Michael Kapsner – Die Oßmannstedter Orgelhandschrift (2010)

FrontCover1Als ich damals, im Jahre 2015 n.Chr. in Weimar weile und  auf Geheiß des ehrenwerten Herrn Ärmel das Wielandsgut Oßmannstedt besichtigte (das ist dann aber schon ein eigenes Kapitel wert !) stieß ich auf einen bemerkenswerten Fund.

Die Rede ist von der sog. „Oßmannstedter Orgelhandschrift“

Und so erzählt sich die Geschichte dieser Handschrift:

Ursprünglich ging es bei dieser CD-Produktion darum, das wunderbar sorgfältig restaurierte Meisterwerk des jungen Orgelbauers Benjamin Witzmann mit einem historisch passenden Programm vorzustellen. 1810 wurde die Orgel in der Oßmannstädter Peterskirche fertiggestellt. Doch was wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dieser Orgel typischerweise gespielt? Die landläufige Meinung zur Orgelgeschichte besagt, daß die Entwicklung der Orgelmusik mit Bach zunächst aufhört, um dann erst mit Mendelssohn und Liszt wieder neu zu beginnen. Betrachtet man die sogenannte „Heroengeschichte“, also die bedeutendsten Komponisten zwischen ca. 1750 und 1850, dann scheint dieser Eindruck auch durchaus zu stimmen. Die Großmeister der musikalischen Klassik interessieren sich einfach nicht besonders für die Orgel.

Inschrift
Wie es der Zufall will, wurde im Rahmen der Aufräumarbeiten zur Vorbereitung der Orgelrestaurierung in der Peterskirche eine Handschrift gefunden, genauer eine handschriftliche Zusammenstellung verschiedener Orgelwerke, die mit ihren deutlichen Gebrauchsspuren offensichtlich als Sammelwerk zum Orgelspiel in der Gemeinde verwendet worden ist. In dem Band lassen sich unterschiedliche Handschriften erkennen und einer der Kopisten trug das Datum 1850 ein. Durch diesen Fund war klar: Mit diesen Werken soll die Orgel auf dieser CD vorgestellt werden.

Betrachtet man die in der Handschrift vertretenen Komponisten, dann finden sich zwischen wenigen Werken von J. S. Bach und G. F. Händel auf der einen, und Mendelssohn und Spohr auf der anderen Seite, vor allem Werke von Kittel, Rink, Fischer und Töpfer. Das sind in der Thüringer Orgeltradition keineswegs unbekannte Namen, die in Lehrer- Schüler- Beziehung eine ungebrochene Musiziertradition von Bach bis Mendelsohn repräsentieren, als deren Zentrum die Predigerkirche in Erfurt gesehen werden kann. Damit füllt sich zumindest für Thüringen die Lücke zwischen Bach und Mendelsohn, wie diese Handschrift eindrucksvoll belegt. Auch zeigt sie in der Gewichtung der Komponisten deutlich das Bestreben, vor allem die damals „zeitgenössische“ bzw. „aktuelle Musik“ zur Verfügung zu stellen.

Booklet01A
Eine musikwissenschaftliche Aufarbeitung der Ossmannstädter Orgelhandschrift steht noch aus. Daher werden die hier aufgenommenen Werke auch nach ihrer Zuschreibung bezeichnet, wie sie in der Handschrift vorgenommen wurde. Es ist durchaus möglich, daß sich hier noch unbekannte Werke  befinden. So ist z.B. ein „Adagio“ für Orgel, das hier Luis Spohr zugeschrieben wird, in dessen Werkverzeichnis nicht zu finden. Ob es sich um eine Adaption eines anderen Werkes von Spohr handelt oder möglicher Weise um ein bisher nicht verzeichnetes Originalwerk, ist derzeit nicht zu klären.

Michael Kapsner

Michael Kapsner

Interessant ist auch die Frage, ob diese Handschrift eine Ausnahme darstellt, oder ob es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich war, handschriftlich Sammelbände für die Landgemeinden zu erstellen. In jedem Fall wirft diese Handschrift ein erhellendes Licht auf die lebendige Orgelkultur jener Zeit und das mit Werken, deren hohes Niveau in Bezug auf das Kompositionshandwerk dem Organisten ein erhebliches spieltechnisches Können abverlangt. Wer hätte dies in der kleinen ossmannstädter Dorfkirche vermutet?

An dieser Stelle ist besonders Prof. Michael Kapsner zu danken, der mit großer Sorgfalt einen repräsentativen Querschnitt an Werken aus der Handschrift für diese CD ausgewählt und durch sein besonderes Engagement als Organist diese Aufnahmen überhaupt erst möglich gemacht hat.(Quelle: Begleitheft)

Und Dank dieses wohl wirklich einmaligem Fund können wir hier nun nicht nür die „Klassiker“, Bach, Händel und Mendelssohn Bartholdy hören. Nein, hier erklingen nun erstmalig auch meisterliche Werke von so unbekannten Komponisten wie Johann Christian Kittel, Johann Christian Heinrich Rink, Michael Gotthard. Fischer und Johann Gottlob Töpfer.

Also, wenn das kein Leckerbissen für Freunde der gepflegten Orgelmusik ist, dann weiss ich es auch niht mehr … Viel Vergnügen !

Booklet02A
Besetzung:

Michael Kapsner (organ)

BookletBackCover1

Titel:
01. No: 5 / Fuge (Händel) 3.05
02. No: 17 / Praeludium / Allegro con brio (Rink) 2.27
03. No: 19 / Adagio (Rink) 1.15
04. No: 21 / Con allegrezza. Laßt uns alle fröhlich sein (Töpfer) 0.56
05. No: 22 / Manualiter. Vom Himmel hoch da komm ich her (Fischer) 0.49
06. No: 25 / Praeludium (Kittel) 1.56
07. Adagio cantabile (ohne Nummer nach der No: 25 eingefügt).(Rink) 1.10
08. No: 29 / Praeludium.(Kittel) 2.03
09. No: 30 / Praeludium.(Kittel) 2.01
10. No: 31 / Fuge (bekannt als BWV 543).(Bach) 6.08
11. No: 33 / Praeludium./ Moderato. Mit zarten Stimmen (Rink) 1.51
12. No: 36 / Fuga.(Händel) 3.22
13. No: 40 / Nachspiel fürs volle Werk./ Mäßig langsam.(Fischer)  5.01
14. No: 41 / Vorspiel zu: ein´ feste Burg ist unser Gott. / Risoluto.(Fischer) 1.25
15. No:45 / Praeludium und Fuge über den Namen „Bach“ (Bach) 5.08
16. No: 48 / Sonate v / Andante (Mendelssohn Bartholdy) 1.15
17. No: 48 / Sonate v / Andante con Moto (Mendelssohn Bartholdy) 2.41
18. No: 48 / Sonate v / Allegro maestoso (Mendelssohn Bartholdy) 4.32
19. 61  / Fughette / Mit vollem Werk (Bach) 1.25  [ 1:25]
20. 62 / Adagio. Mit sanften Stimmen und abwechselnden Manualen (Spohr) 5.46
21. 65 / Praeludium über: Nun danket alle Gott. Vivace / Volles Werk (Töpfer) 1.08
22. 68 / Praeludium: Allein Gott in der Höh sei Ehr. Animato (Töpfer) 1.10
23. 70 / Praeludium: Mir nach spricht Christus (Töpfer) 2.01
24. 78. / Fugirtes Nachspiel. Moderato (Rink) 5.48
25. No 79. / Gravita. Für volle Orgel (Rink) 1.51

CD1

*
**

StPetersKirche

Die St. Peter Kirche zu Oßmannstedt

Albert Schweitzer – Bach (1952)

FrontCover1Der Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war  ein deutsch-französischer Arzt, evangelischer Theologe, Organist, Philosoph und Pazifist.

Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm. (Quelle: wikipedia)

Hier mal ein wenig ausführlicher seine Lebensleistung als Musiker und insbesondere Bach-Interpret:

Albert Schweitzer war ein bekannter Organist, Musikwissenschaftler, Theoretiker des Orgelbaus und einer der für das 20. Jahrhundert stilbildenden Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs.

Schweitzers Ansichten zum Orgelspiel sind von seinen religiösen Vorstellungen nicht zu trennen. So meint er z. B. in Bezug auf die Wiedergabe von Orgelwerken im Konzertsaal:

„Durch die Wahl der Stücke und die Art der Wiedergabe suche ich den Konzertsaal zur Kirche zu machen. […] Durch ihren gleichmäßigen und dauernd aushaltbaren Ton hat die Orgel etwas von der Art des Ewigen an sich. Auch in dem profanen Raum kann sie nicht zum profanen Instrument werden.“

Als einer der Hauptvertreter der sogenannten Elsässisch-Neudeutschen Orgelreform propagierte Schweitzer seit Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die damals in Deutschland üblicherweise gebauten Instrumente einen neuen Orgeltyp: Diese Orgel sollte den ausgewogenen Plenum-Klang der französischen spätromantischen Orgel Cavaillé-Colls, die verschmelzungsfähigen Zungenstimmen der deutschen und englischen Romantik und den Obertonreichtum der alten klassischen Orgeln des Elsass („Silbermann-Orgeln“) miteinander verbinden. Eine neue Spieltischgestaltung sollte die Logik und Übersichtlichkeit der französischen Spielanlage und die in Deutschland gebräuchlichen Spielhilfen vereinen (Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst. Leipzig 1906).

OrgelStraßburg

Die nach den Plänen von Albert Schweitzer 1905 gebaute Orgel in der Thomaskirche in Straßburg

Vor allem im Elsass wurden mehrere Orgeln nach Schweitzers Vorstellungen realisiert. Registerreiche Reformorgeln entstanden in St. Reinoldi, Dortmund (1909, V/P 105, 1939 um ein Rückpositiv mit sechs Registern erweitert, 1943/44 zerstört), und Sankt Michaelis, Hamburg (1912, V/P 163, nach Kriegsschäden 1943 durch den Neubau von 1962 ersetzt). Schweitzers Vorstellungen von der Orgel galten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der zunehmenden Bedeutung der Orgelbewegung zunächst als weitgehend überholt. Mit der erneuten Wertschätzung der Orgel des 19. Jahrhunderts, mit der Begeisterung für Orgelbau und Orgelmusik der französischen Spätromantik seit den 1970er Jahren zeigen besonders im deutschsprachigen Raum viele Orgelneubauten, die eine Synthese verschiedener historischer Stilelemente anstreben, eine Nähe zu Schweitzers Vorstellungen. Schweitzer wirkte bewusstseinsbildend für die wachsende Wertschätzung alter Orgeln im frühen 20. Jahrhundert. Auch in der Zeit seines Wirkens in Afrika setzte er sich immer wieder für die Erhaltung historischer Instrumente ein und begleitete Neubauten mit seinem Rat.

AlbertSchweitzer02Neben der Orgel beschäftigte Schweitzer sich mit dem Geigenbau, genauer mit dem Geigenbogen. Ausgangspunkt war seine Kritik an dem Spiel der mehrstimmigen Passagen in Bachs Solo-Violinsonaten und Suiten für Violoncello solo. Mit dem modernen, steifen, leicht konkaven Bogen lassen sich nur zwei Saiten gleichzeitig zum Klingen bringen. Als Notbehelf wird arpeggiert oder mit Intervallzerlegung gearbeitet, d. h. zunächst werden die unteren beiden, danach die oberen beiden Töne gespielt. Schweitzer störte das Zerbrechen der Akkorde, die damit verbundenen Kratzgeräusche, die Pausen zwischen den Akkorden, das ständige Fortespiel und die unsinnige Stimmführung. Dagegen ging er davon aus, dass vierstimmiges Geigenspiel zu Bachs Zeit auch tatsächlich möglich und üblich war und sah sich in Berichten zum Beispiel über den norddeutschen Musiker und Bachs älteren Zeitgenossen Nicolaus Bruhns bestätigt. Der Schlüssel lag in der Verwendung eines konvexen Bogens, dessen Haare beim Spiel so entspannt werden können, dass ein gleichzeitiges Anstreichen aller Saiten möglich ist. Schweitzer sah die einzige Möglichkeit, das Problem zu lösen, in einer Neukonstruktion; gemeinsam mit dem Geiger Rolph Schröder entwickelte er einen konvexen Bogen mit einer Hebelapparatur am unteren Ende, mit der die Entspannung der Haare beim Spiel möglich war. Er nannte diesen Bogen „Bachbogen“, wohl wissend, dass er damit kein historisches Instrument aus Bachs Zeit, sondern eben eine Neukonstruktion vorgelegt hatte. Heute wird dieser Bogen als Rundbogen bezeichnet. Nur wenige Geiger praktizieren heute dieses Spiel, unter ihnen Rudolf Gähler, der zu diesem Thema auch ein Buch veröffentlicht hat.

Als Bach-Interpret wandte sich Schweitzer gegen die seiner Meinung nach übertriebene dynamische und farbliche Differenzierung des spätromantischen Orgelspiels, wie sie sich in Deutschland und Mitteleuropa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Liszt-Schule etabliert hatte. Er wurde darin bestärkt durch seine Kenntnis der französischen Tradition des Bach-Spiels und seine Studien bei Charles-Marie Widor, Komponist und Organist an Saint-Sulpice in Paris.

„Weil Bachs Musik Architektur ist, sind bei ihr crescendi und decrescendi, die in der Beethovenschen und Nachbeethovenschen Musik Gefühlserlebnissen entsprechen, nicht angebracht. Eine Abwechslung zwischen Stark und Schwach ist in ihr sinnvoll insoweit, als sie dazu dient, Hauptsätze hervor- und Nebensätze zurücktreten zu lassen. Nur innerhalb dieser forti und piani sind deklamatorische crescendi und descrescendi angebracht. Verwischen sie den Unterschied zwischen forte und piano, so machen sie die Architektur des Stückes zunichte.“

AlbertSchweitzer03Schweitzer propagierte für die freien Orgelwerke Bachs eine einheitliche, behutsam terrassendynamisch gestaffelte Registrierung. Der Jalousieschweller sollte allenfalls für großräumige Steigerungen und zum Nachzeichnen melodischer Bögen verwendet werden. Der Gebrauch des Registerschwellers (Walze) beim Solovortrag alter Orgelmusik galt Schweitzer als unkünstlerisch. Er vermied als Interpret Extreme. Er wählte und propagierte langsame Tempi, die seiner Ansicht nach die Erfassbarkeit der polyphonen Strukturen gewährleisten, der Aufführungspraxis zu Bachs Zeit entsprächen, und sah die häufige Praxis eines aus seiner Sicht zu schnellen Spiels als erfolglosen Versuch des Ausgleichs mangelnder Plastik des Vortrags. Außerdem praktizierte er eine zurückhaltende Agogik. Die Phrasierung soll nach Schweitzer immer dem jeweiligen Formzusammenhang untergeordnet sein. Er verwirft dabei gleichermaßen ein durchgängiges staccato wie legato.

„Während man zur Mitte des 19. Jahrhunderts Bach merkwürdigerweise durchgängig staccato spielte, verfiel man nachher in das andere Extrem, ihn in monotonem Legato wiederzugeben. Also lernte ich es 1913 bei Widor. Mit der Zeit aber ging mir auf, daß Bach lebendige Phrasierung verlangt. Er denkt als Violinist. Die Noten sind bei ihm in der Art untereinander zu verbinden und voneinander abzusetzen, wie dies dem Violinbogen natürlich ist. […] Es ist ganz falsch, zu meinen, daß in der monotonen Bindung den Anforderungen des Meisters am besten entsprochen wird.“

In Lambarene spielte Schweitzer nach seiner Arbeit im Hospital auf einem extra für ihn gebauten tropenfesten Klavier mit Orgelpedal. Er übte damit auch für seine Schallplatteneinspielungen und die Orgelkonzerte, deren Erlös seiner karitativen Arbeit zugutekam. Seine Schallplattenaufnahmen mit Werken Bachs in Allhallows Barking-by-the-Tower, London (Dezember 1935), und Sainte-Aurélie, Straßburg (Oktober 1936), sowie an der 1931 nach seinen Vorstellungen gebauten kleinen Orgel der Pfarrkirche in Günsbach (Anfang 1950er-Jahre) mit Werken von Bach, Franck und Mendelssohn liegen in verschiedenen Wiederveröffentlichungen vor.

Schweitzers Orgellehrer Charles-Marie Widor regte auch ein Buch über Johann Sebastian Bach an, durch das die französische Orgelwelt stärker mit der für Bach grundlegenden protestantischen Kirchenmusik und ihrem Wortbezug vertraut gemacht werden sollte (J. S. Bach, le musicien-poète. Paris u. Leipzig 1905). Widor selbst, Schweitzer freundschaftlich zugetan, verfasste dazu das Vorwort. Er riet auch zu einer deutschen Fassung, woraus durch völlige Neubearbeitung Schweitzers große Bach-Monographie (Johann Sebastian Bach. Leipzig 1908) entstand, ebenfalls mit einem Vorwort Widors versehen. Während die biographischen Details und die Datierung insbesondere der Kantaten inzwischen durch die Bachforschung weitgehend überholt beziehungsweise erweitert worden sind, ist die Bach-Monographie in musikästhetischer Hinsicht nach wie vor ein Standardwerk von großer geistes- und wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung. Schweitzer hebt besonders den im Werk J. S. Bachs konventionalisierten Gebrauch von Themen und Motiven, Tonarten und Instrumenten hervor. Er hat damit vergleichsweise früh, ohne die Termini zu verwenden, die rhetorische Qualität („Klangrede“) der Alten Musik und die Bedeutung der Affektenlehre thematisiert. Den Schlüssel sah er dabei in den Kantaten. Er fand immer wiederkehrende, sehr bildliche Motive, am auffallendsten bei der Beschreibung von Bewegungen wie etwa Gehen, Laufen, Fallen, Darniedersinken oder bewegungsintensiven Dingen wie Schlangen, Wogen, Schiffe, Flügel, ebenso abstrakte, bestimmte Affekte wie Freude, Trauer, Schmerz oder Lachen, Seufzer, Ächzen, Weinen beschreibende Motive. Schweitzer stellt diese musikalische Sprache systematisch dar und gibt dem Bach-Interpreten Hinweise, wie einzelne Motive zu artikulieren und gestalten seien, um die zugrunde liegenden Bilder herauszuarbeiten. Er zeigt auch, dass zum Beispiel die Orgel-Choralbearbeitungen diese Sprache enthalten und zum Verständnis und zur Darbietung dieser Musik die Kenntnis des Choraltextes gehört.

AlbertSchweitzer04
Ein wichtiger Denkanstoß dürfte Schweitzer von der an sich völlig anders gearteten Leitmotivik Richard Wagners gekommen sein, dessen Musik er sehr schätzte. Allerdings arbeitet er in dem Kapitel „Dichterische und malerische Musik“ seiner Bach-Monographie die grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Komponisten beim Umgang mit Themen und Motiven heraus. Bei Wagner und anderen „dichtenden“ Musikern werde versucht, ein dramatisches Geschehen als „ästhetische Ideenassoziationen“ mit der Musik auf die Zuhörer zu übertragen; sie richteten sich mitsamt ihren (Leit-)Motiven an das Gefühl. Bach und andere „malende“ Musiker stellten das Geschehen in Bildern oder aufeinander folgenden Bildern dar. Ihre Motive und Themen wendeten sich an die Vorstellungskraft und die Phantasie der Zuhörer.
Herausgeber von Bachs Orgelwerken

Schweitzer war auch Mitherausgeber einer Ausgabe von Bachs Orgelwerken. Die ersten fünf Bände der Bachschen Orgelwerke erschienen 1912/13 in Deutsch, Englisch und Französisch. Herausgeber waren Charles-Marie Widor und Albert Schweitzer. Sie enthalten die Präludien, Toccaten, Fantasien, Fugen, die Canzona und Passacaglia, sowie die Konzerte und Triosonaten. Band VI wurde 1954 veröffentlicht, die Bände VII und VIII folgten erst 1967 nach Schweitzers Tod. Die von Widor und Schweitzer damals angewandten Prinzipien wie die Ausgabe der Noten als unberührtem Urtext ohne z. B. nachträglich eingefügte dynamische Abstufungen, Fingersätzen, usw., die genaue Beachtung aller auf Bach selbst zurückgehenden Anordnungen, und die Beschränkung der Auffassung der Herausgeber auf das Vorwort waren für die damalige Zeit ungewöhnliche und zukunftsweisende Prinzipien. (Quelle: wikipedia)

AlbertSchweitzer01

Albert Schweitzer an der Orgel der Pfarrkirche zu Günsbach (Elsass) – Hier entstanden die Aufnahmen dieser EP

 

Hier nun einer seiner großartigen Bachaufnahmen, ergänzt habe ich sie um eine Alternativfassung von dem Choralvorspiel „“O Mensch, bewein´dein´Sünde gross“: Man höre, staune und genieße !

Briefmarke

Besetzung:
Albert Schweitzer (organ)

BackCover1
Titel:
01. Choralvorspiel „O Mensch, bewein´dein´Sünde gross“, BWV 622 (Version I) / 5.36
02. Toccata und Fuge d-moll, BWV 565 / 8.54
03. Choralvorspiel „Nun komm´ der Heiden Heiland“, BWV 659 / 5.13
04. Präludium und Fuge, f-moll, BWV 534 / 10.17
+
05. Choralvorspiel „O Mensch, bewein´dein´Sünde gross“, BWV 622 (Version II) / 5.36

LabelA1

*
**

 

Matthias Dreißig – An der Schuke-Orgel (Predigerkirche Erfurt) (2005)

Interessant, dass diverse Orgel-Alben stets in Verbindung mit dem jeweiligen Orgelerbauer gebracht werden. So auch hier:

Die Alexander Schuke Potsdam Orgelbau GmbH ist eine deutsche Orgelbaufirma aus Potsdam.

Das Unternehmen wurde 1820 durch den Orgelbauer Gottlieb Heise in Potsdam gegründet. Im Jahr 1848 übernahm sein Schüler Carl Ludwig Gesell die Firmenleitung, zunächst zusammen mit Gustav Schulz, der sich aber bald selbstständig machte. Ab 1868 übernahm der Sohn Carl Eduard Gesell die Führung. Als dieser 1894 kinderlos starb, kaufte Alexander Schuke das Unternehmen, das er in der Folgezeit zu einer der bekanntesten Orgelbaufirmen machte. Nach seinem Tod 1933 leiteten die beiden Söhne, Karl Ludwig Schuke und Hans Joachim Schuke, das Unternehmen gemeinsam.

1950 entschieden die beiden Brüder, in Berlin eine zweite Orgelbauwerkstatt zu gründen. Die damalige politische und wirtschaftliche Situation im Nachkriegs-Deutschland ließ es ratsam erscheinen, im Fall sich wirtschaftlich weiter einengender Verhältnisse im Westteil Berlins eine betriebsbereite Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Hans-Joachim Schuke führte die Potsdamer Firma, die weiter in Privathand war, allein weiter. Karl Schuke nahm mit seinem Umzug 1953 nach Berlin die Gelegenheit wahr, die Berliner Werkstatt vom Potsdamer Betrieb zu trennen und führte sie SchukeOrgelunter dem Namen Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH weiter. 1972 wurde das Unternehmen in der DDR enteignet und als VEB Potsdamer Schuke Orgelbau weitergeführt. Orgelbaumeister Matthias Schuke, seit 1974 Mitarbeiter, reprivatisierte 1990 im Zuge der ökonomischen und politischen Wende das Unternehmen erfolgreich und ist seit dieser Zeit Inhaber und Geschäftsführer.

2004 bezog das Unternehmen ein neues Werkstattgebäude in den Havelauen in Werder (Havel).

Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Auslieferung von Orgelneubauten in die Ukraine und nach Russland sowie von Zahlungsausfällen aus diesen Ländern musste die Firma im November 2014 Insolvenz anmelden. Aus Solidarität mit der traditionsreichen Orgelbaufirma zogen einige Kunden geplante Aufträge vor. Der Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorf, der das Unternehmen saniert, geht davon aus, dass die Alexander Schuke Orgelbau GmbH Mitte des Jahres 2015 wieder auf eigenen Füßen stehen wird.

Alexander Schuke baute zunächst die Kegellade, die er bei seinem Lehrmeister Eduard Gesell kennengelernt hatte. In solider Konstruktion verband er diese Technik mit der Röhrenpneumatik. Bald entwickelte sich die Firma neben Dinse und Sauer zu einem der führenden Orgelbauunternehmen in Brandenburg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die elektrische Traktur standardmäßig eingeführt. Im Zuge der Orgelreformbewegungen unter Albert Schweitzer und Hans Henny Jahnn orientierte Schuke sich jedoch wieder an den Prinzipien des klassischen Orgelbaus und kehrte zur mechanischen Schleiflade zurück. Ende der 1950er Jahre wurden die ersten Restaurierungen historischer Instrumente durchgeführt. Inzwischen ist das Unternehmen durch bedeutende Restaurierungen hervorgetreten, so bei der Scherer-Orgel in Tangermünde (1624) und den Wagner-Orgeln in Brandenburg an der Havel (1725) und Angermünde (1744). In Zusammenarbeit mit Schuke entwickelt die Universität Potsdam Messverfahren, mit denen die originalgetreue Klanggebung historischer Orgelpfeifen ermittelt werden kann.

Die Opus-Liste umfasst 627 Orgelneubauten zwischen 1895 und 2011. Hinzu kommen mehr als 60 Restaurierungen, deren Anteil seit dem Ende der 1990er Jahre stark zugenommen hat, sowie etliche Umbauten und Erweiterungen bestehender Werke. (Quelle: wikipedia)

Und auf der Schuke Orgel in der Predigerkirch zu Erfurt verzaubert uns Matthias Dreißig mit machtvollen Orgelklängen, die, ja, die ich immer wieder aufs neue liebe.

MathiasDreissig
Und allein seine Kurzvita ist beeindruckend:

1979 – 1984 Studium der Kirchenmusik an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar bei Prof. Rainer Böhme

1984 – 1988 Zusatzstudium im Rahmen der Absolventenförderung bei KMD Prof. Johannes Schäfer

1983 Teilnahme an den Prager Meisterkursen

1984 Diplom und 4. Platz beim Internationalen Orgelwettbewerb „Prager Frühling“

seit 1984 Dozent für Orgel an der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Halle/Saale

1985 – 1994 Kantor in Bad Frankenhausen/Kyffh.

seit 1994 Organist der Predigerkirche Erfurt

seit 1995 Lehrauftrag für Orgel an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar

2000 Verleihung des Titels „Kirchenmusikdirektor“

2005 Berufung zum Honorarprofessor an die Musikhochschule „Franz Liszt“ Weimar

rege Konzerttätigkeit im In-und Ausland (Tschechien, Schweiz, Italien, Rumänien, Frankreich, Polen, Russland, Finnland, Dänemark, Litauen)

Also … lausche, wer lauschen kann (und mag) und lese, wer lesen kann (*g*), denn im Begleitheft findet man eine Fülle von Informationen zu den einzelnen Werken.

Booklet01ABesetzung:
Matthias Dreißig

Booklet12A

Titel:

Johann Sebastian Bach:

Präludium und Fuge c-moll BWV 546:
01. Präludium 7.30
02. Fuge 6.29

Aus dem Dritten Teil der „Clavier-Übung“

03. „Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit“ BWV 669, 3.00
04. „Christe, aller Welt Trost“ BWV 670, 4.59
05. „Kyrie, Gott heiliger Geist“ BWV 671, 4.57

Felix Mendelssohn Bartholdy:

Sonate Nr. 1 f-moll, op. 65
06. Allegro moderato e serioso, 5.55
07. Adagio, 3.34
08. Andante – Rezitativ, 3.58
09. Allegro assai vivace, 03:33

Johann Pachelbel:
10. Ciacona f-moll, 8.39

Sigfrid Karg-Elert:

Passacaglia und Fuge über B-A-C-H, op. 150
11. Passacaglia, 14.45
12. Fuge, 07:26

InletA
*
**

Karl Richter + Albert de Klerk – Norddeutsche Arp Schnitger Orgeln (1972)

FrontCover1Die Freunde klassischer (barocker) Orgelmusik schnalzen vermutlich mit der Zunge, wenn sie den Namen Arp Schnitger hören:

Arp Schnitger (* 1648, vermutlich in Schmalenfleth; getauft am 9. Juli 1648 in Golzwarden, heute Brake; begraben 28. Juli 1719 in Neuenfelde, heute Hamburg) war einer der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit und der Vollender der norddeutschen Barockorgel. Sein Wirkungskreis erstreckte sich über Nordeuropa, wo er über 100 Orgelneubauten schuf und stilbildend war. Neben der Hauptwerkstatt in Hamburg arbeiteten Gesellen und Mitarbeiter in Filialen zwischen Groningen und Berlin, um von dort aus neue Orgeln zu errichten oder ältere Werke zu unterhalten oder umzubauen. Schnitger konzipierte seine Werke mit rauschenden Mixturen und starken Bässen zum einen für die Begleitung des Gemeindegesangs. Zum anderen dienten sie der Darstellung der norddeutschen Orgelschule, die sich in den von der Kaufmannschaft organisierten Abendmusiken der Hansestädte entfalten konnte. Etwa 30 seiner Instrumente sind in ihrer Grundsubstanz noch erhalten.

ArpSchnitger01

Eigenhändiger Namenszug „Arp Schnitger Orgelmacher“ mit manu propria

Und auch die Akteure an den Schnitger Orgeln haben/hatten einen klangvollen Namen:

Karl Richter (* 15. Oktober 1926 in Plauen; † 15. Februar 1981 in München) war ein deutscher Dirigent, Chorleiter, Organist und Cembalist.

1926 wurde Karl Richter, Sohn eines evangelischen Pfarrers, Kruzianer in Dresden, geboren. Nach dem Krieg studierte er am Konservatorium Leipzig und am Kirchenmusikalischen Institut bei Karl Straube und Günther Ramin und entwickelte sich dort zum Bachinterpreten. 1949 wurde er Thomasorganist. 1951 wechselte er als Kantor an die Markus-Kirche nach München. In München lehrte er an der Musikhochschule und wurde 1956

KarlRichter

Karl Richter

Karl Richter leitete 1968 in Moskau und Leningrad Aufführungen der Johannes-Passion und der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Seine Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzertes führt den musikalischen Teil der Schallplatte Voyager Golden Record an, die als Botschaft der Menschheit an Bord der Sonden Voyager 1 und Voyager 2 unser Sonnensystem verlassen hat. Richter baute seinen Ruf als Bachinterpret kontinuierlich aus. Seine Auffassungen waren dabei durch seine Herkunft aus der Leipziger Schule bestimmt: Vergleichsweise große Instrumental- und Chorbesetzung, von spätromantischer Musiziertradition geprägte Ausdrucksmittel, hochexpressive Gestaltung. Der bereits zu seiner Zeit einsetzenden, musikwissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehenden „historischen Aufführungspraxis“ stand Richter fern. So setzte er durchgehend modernes Instrumentarium ein. Schüler von ihm sind Hedwig Bilgram, Günter Jena, Walther R. Schuster, Albrecht Haupt und Rudolf Kelber. Mit dem Münchner Geiger Otto Büchner (1924-2008) bestand eine besonders gute musikalische und persönliche Partnerschaft.zum Professor ernannt. 1951 übernahm er den Heinrich-Schütz-Kreis, den späteren Münchener Bach-Chor, 1953 das Münchener Bach-Orchester und wurde damit einer der international bekanntesten Bachinterpreten.

Richter starb 1981 an Herzversagen. Er wurde auf dem Friedhof Enzenbühl (FG 81163) in Zürich beerdigt.

Und Albert de Klerk (* 4. Oktober 1917 in Haarlem; † 1. Dezember 1998 ebenda) war ein niederländischer Dirigent, Organist und Komponist.

Albert de Klerk

Albert de Klerk an der Orgel der St.-Bavo-Kirche (Haarlem)

De Klerk komponierte Werke im Bereich der Kammermusik für Orgel, Klavier, Glockenspiel, Chor und Sologesang. Außerdem betätigte er sich als Dirigent und Orgelimprovisator. (Quelle: wikipedia)De Klerk ist der Sohn des Musikers Jos de Klerk (1885–1969), der als sein erster Lehrer auftrat. Albert de Klerk studierte am Conservatorium van Amsterdam Orgelspiel und schloss sein Studium 1939 mit einem Diplom mit der Note summa cum laude ab. Bereits 1934 folgte er auf Hendrik Andriessen als Organist an der St. Joseph-Kirche in Haarlem, ein Amt, das er bis zu seinem Tode hielt. Von 1946 bis 1964 unterrichtete de Klerk Orgel am Institut für Katholische Kirchenmusik Utrecht, bevor er von 1965 bis 1983 als Professor für Orgel am Amsterdamer Konservatorium lehrte. Von 1956 bis 1986 deckte er zusammen mit Piet Kee das Amt des Stadtorganisten von Haarlem ab.

Den Hörer dieser beiden LP´s (die in einer für jene Zeiten typischen LP-Box veröffentlicht wurden) erwarten also hochwertigste Orgelmusik (akustische Beeinträchtigungen – der Zahn der Zeit – eingeschlossen).

Erfreulich, dass sich auch hier neben den Klassiker wie Bach und Buxtehude weitaus unbekanntere Komponisten erklingen: Namen wie Samuel Scheidt, Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann oder Jakob Praetorius sind sicherlich nicht jederman geläufig … erklingen aber dennoch prachtvoll. Wer Ohren hat, der lausche !

Weiß der Teufel warum, aber im Augenblick habe ich wohl meine Orgel-Phase, und von daher werden demnächst weitere Beispiele dieses großartigen Instrumentes folgen.

SchnitgerorgelSteinkirchen

Die Schnitger Orgel in Steinkirchen

Besetzung:
Albert de Klerk (organ bei 05 . -)
Karl Richter (organ bei 01. – 04.)

Booklet1

Titel:

Johann Sebastian Bach:
01. Fantasie G-Dur, BMW 572 (Trés vitement – Gravement – Lentement) 9.43
02. Triosonate Nr. 6 G-Dur, BMV 530 (Vivace – Lento – Allegro) 13.42
03. Triosonate Nr. 3 d-moll, BMV 527 (Andante – Adagio – Vivace) 13.13
04. Pastorale F-Dur, BMV 590 12.28

Dietrich Buxtehude:
05. Präludium und Fuge F-Dur 6.21

Samuel Scheidt:
06. Psalmus „Da Jesus an dem Kreuze stand“ (Choralbearbeitung) 10.23

Jan Pieterszoon Sweelinck:
07. Echofantasie (Fantasia in der Manier eines Echoes) 4.09

Heinrich Scheidemann:
08. Magnificat-Fantasie (im VIII. Ton) 8.52

Jakob Praetorius:
09. Vater unser im Himmelreich (Choralvariationen) 5.20

LabelB1

*
**

BackCover1

Blechbläser des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt – Galeria Musica (2000)

FrontCover1Auch wenn diese CD von der Firma Hoechst veröffentlicht wurde – selten hat mir eine solche CD soviel Freude bereitet und das beginnt bereits bei dem „Brandenburgischem Konzert Nr. 3“ von Johann Sebastian Bach.

Eigentlich handelt es sich ja bei dieser CD um eine Veröffentlichung des rührigen Capriccio Labels, das diesen Blechbläsern aus Frankfurt eine CD spendierte:

Die Blechbläser des hr-Sinfonieorchesters begannen 1986 aus Freude am gemeinsamen Musizieren im Ensemble zu arbeiten. Inzwischen ist aus der Gruppe längst ein profiliertes Brass-Ensemble geworden.

Dank seines virtuosen und homogenen Ensembleklangs – ein Resultat nicht zuletzt auch aus der gemeinsamen Orchesterarbeit – feiert das Ensemble heute weit über die Grenzen Hessens Erfolge. Die regelmäßige Zusammenarbeit mit führenden Persönlichkeiten der Blechbläser-Kammermusik, wie Philip Jones (London), Edward H. Tarr (Basel), Jiggs Whigham (Köln) und Lutz Köhler (Hannover), hat das spezifische Profil des Ensembles maßgeblich mitgeprägt.

Die Besetzung der hr-brass ist sehr flexibel; sie variiert vom Sextett bis hin zu neunzehn Musikern (6 Trompeten, 4 Hörner, 3 Posaunen, 3 Tuben und 3 Schlagzeuger). So gehören die großen venezianischen Meister Gabrieli und Frescobaldi ebenso selbstverständlich zum Repertoire wie etwa Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, Camille Saint-Saëns‘ Karneval der Tiere oder Händels Feuerwerksmusik. Eine Reihe von CDs dokumentiert das breite musikalische Spektrum des Ensembles.(Quelle: hr-online.de)

Und was erwartet einen bei diesen Aufnahmen: Ein glasklaren und wundervoller Klang von Blechblas-Instrumenten … da könnte man glatt die ganze Welt umarmen, so traumhaft schön ist diese Musik … diese Musik anzuhören ist eigentlich fast ne Pflicht !

Blechbläser

Besetzung:
hr brass unter der Leitung von Lutz Köhler

Booklet02
Titel:
01. Johann Sebastian Bach: Brandenburgisches Konzert No. 3
02. Henry Purcell:
02.1. Fantasy upon one note
02.2 Fantasy in Nomine a‘ 6,
02.3. Fantasy in Nomine a‘ 7,
03. Aaron Copland: Fanfare For The Common Man
04. Elliot Carter: Fantasy Upon One Note From Purcell,
05. Samuel Barber: Mutations From Bach „Christe, du Lamm Gottes,
06. Georg Friedrich Händel: Feuerwerkmusik

CD1.jpg

*
**

OriginalFrontCover.jpg

Das Original Frontcover

Johannes Quack – Der Engel – Orgelmusik für den Schwebenden von Ernst Barlach (2005)

FrontCover1.jpgDie Entstehung dieses großartigen Orgel-Albums erklärt sich einzig und allein aus der Skulptur „Der schwebende Engel“ von Ernst Barlach; sie hängt in der Antoniter-Kirche, Köln und das ist die Geschichte der Skulptur, erzählt von Pfarrer Jost Mazuch, Köln:

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße Europas. Mitten darauf steht die Antoniter-Kirche, die evangelische City-Kirche von Köln. Hunderte Menschen suchen sie jeden Tag auf – viele wegen der berühmten Bronzefigur, die dort hängt: „Der Schwebende“ von Ernst Barlach, auch „Barlach-Engel“ genannt. Diese Skulptur, einst als Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs geschaffen, hat eine spannende Geschichte.

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße in Europa. Zigtausend Menschen gehen hier täglich entlang, shoppen, flanieren, essen und trinken, gucken in Schaufenster. Und manche von ihnen gehen zwischendurch schnell einmal in die Kirche, die hier – mitten zwischen den Renommierbauten der großen Kaufhäuser ein wenig klein, fast verloren steht.
Die Antoniterkirche, eine gotische ehemalige Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert, wurde vor zweihundert Jahren die erste evangelische Kirche in Köln. Heute ist sie die evangelische Citykirche mit vielen besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Den ganzen Tag über ist sie für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Wenn man hineingeht, kommt man in einen schlichten, ruhigen Raum, in dem sich fast immer einige Menschen aufhalten. Touristen, die sich die Kirche ansehen. Wohnungslose, die sich aufwärmen. Passanten mit Einkaufstüten. Manche sitzen still da, beten oder denken nach.

„Wir kommen eigentlich immer hier rein, um ein Kerzchen für unsere verstorbenen Eltern aufzustellen. Ja, weil wir sehr häufig hier in der Ecke sind und dann – ja, und auch um die Andacht hier zu hören.“

Die meisten Besucher und Besucherinnen der Antoniterkirche zieht es direkt zu der Figur im linken Seitenschiff, dem bedeutendsten Kunstwerk hier.

Antoniterkirche.jpg

Die Antoniterkirche, Köln

„Die bewegt mich, die bewegt mich immer, jedes Mal, wenn ich hier bin – deswegen komm ich hauptsächlich auch hierhin. Denn so ist die irgendwie etwas, so etwas – ja von der Seele her beruhigendes. Was bedeutet Ihnen dieser Engel? Ja, Trauer, Trauer. Also viel Trauer bedeutet der mir. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Der hat so was von Freiheit – so irgendwie: Zufriedenheit strahlt er aus, finde ich. Irgendwie so, so leicht. Ich komme öfter hin nach dem Dienst und schau mir den an. Ich bin jetzt auf dem Nachhauseweg. Manchmal gibt mir die Stätte Zuversicht!“

Unter dem gotischen Gewölbe hängt eine überlebensgroße menschliche Gestalt. Waagerecht schwebt sie in gut zwei Metern Höhe über einer Steinplatte mit den Jahreszahlen 1914–1918 und 1939–1945. Der Rücken ist gerade, streng horizontal gestreckt, in einer kraftvollen und zugleich mühelosen Haltung. Ein langes Gewand, das in weichen Falten nach hinten fließt, bedeckt den Körper bis zu den bloßen Füßen. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Hände liegen unter den Schultern und scheinen sie zu tragen. Den Kopf hält der Schwebende hoch erhoben, das Gesicht nach vorne gerichtet, wie auf etwas unsichtbar Gegenwärtiges.

Ernst Barlach01.jpg

Ernst Barlach (noch ganz jung)

„Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut es so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre.“

Das schrieb der Bildhauer Ernst Barlach an seinen Bruder, wenige Tage nachdem der Schwebende zum ersten Mal öffentlich in einer Kirche zu sehen war, an dem Ort, für den Barlach ihn geschaffen hatte. Allerdings war das nicht hier in der Kölner Antoniterkirche, sondern im Dom von Güstrow in Mecklenburg. Wie der Barlach-Engel später nach Köln gelangte, und wie es kommt, dass es ihn überhaupt noch gibt, das soll hier erzählt werden. Die Musik, die Sie dazu hören, heißt „Orgelmusik für den Schwebenden“. Johannes Quack, Kantor der Antoniterkirche in Köln, hat sie zusammengestellt und eingespielt.

Alles begann 1926 in der mecklenburgischen Stadt Güstrow. Hier lebte der damals schon weltberühmte Künstler Ernst Barlach: Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller. Der Dom von Güstrow, ein gotischer Backsteinbau, wurde 1926 700 Jahre alt. Aus diesem Anlass plante die Domgemeinde, ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs zu errichten. Die Verantwortlichen dachten eigentlich an einen großen Findling mit Kreuz und Inschrift, wie man sie damals an vielen Orten aufstellte.
Antje Löhr-Sieberg arbeitet an der Antoniterkirche in Köln. Sie leitet oft Führungen und stellt Besuchern den Barlach-Engel vor –sie kennt seine Geschichte:

„Barlach kam des Wegs und er hörte von diesem Plan und sagte zu zwei Pastoren: Das könnt ihr gar nicht machen – ihr könnt nicht vor dieses gewaltige Bau-Kunstwerk einen Findling setzen. Und wenn ihr kein Geld habt, so ist das kein Grund, es zu tun, denn Armut verewigt man nicht. So. Man ging auf Barlach zu und fragte ihn: Ja, was würden Sie denn machen? Und Barlachs kurze Antwort war: Ja, da müsste mir mal etwas einfallen. Und er deutete schon an mit seinem Krückstock im Dom, in welcher Ecke er etwas platzieren wollte; und er ging nach Hause und er holte sich Zeichnungen aus den Jahren 1910 bis 1917 hervor. Da hatte er zum ersten Mal schwebende Figuren – meist flügellos – in Kohle gezeichnet. Und eine dieser Kohlezeichnungen nahm er zum Vorbild, zunächst für die Entwurfszeichnungen.“

„Es ist schon eigentümlich, dass er schwebt!“ Na ja, er wirkt von hier aus sehr leicht – man sieht ja nicht, dass er aufgehängt ist, das sieht man infolge dieser dunklen Fenster hinten nicht, und allein das Gefühl, er schwebt hier im Raum.“

Der Engel wirkt wie ein Traumbild: von gleitender Bewegung und gleichzeitiger Stille. Trotz seiner schweren metallenen Materie scheint er – der Erdlast enthoben – jenseits von Raum und Zeit zu schweben.

„Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“

Das Gesicht ist ebenmäßig geformt, fast symmetrisch, mit klaren, einfachen Linien. Dennoch ganz menschlich, fühlend, lebend. Die Augen und der Mund sind geschlossen. Und doch scheint der Schwebende etwas zu sehen: in einer inneren Schau. Was haben seine Augen gesehen? Welche Worte verschließt sein Mund? Dieses Gesicht verweigert der Trauer einen leichten Trost. Es zieht die Betrachtenden hinein in eine meditative Begegnung mit der Erinnerung und dem Schmerz.

Ernst Barlach02.jpg

Ernst Barlach, 1928

In dem Gesicht des Schwebenden erkennen viele Betrachter das Abbild einer anderen Künstlerin, Barlachs Zeitgenossin und Bildhauer-Kollegin Käthe Kollwitz. Antje Löhr-Sieberg:

„Dazu muss man nur wissen, dass Barlach zu dieser Feststellung der Betrachter gesagt hat: Die Züge von Käthe Kollwitz sind mir da so hereingekommen. Hätte ich mir das vorgenommen, so wäre es mir nicht gelungen. Und das zeigt natürlich, wie unendlich viel Gefühl Ernst Barlach hatte, indem er das so nachvollziehen konnte: das Gesicht von Käthe Kollwitz, einer Frau, die zu der Zeit einen ihrer Söhne im 1. Weltkrieg verloren hatte und deshalb wahrscheinlich auch so diesen nachdrücklichen Eindruck hinterließ.“

1914 bis 1918 – im 1. Weltkrieg starben annähernd 20 Millionen Menschen. Ernst Barlach hatte den Krieg, wie so viele Deutsche, anfangs begrüßt. Später, im Lauf des Krieges wurde sein Blick kritischer. Er setzte sich mit dem Leid und dem Grauen auseinander, das der Krieg über die Menschen bringt. Diese Auseinandersetzung sollte sein Werk nachhaltig prägen.

Selbstportrait.jpg

Selbstportrait, 1928

In den zwanziger Jahren entstanden überall in Deutschland Kriegerdenkmale, Gedenktafeln, Kreuze, Ehrenmale für die im Krieg Verstorbenen, besonders für die Soldaten. Oft von fragwürdigem künstlerischem Wert. Barlach hat für verschiedene Orte Ehrenmale gestaltet. Aber seine Entwürfe entsprachen nicht dem Zeitgeist. So waren sie immer umstritten. Völkische und nationalistische Gruppen, vaterländische Vereine machten Stimmung dagegen. Auch gegen das Ehrenmal von Güstrow, das am 29. Mai 1927 im Dom eingeweiht wurde.

Antje Löhr-Sieberg:
„Natürlich ist es ein Denkmal für die Toten des 1. Weltkriegs, aber in einer Art, die vollkommen neu war. Die Denkmale der damaligen Zeit dienten der Glorifizierung und der Heroisierung der Gestorbenen und sollten für weitere Generationen einen Anreiz geben. Deshalb wurden die Soldaten, so sie denn im Denkmal dargestellt waren, als Helden, als Heroen, als nackte, schöne Kämpfer dargestellt. All dies wollte Barlach nicht. Er hat mit der Engelsfigur ein Denkmal geschaffen, ein Mahnmal, ein Mal zum Nachdenken über die Opfer, über das Leid, und in einer Form, dass das Ganze sehr komprimiert ist, und dass der Engel all diese Erlebnisse, Erfahrungen des Krieges mit Millionen Toten in sich verschlossen hat, ohne dass man erinnert wird an Schreie und gnadenloses Gemetzel, was ja gar nicht dargestellt wird. Er scheint es irgendwo hin zu tragen – jedenfalls so kann man es interpretieren – irgendwohin zu tragen, wo das Leid getröstet wird.“

„Viele Leute schimpfen auf meine Arbeit, aber ich kann ihr Gerede vertragen und der Engel auch, er wird noch nach hundert und mehr Jahren an seinem Platz hängen und hängt regungslos wie heute. Seine Gedanken sind bei den Opfern des Krieges, seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern.“

Der schwebende Engel.jpg

Die Angriffe gegen Barlach verschärften sich ab 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zu einer regelrechten Hetze. Die Nazis und ihre Gesinnungsgefolgschaft forderten unter Berufung auf das so genannte ‚Volksempfinden’, dass Barlachs Werke aus den Museen und der Öffentlichkeit entfernt würden. Barlach wurde als Jude und Bolschewist gebrandmarkt; besonders aggressiv wurden die von ihm geschaffenen Ehrenmale angefeindet. Mit traurigem Erfolg: im April 1937 wurde in Kiel seine Skulptur „Der Geistkämpfer“ abgebaut. Im Juli 1937 zeigte die Ausstellung der Nazis mit dem Hetz-Titel „Entartete Kunst“ in München mehrere Barlach-Werke. Auch in Güstrow wurde kräftig gegen den Barlach-Engel im Dom agitiert, mit Unterschriftensammlungen, offiziellen Eingaben, Auseinandersetzungen auch quer durch die Domgemeinde. An einen Freund schrieb Barlach auf einer Postkarte mit dem Bild des Schwebenden:

„Wie lange noch? Häßlicher Haß legt Eier an diesen Ort, und Klock 12 nachts murmelt was: Nur fort, nur fort mit das.“

Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden fast 400 Werke Barlachs aus Museen und Kirchen oder von Plätzen entfernt. Auch der Domengel von Güstrow wurde abgehängt. Der Künstler notierte lapidar:

„24. August: Das Ehrenmal im Güstrower Dom entfernt.“
Antje Löhr-Sieberg:
„Das war 1937. Er wurde dann 1938 nach Schwerin verbracht. Es war eigentlich allgemein bekannt, dass er zur Verschrottung dorthin geliefert wurde. Er hat dann noch länger in Schwerin – ist er gelagert worden, und zwar erst mal in einem Heim; und dann hat der Bischof die Kiste in seiner Garage lagern lassen. Sie wurde dann unter merkwürdigen Umständen während der Abwesenheit dieses Bischofs aus der Garage entfernt. Und das war 1941 im April. Und man hinterließ eine kurze Quittung – die Fa. Sommerkamp, die den Abtransport machte: „Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler!““

Tatsächlich ist die Skulptur – wohl kurz nach ihrem Abtransport – zerstört und eingeschmolzen worden. Zu der Zeit lebte ihr Schöpfer Ernst Barlach nicht mehr. Er war am 24. Oktober 1938 gestorben.

Der schwebende Engel2.jpg

Das hätte das Ende des Barlach-Engels sein können. Dass er dennoch heute wieder hängt – in Köln und in Güstrow –, das wirkt im Rückblick wie ein kleines Wunder. Wie kam es dazu? In Berlin in der Gießerei Hermann Noack existierte noch das von Barlach modellierte Werkmodell des Schwebenden, nach dem der Bronzeguss hergestellt worden war. Und von diesem Gipsmodell ließen Freunde Barlachs kurz nach seinem Tod – vermutlich 1939 – einen zweiten Guss anfertigen. Der überstand den Krieg, versteckt bei dem Maler Hugo Körtzinger in der Lüneburger Heide.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dieser Zweitguss landete dann schließlich in Schnega, das ist ein kleiner Ort im Wendland in der Lüneburger Heide. Dort wurde er von Herrn Körtzinger höchstpersönlich vom Bahnhof abgeholt. Mitgeliefert wurde der „Geistkämpfer“ aus Kiel. Und Herr Körtzinger ließ diese zwei Plastiken in der Verpackung, d. h. in den Kisten, und stellte sie in einem offenen Schuppen ab. Und dort haben sie den ganzen Krieg überdauert. Bis, wie Körtzinger sagt, die Sieger kamen und ein Schutzschild an die Scheune hefteten, so dass nun nichts mehr zu befürchten war.“

Nach dem Krieg machten sich verschiedene Kunstinteressierte auf die Suche nach dem verschwundenen Barlach-Engel. Bald sprach es sich in der Szene herum, dass bei Hugo Körtzinger dieser zweite Guss existierte. Der Kölner Museumsdirektor Leopold Reidemeister wollte ihn schon 1948 gerne für eine Ausstellung nach Köln holen, zusammen mit dem Kieler „Geistkämpfer“. Hugo Körtzinger aber reagierte nicht auf Anfragen. Er nahm die beiden Barlachfiguren offensichtlich als Pfand für gewisse finanzielle Forderungen gegenüber den Erben und Freunden Barlachs. So blieben sie vorerst in seinem Gewahrsam.

Antje Löhr-Sieberg’:
„Im Jahr 1951 wurde der Engel auf dem kleinen Kunstmarkt zum Kauf angeboten, und zwar wurde er den Museen in Bremen, Hamburg, Köln und in der Baseler Kunsthalle angeboten. Das war natürlich der Moment, in dem Reidemeister nun zum zweiten Mal versuchte, den Engel zu bekommen. Und tatsächlich gelang es ihm. Die Voraussetzung war, dass der Engel – also er sollte verkauft werden, er sollte so viel bringen, dass das Geld ausreichte für einen Drittguss für Güstrow und für 4000 DM, die Herr Körtzinger verlangte. Reidemeister war klar, dass dieser Engel in diese Kirche hier, in die Antoniterkirche gehörte: eine evangelische Kirche mit einem sehr schönen Aufstellungsort, so etwa, wie Barlach es auch gefordert hatte für den Engel.“

Doch erst einmal musste das Geld dafür aufgetrieben werden. Denn die Gemeinde war arm. Eine große Spendenaktion, hauptsächlich bei Kölner Versicherungen und Banken und anderen Sponsoren, brachte die Kaufsumme zusammen, um den Schwebenden nach Köln zu holen.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dann, um den Drittguss für Güstrow herzustellen, machte man in Schnega, dort, wo der Zweitguss im Krieg gelagert hatte, … eine erneute Abformung, und diese Form wurde nach Berlin geschickt, und von dieser zweiten Form wurde nun der Drittguss für Güstrow hergestellt. Der Engel, der hier nach Köln kam, musste für kurze Zeit in der Eigelsteintorburg untergebracht werden, weil die Kirche noch nicht ganz fertig war nach all den Umbauarbeiten. Aber im Mai 1952 war die Wiedereinweihung dieser Kirche und gleichzeitig die Weihe des nun in Köln befindlichen Barlach-Engels.“

Dass der Barlach-Engel auch wieder in den Dom zu Güstrow zurückkehren sollte, war ausgemachte Sache. Aber damals, 1952, war das nicht einfach umzusetzen. Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer. Anlässlich einer Barlach-Ausstellung in der Akademie der Künste gerieten die Werke Barlachs ins Visier der staatlichen Kritik. Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent. Das änderte sich erst, als Bertolt Brecht sich eindeutig für Barlachs Werk einsetzte:

„Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken.“

Antje Löhr-Sieberg:
„Es gab dann noch einige Probleme mit der Einreise des Engels, es hat Monate gedauert. Aber 1953 war er dann doch sicher in Güstrow gelandet. Gleichzeitig wurde Barlachs Nachlass beschlagnahmt, aber im selben Jahr wieder freigegeben.“

Der schwebende Engel3.jpg

Der schwebende Engel in Güstrow

Im März 1953 konnte Barlachs Domengel endlich wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren – 26 Jahre nach seiner ersten Einweihung als Mahnmal gegen den Krieg. So hängt er nun seit über fünfzig Jahren in Güstrow wie in Köln. Hier wie dort von wird er von vielen Menschen aufgesucht, die vor ihm beten, meditieren, nachdenken.
Bleibt noch nachzutragen, dass tatsächlich noch ein weiterer, ein vierter Guss des Schwebenden existiert. Diese Figur ist 1987 entstanden und hängt heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum. Ob der Barlach-Engel aber in einem Museum am richtigen Ort ist? Ich vermute, dass er dort nicht die Wirkung hat wie im Dom von Güstrow, für den er geschaffen wurde, oder in der Antoniterkirche in Köln, in die er durch die verworrenen Wege der Geschichte gelangte.

Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ernst Barlach hat diesem uralten Bild eine neue, zeitgemäße Form gegeben. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist sein Werk uns erhalten geblieben. Dieser Engel, so stumm und verschlossen er ist, spricht auch heute Menschen an. Wenn ich ihn betrachte, werde ich erinnert an die Geschichte des 20. Jahrhunderts: eine Geschichte voll Leid und Schrecken – seine eigene Geschichte. Still und konzentriert mahnt er gegen Krieg und Gewalt. Und zugleich gibt er mir Raum für mein eigenes Erinnern und Besinnen. Schwebend zwischen Erde und Himmel berührt er in mir den Glauben daran, dass alle Trauer, jedes Leid, dass meine Sehnsucht und Hoffnung aufgehoben sind bei dem, von dem dieser Engel schweigend erzählt.

Auf dieser CD „Der Engel – Musik für den ‚Schwebenden‘ von Ernst Barlach“ hat also Johannes Quack, Organist der Kölner Antoniterkirche, an der dortigen Peter-Orgel elf Orgelkompositionen aus drei Jahrhunderten zum Thema „Engel“ zusammengestellt. Und damit seine musikalische Verbeugung vor dieser berühmte Skulptur und wohl auch der Geschichte dieser Skulptur geleistet.

Johannes Quack.jpg

Johannes Quack

Johannes Quack wurde 1959 im niederrheinischen Anrath geboren. Nach dem Abitur studierte er evangelische Kirchenmusik bei Johannes Geffert an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Nach dem staatlichen A-Examen legte er bei Prof. Hans-Dieter Möller das Konzertexamen Orgel ab. Es folgten weiterführende Studien in London bei Nicolas Kynaston. Von 1988-1990 war er Kantor der Martin-Luther-Kirche in Bad Orb, seit 1990 ist er Kirchenmusiker an der Antoniterkirche in Köln. An der Musikhochschule Düsseldorf hat er einen Lehrauftrag für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel. Konzertreisen führten ihn nach England, Schweden, Dänemark, Italien, in die Niederlande und in die USA. (Quelle: Begleitheft der CD)

Engel stehen im Mittelpunkt der 19 Orgelwerke umfassenden CD, die in erster Linie dem Künstler Ernst Barlach gewidmet ist. Die Kölner Antoniterkirche beherbergt nämlich seit dem Jahre 1952 den Zweitguss des berühmten „Schwebenden Engels“ von Ernst Barlach. Dieser wurde 1927 ursprünglich für den Güstrower Dom geschaffen.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk allerdings als „Entartete Kunst“ eingestuft und eingeschmolzen. Engen Freunden von Ernst Barlach ist es zu verdanken, dass zuvor noch ein Zweitguss hergestellt und somit das Kunstwerk für die Nachwelt gesichert werden konnte.

„Das Motiv der Engel tritt aber nicht nur mit dem „Schwebenden“ in der Kirche auf. In der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament, finden sich immer wieder Hinweise auf diese Himmelsbotschafter. Viele Komponisten haben sich daher dieser Motive angenommen und unterschiedliche Werke entstehen lassen“, erklärt Johannes Quack einen der Beweggründe für die musikalische Auswahl und Zusammenstellung des Tonträgers.

Hüllentext.jpg

Quack eröffnet den gut 75-minütigen Hörgenuss mit dem „Dettinger Te Deum“ von Georg Friedrich Händel und lässt nach einem Zwischenspiel von Siegfrid Karg-Elert fünf Variationen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ von Johann Sebastian Bach erklingen. Feinfühlig und überaus harmonisch fließen die einzelnen Varianten ineinander über.

Und trotzdem geben die unterschiedlichen Registrierungen einen Einblick in die tonale Vielfalt der 1969 von Willi Peter erbauten Orgel wieder. Einen zentralen Punkt stellen die Toccata sowie die Fuge über „Das schlimme Jahr“ des zeitgenössischen Komponisten André Asriel dar.

Das musikalische Werk entstand als Filmmusik zu einer 1966 aufgezeichneten filmischen Dokumentation über die letzten Jahre des Künstlers Ernst Barlach. Unter anderem wurde darin auch das Jahr 1937 ausführliche besprochen, in welchem Barlach mit einem Ausstellungsverbot belegt und der „Schwebende“ aus dem Güstrower Dom entfernt wurde.

Johannes Quack2

Schon in der Musik spiegeln sich die innere Zerissenheit und die künstlerische Gefangenschaft von Ernst Barlach wider. Dissonante und gebrochene Akkorde prallen aufeinander und selbst in der Schlusssequenz ist keinerlei Optimismus oder Hoffnung zu erkennen.

Neben klassischen Engel-Motiven der Orgelliteratur wagt Johannes Quack mit seiner CD „Der Engel“ aber auch einen Schritt in die Moderne und improvisiert über das Stück „Angel Eyes“, das unter anderem durch den britischen Sänger Sting bekannt geworden ist. Eine überaus gelungene Verbindung zwischen Tradition und Moderne, so wie die gesamte CD. (Quelle: general-anzeiger-bonn.de)

Ich sag´s mal so: Auch wenn mir dieser Engelskult der christlichen Kirchen mehr als fremd ist, musikalisch ist dieses Album mehr als gehaltvoll. Von federleicht bis hin zu ganz schön mächtig … erklingt da diese Orgel, die zwar nicht alt-ehrwürdig ist (erbaut 1969) aber einen großartigen Klang aufweisen kann.

Selten, dass eine Skulptur nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zeitgeschichtlich eine solche Bedeutung haben kann.

Und das auch noch: Das ich diese Skulptur und ihre Geschichte entdecken durfte, habe ich einzig und allein der Graugans zu verdanken, die mir den dringenden Tipp gab, bei meinem Wochenende in Köln diese Kirche mal aufzusuchen … Vielen Dank !

BackCover1.jpg

Besetzung:
Johannes Quack (organ)

Booklet04A.jpg

Titel:

Georg Friedrich Händel
01. To Thee Cherubim, aus dem „Dettinger Te Deum“ 3.36

Sigfrid Karg-Elert:
02. Saluto angelico, aus „Cathedral Windows“. op. 106 / 4.30

Johann Sebastian Bach: Einige kanonische Veränderungen über das Weihnachtslied. Vom Himmel hoch. BWV 769,
03. Variation 1 -im Kanon der Oktave 1.26
04. Variation 2 -im Kanon der Quinte 1.32
05. Variation 3 -im Kanon der Septime 2.14
06. Variation 4 -im Kanon der Vergrößerung 3.33
07. Variation 5 -im Gegenkanon der Sexte/Terz/Sekunde und None 3.23

Jan Janca:
08. Kleine Toccata über „Hört, der Engel helle Lieder“ 4.17

Joseph Bonnet:
09. Angelus du soir, aus „Douze Pièces“ op. 10 / 8.14

Johannes Weyrauch: Unüberwindlich starker Held, aus „Sieben Partiten für Orgel“:
10.  I. Introitus 1.11
11. II. Kanon 1.06
12. III. Fuge 2.48
13. IV. Passacaglia 1.55
14. V. Choral 1.05

Engelbert Humperdinck:
15. Abendsegen-Fantasie, aus „Hänsel und Gretel“ 10.08

André Asriel:
16. Toccata und Fuge über „Das schlimme Jahr“ von Ernst Barlach 7.30

Théodore Dubois:
17. In Paradisum, aus „Douze Pièces Nouvelles“ 4.17

Charles Tournemire:
18. Improvisation sur le „Te Deum“ 7.29

Johannes Quack:
Improvisation über „Angel Eyes“ (Dennis / Brent) 3.16

CD1.jpg

*
**

Ernst Barlach03.jpg

Ernst Heinrich Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel; † 24. Oktober 1938 in Rostock)

 

Eugen M. Dombois – Die Barocklaute II (1971)

FrontCover1.JPGNeben all den barocken Trompetenklängen weiss ich auch die Lautenmusik dieser Dekade sehr zu schätzen.

Hier dargeboten von dem großem Eugen M. Dombois:

Eugen M. Dombois (eigentlich Eugen Müller, * 15. November 1931 in Gadderbaum-Bethel, heute Bielefeld; † 9. Mai 2014 in der Nähe von Basel) war ein deutsch-schweizerischer Lautenist.

Eugen Dombois wurde als Sohn des Pädagogen Georg Müller geboren. Er studierte zunächst Lehramt Deutsch und Musik, anschließend von 1955 bis 1958 Laute und Gitarre bei Walter Gerwig in Köln. Anschließend wurde er Dozent an der Nordwestdeutschen Musikakademie Detmold und gleichzeitig erfolgreich als konzertierender Künstler.[1] Nach Beendigung seiner aktiven Musikerlaufbahn ging er auf Vorschlag von Paul Sacher 1962 an die Schola Cantorum Basiliensis. Dort gehörten unter anderem Jürgen Hübscher, Paul O’Dette, Rolf Lislevand, Hopkinson Smith, Christina Pluhar und der deutsche Lautenist und Pädagoge Stefan Lundgren zu seinen Studenten. (Quelle: wikipedia)

Und anlässlich seines Todes veröffentlichte dann die schweizerische Zeitung „Tageswoche“ (Basel) folgenden Nachruf:

Eugen M. Dombois01Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis trauern um Eugen M. Dombois. Der Musiker und Lehrer verstarb am 9. Mai im Alter von 83. Jahren.

Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis trauern um Eugen M. Dombois. Der Musiker und Lehrer verstarb am 9. Mai im Alter von 83. Jahren.

Am 9. Mai 2014 ist der Lautenist Eugen M. Dombois im 83. Altersjahr in der Nähe von Basel verstorben. Mit ihm verliert die Alte Musik einen feinsinnigen Musiker sowie einen höchst erfolgreichen Dozenten an der Schola Cantorum Basiliensis, wie an der illustren Reihe seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler abzulesen ist. Dazu gehören Toyohiko Satoh, Hopkinson Smith, Jürgen Hübscher, Paul O’Dette, Rolf Lislevand, Karl-Ernst Schröder (+), Robert Barto, Joachim Held, Peter Croton, Christina Pluhar und viele andere.

Eugen M. Dombois wurde am 15. November 1931 in Bethel bei Bielefeld geboren. Sein Vater, Georg Müller, war ein bekannter Pädagoge. Nach einer Ausbildung zum Realschullehrer (Deutsch, Musik), studierte Dombois 1955-1958 Laute und Gitarre bei Walter Gerwig in Köln, einem Lautenisten der ersten Stunde in der Historischen Musikpraxis. Anschliessend war er Dozent an der Nordwestdeutschen Musik-Akademie Detmold und begann zu gleicher Zeit eine erfolgreiche internationale Karriere als konzertierender Künstler.

Eine Beeinträchtigung der Hand zwang ihn leider vorzeitig zum Verzicht auf das öffentliche Konzertieren. Bereits 1962 wurde er von Paul Sacher an die Schola Cantorum Basiliensis berufen und entfaltete dort seine äusserst fruchtbare Lehrtätigkeit bis zur Pensionierung 1996. In Basel fand er auch eine familiäre Heimat und lebte bis zuletzt im Einzugsbereich der Stadt.

Eugen M. Dombois hatte hohe Ansprüche an seine Kunst, die er den Studierenden eindringlich vermittelte. Vor allem lag ihm daran, das Lautenspiel vom Erbe der Gitarre zu befreien und in seiner spezifischen historischen Qualität wieder zu gewinnen. Es gelang ihm auf diese Weise, seine Klasse an der Schola Cantorum Basiliensis als internationales Zentrum des Lautenspiels zu etablieren.

Eugen M. Dombois03.jpg

Sein kritischer Geist und sein geschliffener Umgang mit dem Wort machten ihn zu einem stets ebenso anregenden wie anspruchsvollen Gesprächspartner. Ein spekulativer Aufsatz (zusammen mit Véronique Daniels) über ein enigmatisches italienisches Tanztraktat des 15. Jahrhunderts erschien im Basler Jahrbuch für Historische Musikpraxis 1990 und zeigt diese Seite seiner Persönlichkeit auf eindrucksvolle Weise.

Eugen M. Dombois wird einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie der Alten Musik behalten und untrennbar mit der Wiederbelebung des historisch orientierten Lautenspiels verbunden bleiben. Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis nehmen mit Trauer und in Dankbarkeit Abschied von diesem bedeutenden Musiker und Lehrer, Kollegen und Freund. (Thomas Drescher)

Und wir hören eine sehr stille, sehr leise, sehr intime Musik (komponiert von Bach und dann tauchen auch noch so rätselhafte Namen wie Johann Gottfried Conradi und Sylvius Leopold Weiss auf)  … und dann kann sich dann schon sowas wie eine sehr ruhige und friedfertige Stimmung einstellen … oftmals gerade richig in dieer hektischen und unruhigen Zeit.

Ich würde diese LP z.B. der Andrea Nahles empfehlen … denn muss sich jetzt völlig neu sortieren …

BackCover1.JPG

Besetzung:
Eugen M. Dombois (lute)

Booklet1.JPG

Titel:

Johann Sebastian Bach: Suite G-Moll für Laute BWV 995:
01. Präludium 6.36
02. Allemande 5.18
03. Courante 2.24
04. Sarabande 2.47
05. Gavotte I 2.34
06. Gavotte II (Gavotte en Rondeau) 3.00
07. Gigue 2.40

Johann Gottfried Conradi: Suite In C Major:
08. Prélude 2.32
09. Allemande 3.56
10. Courante 2.21
11. Menuet 1.28
12. Gigue 2.20

Sylvius Leopold Weiss:
13. Tombeau Sur La Morte De Mr. Comte De Logy 8.52

LabelB1.JPG

*
**

Inlets.jpg

Die inlets der LP

Eugen M. Dombois02

Eugen M. Dombois * 15. November 1931 – † 9. Mai 2014)