Dieter Hildebrandt – Hans J. Diederich (Münchner Lach- und Schießgesellschaft) – Bette sich wer kann (1957)

frontcover1Prädikat: legendär !

Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft wurde als politisches Kabarett 1956 vom Journalisten Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt gegründet. Sammy Drechsel war bis zu seinem Tod 1986 Leiter und Regisseur des Kabaretts. Zusammen mit Dieter Hildebrandt und Klaus Peter Schreiner schrieb er auch rund 80 Prozent der Texte. Die musikalische Leitung hatte Walter Kabel inne, der auch komponierte.
Die Lach und Schieß hat ein eigenes Theater in der Schwabinger Ursulastraße, nahe der Münchner Freiheit.
Dieter Hildebrandt zeigte im Februar 1952 anlässlich eines Faschingsfestes der Theaterwissenschaftler an der Universität München zusammen mit seinen Kommilitonen Gerd Potyka, Klaus Peter Schreiner und Guido Weber im Schwabinger Kellerlokal Alte Laterne ein improvisiertes Programm mit Sketchen. Der Erfolg beim Publikum hatte zur Folge, dass die Wirtin die Studenten einlud, zweimal pro Woche gegen Freibier und warmes Abendessen aufzutreten.

Eine gute Woche später, am 25. Februar 1952, fand das offizielle Debüt des Kabaretts Die Namenlosen mit dem lakonischen Titel Ihr erstes Programm statt. Auch nach dem Fest blieb die Truppe zusammen. Das zweite Programm trug den Namen Es ist so schön, privat zu sein und beschäftigte sich mit der Wiederbewaffnungsdebatte. Die Truppe gastierte damit im Juli 1955 täglich im Café Freilinger in der Leopoldstraße.

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Münchner Lach- und Schießgesellschaft, 1957

Sportreporter Sammy Drechsel vermittelte schließlich das Schwabinger Lokal Das Stachelschwein von Fred Kassen in der Ursulastraße als dauerhaften Auftrittsort. Ab dem dritten Programm Die Nullen sind unter uns, das am 3. November 1955 Premiere hatte, übernahm Drechsel die Regiearbeit. Im Spätsommer 1956 machten sich Hildebrandts Kollegen selbständig. Die Namenlosen wurden nun von Drechsel und Hildebrandt 1956 zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft weiterentwickelt. Der Name entstand nach einer Idee von Oliver Hassencamp als Paragramm auf Wach- und Schließgesellschaft.

Drechsel gelang es, zusätzlich zu Hildebrandt drei bereits profilierte Kabarettisten für das Projekt zu gewinnen. Die Erstbesetzung der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bestand aus Ursula Herking, Klaus Havenstein (beide von der Kleinen Freiheit), Hans Jürgen Diedrich (von den Amnestierten) und Dieter Hildebrandt. Das erste dreistündige Programm Denn sie müssen nicht, was sie tun hatte am 12. Dezember 1956 in dem überfüllten Lokal Premiere und wurde von der ARD im März 1957 ausgestrahlt. Themen waren unter anderem der Betrieb in einem Managerbüro und in einer Werbeagentur. Von da an gehörte eine jährliche Ausstrahlung der aktuellen Kabarettprogramme zum Sendeschema der ARD, am Silvesterabend unter dem Titel Schimpf vor 12. (wikipedia)

Hier Auszüge aus ihrem vermutlich 2. Programm „Bette sich wer kann“ …  (Die Premiere war am 25.4.1957, in der ARD wurde das Programm dann 9.1.1958 ausgestrahlt).
Und damals schrieb Die Zeit zu diesem Programm folgendes:
Nun danket alle ab!“ – „Der Bruch der Welt durch Welt im Bruch.“ – „Drei Miezen im Brunnen …“ Vier Kabarettisten suchen einen Titel: Titelsucht. Damit fängt es an… Aber „wie man sich bettet, so schallt es heraus“, meinen sie am Ende (der ersten Nummer), und so einigen sie sich auf: „Bette sich wer kann.“
„Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ heißt das kleine Ensemble aus Schwabing, das jetzt Nähe Kurfürstendamm gastiert. Berlin ist hin.
Ursula Herking, alte Bekannte aus großer Kabarett-Nachkriegszeit, bajuwarisch angereichert, kehrt sie von der Isar für lachende Stachelschweinswochen an die Spree zurück.
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Dieter Hildebrandt, Ursula Noack, Klaus Havenstein, Jürgen Diedrich in den 1950er Jahren

Angereichert? Um Dieter Hildebrandt vor allem, einen Texter vom Range Erich Kästners. Zufällig nicht aus Sachsen, sondern von Breslau-Lerge!
Angereichert um zwei Hamburger: Hans Jürgen Diedrich, klein und blitzlustig, und Klaus Havenstein, mindestens 300 ccm Humor-Hub unter der Narrenhaube.
Bajuwarisch? Nur der Name „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“! Sonst alles erfreulich überprovinziell. Wie nennt man das? Haben wir wirklich nur das gespreizte „gesamt-deutsch“ dafür?
„Sissy ist eine Ostmark wert“, bemerkt die Herking unnachahmlich trocken in der Romy-Schneider-Parodie. „Tu felix Austria schneidere! Blatz, blaß heim ins Reich.“ „Der deutsche Film ist uns zu Subventionen …“
Die Späße bleiben trotz Würze immer sanguinisch, während wir die vertrauten Stachelschweine, in deren „Ewiger Lampe“ die „Lachgesellschaft“ hospitiert, eher cholerisch kennen. Der Berliner Witz ist sägender und kreischt auch mehr. Diese Neu-Münchner liefern literarischen Feinschnitt, alles überflüssige Fett ist wegtrainiert aus ihren blitzgescheiten Texten.
Politik? Maßvolle Opposition nach oben und rechts. Aber auch: „Was dem einen sin Ul-bricht, dem andern sein Genick.“ Das war selbst dem Berliner Publikum eine Windung zu viel, es saß verdutzt. Aber sonst Schmunzeln über drei Stunden und gemütliche Sympathie: „Das Leben ist triste – verdammt dazu biste.“ (T. K., Berlin, Die Zeit vom 5. September 1957)
Und schon damals waren Dieter Hildebrandt und Hans J. Dietrich die heimlichen Stars des Ensembles, denn Polydor entschied sich damals, ausschließlich die langen Solobeiträge der beiden auf einer LP zu veröffentlichen:
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Nun, die Texte sind natürlich insofern antiquiert, weil sie natürlich die damaligen Themen aufs Korn nehmen …. aber Wortwitz und Sprachkunst … Esprit und pfiffige Wendungen … die kann man heute noch genießen und so manches Thema … ist gar nicht soooo  veraltet … auch wenn sich die Namen verändert haben.
Lach- und Schiessgesellschaft/ Personen
Besetzung:
Hans J. Diedrich
Dieter Hildebrandt
+
Heinz Briola (bass)
Fred Kassen (piano)
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Titel:

01. Musikalische Einleitung (Sammy-Fox) (Kabel) 9.18
02  Der Schlafwagenschaffner (Hildebrandt) 26.59
03. Der Bettelstudierte (Kabel/Schreiner) 11.13
04. Der Charaktermime (Kabel/Schreiner) 12.47
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(Diesmal ohne Passwort)
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