsschreiben. Zudem wird er von der Königin anlässlich ihrer Krönung reich beschenkt.

Elisabeth Hauptmann hat die »Beggar‘s Opera« von John Gay aus dem Jahre 1728 ins Deutsche übersetzt. Auf dieser Grundlage erarbeiteten Bertolt Brecht und Kurt Weill »Die Dreigroschenoper«, die Brechts größter Theatererfolg überhaupt wurde. Brecht traf das Lebensgefühl der von Desillusion und Vergnügungssucht geprägten späten 20er Jahre, indem er die Doppelmoral der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft an den Pranger stellte.

Als Mittel diente das von ihm konzipierte »epische« oder »dialektische Theater«: Brecht wollte die Zuschauer nicht mehr in das Geschehen auf der Bühne hineinziehen. Vielmehr sollte die beabsichtigte Distanz sie zu kritischem Nachdenken über den Zustand der Gesellschaft anregen. Erreicht wurde dies zum Beispiel mit den Songs, die vor dem geschlossenen Vorhang gesungen werden.

Ihren Welterfolg verdankt »Die Dreigroschenoper« nicht zuletzt der Musik Kurt Weills. Hervorzuheben sind die Songs und Balladen, die die anhaltende Popularität des Stücks mitbegründen: Allein »Die Moritat von Mackie Messer« liegt in unzähligen Interpretationen vor, während die von Louis Armstrong, Bobby Darin und Ella Fitzgerald zu den bekanntesten zählen. (Mia Sabinger)
Ute Lemper

Ute Lemper

Und hier „Die Dreigroschenoper“ in einer Aufführung, die es in sich hat: René Kolle, Ute Lemper, Milva und Maio Adorf … das sind dann schon ganz schon klangvolle Namen …  wie sie hier auch hörbar beweisen.

Und von daher verwundert es auch nicht, dass diese Aufnahme für den Grammy Award nominiert wurde.
Und wieviele dieser Lieder hier, sind inzwischen Allgemeingut geworden … und das gilt nicht nur „Mackie Messer“. Selber entdecken lautet hier die Devise.
Booklet01A
Besetzung:
Mario Adorf (Jonathan Jeremiah Peachum)
Rolf Boysen (Erzähler)
Helga Dernesch (Frau Peachum)
Ute Lemper (Polly Peachum)
Milva (Spelunken-Jenny, eine Hure)
René Kollo (Mackie Messer)
Wolfgang Reichmann (Tiger Brown, Polizeichef von London)
Susanne Tremper (die Tochter von Tiger Brown)
+
RIAS Berlin Sinfonietta unter der Leitung von John Mauceri
Jonathan Alder (harmonium)
Detlev Bensmann (saxophone)
Klaus Böttcher (Percussion, timpani)
Matthias Donderer (cello)
Joachim Eiser (trombone)
Christov Griese (saxophone)
Wilfried Grünberg (banjo, guitar)
Peter Heubeck (clarinet)
Peter Kühn (bass)
Thomas Lutz (percussion)
Bernd Machus (bandoneon)
Philip Moll (celesta, piano)
Joachim Plickett (trumpet)
Heinz Radzischewski (trumpet)
Bernhard Sebon (flute)
Peter Utrecht (bassoon)
Joachim Walz (clarinet)
Manfred Wehner (percussion)
+
RIAS Kammerchor unter der Leitung von Marcus Creed

BackCover

Titel:

I. Akt:
01. Rolf Boysen + Orchester: Overture  2.32
02. Rolf Boysen: Die Moritat von Mackie Messer 2.57
03. Helga Dernesch & Mario Adorf:  Morgenchoral des Peachum 1.17
04. Helga Dernesch & Mario Adorf:  Der anstatt dass-Song 2.00
05. Mario Adorf: Hochzeits-Lied 1.25
06. Milva: Seeräuberjenny 3.34
07. René Kollo & Wolfgang Reichmann: Kanonen-Song 2.43
08. Ute Lemper & René Kollo: Liebeslied 1.57
09. Ute Lemper: Barbara Song 5.07
10. Ute Lemper & Helga Dernesch & Mario Adorf: Dialog 0.26
11. Ute Lemper & Helga Dernesch & Mario Adorf: Erstes Dreigroschen-Finale 3.49

II. Akt:
12. Ute Lemper & René Kollo: Melodram 1.25
13. Ute Lemper:  Polly’s Lied 1.39
14. Helga Dernesch: Ballade von der sexuellen Hörigkeit 2.59
15. Milva & René Kollo:  Zuhälter-Ballade 5.11
16. Milva: Seeräuberjenny 3.26
17. René Kollo: Ballade vom angenehmen Leben 2.52
18. Ute Lemper & Susanne Tremper: Eifersuchts-Duett (Jealousy Duet) 2.50
19. Susanne Tremper: Arie der Lucy (Aria Of Lucy) 2.46
20. Rolf Boysen & Mario Adorf: Dialog 0.53
21. Helga Dernesch & René Kollo: Zweites Dreigroschen-Finale 4.18

III. Akt:
22. Mario Adorf: Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens 2.20
23. Milva: Salomon-Song 3.40
24. René Kollo: Ruf aus der Gruft 1.04
25. René Kollo: Grabschrift 3.57
26. Mario Adorf: Gang zum Galgen 1.05
27. Milva & René Kollo & Mario Adorf & Helga Dernesch & Ute Lemper & Wolfgang Reichmann & RIAS Kammerchor:  Drittes Dreigroschen-Finale 5.49

Musik: Kurt Weill
Text: Berthold Brecht

LabelB1

*
**

Wer an weiterführenden Informationen, die zur Vertiefung
der einzelnen blog-Beiträgen dienen, interessiert ist,  benötigt ein Passwort.
Dazu schreibe man an

post-fuer-sammelsurium@gmx.net