Michael Jung – Ein letzter Gruß (1976)

FrontCover1Und jetzt ein spannendes Beispiel der Kategorie „schwarzer Humor“, denn diese LP ist untertitelt mit „Die fröhlichen Grablieder des Ritters Michael Jung von Jung, Pfarrer zu Kirchdorf an der Iller“.

Aha.

Und wer zum Teufel war Michael Jung ?

Michael von Jung (* 29. September 1781 in Saulgau; † 24. Juli 1858 in Tettnang) war ein deutscher römisch-katholischer Geistlicher und Dichter von Grabliedern, die er zur Laute vortrug und später auch in Buchform veröffentlichte. Seine Lieder zeichnen sich aus durch eine unbekümmert-drastische Darstellung von Krankheiten, Unfällen und Todesarten, andererseits durch die seelsorgerliche Bemühung um das Seelenheil der Toten und der Lebenden im Geiste der Aufklärung. Dieser Kontrast ergibt eine Fallhöhe, die Jung vor allem als Meister der unfreiwilligen Komik bekannt werden ließ.

Nach dem Theologiestudium an der Universität Salzburg und dem Besuch des Priesterseminars in Meersburg erhielt Jung 1806 die Priesterweihe. Im Anschluss folgte die viereinhalbjährige Vikariatszeit in Erolzheim. Schließlich wurde er 1811 zum Pfarrer im oberschwäbischen Kirchdorf an der Iller bestimmt.

Für seine Verdienste bei der Krankenpflege während einer Typhusepidemie im Jahr 1814 wurde Jung zum Ritter des königlich württembergischen Zivilverdienst-Ordens ernannt. Der Ritter-Titel, den Jung von nun an stolz trug, war mit dem persönlichen Adel verknüpft.

MichaelVonJungSeine Lieder, die er gerne mit der Laute begleitete, brachten ihn mehrfach in Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit. 1820 musste er eine Geldstrafe wegen „unbefugten und unwürdigen Schriftenverfassens“ zahlen. Obwohl ihm das kirchliche Imprimatur 1837 verweigert wurde, veröffentlichte er 1839 in zwei Bänden 200 seiner Lieder im Selbstverlag. Der Titel „Melpomene oder Grablieder“ nimmt Bezug auf Melpomene, die Muse der tragischen Dichtung und des Trauergesangs.

1849 wurde er nach Tettnang strafversetzt, wo er als Kaplan tätig war und 1858 starb.

Im 20. Jahrhundert erfuhr Jung neue Aufmerksamkeit, und seine Lieder erschienen in Auswahlausgaben, die die komischen Elemente in seinem Werk betonen. Im Theaterstück Sing nicht, Vogel von Alfred Weitnauer besucht ein Domkapitular Stolzenberg den Kirchdorfer Pfarrer, um ihn – natürlich erfolglos – von seinem unwürdigen Tun abzubringen. Unter dem Titel Der Vogel läßt das Singen nicht wurde das Theaterstück 1966 vom SDR mit dem schwäbischen Volksschauspieler Willy Reichert in der Hauptrolle verfilmt, den Besucher spielte Dieter Borsche. (Quelle: wikipedia)

Und hier seine Verse, produziert vom „Südwestfunk Landesstudio Tübingen“ als Produktion des Südwestfunks, eingespielt mit einem markigem Sprecher, einem Bariton + Lauten – Duo und den Harmonium Commedists.

Die schrägen Interpretation sind einfach nur passend zu diesem schrägen Vogel namens Michael von Jung, der im 19. Jahrhundert seine makabren Texten zelebrierte …

Originalausgabe

Titelblatt von Melpomene, 1839

Besetzung:
Walter Starz (Sprecher bei 02., 04., 06., 07.,  08. + 09.)
+
Karl Griessel (bariton bei 01., 05.,08. + 11.) )
Otto Neudert (lute)
+
Die Harmonium Commedists (bei 03.):
Arnold Feil – Herrad Hornung-Whehrung – Hans Hornung – Kurt Besserer – Günther Petry

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Titel:
01. An den Tod 4.08
02. Bei dem Grabe eines Kindes, das von seinem Vater erstochen wurde 1.44
03. Bei dem Grabe eines Mannes, der mit dem Regenschirm erstochen wurde 4.44
04. Bei dem Grabe eines Mannes, der von Jägern erschossen wurde 4.21
05. Bei dem Grabe eines Jünglings, der sich zu tod tanzte 5.36
06. Bei dem Grabe eines Mannes, der bei einem Diebstahl ums Leben kam 4.16
07. Bei dem Grabe einer vortrefflichen Sängerin, die an der Cholera starb 4.30
08. Bei dem Grabe eines Kindes, das durch die Hand seiner Mutter starb 7.04
09. Bei dem Grabe eines vom Blitz erschlagenen Jünglings 3.02
10. Bei dem Grabe einer Frau, bei deren letzten Zügen der Kammerboden brach 1.32
11. Tönet traurig dumpfe Totenglocken 1.02

Texte und Musik: Michael von Jung

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Siegfried Völlger (Hrsg.) – Es fielen Töne in die Stille – Musik und Poesie (2001)

TitelVielleicht wird es solche kleinen, liebevoll zusammengestellten Büchlein bald nicht mehr geben,

Aber ein Buch mit dem Untertitel „Musik und Poesie“ musste damals im Jahr 2001 natürlich mein Interesse wecken. Die poetischen Zeilen zusammengestellt hat Siegfried Völlger (Buchhändler in Augsburg und ebenfalls im lyrischen Bereich aktiv).

Und so finden sich hier meist eher leise Gedanken von

  • Friedrich Hölderlin
  • Rainer Maria Rilke
  • Michael Hamburger
  • William Carlos Williams
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Gotthold Ephraim Lessing
  • Theodor Storm
  • Theodor Fontane
  • Novalis
  • Heinrich Heine
  • Friedrich Nitzsche
  • Wilhelm Busch

Diese Aufzählung ist natürlich nicht abschließend … Wie gesagt: kein Bestseller, in den Spiegel-Charts war das Büchlein sicher auch nie, und dennoch: Gerade solche Kleinigkeiten erfreuen mein Herz.

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Beispiel01

Verschiedene Interpreten – Starke Stimmen – Liebesgedichte (2005)

FrontCover1Normalerweise bin ich ja kein so großer Freund der Lyrik, erst recht nicht der Liebeslyrik. Aber hier mache ich mal neu Ausnahme.

Und das ist die kleine Geschichte dieses Hörbuches:

„Starke Stimmen“ heißt die BRIGITTE-Hörbuch-Edition, in der zwölf starke Frauen auf zwölf außergewöhnliche Bücher treffen. Und so heißt auch die CD mit Liebesgedichten, die Sie gratis mit Heft 12 bekommen. Warum? Als Dankeschön!

Starke Stimmen – unter diesem Motto geben wir seit Februar unsere Hörbuch-Edition heraus. In jeder neuen BRIGITTE haben wir Ihnen ein neues literarisches Werk vorgestellt, gelesen von erstklassigen Frauen und Schauspielerinnen. Und was für eine starke Resonanz haben wir bekommen: Briefe, Postkarten, E-Mails mit viel Lob und unzähligen Anregungen. Zum Beispiel, welche Ihrer Lieblings-Schauspielerinnen bei einer Fortsetzung unserer Hörbuch-Reihe doch unbedingt welches wichtige Werk lesen sollte… Seien Sie sicher, wir haben uns alles gut gemerkt! Ihr großes Interesse hat dazu geführt, dass unsere „Starken Stimmen“ seit Wochen die Hörbuch-Bestsellerlisten anführen. Aus diesem Grund wollen wir – BRIGITTE und Random House Audio – uns bei allen bedanken, die an das Projekt geglaubt haben.

Elke Heidenreich zum Beispiel, die unser erstes Hörbuch, die „New Yorker Geschichten“ von Dorothy Parker, gelesen hat. Gefolgt von Fritzi Haberlandt, Hannelore Hoger, Corinna Harfouch, Heike Makatsch, Iris Berben, Anna Thalbach, Monica Bleibtreu sowie Sibel Kekilli, die in Heft 12 Jane Austens Klassiker „Sinn und Sinnlichkeit“ präsentiert. Und Eva Mattes, Sophie Rois, Senta Berger, die in den folgenden Heften ihre Hörbücher vorstellen. Besonders beeindruckt waren wir von jenen Hörerinnen, die sich an etwas Neues gewagt haben. Viele haben uns geschrieben, sie hätten durch unsere Edition das Medium Hörbuch entdeckt. Danke für Ihr Vertrauen! Wir wollen unsere Begeisterung mit Ihnen teilen, indem wir Ihnen etwas weitergeben, was mitten ins Herz trifft: Liebesgedichte, die es in dieser Auswahl nur mit diesem Heft und nicht im Handel gibt. Gelesen von unseren Stimmen, zu denen sich bereits weitere hinzugesellt haben: Katharina Thalbach, Gudrun Landgrebe und Jessica Schwarz. Viel Freude bei diesem Hör-Erlebnis. (Verlagsankündigung der Zeitschrift Brigitte)

EditionStarkeStimmen

Die Brigitte Edition „Starke Stimmen“

Sehr überraschend, dass selbst einer wie ich mit diesen Aufnahmen etwas anfangen kann.

Wir hören Texte von Klassikern wie William Shakespeare und Friedrich Hebbel, aber auch Sarah Kirsch ist vertreten und dann noch mir ganz und gar unbekannte Autorinnen wie Karoline V. Günderrode oder Kathinka Zitz.

Die Stimmen, denen wir lauschen können/dürfen gehören Schauspielerinnen, die sich in den letzten Jahrzehnten beeindruckendes geleistet haben, darunter sind Namen wie
Iris Berben, Eva Mattes, Anna Thalbach, Katharina Thalbach, Monica Bleibtreu und Senta Berger (u.v.m.)

Und es sind großartige Stimmen und Interpretationen, die selbst mir Lyrikbanausen wunderbare Momente verschafft haben.

Hörempfehlung: man gönne sich dazu einen guten Rotwein oder einen nicht minder guten Whisky from good ol`Scotland …

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Titel:
01. Iris Berben: Alles eins (Rainer Maria Rilke) 4.39
02. Eva Mattes: Ich bin sehr sanft (Sarah Kirsch) 0.40
03. Katharina und Anna Thalbach: Mit Haut und Haar (Ulla Hahn) 2.19
04. Elke Heidenreich: Bescheidene Anfrage (Mascha Kaléko) 1.27
05. Elke Heidenreich: Weil du nicht da bist (Mascha Kaléko) 1.26
06. Elke Heidenreich: Kompliziertes Innenleben (Mascha Kaléko) 1.08
07. Elke Heidenreich: Das letzte Mal (Mascha Kaléko) 1.27
08. Elke Heidenreich: Großstadtliebe (Mascha Kaléko) 1.24
09. Jessica Schwarz: Sonett CIV (William Shakespeare) 1.37
10. Anna Thalbach: Mühle (Ulrike Draesner) 0.54
11. Anna Thalbach: Willst du dein Herz mir schenken? (Anonym) 0.37
12. Anna Thalbach: Was hilft es mir? (Louize Labé) 0.45
13. Anna Thalbach: Gefrorene Tränen (Wilhelm Müller) 0.38
14. Gudrun Landgrebe: Liebeslied (Else Lasker-Schüler) 3.12
15. Senta Berger: Trunken (Enrique Cadicamo) 1,32
16. Hannelore Hoger: Abschied (Else Lasker-Schüler) 2.11
17. Monica Bleibtreu: Bei den Stiefmütterchen (Sarah Kirsch) 0.53
18. Jessica Schwarz: Sonett CXLVII (William Shakespeare) 1.00
19. Monica Bleibtreu: Die Luft riecht schon nach Schnee (Sarah Kirsch) 0.58
20. Anna Thalbach: Am Strand (Ulla Hahn) 3.31
21. Sophie Rois: Du bist mein Mond… (Friedrich Rückert) 0.50
22. Sophie Rois: Ich und du (Friedrich Hebbel) 0.46
23. Sophie Rois: Der Kuss im Traume (Karoline V. Günderrode) 1.02
24. Katharina Thalbach: Wie man sich irren kann (Kathinka Zitz) 3.08

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Mario Adorf & Christian Bruhn – Flügel der Liebe (2010)

FrontCover1Jetzt wird es für mich ein wenig kniffelig … Denn:

Einerseits schätze ich den Mario Adorf  (* 1930) als Schauspieler ganz enorm … er ist für mich einer der bedeutendsten Schauspieler des deutschen Sprachraumes in all den vergangenen Jahrzehnten … und so etliche Filme mit ihm, sind mir besonders ans Herz gewachsen.

Und, das muss man dem Christian Bruhn (* 1934) schon zu gute halten: Er hat doch diverse pfiffige Schlager in den 60er Jahren komponiert (von „Mamor, Stein und Eisen bricht“ bis hin zu „Wunder gibt es immer wieder“)

Und gegen die Textdichterin Claire Din (* 1958) habe ich auch nichts einzuwenden, sie hat z.B. für die Puhdys ein paar interessane Texte geschrieben.

Von daher, war ich eigentlich recht positiv gegenüber dieser Scheibe eingestellt … aber allein das Cover hätte mich warnen müssen:

Hier hören wir pathetische Belanglosigkeiten, gepaart mit einer Musik, die man sonst in Fahrtstühlen hört ..

Beispiele gefällig ?

TextFlügelDerLiebe

TextDieKarte

Nun denn … vielleicht fehlt mir ja auch die entsprechende lyrische Ader … das mag ich ja gar nicht ausschließen.

Andererseits beschleicht mich da so ein dumpfes Gefühl, das wohl eher aus der Schmuddelecke kommt.

ClaireDin

Claire Din

Kann es sein, dass zwei alte Männer, am Ende ihres Lebens angelangt …  von einer bezaubernden Frau derartig fasziniert waren … dass, ja, dass sie diese Produktion einfach machen mussten ?

Aber halt: einer der Texte ht mich dann doch tatsächlich angesprochen … „Glück“ …

Aber vielleicht wehre ich mich gegen dies Album ja auch so sehr, weil die Zeiten, dass ich auch so ein sentimentaler alter Mann werde … nicht mehr ganz so weit weg sind …

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Mario Adorf & Claire Din

Besetzung:
Mario Adorf (Sprecher)
Christian Bruhn (alle Instrumente)
+
Claire Din (vocals bei 13.)

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Titel:
01. Flügel der Liebe 3.00
02. Sonnenaufgang 2.12
03. Die Karte 1.25
04. Berührungen 1.10
05. Das Fenster 2.43
06. Erwartung (diesmal) 1.33
07. Hoffnung 1.40
08. Glück 1.54
09. Leere Stunden 3.40
10. Rosen in den Träumen 2.57
11. Ich ruf dich jetzt an 2.06
12. Tränen in den Augen 2.44
13. Wut im Bauch 2.23
14. Schon vorbei 2.56
15. Kleiner Zettel 3.21
16. Abschied 3.11
17. Die Stille 0.48

Musik: Christian Bruhn
Texte: Claire Din

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Das Cover einer limitierten Sonderauflage (100 Stück)

Glück:

Glück haben
Das Glück ist unterwegs
Menschen setzten es leichtfertig aufs Spiel
Menschen vertun und verspielen es

Weil sie sich selbst nicht trauen
Glück braucht offene Türen
Platz und Gelegenheit

Künstlerduo Sago – Das ist Bergmannsleben (Heinrich Kämpchen) (2014)

FrontCover1Und noch so ein Album, das mir viel bedeutet, das mich auch rührt … bewegt …

Die Rede ist von Heinrich Kämpchen:

Heinrich Wilhelm Kämpchen (* 23. Mai 1847 in Altendorf an der Ruhr; † 6. März 1912 in Linden, heute zu Bochum) war ein deutscher Bergmann und Arbeiterdichter.

Heinrich Kämpchen war Sohn eines Bergmannes und wurde ebenfalls Bergmann. Über sein Leben ist wenig bekannt. Wir wissen nicht, wie lange er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, einem Bruder und zwei Schwestern, in Altendorf gelebt hat. Die häufige Behauptung, er sei schon mit 13 Jahren auf der Zeche Hasenwinkel in Linden eingefahren, lässt sich nicht belegen. Logische Überlegungen machen dagegen Angaben, er habe nach der Volksschulzeit zwei Jahre Privatunterricht erhalten, zumindest wahrscheinlich. Die Grundlagen seiner sehr guten Allgemeinbildung, seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre kann er kaum im Elternhaus oder in der Volksschule erhalten haben. Wohl aber könnte ein zweijähriger Einzelunterricht die Grundlagen gelegt haben, mit denen er sich später autodidaktisch sein umfangreiches Wissen angeeignet hat.

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Unstrittig ist, dass er lange auf Zeche Hasenwinkel gearbeitet hat. Er wird Ende 1889 oder Anfang 1890 vorgeblich wegen der Folgen eines Arbeitsunfalls entlassen, den er wahrscheinlich zwei Jahre zuvor erlitten hatte. Die wahre Ursache seiner Entlassung dürfte aber seine Teilnahme am Streik der Ruhrbergarbeiter 1889, wo er als Sprecher der Belegschaft seiner Zeche aufgetreten war, sowie die Veröffentlichung des Gedichtes Lumpenparade und ähnlicher Werke gewesen sein. In seinen Entlassungspapieren wird ihm eine Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren bescheinigt. Daraus folgt, dass er 1865/1866 erstmals auf Hasenwinkel eingefahren ist. Somit verbleiben zwischen dem Ende des mutmaßlichen Privatunterrichts und seiner ersten Einfahrt auf Hasenwinkel ca. drei Jahre, die er auf einer anderen Zeche zugebracht haben muss. Aufgrund seines Arbeitsunfalls erhält er nach seiner Entlassung eine Rente als Frühinvalide, die wie in jener Zeit üblich, so gering war, dass sie gerade fürs Überleben reicht. Er lebt fortan in großer Armut. Daran änderten auch die bescheidenen Honorare nichts, die er für Veröffentlichungen seiner Gedichte in der Bergarbeiter Zeitung und vereinzelt im „Wahren Jakob“ erhielt.

Zwischen 1872 und 1874 besuchte er die Bergvorschule in Dahlhausen. Obwohl er diese erfolgreich absolvierte, verzichtete er auf seine Fortbildung zum Steiger.

Buchaugabe

Eine Buchausgsbe von allden  Texten von Heinrich Kämpchen (demnächst hier in diesem Theater)

Die durch die Reform des Knappschaftsrechts 1854 hervorgerufene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Bergbau erlebte H. Kämpchen an seinem Vater und später am eigenen Leib. Schon früh engagierte er sich für die Rechte der Bergleute. Politisch stand er der Sozialdemokratie nahe. Mit Inkrafttreten der Sozialistengesetze 1878 kommt er auf die Schwarze Liste, polizeilichen Überwachungslisten, die im Rahmen der Verfolgung von Sozialdemokraten angelegt worden sind. Obwohl 1890 das Sozialistengesetz seine Gültigkeit verloren hat, bleibt er weiterhin unter Überwachung der Obrigkeit.

H. Kämpchen unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zu Georg Breuker, ebenfalls Bergmann und sozialkritischer Dichter. Etwa seit 1877 bis zu seinem Tod lebte H. Kämpchen als Kostgänger bei einer Familie in Linden. Er war zeitlebens nicht verheiratet.

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H. Kämpchen war einer der talentiertesten sozialistischen Dichter seiner Zeit, der vor dem Hintergrund der herben Schönheit seines geliebten Ruhrgebiets mit großer Emotionalität die Sorgen und Nöte der Bergarbeiter thematisierte. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflusst wurde. Sein Werk ist gekennzeichnet durch die Bevorzugung einer politischen Lyrik mit deutlichen Bezügen zu tagespolitischen Geschehnissen. Erste Veröffentlichungen erscheinen 1889. Mit der im selben Jahr wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter Zeitung“ erhält er ein Forum, das seine Werke regelmäßig veröffentlicht. Er verfasste auch den Text für das „Internationale Knappenlied“, das in sozialistischen Kreisen weite Verbreitung fand.

Sozialkritische Literatur gab es auch schon vor den Veröffentlichungen von H. Kämpchen, aber er ist einer der ersten sozialkritischen Dichter, die selbst dem Arbeitermilieu entstammen. Viele seiner Gedichte geben die Arbeitsbedingungen des Bergmannes so anschaulich-konkret wieder wie es nur ein Autor schildern kann, der selbst unter Tage gearbeitet hat.

Seit März 2014 wird sein Grab auf dem katholischen Friedhof Linden in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgeführt. (Quelle: wikipedia)

Über 30 Texte aus Kämpchens politischer Bergarbeiterlyrik, die konträr zum verklärenden Pathos der geläufigen Bergmannslieder steht, wurden für diese CD eingespielt, gesprochen und gesungen vom Essener Künstlerduo Sago. Unbedingt hörenswert! (Jochen Grywatsch in „Westfalenspiegel“ 2/2014)

Heinrich Kämpchen

[…] Dieses Hörbuch ist eine Hommage an einen bisher unterbewerteten Dichter, dessen thematisch vielseitiges Werk zeigt, wie gekonnt er die Feder, nicht nur die Keilhaue, schwingen konnte. Kämpchens engagiertes lyrisches Werk kann man getrost neben das von Herwegh und der Droste stellen […]. („My Way. Magazin für kulturellen Eigensinn“ (Nr. 71, Mai 2014)

In der Tat, die Klarheit, die Bestimmtheit dieser Worte ist beeindruckend … bis heute … da bringt es einer derart auf den Punkt … dass man wieder mal verstehen kann, warum Karl Marx dem Kapitalismus auf den Leibe rücken musste, dass man verstehen kann, warum all die engagierten Gewerkschafter Milimeter für Milimeter mehr Rechte für das arbeitende Volk erkämpften … welche Mühe, welche Opfer mussten dabei damals erbracht werden …

Ein weiterer biographischer Abriss mit weiteren Nuancen:

Geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf (heute Essen) als Sohn eines Bergmanns. Er wurde ebenfalls Bergmann und erlebte so die durch die Liberalisierung des Bergbaus hervorgerufene Proletarisierung der Knappen am eigenen Leibe mit. (Killy-Literaturlexikon) Wie lange Heinrich Kämpchen mit den Eltern und Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, in Altendorf an der Ruhr […] gelebt hat, wissen wir nicht. GrabAn die Jugend denkt er später mit Liebe und Wehmut zurück. Seine engere westfälische Heimat, das Ruhrtal von der Ruine Hardenstein bis Steele, den Isenberg, den Horkenstein, die Burg Blankenstein, hat er immer wieder besungen. Wann er zum erstenmal in die Grube einfuhr, seit wann er auf der Lindener Zeche Hasenwinkel arbeitete: unbekannt. Es heißt zwar nach seinem Tod überwiegend, er habe schon mit 13 Jahren – also 1860 – die Arbeit unter Tage aufgenommen, denn das war das übliche damals in Bergarbeiterfamilien. Bei ihm scheint es aber gerade nicht so gewesen zu sein: er hat offenbar nach dem normalen Schulbesuch noch eine Zeitlang in Wattenscheid Privatunterricht erhalten. Für den erstaunlichen Umfang seiner autodidaktisch erworbenen Allgemeinbildung, für seine Belesenheit und die Fülle seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre wäre auch das keine hinreichende Erklärung, aber ein zweijähriger Einzelunterricht bei einem verständnisvollen, einfühlsamen Lehrer könnte immerhin den Grund gelegt haben, auf dem er dann auf sich gestellt weiterbauen konnte. Übereinstimmend wird seine langjährige Zugehörigkeit zur Belegschaft der Zeche Hasenwinkel hervorgehoben. Aber er scheint dort nicht angefangen zu haben. Wenn er Ende 1889 oder Anfang 1890 nach 24jähriger Tätigkeit dort den Abkehrschein erhalten hat, so führt diese Angabe zurück in das Jahr 1865/1866, und es bleibt eine Lücke von etwa drei Jahren zwischen dem vermutlichen Ende des Privatunterrichts (1862?) und der ersten Anfahrt auf Hasenwinkel. In die langen Jahre unter Tage muß auch seine literarische Lehrzeit fallen. Dafür spricht nicht zuletzt, daß sehr viele seiner Gedichte die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Bergmanns so anschaulich-konkret darstellen, daß sie unmöglich alle erst der nachträglichen Vergegenwärtigung entstammen können. (Carl 1992)

Er wohnte während dieser Zeit als Kostgänger bei einer Arbeiterfamilie. Im Selbststudium eignete er sich die Werke der Klassiker an. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflußt wurde. 1898 war er führend am Bergarbeiterstreik beteiligt. Erste Veröffentlichungen erschienen wohl erst seit 1889. Im selben Jahr wurde er ins Streikkomitee seiner Zeche gewählt. Der Streik von 1889 ließ ihn zum sozialkritischen Schriftsteller werden. Mit der seit 1889 wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter-Zeitung“ eröffnete sich ihm auch mit einem Schlag ein regelmäßiges Publikationsforum, das seine Gedichte druckte, ihn praktisch sogar zu kontinuierlicher Produktion anregte. Fortan lieferte Kämpchen über 20 Jahre lang Woche für Woche der Redaktion ein Gedicht, häufig zu aktuellen Anlässen (Streiks, Unglücken, neuen Gesetzesorhaben, Maifeiern, politischen Ereignissen in aller Welt), aber auch Betrachtungen und Reflexionen zu allgemeinen Zeitfragen wie der Frauenfrage, dem Alkoholismus oder dem gerade aufkommenden Automobil. (ebd.) Daneben war er Belegschaftsdelegierter. 1890 Pensionierung. Er lebte fortan von einer kleinen Invalidenrente.

Gedichtband
Hinzu kamen bescheidene Honorare für seine Gedichte, die in der Bergarbeiter-Zeitung und vereinzelt in sozialdemokratischen Blättern wie dem Wahren Jacob erschienen. Unverheiratet geblieben, lebte er seit etwa 1877 als Kostgänger bei einer Familie Küper in der Dr.-C.-Otto-Straße 4 in Linden. Nebenher betrieb er einen kleinen Handel mit Zigarren. Aufgrund seiner finanziellen Situation hat er zeit seines Lebens keine Reisen unternommen, die über die Entfernung einer Tagesreise hinausgingen. Er starb am 6. März 1912 in Bochum-Linden. 3.000 bis 4.000 Menschen wohnten seinem Begräbnis bei. (www.bibliothek-westfalica.de)

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Und dass diese alte Texte auf so wunderbare Weise „rüberkommen“, dafür trägt das „Künstlerduo Sago“ die Verantwortung … und so stelle sie sich selbst vor:

„Nach mehrjähriger Ausbildung und diversen Engagements fanden sich Isabel Katharina Sandig und Ralf Gottesleben im Jahre 1995 zusammen und gründeten in der Folge 1997 das Künstlerduo Sago, seit 2002 mit fester Spielstätte in Essen/Ruhr.

In einer Atmosphäre von Intimität schafft das Duo eine faszinierende Verbindung zwischen schauspielerischer Leichtigkeit und frivolem Gesang.“

Und um es mal ganz schlicht und ergreifend einfach zu formulieren: Was dieses Du hier musikalisch auf die Beine stellt … unglaublich, und unblaublich intensiv …

Wer hören kann, der höre !

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Besetzung:
Ralf Gottesleben (piano, vocals)
Isabel Katharina Sandig (vocals)

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Titel:
01.Wie ich dichte 0.56
02. Wer nie im Schacht 1.47
03. Mein Lebensgang 2.48
04. Glückliche Menschen 2.35
05. Einsam 0.58
06. Wenn der Bergmann 1.05
07. Bergmanns-Male 1.39
08. Undank 1.00
09. Die Entlassung 3.15
10. Im Traum 1.18
11. Anders 1.39
12. Lohntag 1.26
13. Aus der Tiefe 1.33
14. Der Pfeilerbruch 2.28
15. Das Grubenpferd 1.47
16. Glück Auf! (Internationales Knappenlied) 3.39
17. Streik 1.19
18. Auf der schwarzen Liste 1.23
19. Der brave Bergmann und der böse Hetzer 0.43
20. Radbod (Ein Nachtstück) 2.23
21. Die Klage der Toten 2.23
22. Ein Bild 3.16
23. Heimat 2.19
24. Die Waldbeerfrau 2.01
25. Der Liebe Dauer 4.57
26. Mainacht 3.01
27. Am goldenen Sonntag 2.12
28. Arm aber frei 2.27
29. Nur eins! 0.43
30. Letzte Mahnung 4.10
31. Mein Glaube 1.04

Texte: Heinrich Kämpchen
Musik: Ralf Gottesleben + Isabel Katharina Sandig außer bei 23:  Alfons Nowacki

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Und die gibt´s immer noch: Das Künstlerduo Sago, 2015

Peter Horton – Die andere Saite (1981)

TitelPeter Horton (früher Peter Horten, * 19. September 1941 in Feldsberg, Südmähren als Peter Müller ) ist ein österreichischer Gitarrist, Komponist, Sänger und Buchautor.

Peter Horton wurde in Feldsberg (heute: Valtice) im damaligen Südmähren (heute: Tschechien), 70 Kilometer nördlich von Wien als Peter Müller geboren. Seine alleinerziehende Mutter zog mit seinen drei Geschwistern in den Nachkriegswirren nach Wien, wo er 1948 ersten Klavierunterricht erhielt. Seine musikalische Ausbildung setzte er bei den Wiener Sängerknaben fort, mit denen er die ganze Welt bereiste und auch unter Herbert von Karajan auf der Bühne stand. 1951 trat er mit ihnen zum ersten Mal in einem öffentlichen Konzert auf. Er lernte in Wien Klavier und Klarinette, u. a. auch am Wiener Konservatorium. Mit 16 gründete er die Band Six Aces. Mit 18 hatte er seine erste Bühnenshow als Sänger in der Wiener Szene bei Jazzlegende Fatty George (Fatty’s Saloon) und im Kabarett-Zentrum Marietta von Gerhard Bronner. Mit 19 trat er als Bassist den Flamingos bei und begann mit 23 in Stuttgart Gesang zu studieren.

Es folgten Liederabende mit Repertoire von Franz Schubert über Carl Loewe bis Richard Strauss. Außerdem erste Aufnahmen mit dem Orchester Erwin Lehn beim Süddeutschen Rundfunk. Seine erste Single-Schallplatte erschien 1965.

Beispiel31

Peter Horton, 1964

Er sang 1967 in der ersten Beatoper der Welt, Robinson 2000, am Berliner Theater des Westens und begann danach seine Karriere als Entertainer und Gitarrist. Er tourte in den USA mit seiner One-man-show, trat in Japan, Brasilien und Chile auf. Peter Horton begann erst mit 28 sein Gitarre-Studium. Durch seine pianistische Musikerfahrung konnte er sein harmonisches und rhythmisches Wissen auf die Gitarre übertragen, die schließlich zu seinem Hauptinstrument wurde. Seit seinen Anfängen veröffentlichte er etwa 65 Alben und Singles.

1967 vertrat Peter Horton – damals noch unter dem Namen Peter Horten – Österreich beim Eurovision Song Contest mit dem Titel Warum es hunderttausend Sterne gibt. Mit nur zwei Punkten landete er auf einem geteilten 14. Platz unter 17 Teilnehmern. Zudem versuchte er sein Glück zweimal bei der deutschen Vorentscheidung zum Wettbewerb: 1972 scheiterte er an der Vorrunde als Siebentplatzierter mit Wann kommt der Morgen, 1975 erreichte er mit Am Fuß der Leiter den elften Platz unter 15 Teilnehmern.

Beispiel32

Peter Horton, 1975

Von 1978 bis 1984 spielte er im Duo Guitarissimo mit Sigi Schwab. 1985 gründete er das Duo Symphonic Fingers mit der deutsch-bulgarischen Pianistin und Sängerin Slava Kantcheff, mit der er auch neun Jahre verheiratet war. Neben zahlreichen Fernsehauftritten spielte das Duo an die 2000 Konzerte. Peter Horton wirkte als Gastsolist mit bei Produktionen von Weltstars wie Plácido Domingo, Peter Schreier und Art Van Damme. Er spielte auf der Bühne mit Opernstars der Metropolitan Opera New York, der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und des Bolschoi Theaters und präsentierte als Fernsehgastgeber Künstler aller Sparten. Mit seinen Sendereihen Café in Takt (ARD), Hortons Kleine Nachtmusik (ZDF) und „Horton’s Bistro“ (ZDF) schrieb er ein Stück kulturelle deutsche Fernsehgeschichte.

1982 verpflichtete ihn die Musikhochschule Hamburg als Dozent. Peter Horton gab auch Seminare für Schulmusiker.

Sein erstes Buch mit Aphorismen, Die andere Saite, veröffentlichte Peter Horton 1978. Es folgten bislang neun weitere. Darunter Pflaumen im Apfelhimmel mit Kurzgeschichten und Aphorismen im Jahr 2001. 2004 erschienen Die zweite Saite und Winterflüstern (Hör-Musik-Buch mit Weihnachtsgeschichten). Auch drei CDs mit meditativer Musik für Gitarre und Synthesizer bereichern Peter Hortons Musikpalette. 2007 kehrt der Künstler wieder zurück zu seinen Wurzeln. In seiner CD „Wilde Gärten“ hört man wieder seine unverkennbare Stimme.

Beispiel33

Peter Horton mit Sigi Schwab, 2013

Seit 2011 arbeiten Sigi Schwab und Peter Horton mit dem Schlagzeuger Andreas Keller und dem Bassisten Thomas Müller unter dem Bandnamen Guitarissimo XL zusammen. Mit Andreas Keller und Slava Kantcheff ist Peter Horton außerdem als Symphonic Trio unterwegs. (Quelle: wikipedia)

Und hier sein erstes Buch, ursprünglich erschienen 1978,mein Exemplar stammt aus dem Jahr 1981 (4. Auflage: 30.000 – 40.000) … und das zeigt, dass dieses Buch schon ein Verkaufserfolg war.

Seine Poesie teil er in XXX Kapitel auf … jedem der Kapitel ist eine fernöstliche „Weisheit“ vorangestellt. Die Kapitel lauten:

  • Aphorismen
  • Kritik
  • Satire
  • Poesie
  • Meditationen

Ich gestehe, anfangs hab´ ich mich schwer getan mit der Poesie des Peter Horton … bis ich allmählich in mir spürte, wie meine durch und durch verkopfte Berufswelt mir ja immer wieder den Zugang zu bestimmten Bereichen meiner selbst verbaut. Und wie´s der Zufall will, habe ich dann- sonebenbei – meditative Klänge aus Skandinavien gehört (sehr empfehlenswert 1) und da spürte ich, wie sich in mir jene Lockerung einstellte, die man wohl braucht, um sich auf diese Texte einzulassen.

Nicht alles ist wirklich gelungen, insbesondere seine Texte zum Thema „Satire“ sind nicht pointiert genug …

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Aber vieles ist dann noch mehr als nachdenkenswert … ein paar der Texte, die mich ganz besonders angesprochen haben, gibt es hier als Appetithäppchen …

Und wer mag, kann ja in diesem Buch (218 Seiten) auch mal blättern, wer weiss, vielleicht findet der eine oder andere noch ganz andere Texte der Poesie, die ein inneres Schwingen zur Folge haben.

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Klappentext (versehentlich nicht im pdf Dokument)

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Das Buch gab´s dann auch in einer „begrenzten Sonderauflage“ mit Goldprägung)

 

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Ernst Ginsberg – Deutsche Lyrik des Barock (1964)

FrontCover1Und gleich nochmal ein wenig Lyrik … allerdings aus einer ganz, ganz anderen Zeit.

Und ich gestehe, ich habe mich diesem Hörbuch (hieß damals allerdings noch nicht so) mehr als schwer getan.

Zum einen stammt diese 10″ LP aus väterlichem Bestand (kein Wunder: etliche schlesische Dichter sind hier vertreten) und diese Aufnahmen stehen für mich für jene Jahre, in denen ich mein Elternhaus immer verknöcherter fand.

Zum anderen ist der Vortraggstil von Ernst Ginsberg so gestaltet, dass ich mich mehrfach an die markige Sprache der Nationalsozialisten erinnerte. Und das genau bei dem Ernst Ginsberg:

Ernst Ginsberg (* 7. Februar 1904 in Berlin; † 3. Dezember 1964 in Zollikon) war ein deutscher Schauspieler, Hörspielsprecher, Rezitator, Regisseur und Theaterleiter.

Ginsberg war Sohn eines Augenarztes und kam über München und Düsseldorf 1928 nach Berlin und 1932 nach Darmstadt. Dort als Jude entlassen emigrierte er 1933 in die Schweiz und kam an das Zürcher Schauspielhaus. Außer von Molière spielte er folgende Rollen: Mephisto, Tasso, Franz Moor, Don Carlos, Hamlet. Er war jüdischer Herkunft, ließ sich jedoch 1935 katholisch taufen.

ErnstGinsberg011946 bis 1950 war er Regisseur in Basel, 1944 Herausgeber von Lyrik des 17. Jhs., 1946 des 18. Jhs., 1951 Herausgeber von Else Lasker-Schüler und 1956 von Berthold Viertel.

Nach seiner Emigration wirkte er bis 1962 als Mitglied des Zürcher Schauspielhauses und arbeitete von 1952 bis 1961 gleichzeitig als Schauspieler und Regisseur am Residenztheater (München). Von 1955 bis 1960 war er Leiter der Literaturproduktion der Deutschen Grammophon, als der er 1957 zur Verwirklichung seiner Vision einer „akustischen Handbibliothek der Weltliteratur“ das Plattenlabel Literarisches Archiv ins Leben rief.

Dort wurden und werden bis heute – inzwischen auf CDs – literarische Schallplatten (vornehmlich Sprechplatten) herausgegeben. Sprecher der ersten Stunde des literarischen Archivs waren u. a. berühmte Autoren wie Thomas Mann oder Gottfried Benn. Auch Ginsberg selbst sprach für die Reihe.

Er war auch sehr häufig als Hörspielsprecher im Einsatz. So konnte man ihn beispielsweise auch in zwei Paul-Temple-Hörspielen erleben, so 1957 in dem vom WDR produzierten Mehrteiler Paul Temple und der Fall Gilbert (Regie: Eduard Hermann, mit René Deltgen, Annemarie Cordes und Kurt Lieck), sowie zwei Jahre später in der BR-Produktion Paul Temple und der Conrad-Fall (Regie: Willy Purucker, mit Karl John und Rosemarie Fendel).

Ernst Ginsberg starb an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Als er sich schon nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen konnte, diktierte er seiner Pflegerin noch, mit Hilfe des Morsealphabets, mit den Augenlidern Gedichte. (Quelle: wikipedia)

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Ernst Ginsberg (frühe 30er Jahre)

Und hier rezitiert Ernst Ginsberg „Deutsche Lyrik des Barock“:

Die bevorzugte Literaturform der Barockzeit war das Gedicht, vor allem das Sonett, übliches Versmaß war der Alexandriner mit 6-hebigen Jamben mit starken Zäsuren, häufig in der Versmitte. Im Barock spielten die äußere Ästhetik und der Wohllaut eine große Rolle. Um diese Wirkung zu erreichen, wurde auf diverse Stilmittel zurückgegriffen, darunter Anaphern, Metaphern, Antithetik, Hyperbolik sowie Allegorien und Repetitio. Stilmittel wie Metaphern und Symbole wurden bevorzugt eingesetzt, um durch bildliche Darstellungen elementare Dinge wie Diesseits und Jenseits, sowie die Rolle des Menschen zu erläutern. Metaphern und Allegorien wie der „Port“ (im Gedicht „Abend“ von A. Gryphius) für eine Heimkehr zu Gott sind typisch. Ebenso wurden Embleme und Allegoresen verwendet, die hinter Namen und Dingen eine tiefere, verborgene Bedeutung erschließen und erkennen lassen.

Der Pfarrerssohn Gryphius zum Beispiel musste als Kind den Herztod seines Vaters mitansehen, nachdem eine brandschatzende Soldateska in dessen Kirche eindrang. (Quelle: wikipedia)

Andreas Gryphius

Andreas Gryphius

Die geistige Grundlage des Barock ist trotz aller Verbindung völlig anders als die der Renaissance. Nicht mehr Optimismus, sondern Pessimismus prägt das Lebensgefühl. Die Zeitereignisse (Dreißigjähriger Krieg) haben den mittelalterlichen Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits wiederbelebt und zu einer vertieften Frömmigkeit geführt, deren Hauptelement die Vergänglichkeitsstimmung ist, die Vanitas-Skepsis: „Vanitas, vanitatum, et omnia vanitas / Es ist alles gäntz eytel“ (Gryphius) (Quelle: www.deutschelyrik.de)

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Klar, die Sprache … sie wirkt ein wenig sperrig für unsere heutigen Ohren und – wie schon gesagt – der Vortragstil ist gewöhnungsbedürftig …

Aber so etliche der Zeilen lassen einen dennoch aufhorchen:

Das ist z.B. dieses „Über den Untergang der Stadt Freystadt“, das wohl intensiveste Gedich dieses Albums … und das ist dann auch kein Wunder:

„Ein Jahr später, 1637, brannte nach Abzug einer feindlichen Besatzung die Stadt Freystadt ab, und zwar völlig. Freystadt liegt 40km nordwestlich von Glogau. Der junge Gryphius erlebte den Brand als Augenzeuge“ (aus „Schlesische Lyrik des 17. Jahrhunderts-Blütezeit deutscher Dichtung mitten im großen Krieg“ Vortrag von Wolfgang Beitinger, 2001)

Oder aber auch „Friedenreiches Freudenlied“ von Martin Rickart:

Er hat nach dem so so sehnlich erwarteten  Frieden von Münster und Osnabrück ein Freudenlied gedichtet, das all den Optimismus erklingen läßt, der die folgende überaus schöpferische Epoche erahnen läßt! (aus „Schlesische Lyrik des 17.  Jahrhunderts-Blütezeit deutscher Dichtung mitten im großen Krieg“ Vortrag von Wolfgang Beitinger, 2001)

Und dann gibt es noch einen kleinen 4-Zeiler, der könnte doch glatt von Eugen Roth sein:

Das menschliche Alter:

Ein Kind weiß nichts von sich, ein Knabe denket nicht,
Ein Jüngling wünscht stets, ein Mann hat immer Pflicht,

Ein Alter hat Verdruß, ein Greis wird wieder Kind,
Schau lieber Mensch, was das für Herrlichkeiten sind.

Humor hatten sie also auch noch … trotz der grausigen Jahre jener Epoche.

Und vielleicht wird ja der eine oder andere Leser dieses blog fündig bei Zeilen, die ihn aufhorchen lassen … auszuschließen wäre es nicht.

Die LP (erschienen in der Reihe „Literarisches Archiv“ gegründet von … na … Ernst Ginsberg) hat leider nicht nur ein paar Alterserscheinungen aufzuweisen,  sondern auch noch ein ausführliches Begleitheft mit allen Texten und weiteren Erläuterungen. Vermutlich sind die Aufnahmen bereits 1957 entstanden)

Und dann gab´s ja auch noch den Alan Ginsberg … aber das ist ja ne ganz andere Geschichte *ggg*

 

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Besetzung:
Ernst Ginsberg (Sprecher)

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Titel:

Simon Dach (1605 – 1659):
01. Freundschaftslied 1.27
02. Ihr abgenützten Saiten 1.06

Andreas Gryphius (1616 – 1664):
03. Betrachtung der Zeit 0.37
04. Über den Untergang der Stadt Freystadt 5.53
05. Grabschrift Marianae Gryphiae, seines Brudern Pauli Töchterlein 1.16
06. Über seines jüngsten Sohnes Daniels Geburt 1.16
07. Am Ende 1.24
08. Abend 1.40

Paul Fleming (1609 – 1640):
09. An sich 1.22
10. An Basilenen, nachdem er von ihr gereist war 1.29
11. Auf den Tod eines Kindes 1.08

Friedrich von Logau – Sinngedichte (1604 – 1655):
12. Die Welt ein Buch 0.46
13. Der Frühling 0.37
14. Deutschland wider Deutschland 0.17
15. Die schamhafte Zeit 0.15
16. Heutige Weltkunst 0.22
17. Die tausend goldnen Jahre 0.19
18. Auf einen Ehrgeizigen 0.14
19. Der deutsche Krieg 0.12
20. Der Tod 0.14
21. Ein Vertriebener redet nach seinem Tode 0.20
22. Die tapfere Wahrheit 0.20
23. Das neue Jahr 0.30
24. Das menschliche Alter 0.22
25.  Die Poeten 0.13

Martin Rickart (1586 – 1649):
26. Friedenreiches Freudenlied 1.58

Christian Weise (1642 – 1708):
27. Nachsprung zum Hochzeitstanz 0.49
28. Unvermutete Betrachtung des hereinbrechenden Alters 3.04

Johann Christian Günther (1695 – 1723):
29. Trost-Aria 1.41

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Martin Rickart