Fred Endrikat – Höchst weltliche Sündenfibel (1939 – 1950)

TitelHeute kennt man ihn nicht mehr, vor etlichen Jahrzehnten hatte er durchaus einen guten Ruf als kabarettistischer Spötter:

Fred Endrikat (* 7. Juni 1890 in Nakel an der Netze; † 12. August 1942 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich.

Endrikat, der Sohn eines Bergmanns war und auch selbst unter Tage arbeitete, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Eickel und Wanne.[1] In seinem Gedicht Heimkehr finden sich Reminiszenzen an seine Jugendzeit in Eickel und den dortigen Volkspark.[2] Danach lebte er lange in Berlin, bevor er nach München kam. U. a. im Schwabinger Kabarett Simpl stand er mit eigenen Texten auf der Bühne. Zuletzt lebte er in Leoni am Starnberger See.

Fred Endrikat starb 1942 mit 52 Jahren an einem Gehirntumor und liegt auf dem alten Teil des Münchener Waldfriedhofes begraben.

Fred Endrikats Werk, das in der Tradition Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns und Joachim Ringelnatz‘ steht, besteht im Wesentlichen aus Texten für das literarische Kabarett. Hauptsächlich Versdichtung (Brettl-Lieder, Couplets) verfassend, aber auch Szenen und Einakter, schuf Endrikat kleine Werke, die als humoristisch, bisweilen satirisch, einzuordnen sind, ohne dabei jedoch allzu gesellschaftskritisch zu sein. Dem Dichter haftete seinerzeit das Etikett des witzigen, frivolen Spötters an, der nicht ganz ernstzunehmende Weisheiten präsentierte.

Endrikat veröffentlichte vier Bände mit Versen in Kürze zur Lebenswürze, die eine weite Verbreitung fanden. Die erste Sammlung von Gedichten, die er für das literarische

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Fred Endrikat, 1932

Kabarett schrieb und dort selbst vortrug, erschien mit Die lustige Arche (1935), einer unter dem Leitsatz „Die besten Menschen auf der Erde, das sind die Hunde und die Pferde“ stehenden „Tierfibel für Jung und Alt“. Es folgte die Höchst weltliche Sündenfibel (1939), welche „moralische“ und „unmoralische“ Versdichtungen des Autors zusammenstellte. Nach Liederliches und Lyrisches (1940) mit „Versen zum vergnügten Leben“ war 1942 der seine Reihe witziger Lebensweisheiten abschließende Fröhliche Diogenes (1942) die letzte Veröffentlichung vor seinem Tod. Er widmete der Bergmannskuh ein kurzes Gedicht.

Nach Endrikats Tod wurde noch manches mehr in Auswahlen und dem Band Sündenfallobst (1953) veröffentlicht.

Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs. Das Hörbuch Fred Endrikat stellte 2004 eine Auswahl seiner Gedichte als Rezitation neu vor. In Buchform war Endrikats Werk nach einer kurzen Renaissance in den 1970er Jahren lange Zeit nicht mehr erhältlich, ehe 2011 ein Lesebuch mit seinen Texten zusammengestellt wurde.

In Wanne-Eickel, seit 1975 ein Stadtteil der Stadt Herne, wurde 1964 die Fred-Endrikat-Straße nach dem Schriftsteller benannt. (Quelle: wikipedia)

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Aber auch in seiner ursprünglichen Heimat erinnert man sich an ihn, noch bis heute:

Am 7. Juni 1890 erblickte der bekannteste Cranger Junge, Fred Endrikat, das Licht der Welt. Er war der einzige Knabe unter sechs Geschwistern in einem kleinen Haus auf der Heerstraße. In der Volksschule in Crange war er dem Zeichnen und der Poesie zugetan, auch las er viel und intensiv, was in dem kleinbürgerlichen, bildungsfernen Milieu seiner Familie eigentlich nicht üblich war. Der Vater war Bergmann. Mit 14 Jahren kam Fred in die Schlosserlehre, um einen soliden Handwerksberuf zu erlernen. Jedoch eignete er sich nicht dazu und brach die Lehre bald wieder ab. Auch als Pferdejunge auf

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Karikatur aus dem Jahr 1935

der Zeche Shamrock III/IV in Wanne, der Arbeitsstätte seines Vaters, hatte er keine Ausdauer und auch als Lehrhauer fand er keinen Zugang zu der Arbeit, die ihm angeboten wurde. Stattdessen schrieb er Gedichte, lustige Texte und Sketche, welche er auf der Kleinkunstbühne der Gaststätte Nehring in Wanne-Süd abends den Gästen vortrug. Fred Endrikat war völlig aus der Art geschlagen, die Eltern waren ratlos.
Offenbar suchte der junge Mann das Abenteuer außerhalb der Heimat und ihres Milieus, auf das er allerdings immer stolz blieb. Wie er den Weg nach München gefunden hat, teilte er nie genau mit. Es dürfte ein sehr beschwerlicher und entbehrungsreicher gewesen sein, ohne Beruf und ohne Geld. Ein Antrieb war wohl der Wille, dass er seinen Eltern beweisen wollte: Auch die Kunst ernährt ihren Mann, nicht nur das Handwerk. In den Künstlerkneipen Münchens, dem heutigen Schwabing, zeigte er Parodien und Satiren des „Kleinen Mannes“, wie er es auch schon in Wanne-Süd getan hatte. Seine Vorbilder wurden Joachim Ringelnatz und Karl Valentin. Trotz allem blieb er in seinem Herzen ein Cranger Junge, den das Heimweh plagte. Ein Gedicht „Es gibt ein Stück Erde“ drückt das trefflich aus. Es ist Crange gewidmet.

„Es gibt ein Stück Erde, an dem man klebt,
und das man im Herzen stets lieb behält.
Die Scholle, auf der man die Kindheit verlebt,
vergisst man niemals im Trubel der Welt.
Man kennt jedes Steinchen und weiß jeden Laut.
Es taucht vor uns auf, so lebendig und wach,
das Haus mit dem Gärtchen, so heimisch vertraut.

Die Tauben girren noch auf dem Dach.
Die rissige Mauer mit dem wilden Wein,
berankt bis zum Giebel grün und dicht.
Die Stare nisten am Dachfensterlein.
Der Vater kommt müde heim von der Schicht…“

Der Rat der Stadt Wanne-Eickel hat nach Fred Endrikat am 16. April 1964 eine Straße benannt und damit gewürdigt, dass er sich mit seiner Heimat immer verbunden fühlte, auch wenn er in der Ferne lebte. (Gerd Kaemper in lokalkompass Herne)

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Diverse Buchausgaben

Hier eines einer wohl bekanntesten Bücher (82 Seiten, Einbandzeichnung von Lisl Stich); ursprünglich ist es bereits 1939 erschienen, meine Ausgabe wurde dann 1950 gedruckt.

Kabarettist Fred Endrikat unterhielt schon zeitig sein Publikum mit eigenen Texten. Sein Wirken steht humoristisch unter anderem in der Tradition Wilhelm Buschs. Wer kennt nicht seinen bekannten Spruch: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.“?

Dieser Spruchfindet sich dann auch in diesem Büchlein … So ganz erschließt sich mir diese Art von Humor nicht … aber das ist wohl dem Zahn der Zeit gesschuldet.

Dennoch: eine mehr als nette ‚Erinnerungen an einen Humoristen, der früher mal ganz schön angesagt war, in diesen Kneipen in Schwabing und anderswo.

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Man beachte die Auflagenzahl !

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Eine kleine Widmung in diesem Buch

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Die Fred-Endikrat-Straße in Herne

Lutz Görner – Trunken von Gedichten (2000)

FrontCover1.jpgAlso eigentlich bin ich mit der deutschen und sonstigen Lyrik weder vertraut, noch wurde ich bisher mit ihr  besonders warm (mit wenigen Ausnahmen) … Das änderte sich ziemlich schlagartig, als ich diese Doppel-CD hörte:

Lutz Görner (* 1. Januar 1945 in Zwickau) ist ein deutscher Rezitator.

Görner wuchs im Rheinland auf und stand als Schüler in Statistenrollen und als Tänzer im Stadttheater Aachen auf der Bühne. Er wollte zunächst Theaterintendant werden, studierte in Köln Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie und besuchte dort die Schauspielschule. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen deutschen Bühnen als Bühnenarbeiter, Requisiteur, Schauspieler und Regisseur. Politisch organisierte sich Görner viele Jahre in der DKP.

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Lutz Görner, ca. 1977

Mitte der 1970er Jahre war Görner zunächst in München als Rezitator der Werke Heinrich Heines tätig. 1981 unternahm er zusammen mit Tahsin İncirci eine Tournee durch Deutschland unter dem Titel Ich liebe mein Land als Rezitator der Werke Nâzım Hikmets. Bis 1988 arbeitete er eng mit Ulrich Türk zusammen, der seine Programme und LPs musikalisch ausgestaltete. Programme wie Goethe für alle öffneten ihm die Stadttheater und Spielstätten auf der ganzen Welt. Görners Interpretation von Heinrich Heines Gedicht Deutschland – Ein Wintermärchen hatte im Großen Saal der Glocke in Bremen seine 1.000 Aufführung. Görner ging mit Programmen wie Droste für alle, einem Brecht-Programm (musikalisch begleitet von Oliver Steller, Dietmar Fuhr und Bernd Winterschladen) und über Friedrich Schillers Opiumschlummer und Champagnerrausch (mit Stefan Sell) auf Tournee. Von 1992 bis 1999 leitete Görner in Köln sein eigenes „Rezitheater“.

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1994 – Lasker-Schüler: Deutsche Dichterin

Im Fernsehen war Görner von 1993 bis 2010 durch die 200-teilige Serie „Lyrik für alle“ vertreten, eine kleine gesprochene Literaturgeschichte der Lyrik vom Barock bis heute, die jeden Sonntagmorgen bei 3sat gesendet wurde.

Seit 2012 tritt Görner im Rahmen von ihm inszenierter und begleiteter Klavierabende auf. Diese Abende sind eine Mischung aus Literatur und Musik von Komponisten, meist des 19. Jahrhunderts. Bisher sind Programme über Franz Liszt, Frédéric Chopin, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert sowie italienische Musik von Rossini, Donizetti, Bellini, u. a. unter dem Titel Eine italienische Nacht entstanden.

Lutz Görner lebt im Oberbergischen bei Köln. (Quelle: wikipedia)

LutzGörner1998

1998 – Zauberlehrling & Co von li Gerd Harder, Marcel Mader, Lutz Görner, Oliver Steller.

Und hier ein Querschnitt seines Schaffens … diese Doppel-CD trägt daher auch den Untertitel „Die fünfzig schönsten Texte aus fünfundzwanzig Jahren Rezitation“. Und es entfaltet sich vor uns ein wahrlich prachtvolles Kaleidoskop überwiegend deutscher Sprachgewalt, gewaltig diese Brandbreite … veredelt durch diesen Lutz Görner … ein Meister seines Fachs, wie er all diese Sprachklänge modulieren kann … betonen und somit den Kern einer Lyrik herausarbeitet … das ist wirklich famos !

Doch damit nicht genug: Görner nutzt dieses Best Of Album auch für sehr persönliche Rückschau auf seine Karriere wirft und dabei auch die Rückschläge nicht unter den Tisch fallen lässt.

Interessant auch sein Wandel vom politischen Rezitator hin zu einem, der sich auch an die deutschen Klassiker heranwagte. Und Görner bezeichnet sich im übrigen auch weiterhin als ein „68er“. Da steht mal wieder einer zu seiner Biographie und seinen Prägungen.

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2003 – Pessefoto Brecht-Programm. (v.l. Oliver Steller, Lutz Görner, Bernd Winterschladen, Dietmar Fuhr)

Von daher ein ganz besonderes Album. Leider lag meinem Exemplar (gebraucht erworben) kein Begleitheft bei, eigentlich ganz und gar nicht vorstellbar bei dem hochwertigem Naxos Label … Sehr schade !

Na, jedenfalls wird sich hier zukünftig mehr Lyrik tummeln und der Lutz Görner ist daran schuld !

Zwei erste und zwar dringende Empfehlungen: „Die Wahlesel“ (Heinrich Heine, passend zur Landtagswahl in Bayern) und „Krieg dem Kriege“ (Kurt Tucholsky, passend zur Weltlage).

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2013: Lutz Görner im Wagner-Museum in Bayreuth

Besetzung:
Lutz Görner (Sprecher)

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Titel:

CD 1:
01. Robert Gernhardt: Seht mich an, der Fuß der Zeit… 2.21
02. Christian Hoffmann: Von Hoffmannswaldau bei Antretung des 55. Jahres 1.49
03. Heinrich Heine: Vorrede zu „Geschichte der Philosophie“ 2.23
04. Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte 1.04
05. Novalis: Wenn Nicht Mehr Zahlen Und Figuren… 0.41
06. Joseph von Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen… 0.29
07. Robert Gernhardt: Gedichte sind Beschissen… 2.57
08. Heinrich Heine: Die Wahlesel 6.08
09. Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege 6.03
10. Bertolt Brecht: Diese Arbeitslosigkeit 2.11
11. Theodor Storm: Der Lump 2.23
12. Nazim Hikmet: Ich liebe mein Land 1.58
13. Nazim Hikmet: Die Mehrzahl der Menschen 1.34
14. Nazim Hikmet: Das Meer muß man sein 1.35
15. Louis Fürnberg: Das Nußbaumblatt 2.25
16. Johann Wolfgang von Goethe: Monolog aus Faust II.Teil 7.12
17. Unbekannt König Salomo: Aus dem Buch Prediger: Es ist alles ganz eitel… 6.32
18. Wilhelm Busch: Vorwort aus „Maler Klecksel“ 6.36
19. Wilhelm Busch: Der alte Narr 1.35
20. Wilhelm Busch: Verlust der Ähnlichkeit 1.49
21. Heinrich Heine: Die Launen der Verliebten 3.20
22. Johann Wolfgang von Goethe: Über allen Gipfeln ist Ruh… 1.15
23. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck… 3.07
24. Peter Maiwald: Das Meer 0.56

CD 2:
01. Robert Gernhardt: Folgen der Trunksucht 1.46
02. Berns: Lob der Schwarzen Kirschen 2.02
03. Robert Gernhardt: Ein Gleichnis 1.18
04. Robert Gernhardt: Monolog des Prinzen von Hamburg 3.14
05. F. W. Bernstein: Aus dem Schmatzkästlein… 4.32
06. Hadamar von Laber: Kometorik 1.47
07. Gotthold Ephraim Lessing: Der über uns 3.52
08. Clemens Brentano: Singet leise, leise, leise… 0.43
09. Clemens Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen… 2.18
10. Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang 2.28
11. Matthias Claudius: Der Mensch 1.19
12. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise 2.20
13. Else Lasker-Schüler: Ein Alter Tibetteppich 1.16
14. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier 1.43
15. Annette von Droste-Hülshoff: Mondesaufgang 4.45
16. Joachim Ringelnatz: Seepferdchen 2.13
17. Joachim Ringelnatz: Überall 1.01
18. Joachim Ringelnatz: Cassel 2.33
19. Christian Morgenstern: Die Schildkröte 1.08
20. Christian Morgenstern: Der Hecht 0.43
21. Christian Morgenstern: Das Wasser 0.39
22. Christian Morgenstern: Das Butterbrotpapier 2.47
23. Christian Morgenstern: Drei Hasen 2.03
24. Johann Wolfgang von Goethe: An Den Mond 3.01
25. Joachim Ringelnatz: Zum Aufstellen der Geräte (live) 2.33
26. Kurt Tucholsky: Ein deutsches Volkslied (live) 8.57
27. Johann Wolfgang von Goethe: Umsonst (live) 2.25
28. Patrizia Fortenkopp: Ohne Titel (live) 1.36

CD2A

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Das Schönste an Lutz Görner ist, dass er unprätentiös mit ein paar gebrochenen verspielten Gesten seine gut pointierten Texte spricht und mit ironischem Spaß die Dichtung und das Leben der Dichter zu trennen und aufeinander zu beziehen weiß. (Süeddeutsche Zeitung)

 

Michael Jung – Ein letzter Gruß (1976)

FrontCover1Und jetzt ein spannendes Beispiel der Kategorie „schwarzer Humor“, denn diese LP ist untertitelt mit „Die fröhlichen Grablieder des Ritters Michael Jung von Jung, Pfarrer zu Kirchdorf an der Iller“.

Aha.

Und wer zum Teufel war Michael Jung ?

Michael von Jung (* 29. September 1781 in Saulgau; † 24. Juli 1858 in Tettnang) war ein deutscher römisch-katholischer Geistlicher und Dichter von Grabliedern, die er zur Laute vortrug und später auch in Buchform veröffentlichte. Seine Lieder zeichnen sich aus durch eine unbekümmert-drastische Darstellung von Krankheiten, Unfällen und Todesarten, andererseits durch die seelsorgerliche Bemühung um das Seelenheil der Toten und der Lebenden im Geiste der Aufklärung. Dieser Kontrast ergibt eine Fallhöhe, die Jung vor allem als Meister der unfreiwilligen Komik bekannt werden ließ.

Nach dem Theologiestudium an der Universität Salzburg und dem Besuch des Priesterseminars in Meersburg erhielt Jung 1806 die Priesterweihe. Im Anschluss folgte die viereinhalbjährige Vikariatszeit in Erolzheim. Schließlich wurde er 1811 zum Pfarrer im oberschwäbischen Kirchdorf an der Iller bestimmt.

Für seine Verdienste bei der Krankenpflege während einer Typhusepidemie im Jahr 1814 wurde Jung zum Ritter des königlich württembergischen Zivilverdienst-Ordens ernannt. Der Ritter-Titel, den Jung von nun an stolz trug, war mit dem persönlichen Adel verknüpft.

MichaelVonJungSeine Lieder, die er gerne mit der Laute begleitete, brachten ihn mehrfach in Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit. 1820 musste er eine Geldstrafe wegen „unbefugten und unwürdigen Schriftenverfassens“ zahlen. Obwohl ihm das kirchliche Imprimatur 1837 verweigert wurde, veröffentlichte er 1839 in zwei Bänden 200 seiner Lieder im Selbstverlag. Der Titel „Melpomene oder Grablieder“ nimmt Bezug auf Melpomene, die Muse der tragischen Dichtung und des Trauergesangs.

1849 wurde er nach Tettnang strafversetzt, wo er als Kaplan tätig war und 1858 starb.

Im 20. Jahrhundert erfuhr Jung neue Aufmerksamkeit, und seine Lieder erschienen in Auswahlausgaben, die die komischen Elemente in seinem Werk betonen. Im Theaterstück Sing nicht, Vogel von Alfred Weitnauer besucht ein Domkapitular Stolzenberg den Kirchdorfer Pfarrer, um ihn – natürlich erfolglos – von seinem unwürdigen Tun abzubringen. Unter dem Titel Der Vogel läßt das Singen nicht wurde das Theaterstück 1966 vom SDR mit dem schwäbischen Volksschauspieler Willy Reichert in der Hauptrolle verfilmt, den Besucher spielte Dieter Borsche. (Quelle: wikipedia)

Und hier seine Verse, produziert vom „Südwestfunk Landesstudio Tübingen“ als Produktion des Südwestfunks, eingespielt mit einem markigem Sprecher, einem Bariton + Lauten – Duo und den Harmonium Commedists.

Die schrägen Interpretation sind einfach nur passend zu diesem schrägen Vogel namens Michael von Jung, der im 19. Jahrhundert seine makabren Texten zelebrierte …

Originalausgabe

Titelblatt von Melpomene, 1839

Besetzung:
Walter Starz (Sprecher bei 02., 04., 06., 07.,  08. + 09.)
+
Karl Griessel (bariton bei 01., 05.,08. + 11.) )
Otto Neudert (lute)
+
Die Harmonium Commedists (bei 03.):
Arnold Feil – Herrad Hornung-Whehrung – Hans Hornung – Kurt Besserer – Günther Petry

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Titel:
01. An den Tod 4.08
02. Bei dem Grabe eines Kindes, das von seinem Vater erstochen wurde 1.44
03. Bei dem Grabe eines Mannes, der mit dem Regenschirm erstochen wurde 4.44
04. Bei dem Grabe eines Mannes, der von Jägern erschossen wurde 4.21
05. Bei dem Grabe eines Jünglings, der sich zu tod tanzte 5.36
06. Bei dem Grabe eines Mannes, der bei einem Diebstahl ums Leben kam 4.16
07. Bei dem Grabe einer vortrefflichen Sängerin, die an der Cholera starb 4.30
08. Bei dem Grabe eines Kindes, das durch die Hand seiner Mutter starb 7.04
09. Bei dem Grabe eines vom Blitz erschlagenen Jünglings 3.02
10. Bei dem Grabe einer Frau, bei deren letzten Zügen der Kammerboden brach 1.32
11. Tönet traurig dumpfe Totenglocken 1.02

Texte und Musik: Michael von Jung

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Siegfried Völlger (Hrsg.) – Es fielen Töne in die Stille – Musik und Poesie (2001)

TitelVielleicht wird es solche kleinen, liebevoll zusammengestellten Büchlein bald nicht mehr geben,

Aber ein Buch mit dem Untertitel „Musik und Poesie“ musste damals im Jahr 2001 natürlich mein Interesse wecken. Die poetischen Zeilen zusammengestellt hat Siegfried Völlger (Buchhändler in Augsburg und ebenfalls im lyrischen Bereich aktiv).

Und so finden sich hier meist eher leise Gedanken von

  • Friedrich Hölderlin
  • Rainer Maria Rilke
  • Michael Hamburger
  • William Carlos Williams
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Gotthold Ephraim Lessing
  • Theodor Storm
  • Theodor Fontane
  • Novalis
  • Heinrich Heine
  • Friedrich Nitzsche
  • Wilhelm Busch

Diese Aufzählung ist natürlich nicht abschließend … Wie gesagt: kein Bestseller, in den Spiegel-Charts war das Büchlein sicher auch nie, und dennoch: Gerade solche Kleinigkeiten erfreuen mein Herz.

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Verschiedene Interpreten – Starke Stimmen – Liebesgedichte (2005)

FrontCover1Normalerweise bin ich ja kein so großer Freund der Lyrik, erst recht nicht der Liebeslyrik. Aber hier mache ich mal neu Ausnahme.

Und das ist die kleine Geschichte dieses Hörbuches:

„Starke Stimmen“ heißt die BRIGITTE-Hörbuch-Edition, in der zwölf starke Frauen auf zwölf außergewöhnliche Bücher treffen. Und so heißt auch die CD mit Liebesgedichten, die Sie gratis mit Heft 12 bekommen. Warum? Als Dankeschön!

Starke Stimmen – unter diesem Motto geben wir seit Februar unsere Hörbuch-Edition heraus. In jeder neuen BRIGITTE haben wir Ihnen ein neues literarisches Werk vorgestellt, gelesen von erstklassigen Frauen und Schauspielerinnen. Und was für eine starke Resonanz haben wir bekommen: Briefe, Postkarten, E-Mails mit viel Lob und unzähligen Anregungen. Zum Beispiel, welche Ihrer Lieblings-Schauspielerinnen bei einer Fortsetzung unserer Hörbuch-Reihe doch unbedingt welches wichtige Werk lesen sollte… Seien Sie sicher, wir haben uns alles gut gemerkt! Ihr großes Interesse hat dazu geführt, dass unsere „Starken Stimmen“ seit Wochen die Hörbuch-Bestsellerlisten anführen. Aus diesem Grund wollen wir – BRIGITTE und Random House Audio – uns bei allen bedanken, die an das Projekt geglaubt haben.

Elke Heidenreich zum Beispiel, die unser erstes Hörbuch, die „New Yorker Geschichten“ von Dorothy Parker, gelesen hat. Gefolgt von Fritzi Haberlandt, Hannelore Hoger, Corinna Harfouch, Heike Makatsch, Iris Berben, Anna Thalbach, Monica Bleibtreu sowie Sibel Kekilli, die in Heft 12 Jane Austens Klassiker „Sinn und Sinnlichkeit“ präsentiert. Und Eva Mattes, Sophie Rois, Senta Berger, die in den folgenden Heften ihre Hörbücher vorstellen. Besonders beeindruckt waren wir von jenen Hörerinnen, die sich an etwas Neues gewagt haben. Viele haben uns geschrieben, sie hätten durch unsere Edition das Medium Hörbuch entdeckt. Danke für Ihr Vertrauen! Wir wollen unsere Begeisterung mit Ihnen teilen, indem wir Ihnen etwas weitergeben, was mitten ins Herz trifft: Liebesgedichte, die es in dieser Auswahl nur mit diesem Heft und nicht im Handel gibt. Gelesen von unseren Stimmen, zu denen sich bereits weitere hinzugesellt haben: Katharina Thalbach, Gudrun Landgrebe und Jessica Schwarz. Viel Freude bei diesem Hör-Erlebnis. (Verlagsankündigung der Zeitschrift Brigitte)

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Die Brigitte Edition „Starke Stimmen“

Sehr überraschend, dass selbst einer wie ich mit diesen Aufnahmen etwas anfangen kann.

Wir hören Texte von Klassikern wie William Shakespeare und Friedrich Hebbel, aber auch Sarah Kirsch ist vertreten und dann noch mir ganz und gar unbekannte Autorinnen wie Karoline V. Günderrode oder Kathinka Zitz.

Die Stimmen, denen wir lauschen können/dürfen gehören Schauspielerinnen, die sich in den letzten Jahrzehnten beeindruckendes geleistet haben, darunter sind Namen wie
Iris Berben, Eva Mattes, Anna Thalbach, Katharina Thalbach, Monica Bleibtreu und Senta Berger (u.v.m.)

Und es sind großartige Stimmen und Interpretationen, die selbst mir Lyrikbanausen wunderbare Momente verschafft haben.

Hörempfehlung: man gönne sich dazu einen guten Rotwein oder einen nicht minder guten Whisky from good ol`Scotland …

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Titel:
01. Iris Berben: Alles eins (Rainer Maria Rilke) 4.39
02. Eva Mattes: Ich bin sehr sanft (Sarah Kirsch) 0.40
03. Katharina und Anna Thalbach: Mit Haut und Haar (Ulla Hahn) 2.19
04. Elke Heidenreich: Bescheidene Anfrage (Mascha Kaléko) 1.27
05. Elke Heidenreich: Weil du nicht da bist (Mascha Kaléko) 1.26
06. Elke Heidenreich: Kompliziertes Innenleben (Mascha Kaléko) 1.08
07. Elke Heidenreich: Das letzte Mal (Mascha Kaléko) 1.27
08. Elke Heidenreich: Großstadtliebe (Mascha Kaléko) 1.24
09. Jessica Schwarz: Sonett CIV (William Shakespeare) 1.37
10. Anna Thalbach: Mühle (Ulrike Draesner) 0.54
11. Anna Thalbach: Willst du dein Herz mir schenken? (Anonym) 0.37
12. Anna Thalbach: Was hilft es mir? (Louize Labé) 0.45
13. Anna Thalbach: Gefrorene Tränen (Wilhelm Müller) 0.38
14. Gudrun Landgrebe: Liebeslied (Else Lasker-Schüler) 3.12
15. Senta Berger: Trunken (Enrique Cadicamo) 1,32
16. Hannelore Hoger: Abschied (Else Lasker-Schüler) 2.11
17. Monica Bleibtreu: Bei den Stiefmütterchen (Sarah Kirsch) 0.53
18. Jessica Schwarz: Sonett CXLVII (William Shakespeare) 1.00
19. Monica Bleibtreu: Die Luft riecht schon nach Schnee (Sarah Kirsch) 0.58
20. Anna Thalbach: Am Strand (Ulla Hahn) 3.31
21. Sophie Rois: Du bist mein Mond… (Friedrich Rückert) 0.50
22. Sophie Rois: Ich und du (Friedrich Hebbel) 0.46
23. Sophie Rois: Der Kuss im Traume (Karoline V. Günderrode) 1.02
24. Katharina Thalbach: Wie man sich irren kann (Kathinka Zitz) 3.08

CD1

 

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Mario Adorf & Christian Bruhn – Flügel der Liebe (2010)

FrontCover1Jetzt wird es für mich ein wenig kniffelig … Denn:

Einerseits schätze ich den Mario Adorf  (* 1930) als Schauspieler ganz enorm … er ist für mich einer der bedeutendsten Schauspieler des deutschen Sprachraumes in all den vergangenen Jahrzehnten … und so etliche Filme mit ihm, sind mir besonders ans Herz gewachsen.

Und, das muss man dem Christian Bruhn (* 1934) schon zu gute halten: Er hat doch diverse pfiffige Schlager in den 60er Jahren komponiert (von „Mamor, Stein und Eisen bricht“ bis hin zu „Wunder gibt es immer wieder“)

Und gegen die Textdichterin Claire Din (* 1958) habe ich auch nichts einzuwenden, sie hat z.B. für die Puhdys ein paar interessane Texte geschrieben.

Von daher, war ich eigentlich recht positiv gegenüber dieser Scheibe eingestellt … aber allein das Cover hätte mich warnen müssen:

Hier hören wir pathetische Belanglosigkeiten, gepaart mit einer Musik, die man sonst in Fahrtstühlen hört ..

Beispiele gefällig ?

TextFlügelDerLiebe

TextDieKarte

Nun denn … vielleicht fehlt mir ja auch die entsprechende lyrische Ader … das mag ich ja gar nicht ausschließen.

Andererseits beschleicht mich da so ein dumpfes Gefühl, das wohl eher aus der Schmuddelecke kommt.

ClaireDin

Claire Din

Kann es sein, dass zwei alte Männer, am Ende ihres Lebens angelangt …  von einer bezaubernden Frau derartig fasziniert waren … dass, ja, dass sie diese Produktion einfach machen mussten ?

Aber halt: einer der Texte ht mich dann doch tatsächlich angesprochen … „Glück“ …

Aber vielleicht wehre ich mich gegen dies Album ja auch so sehr, weil die Zeiten, dass ich auch so ein sentimentaler alter Mann werde … nicht mehr ganz so weit weg sind …

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Mario Adorf & Claire Din

Besetzung:
Mario Adorf (Sprecher)
Christian Bruhn (alle Instrumente)
+
Claire Din (vocals bei 13.)

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Titel:
01. Flügel der Liebe 3.00
02. Sonnenaufgang 2.12
03. Die Karte 1.25
04. Berührungen 1.10
05. Das Fenster 2.43
06. Erwartung (diesmal) 1.33
07. Hoffnung 1.40
08. Glück 1.54
09. Leere Stunden 3.40
10. Rosen in den Träumen 2.57
11. Ich ruf dich jetzt an 2.06
12. Tränen in den Augen 2.44
13. Wut im Bauch 2.23
14. Schon vorbei 2.56
15. Kleiner Zettel 3.21
16. Abschied 3.11
17. Die Stille 0.48

Musik: Christian Bruhn
Texte: Claire Din

CD1

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Das Cover einer limitierten Sonderauflage (100 Stück)

Glück:

Glück haben
Das Glück ist unterwegs
Menschen setzten es leichtfertig aufs Spiel
Menschen vertun und verspielen es

Weil sie sich selbst nicht trauen
Glück braucht offene Türen
Platz und Gelegenheit

Künstlerduo Sago – Das ist Bergmannsleben (Heinrich Kämpchen) (2014)

FrontCover1Und noch so ein Album, das mir viel bedeutet, das mich auch rührt … bewegt …

Die Rede ist von Heinrich Kämpchen:

Heinrich Wilhelm Kämpchen (* 23. Mai 1847 in Altendorf an der Ruhr; † 6. März 1912 in Linden, heute zu Bochum) war ein deutscher Bergmann und Arbeiterdichter.

Heinrich Kämpchen war Sohn eines Bergmannes und wurde ebenfalls Bergmann. Über sein Leben ist wenig bekannt. Wir wissen nicht, wie lange er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, einem Bruder und zwei Schwestern, in Altendorf gelebt hat. Die häufige Behauptung, er sei schon mit 13 Jahren auf der Zeche Hasenwinkel in Linden eingefahren, lässt sich nicht belegen. Logische Überlegungen machen dagegen Angaben, er habe nach der Volksschulzeit zwei Jahre Privatunterricht erhalten, zumindest wahrscheinlich. Die Grundlagen seiner sehr guten Allgemeinbildung, seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre kann er kaum im Elternhaus oder in der Volksschule erhalten haben. Wohl aber könnte ein zweijähriger Einzelunterricht die Grundlagen gelegt haben, mit denen er sich später autodidaktisch sein umfangreiches Wissen angeeignet hat.

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Unstrittig ist, dass er lange auf Zeche Hasenwinkel gearbeitet hat. Er wird Ende 1889 oder Anfang 1890 vorgeblich wegen der Folgen eines Arbeitsunfalls entlassen, den er wahrscheinlich zwei Jahre zuvor erlitten hatte. Die wahre Ursache seiner Entlassung dürfte aber seine Teilnahme am Streik der Ruhrbergarbeiter 1889, wo er als Sprecher der Belegschaft seiner Zeche aufgetreten war, sowie die Veröffentlichung des Gedichtes Lumpenparade und ähnlicher Werke gewesen sein. In seinen Entlassungspapieren wird ihm eine Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren bescheinigt. Daraus folgt, dass er 1865/1866 erstmals auf Hasenwinkel eingefahren ist. Somit verbleiben zwischen dem Ende des mutmaßlichen Privatunterrichts und seiner ersten Einfahrt auf Hasenwinkel ca. drei Jahre, die er auf einer anderen Zeche zugebracht haben muss. Aufgrund seines Arbeitsunfalls erhält er nach seiner Entlassung eine Rente als Frühinvalide, die wie in jener Zeit üblich, so gering war, dass sie gerade fürs Überleben reicht. Er lebt fortan in großer Armut. Daran änderten auch die bescheidenen Honorare nichts, die er für Veröffentlichungen seiner Gedichte in der Bergarbeiter Zeitung und vereinzelt im „Wahren Jakob“ erhielt.

Zwischen 1872 und 1874 besuchte er die Bergvorschule in Dahlhausen. Obwohl er diese erfolgreich absolvierte, verzichtete er auf seine Fortbildung zum Steiger.

Buchaugabe

Eine Buchausgsbe von allden  Texten von Heinrich Kämpchen (demnächst hier in diesem Theater)

Die durch die Reform des Knappschaftsrechts 1854 hervorgerufene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Bergbau erlebte H. Kämpchen an seinem Vater und später am eigenen Leib. Schon früh engagierte er sich für die Rechte der Bergleute. Politisch stand er der Sozialdemokratie nahe. Mit Inkrafttreten der Sozialistengesetze 1878 kommt er auf die Schwarze Liste, polizeilichen Überwachungslisten, die im Rahmen der Verfolgung von Sozialdemokraten angelegt worden sind. Obwohl 1890 das Sozialistengesetz seine Gültigkeit verloren hat, bleibt er weiterhin unter Überwachung der Obrigkeit.

H. Kämpchen unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zu Georg Breuker, ebenfalls Bergmann und sozialkritischer Dichter. Etwa seit 1877 bis zu seinem Tod lebte H. Kämpchen als Kostgänger bei einer Familie in Linden. Er war zeitlebens nicht verheiratet.

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H. Kämpchen war einer der talentiertesten sozialistischen Dichter seiner Zeit, der vor dem Hintergrund der herben Schönheit seines geliebten Ruhrgebiets mit großer Emotionalität die Sorgen und Nöte der Bergarbeiter thematisierte. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflusst wurde. Sein Werk ist gekennzeichnet durch die Bevorzugung einer politischen Lyrik mit deutlichen Bezügen zu tagespolitischen Geschehnissen. Erste Veröffentlichungen erscheinen 1889. Mit der im selben Jahr wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter Zeitung“ erhält er ein Forum, das seine Werke regelmäßig veröffentlicht. Er verfasste auch den Text für das „Internationale Knappenlied“, das in sozialistischen Kreisen weite Verbreitung fand.

Sozialkritische Literatur gab es auch schon vor den Veröffentlichungen von H. Kämpchen, aber er ist einer der ersten sozialkritischen Dichter, die selbst dem Arbeitermilieu entstammen. Viele seiner Gedichte geben die Arbeitsbedingungen des Bergmannes so anschaulich-konkret wieder wie es nur ein Autor schildern kann, der selbst unter Tage gearbeitet hat.

Seit März 2014 wird sein Grab auf dem katholischen Friedhof Linden in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgeführt. (Quelle: wikipedia)

Über 30 Texte aus Kämpchens politischer Bergarbeiterlyrik, die konträr zum verklärenden Pathos der geläufigen Bergmannslieder steht, wurden für diese CD eingespielt, gesprochen und gesungen vom Essener Künstlerduo Sago. Unbedingt hörenswert! (Jochen Grywatsch in „Westfalenspiegel“ 2/2014)

Heinrich Kämpchen

[…] Dieses Hörbuch ist eine Hommage an einen bisher unterbewerteten Dichter, dessen thematisch vielseitiges Werk zeigt, wie gekonnt er die Feder, nicht nur die Keilhaue, schwingen konnte. Kämpchens engagiertes lyrisches Werk kann man getrost neben das von Herwegh und der Droste stellen […]. („My Way. Magazin für kulturellen Eigensinn“ (Nr. 71, Mai 2014)

In der Tat, die Klarheit, die Bestimmtheit dieser Worte ist beeindruckend … bis heute … da bringt es einer derart auf den Punkt … dass man wieder mal verstehen kann, warum Karl Marx dem Kapitalismus auf den Leibe rücken musste, dass man verstehen kann, warum all die engagierten Gewerkschafter Milimeter für Milimeter mehr Rechte für das arbeitende Volk erkämpften … welche Mühe, welche Opfer mussten dabei damals erbracht werden …

Ein weiterer biographischer Abriss mit weiteren Nuancen:

Geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf (heute Essen) als Sohn eines Bergmanns. Er wurde ebenfalls Bergmann und erlebte so die durch die Liberalisierung des Bergbaus hervorgerufene Proletarisierung der Knappen am eigenen Leibe mit. (Killy-Literaturlexikon) Wie lange Heinrich Kämpchen mit den Eltern und Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, in Altendorf an der Ruhr […] gelebt hat, wissen wir nicht. GrabAn die Jugend denkt er später mit Liebe und Wehmut zurück. Seine engere westfälische Heimat, das Ruhrtal von der Ruine Hardenstein bis Steele, den Isenberg, den Horkenstein, die Burg Blankenstein, hat er immer wieder besungen. Wann er zum erstenmal in die Grube einfuhr, seit wann er auf der Lindener Zeche Hasenwinkel arbeitete: unbekannt. Es heißt zwar nach seinem Tod überwiegend, er habe schon mit 13 Jahren – also 1860 – die Arbeit unter Tage aufgenommen, denn das war das übliche damals in Bergarbeiterfamilien. Bei ihm scheint es aber gerade nicht so gewesen zu sein: er hat offenbar nach dem normalen Schulbesuch noch eine Zeitlang in Wattenscheid Privatunterricht erhalten. Für den erstaunlichen Umfang seiner autodidaktisch erworbenen Allgemeinbildung, für seine Belesenheit und die Fülle seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre wäre auch das keine hinreichende Erklärung, aber ein zweijähriger Einzelunterricht bei einem verständnisvollen, einfühlsamen Lehrer könnte immerhin den Grund gelegt haben, auf dem er dann auf sich gestellt weiterbauen konnte. Übereinstimmend wird seine langjährige Zugehörigkeit zur Belegschaft der Zeche Hasenwinkel hervorgehoben. Aber er scheint dort nicht angefangen zu haben. Wenn er Ende 1889 oder Anfang 1890 nach 24jähriger Tätigkeit dort den Abkehrschein erhalten hat, so führt diese Angabe zurück in das Jahr 1865/1866, und es bleibt eine Lücke von etwa drei Jahren zwischen dem vermutlichen Ende des Privatunterrichts (1862?) und der ersten Anfahrt auf Hasenwinkel. In die langen Jahre unter Tage muß auch seine literarische Lehrzeit fallen. Dafür spricht nicht zuletzt, daß sehr viele seiner Gedichte die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Bergmanns so anschaulich-konkret darstellen, daß sie unmöglich alle erst der nachträglichen Vergegenwärtigung entstammen können. (Carl 1992)

Er wohnte während dieser Zeit als Kostgänger bei einer Arbeiterfamilie. Im Selbststudium eignete er sich die Werke der Klassiker an. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflußt wurde. 1898 war er führend am Bergarbeiterstreik beteiligt. Erste Veröffentlichungen erschienen wohl erst seit 1889. Im selben Jahr wurde er ins Streikkomitee seiner Zeche gewählt. Der Streik von 1889 ließ ihn zum sozialkritischen Schriftsteller werden. Mit der seit 1889 wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter-Zeitung“ eröffnete sich ihm auch mit einem Schlag ein regelmäßiges Publikationsforum, das seine Gedichte druckte, ihn praktisch sogar zu kontinuierlicher Produktion anregte. Fortan lieferte Kämpchen über 20 Jahre lang Woche für Woche der Redaktion ein Gedicht, häufig zu aktuellen Anlässen (Streiks, Unglücken, neuen Gesetzesorhaben, Maifeiern, politischen Ereignissen in aller Welt), aber auch Betrachtungen und Reflexionen zu allgemeinen Zeitfragen wie der Frauenfrage, dem Alkoholismus oder dem gerade aufkommenden Automobil. (ebd.) Daneben war er Belegschaftsdelegierter. 1890 Pensionierung. Er lebte fortan von einer kleinen Invalidenrente.

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Hinzu kamen bescheidene Honorare für seine Gedichte, die in der Bergarbeiter-Zeitung und vereinzelt in sozialdemokratischen Blättern wie dem Wahren Jacob erschienen. Unverheiratet geblieben, lebte er seit etwa 1877 als Kostgänger bei einer Familie Küper in der Dr.-C.-Otto-Straße 4 in Linden. Nebenher betrieb er einen kleinen Handel mit Zigarren. Aufgrund seiner finanziellen Situation hat er zeit seines Lebens keine Reisen unternommen, die über die Entfernung einer Tagesreise hinausgingen. Er starb am 6. März 1912 in Bochum-Linden. 3.000 bis 4.000 Menschen wohnten seinem Begräbnis bei. (www.bibliothek-westfalica.de)

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Und dass diese alte Texte auf so wunderbare Weise „rüberkommen“, dafür trägt das „Künstlerduo Sago“ die Verantwortung … und so stelle sie sich selbst vor:

„Nach mehrjähriger Ausbildung und diversen Engagements fanden sich Isabel Katharina Sandig und Ralf Gottesleben im Jahre 1995 zusammen und gründeten in der Folge 1997 das Künstlerduo Sago, seit 2002 mit fester Spielstätte in Essen/Ruhr.

In einer Atmosphäre von Intimität schafft das Duo eine faszinierende Verbindung zwischen schauspielerischer Leichtigkeit und frivolem Gesang.“

Und um es mal ganz schlicht und ergreifend einfach zu formulieren: Was dieses Du hier musikalisch auf die Beine stellt … unglaublich, und unblaublich intensiv …

Wer hören kann, der höre !

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Besetzung:
Ralf Gottesleben (piano, vocals)
Isabel Katharina Sandig (vocals)

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Titel:
01.Wie ich dichte 0.56
02. Wer nie im Schacht 1.47
03. Mein Lebensgang 2.48
04. Glückliche Menschen 2.35
05. Einsam 0.58
06. Wenn der Bergmann 1.05
07. Bergmanns-Male 1.39
08. Undank 1.00
09. Die Entlassung 3.15
10. Im Traum 1.18
11. Anders 1.39
12. Lohntag 1.26
13. Aus der Tiefe 1.33
14. Der Pfeilerbruch 2.28
15. Das Grubenpferd 1.47
16. Glück Auf! (Internationales Knappenlied) 3.39
17. Streik 1.19
18. Auf der schwarzen Liste 1.23
19. Der brave Bergmann und der böse Hetzer 0.43
20. Radbod (Ein Nachtstück) 2.23
21. Die Klage der Toten 2.23
22. Ein Bild 3.16
23. Heimat 2.19
24. Die Waldbeerfrau 2.01
25. Der Liebe Dauer 4.57
26. Mainacht 3.01
27. Am goldenen Sonntag 2.12
28. Arm aber frei 2.27
29. Nur eins! 0.43
30. Letzte Mahnung 4.10
31. Mein Glaube 1.04

Texte: Heinrich Kämpchen
Musik: Ralf Gottesleben + Isabel Katharina Sandig außer bei 23:  Alfons Nowacki

CD1

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Und die gibt´s immer noch: Das Künstlerduo Sago, 2015