Matthias Dreißig – An der Schuke-Orgel (Predigerkirche Erfurt) (2005)

Interessant, dass diverse Orgel-Alben stets in Verbindung mit dem jeweiligen Orgelerbauer gebracht werden. So auch hier:

Die Alexander Schuke Potsdam Orgelbau GmbH ist eine deutsche Orgelbaufirma aus Potsdam.

Das Unternehmen wurde 1820 durch den Orgelbauer Gottlieb Heise in Potsdam gegründet. Im Jahr 1848 übernahm sein Schüler Carl Ludwig Gesell die Firmenleitung, zunächst zusammen mit Gustav Schulz, der sich aber bald selbstständig machte. Ab 1868 übernahm der Sohn Carl Eduard Gesell die Führung. Als dieser 1894 kinderlos starb, kaufte Alexander Schuke das Unternehmen, das er in der Folgezeit zu einer der bekanntesten Orgelbaufirmen machte. Nach seinem Tod 1933 leiteten die beiden Söhne, Karl Ludwig Schuke und Hans Joachim Schuke, das Unternehmen gemeinsam.

1950 entschieden die beiden Brüder, in Berlin eine zweite Orgelbauwerkstatt zu gründen. Die damalige politische und wirtschaftliche Situation im Nachkriegs-Deutschland ließ es ratsam erscheinen, im Fall sich wirtschaftlich weiter einengender Verhältnisse im Westteil Berlins eine betriebsbereite Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Hans-Joachim Schuke führte die Potsdamer Firma, die weiter in Privathand war, allein weiter. Karl Schuke nahm mit seinem Umzug 1953 nach Berlin die Gelegenheit wahr, die Berliner Werkstatt vom Potsdamer Betrieb zu trennen und führte sie SchukeOrgelunter dem Namen Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH weiter. 1972 wurde das Unternehmen in der DDR enteignet und als VEB Potsdamer Schuke Orgelbau weitergeführt. Orgelbaumeister Matthias Schuke, seit 1974 Mitarbeiter, reprivatisierte 1990 im Zuge der ökonomischen und politischen Wende das Unternehmen erfolgreich und ist seit dieser Zeit Inhaber und Geschäftsführer.

2004 bezog das Unternehmen ein neues Werkstattgebäude in den Havelauen in Werder (Havel).

Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Auslieferung von Orgelneubauten in die Ukraine und nach Russland sowie von Zahlungsausfällen aus diesen Ländern musste die Firma im November 2014 Insolvenz anmelden. Aus Solidarität mit der traditionsreichen Orgelbaufirma zogen einige Kunden geplante Aufträge vor. Der Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorf, der das Unternehmen saniert, geht davon aus, dass die Alexander Schuke Orgelbau GmbH Mitte des Jahres 2015 wieder auf eigenen Füßen stehen wird.

Alexander Schuke baute zunächst die Kegellade, die er bei seinem Lehrmeister Eduard Gesell kennengelernt hatte. In solider Konstruktion verband er diese Technik mit der Röhrenpneumatik. Bald entwickelte sich die Firma neben Dinse und Sauer zu einem der führenden Orgelbauunternehmen in Brandenburg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die elektrische Traktur standardmäßig eingeführt. Im Zuge der Orgelreformbewegungen unter Albert Schweitzer und Hans Henny Jahnn orientierte Schuke sich jedoch wieder an den Prinzipien des klassischen Orgelbaus und kehrte zur mechanischen Schleiflade zurück. Ende der 1950er Jahre wurden die ersten Restaurierungen historischer Instrumente durchgeführt. Inzwischen ist das Unternehmen durch bedeutende Restaurierungen hervorgetreten, so bei der Scherer-Orgel in Tangermünde (1624) und den Wagner-Orgeln in Brandenburg an der Havel (1725) und Angermünde (1744). In Zusammenarbeit mit Schuke entwickelt die Universität Potsdam Messverfahren, mit denen die originalgetreue Klanggebung historischer Orgelpfeifen ermittelt werden kann.

Die Opus-Liste umfasst 627 Orgelneubauten zwischen 1895 und 2011. Hinzu kommen mehr als 60 Restaurierungen, deren Anteil seit dem Ende der 1990er Jahre stark zugenommen hat, sowie etliche Umbauten und Erweiterungen bestehender Werke. (Quelle: wikipedia)

Und auf der Schuke Orgel in der Predigerkirch zu Erfurt verzaubert uns Matthias Dreißig mit machtvollen Orgelklängen, die, ja, die ich immer wieder aufs neue liebe.

MathiasDreissig
Und allein seine Kurzvita ist beeindruckend:

1979 – 1984 Studium der Kirchenmusik an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar bei Prof. Rainer Böhme

1984 – 1988 Zusatzstudium im Rahmen der Absolventenförderung bei KMD Prof. Johannes Schäfer

1983 Teilnahme an den Prager Meisterkursen

1984 Diplom und 4. Platz beim Internationalen Orgelwettbewerb „Prager Frühling“

seit 1984 Dozent für Orgel an der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Halle/Saale

1985 – 1994 Kantor in Bad Frankenhausen/Kyffh.

seit 1994 Organist der Predigerkirche Erfurt

seit 1995 Lehrauftrag für Orgel an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar

2000 Verleihung des Titels „Kirchenmusikdirektor“

2005 Berufung zum Honorarprofessor an die Musikhochschule „Franz Liszt“ Weimar

rege Konzerttätigkeit im In-und Ausland (Tschechien, Schweiz, Italien, Rumänien, Frankreich, Polen, Russland, Finnland, Dänemark, Litauen)

Also … lausche, wer lauschen kann (und mag) und lese, wer lesen kann (*g*), denn im Begleitheft findet man eine Fülle von Informationen zu den einzelnen Werken.

Booklet01ABesetzung:
Matthias Dreißig

Booklet12A

Titel:

Johann Sebastian Bach:

Präludium und Fuge c-moll BWV 546:
01. Präludium 7.30
02. Fuge 6.29

Aus dem Dritten Teil der „Clavier-Übung“

03. „Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit“ BWV 669, 3.00
04. „Christe, aller Welt Trost“ BWV 670, 4.59
05. „Kyrie, Gott heiliger Geist“ BWV 671, 4.57

Felix Mendelssohn Bartholdy:

Sonate Nr. 1 f-moll, op. 65
06. Allegro moderato e serioso, 5.55
07. Adagio, 3.34
08. Andante – Rezitativ, 3.58
09. Allegro assai vivace, 03:33

Johann Pachelbel:
10. Ciacona f-moll, 8.39

Sigfrid Karg-Elert:

Passacaglia und Fuge über B-A-C-H, op. 150
11. Passacaglia, 14.45
12. Fuge, 07:26

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Karl Richter + Albert de Klerk – Norddeutsche Arp Schnitger Orgeln (1972)

FrontCover1Die Freunde klassischer (barocker) Orgelmusik schnalzen vermutlich mit der Zunge, wenn sie den Namen Arp Schnitger hören:

Arp Schnitger (* 1648, vermutlich in Schmalenfleth; getauft am 9. Juli 1648 in Golzwarden, heute Brake; begraben 28. Juli 1719 in Neuenfelde, heute Hamburg) war einer der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit und der Vollender der norddeutschen Barockorgel. Sein Wirkungskreis erstreckte sich über Nordeuropa, wo er über 100 Orgelneubauten schuf und stilbildend war. Neben der Hauptwerkstatt in Hamburg arbeiteten Gesellen und Mitarbeiter in Filialen zwischen Groningen und Berlin, um von dort aus neue Orgeln zu errichten oder ältere Werke zu unterhalten oder umzubauen. Schnitger konzipierte seine Werke mit rauschenden Mixturen und starken Bässen zum einen für die Begleitung des Gemeindegesangs. Zum anderen dienten sie der Darstellung der norddeutschen Orgelschule, die sich in den von der Kaufmannschaft organisierten Abendmusiken der Hansestädte entfalten konnte. Etwa 30 seiner Instrumente sind in ihrer Grundsubstanz noch erhalten.

ArpSchnitger01

Eigenhändiger Namenszug „Arp Schnitger Orgelmacher“ mit manu propria

Und auch die Akteure an den Schnitger Orgeln haben/hatten einen klangvollen Namen:

Karl Richter (* 15. Oktober 1926 in Plauen; † 15. Februar 1981 in München) war ein deutscher Dirigent, Chorleiter, Organist und Cembalist.

1926 wurde Karl Richter, Sohn eines evangelischen Pfarrers, Kruzianer in Dresden, geboren. Nach dem Krieg studierte er am Konservatorium Leipzig und am Kirchenmusikalischen Institut bei Karl Straube und Günther Ramin und entwickelte sich dort zum Bachinterpreten. 1949 wurde er Thomasorganist. 1951 wechselte er als Kantor an die Markus-Kirche nach München. In München lehrte er an der Musikhochschule und wurde 1956

KarlRichter

Karl Richter

Karl Richter leitete 1968 in Moskau und Leningrad Aufführungen der Johannes-Passion und der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Seine Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzertes führt den musikalischen Teil der Schallplatte Voyager Golden Record an, die als Botschaft der Menschheit an Bord der Sonden Voyager 1 und Voyager 2 unser Sonnensystem verlassen hat. Richter baute seinen Ruf als Bachinterpret kontinuierlich aus. Seine Auffassungen waren dabei durch seine Herkunft aus der Leipziger Schule bestimmt: Vergleichsweise große Instrumental- und Chorbesetzung, von spätromantischer Musiziertradition geprägte Ausdrucksmittel, hochexpressive Gestaltung. Der bereits zu seiner Zeit einsetzenden, musikwissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehenden „historischen Aufführungspraxis“ stand Richter fern. So setzte er durchgehend modernes Instrumentarium ein. Schüler von ihm sind Hedwig Bilgram, Günter Jena, Walther R. Schuster, Albrecht Haupt und Rudolf Kelber. Mit dem Münchner Geiger Otto Büchner (1924-2008) bestand eine besonders gute musikalische und persönliche Partnerschaft.zum Professor ernannt. 1951 übernahm er den Heinrich-Schütz-Kreis, den späteren Münchener Bach-Chor, 1953 das Münchener Bach-Orchester und wurde damit einer der international bekanntesten Bachinterpreten.

Richter starb 1981 an Herzversagen. Er wurde auf dem Friedhof Enzenbühl (FG 81163) in Zürich beerdigt.

Und Albert de Klerk (* 4. Oktober 1917 in Haarlem; † 1. Dezember 1998 ebenda) war ein niederländischer Dirigent, Organist und Komponist.

Albert de Klerk

Albert de Klerk an der Orgel der St.-Bavo-Kirche (Haarlem)

De Klerk komponierte Werke im Bereich der Kammermusik für Orgel, Klavier, Glockenspiel, Chor und Sologesang. Außerdem betätigte er sich als Dirigent und Orgelimprovisator. (Quelle: wikipedia)De Klerk ist der Sohn des Musikers Jos de Klerk (1885–1969), der als sein erster Lehrer auftrat. Albert de Klerk studierte am Conservatorium van Amsterdam Orgelspiel und schloss sein Studium 1939 mit einem Diplom mit der Note summa cum laude ab. Bereits 1934 folgte er auf Hendrik Andriessen als Organist an der St. Joseph-Kirche in Haarlem, ein Amt, das er bis zu seinem Tode hielt. Von 1946 bis 1964 unterrichtete de Klerk Orgel am Institut für Katholische Kirchenmusik Utrecht, bevor er von 1965 bis 1983 als Professor für Orgel am Amsterdamer Konservatorium lehrte. Von 1956 bis 1986 deckte er zusammen mit Piet Kee das Amt des Stadtorganisten von Haarlem ab.

Den Hörer dieser beiden LP´s (die in einer für jene Zeiten typischen LP-Box veröffentlicht wurden) erwarten also hochwertigste Orgelmusik (akustische Beeinträchtigungen – der Zahn der Zeit – eingeschlossen).

Erfreulich, dass sich auch hier neben den Klassiker wie Bach und Buxtehude weitaus unbekanntere Komponisten erklingen: Namen wie Samuel Scheidt, Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann oder Jakob Praetorius sind sicherlich nicht jederman geläufig … erklingen aber dennoch prachtvoll. Wer Ohren hat, der lausche !

Weiß der Teufel warum, aber im Augenblick habe ich wohl meine Orgel-Phase, und von daher werden demnächst weitere Beispiele dieses großartigen Instrumentes folgen.

SchnitgerorgelSteinkirchen

Die Schnitger Orgel in Steinkirchen

Besetzung:
Albert de Klerk (organ bei 05 . -)
Karl Richter (organ bei 01. – 04.)

Booklet1

Titel:

Johann Sebastian Bach:
01. Fantasie G-Dur, BMW 572 (Trés vitement – Gravement – Lentement) 9.43
02. Triosonate Nr. 6 G-Dur, BMV 530 (Vivace – Lento – Allegro) 13.42
03. Triosonate Nr. 3 d-moll, BMV 527 (Andante – Adagio – Vivace) 13.13
04. Pastorale F-Dur, BMV 590 12.28

Dietrich Buxtehude:
05. Präludium und Fuge F-Dur 6.21

Samuel Scheidt:
06. Psalmus „Da Jesus an dem Kreuze stand“ (Choralbearbeitung) 10.23

Jan Pieterszoon Sweelinck:
07. Echofantasie (Fantasia in der Manier eines Echoes) 4.09

Heinrich Scheidemann:
08. Magnificat-Fantasie (im VIII. Ton) 8.52

Jakob Praetorius:
09. Vater unser im Himmelreich (Choralvariationen) 5.20

LabelB1

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BackCover1

Blechbläser des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt – Galeria Musica (2000)

FrontCover1Auch wenn diese CD von der Firma Hoechst veröffentlicht wurde – selten hat mir eine solche CD soviel Freude bereitet und das beginnt bereits bei dem „Brandenburgischem Konzert Nr. 3“ von Johann Sebastian Bach.

Eigentlich handelt es sich ja bei dieser CD um eine Veröffentlichung des rührigen Capriccio Labels, das diesen Blechbläsern aus Frankfurt eine CD spendierte:

Die Blechbläser des hr-Sinfonieorchesters begannen 1986 aus Freude am gemeinsamen Musizieren im Ensemble zu arbeiten. Inzwischen ist aus der Gruppe längst ein profiliertes Brass-Ensemble geworden.

Dank seines virtuosen und homogenen Ensembleklangs – ein Resultat nicht zuletzt auch aus der gemeinsamen Orchesterarbeit – feiert das Ensemble heute weit über die Grenzen Hessens Erfolge. Die regelmäßige Zusammenarbeit mit führenden Persönlichkeiten der Blechbläser-Kammermusik, wie Philip Jones (London), Edward H. Tarr (Basel), Jiggs Whigham (Köln) und Lutz Köhler (Hannover), hat das spezifische Profil des Ensembles maßgeblich mitgeprägt.

Die Besetzung der hr-brass ist sehr flexibel; sie variiert vom Sextett bis hin zu neunzehn Musikern (6 Trompeten, 4 Hörner, 3 Posaunen, 3 Tuben und 3 Schlagzeuger). So gehören die großen venezianischen Meister Gabrieli und Frescobaldi ebenso selbstverständlich zum Repertoire wie etwa Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, Camille Saint-Saëns‘ Karneval der Tiere oder Händels Feuerwerksmusik. Eine Reihe von CDs dokumentiert das breite musikalische Spektrum des Ensembles.(Quelle: hr-online.de)

Und was erwartet einen bei diesen Aufnahmen: Ein glasklaren und wundervoller Klang von Blechblas-Instrumenten … da könnte man glatt die ganze Welt umarmen, so traumhaft schön ist diese Musik … diese Musik anzuhören ist eigentlich fast ne Pflicht !

Blechbläser

Besetzung:
hr brass unter der Leitung von Lutz Köhler

Booklet02
Titel:
01. Johann Sebastian Bach: Brandenburgisches Konzert No. 3
02. Henry Purcell:
02.1. Fantasy upon one note
02.2 Fantasy in Nomine a‘ 6,
02.3. Fantasy in Nomine a‘ 7,
03. Aaron Copland: Fanfare For The Common Man
04. Elliot Carter: Fantasy Upon One Note From Purcell,
05. Samuel Barber: Mutations From Bach „Christe, du Lamm Gottes,
06. Georg Friedrich Händel: Feuerwerkmusik

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Das Original Frontcover

Johannes Quack – Der Engel – Orgelmusik für den Schwebenden von Ernst Barlach (2005)

FrontCover1.jpgDie Entstehung dieses großartigen Orgel-Albums erklärt sich einzig und allein aus der Skulptur „Der schwebende Engel“ von Ernst Barlach; sie hängt in der Antoniter-Kirche, Köln und das ist die Geschichte der Skulptur, erzählt von Pfarrer Jost Mazuch, Köln:

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße Europas. Mitten darauf steht die Antoniter-Kirche, die evangelische City-Kirche von Köln. Hunderte Menschen suchen sie jeden Tag auf – viele wegen der berühmten Bronzefigur, die dort hängt: „Der Schwebende“ von Ernst Barlach, auch „Barlach-Engel“ genannt. Diese Skulptur, einst als Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs geschaffen, hat eine spannende Geschichte.

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße in Europa. Zigtausend Menschen gehen hier täglich entlang, shoppen, flanieren, essen und trinken, gucken in Schaufenster. Und manche von ihnen gehen zwischendurch schnell einmal in die Kirche, die hier – mitten zwischen den Renommierbauten der großen Kaufhäuser ein wenig klein, fast verloren steht.
Die Antoniterkirche, eine gotische ehemalige Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert, wurde vor zweihundert Jahren die erste evangelische Kirche in Köln. Heute ist sie die evangelische Citykirche mit vielen besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Den ganzen Tag über ist sie für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Wenn man hineingeht, kommt man in einen schlichten, ruhigen Raum, in dem sich fast immer einige Menschen aufhalten. Touristen, die sich die Kirche ansehen. Wohnungslose, die sich aufwärmen. Passanten mit Einkaufstüten. Manche sitzen still da, beten oder denken nach.

„Wir kommen eigentlich immer hier rein, um ein Kerzchen für unsere verstorbenen Eltern aufzustellen. Ja, weil wir sehr häufig hier in der Ecke sind und dann – ja, und auch um die Andacht hier zu hören.“

Die meisten Besucher und Besucherinnen der Antoniterkirche zieht es direkt zu der Figur im linken Seitenschiff, dem bedeutendsten Kunstwerk hier.

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Die Antoniterkirche, Köln

„Die bewegt mich, die bewegt mich immer, jedes Mal, wenn ich hier bin – deswegen komm ich hauptsächlich auch hierhin. Denn so ist die irgendwie etwas, so etwas – ja von der Seele her beruhigendes. Was bedeutet Ihnen dieser Engel? Ja, Trauer, Trauer. Also viel Trauer bedeutet der mir. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Der hat so was von Freiheit – so irgendwie: Zufriedenheit strahlt er aus, finde ich. Irgendwie so, so leicht. Ich komme öfter hin nach dem Dienst und schau mir den an. Ich bin jetzt auf dem Nachhauseweg. Manchmal gibt mir die Stätte Zuversicht!“

Unter dem gotischen Gewölbe hängt eine überlebensgroße menschliche Gestalt. Waagerecht schwebt sie in gut zwei Metern Höhe über einer Steinplatte mit den Jahreszahlen 1914–1918 und 1939–1945. Der Rücken ist gerade, streng horizontal gestreckt, in einer kraftvollen und zugleich mühelosen Haltung. Ein langes Gewand, das in weichen Falten nach hinten fließt, bedeckt den Körper bis zu den bloßen Füßen. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Hände liegen unter den Schultern und scheinen sie zu tragen. Den Kopf hält der Schwebende hoch erhoben, das Gesicht nach vorne gerichtet, wie auf etwas unsichtbar Gegenwärtiges.

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Ernst Barlach (noch ganz jung)

„Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut es so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre.“

Das schrieb der Bildhauer Ernst Barlach an seinen Bruder, wenige Tage nachdem der Schwebende zum ersten Mal öffentlich in einer Kirche zu sehen war, an dem Ort, für den Barlach ihn geschaffen hatte. Allerdings war das nicht hier in der Kölner Antoniterkirche, sondern im Dom von Güstrow in Mecklenburg. Wie der Barlach-Engel später nach Köln gelangte, und wie es kommt, dass es ihn überhaupt noch gibt, das soll hier erzählt werden. Die Musik, die Sie dazu hören, heißt „Orgelmusik für den Schwebenden“. Johannes Quack, Kantor der Antoniterkirche in Köln, hat sie zusammengestellt und eingespielt.

Alles begann 1926 in der mecklenburgischen Stadt Güstrow. Hier lebte der damals schon weltberühmte Künstler Ernst Barlach: Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller. Der Dom von Güstrow, ein gotischer Backsteinbau, wurde 1926 700 Jahre alt. Aus diesem Anlass plante die Domgemeinde, ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs zu errichten. Die Verantwortlichen dachten eigentlich an einen großen Findling mit Kreuz und Inschrift, wie man sie damals an vielen Orten aufstellte.
Antje Löhr-Sieberg arbeitet an der Antoniterkirche in Köln. Sie leitet oft Führungen und stellt Besuchern den Barlach-Engel vor –sie kennt seine Geschichte:

„Barlach kam des Wegs und er hörte von diesem Plan und sagte zu zwei Pastoren: Das könnt ihr gar nicht machen – ihr könnt nicht vor dieses gewaltige Bau-Kunstwerk einen Findling setzen. Und wenn ihr kein Geld habt, so ist das kein Grund, es zu tun, denn Armut verewigt man nicht. So. Man ging auf Barlach zu und fragte ihn: Ja, was würden Sie denn machen? Und Barlachs kurze Antwort war: Ja, da müsste mir mal etwas einfallen. Und er deutete schon an mit seinem Krückstock im Dom, in welcher Ecke er etwas platzieren wollte; und er ging nach Hause und er holte sich Zeichnungen aus den Jahren 1910 bis 1917 hervor. Da hatte er zum ersten Mal schwebende Figuren – meist flügellos – in Kohle gezeichnet. Und eine dieser Kohlezeichnungen nahm er zum Vorbild, zunächst für die Entwurfszeichnungen.“

„Es ist schon eigentümlich, dass er schwebt!“ Na ja, er wirkt von hier aus sehr leicht – man sieht ja nicht, dass er aufgehängt ist, das sieht man infolge dieser dunklen Fenster hinten nicht, und allein das Gefühl, er schwebt hier im Raum.“

Der Engel wirkt wie ein Traumbild: von gleitender Bewegung und gleichzeitiger Stille. Trotz seiner schweren metallenen Materie scheint er – der Erdlast enthoben – jenseits von Raum und Zeit zu schweben.

„Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“

Das Gesicht ist ebenmäßig geformt, fast symmetrisch, mit klaren, einfachen Linien. Dennoch ganz menschlich, fühlend, lebend. Die Augen und der Mund sind geschlossen. Und doch scheint der Schwebende etwas zu sehen: in einer inneren Schau. Was haben seine Augen gesehen? Welche Worte verschließt sein Mund? Dieses Gesicht verweigert der Trauer einen leichten Trost. Es zieht die Betrachtenden hinein in eine meditative Begegnung mit der Erinnerung und dem Schmerz.

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Ernst Barlach, 1928

In dem Gesicht des Schwebenden erkennen viele Betrachter das Abbild einer anderen Künstlerin, Barlachs Zeitgenossin und Bildhauer-Kollegin Käthe Kollwitz. Antje Löhr-Sieberg:

„Dazu muss man nur wissen, dass Barlach zu dieser Feststellung der Betrachter gesagt hat: Die Züge von Käthe Kollwitz sind mir da so hereingekommen. Hätte ich mir das vorgenommen, so wäre es mir nicht gelungen. Und das zeigt natürlich, wie unendlich viel Gefühl Ernst Barlach hatte, indem er das so nachvollziehen konnte: das Gesicht von Käthe Kollwitz, einer Frau, die zu der Zeit einen ihrer Söhne im 1. Weltkrieg verloren hatte und deshalb wahrscheinlich auch so diesen nachdrücklichen Eindruck hinterließ.“

1914 bis 1918 – im 1. Weltkrieg starben annähernd 20 Millionen Menschen. Ernst Barlach hatte den Krieg, wie so viele Deutsche, anfangs begrüßt. Später, im Lauf des Krieges wurde sein Blick kritischer. Er setzte sich mit dem Leid und dem Grauen auseinander, das der Krieg über die Menschen bringt. Diese Auseinandersetzung sollte sein Werk nachhaltig prägen.

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Selbstportrait, 1928

In den zwanziger Jahren entstanden überall in Deutschland Kriegerdenkmale, Gedenktafeln, Kreuze, Ehrenmale für die im Krieg Verstorbenen, besonders für die Soldaten. Oft von fragwürdigem künstlerischem Wert. Barlach hat für verschiedene Orte Ehrenmale gestaltet. Aber seine Entwürfe entsprachen nicht dem Zeitgeist. So waren sie immer umstritten. Völkische und nationalistische Gruppen, vaterländische Vereine machten Stimmung dagegen. Auch gegen das Ehrenmal von Güstrow, das am 29. Mai 1927 im Dom eingeweiht wurde.

Antje Löhr-Sieberg:
„Natürlich ist es ein Denkmal für die Toten des 1. Weltkriegs, aber in einer Art, die vollkommen neu war. Die Denkmale der damaligen Zeit dienten der Glorifizierung und der Heroisierung der Gestorbenen und sollten für weitere Generationen einen Anreiz geben. Deshalb wurden die Soldaten, so sie denn im Denkmal dargestellt waren, als Helden, als Heroen, als nackte, schöne Kämpfer dargestellt. All dies wollte Barlach nicht. Er hat mit der Engelsfigur ein Denkmal geschaffen, ein Mahnmal, ein Mal zum Nachdenken über die Opfer, über das Leid, und in einer Form, dass das Ganze sehr komprimiert ist, und dass der Engel all diese Erlebnisse, Erfahrungen des Krieges mit Millionen Toten in sich verschlossen hat, ohne dass man erinnert wird an Schreie und gnadenloses Gemetzel, was ja gar nicht dargestellt wird. Er scheint es irgendwo hin zu tragen – jedenfalls so kann man es interpretieren – irgendwohin zu tragen, wo das Leid getröstet wird.“

„Viele Leute schimpfen auf meine Arbeit, aber ich kann ihr Gerede vertragen und der Engel auch, er wird noch nach hundert und mehr Jahren an seinem Platz hängen und hängt regungslos wie heute. Seine Gedanken sind bei den Opfern des Krieges, seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern.“

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Die Angriffe gegen Barlach verschärften sich ab 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zu einer regelrechten Hetze. Die Nazis und ihre Gesinnungsgefolgschaft forderten unter Berufung auf das so genannte ‚Volksempfinden’, dass Barlachs Werke aus den Museen und der Öffentlichkeit entfernt würden. Barlach wurde als Jude und Bolschewist gebrandmarkt; besonders aggressiv wurden die von ihm geschaffenen Ehrenmale angefeindet. Mit traurigem Erfolg: im April 1937 wurde in Kiel seine Skulptur „Der Geistkämpfer“ abgebaut. Im Juli 1937 zeigte die Ausstellung der Nazis mit dem Hetz-Titel „Entartete Kunst“ in München mehrere Barlach-Werke. Auch in Güstrow wurde kräftig gegen den Barlach-Engel im Dom agitiert, mit Unterschriftensammlungen, offiziellen Eingaben, Auseinandersetzungen auch quer durch die Domgemeinde. An einen Freund schrieb Barlach auf einer Postkarte mit dem Bild des Schwebenden:

„Wie lange noch? Häßlicher Haß legt Eier an diesen Ort, und Klock 12 nachts murmelt was: Nur fort, nur fort mit das.“

Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden fast 400 Werke Barlachs aus Museen und Kirchen oder von Plätzen entfernt. Auch der Domengel von Güstrow wurde abgehängt. Der Künstler notierte lapidar:

„24. August: Das Ehrenmal im Güstrower Dom entfernt.“
Antje Löhr-Sieberg:
„Das war 1937. Er wurde dann 1938 nach Schwerin verbracht. Es war eigentlich allgemein bekannt, dass er zur Verschrottung dorthin geliefert wurde. Er hat dann noch länger in Schwerin – ist er gelagert worden, und zwar erst mal in einem Heim; und dann hat der Bischof die Kiste in seiner Garage lagern lassen. Sie wurde dann unter merkwürdigen Umständen während der Abwesenheit dieses Bischofs aus der Garage entfernt. Und das war 1941 im April. Und man hinterließ eine kurze Quittung – die Fa. Sommerkamp, die den Abtransport machte: „Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler!““

Tatsächlich ist die Skulptur – wohl kurz nach ihrem Abtransport – zerstört und eingeschmolzen worden. Zu der Zeit lebte ihr Schöpfer Ernst Barlach nicht mehr. Er war am 24. Oktober 1938 gestorben.

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Das hätte das Ende des Barlach-Engels sein können. Dass er dennoch heute wieder hängt – in Köln und in Güstrow –, das wirkt im Rückblick wie ein kleines Wunder. Wie kam es dazu? In Berlin in der Gießerei Hermann Noack existierte noch das von Barlach modellierte Werkmodell des Schwebenden, nach dem der Bronzeguss hergestellt worden war. Und von diesem Gipsmodell ließen Freunde Barlachs kurz nach seinem Tod – vermutlich 1939 – einen zweiten Guss anfertigen. Der überstand den Krieg, versteckt bei dem Maler Hugo Körtzinger in der Lüneburger Heide.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dieser Zweitguss landete dann schließlich in Schnega, das ist ein kleiner Ort im Wendland in der Lüneburger Heide. Dort wurde er von Herrn Körtzinger höchstpersönlich vom Bahnhof abgeholt. Mitgeliefert wurde der „Geistkämpfer“ aus Kiel. Und Herr Körtzinger ließ diese zwei Plastiken in der Verpackung, d. h. in den Kisten, und stellte sie in einem offenen Schuppen ab. Und dort haben sie den ganzen Krieg überdauert. Bis, wie Körtzinger sagt, die Sieger kamen und ein Schutzschild an die Scheune hefteten, so dass nun nichts mehr zu befürchten war.“

Nach dem Krieg machten sich verschiedene Kunstinteressierte auf die Suche nach dem verschwundenen Barlach-Engel. Bald sprach es sich in der Szene herum, dass bei Hugo Körtzinger dieser zweite Guss existierte. Der Kölner Museumsdirektor Leopold Reidemeister wollte ihn schon 1948 gerne für eine Ausstellung nach Köln holen, zusammen mit dem Kieler „Geistkämpfer“. Hugo Körtzinger aber reagierte nicht auf Anfragen. Er nahm die beiden Barlachfiguren offensichtlich als Pfand für gewisse finanzielle Forderungen gegenüber den Erben und Freunden Barlachs. So blieben sie vorerst in seinem Gewahrsam.

Antje Löhr-Sieberg’:
„Im Jahr 1951 wurde der Engel auf dem kleinen Kunstmarkt zum Kauf angeboten, und zwar wurde er den Museen in Bremen, Hamburg, Köln und in der Baseler Kunsthalle angeboten. Das war natürlich der Moment, in dem Reidemeister nun zum zweiten Mal versuchte, den Engel zu bekommen. Und tatsächlich gelang es ihm. Die Voraussetzung war, dass der Engel – also er sollte verkauft werden, er sollte so viel bringen, dass das Geld ausreichte für einen Drittguss für Güstrow und für 4000 DM, die Herr Körtzinger verlangte. Reidemeister war klar, dass dieser Engel in diese Kirche hier, in die Antoniterkirche gehörte: eine evangelische Kirche mit einem sehr schönen Aufstellungsort, so etwa, wie Barlach es auch gefordert hatte für den Engel.“

Doch erst einmal musste das Geld dafür aufgetrieben werden. Denn die Gemeinde war arm. Eine große Spendenaktion, hauptsächlich bei Kölner Versicherungen und Banken und anderen Sponsoren, brachte die Kaufsumme zusammen, um den Schwebenden nach Köln zu holen.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dann, um den Drittguss für Güstrow herzustellen, machte man in Schnega, dort, wo der Zweitguss im Krieg gelagert hatte, … eine erneute Abformung, und diese Form wurde nach Berlin geschickt, und von dieser zweiten Form wurde nun der Drittguss für Güstrow hergestellt. Der Engel, der hier nach Köln kam, musste für kurze Zeit in der Eigelsteintorburg untergebracht werden, weil die Kirche noch nicht ganz fertig war nach all den Umbauarbeiten. Aber im Mai 1952 war die Wiedereinweihung dieser Kirche und gleichzeitig die Weihe des nun in Köln befindlichen Barlach-Engels.“

Dass der Barlach-Engel auch wieder in den Dom zu Güstrow zurückkehren sollte, war ausgemachte Sache. Aber damals, 1952, war das nicht einfach umzusetzen. Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer. Anlässlich einer Barlach-Ausstellung in der Akademie der Künste gerieten die Werke Barlachs ins Visier der staatlichen Kritik. Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent. Das änderte sich erst, als Bertolt Brecht sich eindeutig für Barlachs Werk einsetzte:

„Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken.“

Antje Löhr-Sieberg:
„Es gab dann noch einige Probleme mit der Einreise des Engels, es hat Monate gedauert. Aber 1953 war er dann doch sicher in Güstrow gelandet. Gleichzeitig wurde Barlachs Nachlass beschlagnahmt, aber im selben Jahr wieder freigegeben.“

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Der schwebende Engel in Güstrow

Im März 1953 konnte Barlachs Domengel endlich wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren – 26 Jahre nach seiner ersten Einweihung als Mahnmal gegen den Krieg. So hängt er nun seit über fünfzig Jahren in Güstrow wie in Köln. Hier wie dort von wird er von vielen Menschen aufgesucht, die vor ihm beten, meditieren, nachdenken.
Bleibt noch nachzutragen, dass tatsächlich noch ein weiterer, ein vierter Guss des Schwebenden existiert. Diese Figur ist 1987 entstanden und hängt heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum. Ob der Barlach-Engel aber in einem Museum am richtigen Ort ist? Ich vermute, dass er dort nicht die Wirkung hat wie im Dom von Güstrow, für den er geschaffen wurde, oder in der Antoniterkirche in Köln, in die er durch die verworrenen Wege der Geschichte gelangte.

Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ernst Barlach hat diesem uralten Bild eine neue, zeitgemäße Form gegeben. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist sein Werk uns erhalten geblieben. Dieser Engel, so stumm und verschlossen er ist, spricht auch heute Menschen an. Wenn ich ihn betrachte, werde ich erinnert an die Geschichte des 20. Jahrhunderts: eine Geschichte voll Leid und Schrecken – seine eigene Geschichte. Still und konzentriert mahnt er gegen Krieg und Gewalt. Und zugleich gibt er mir Raum für mein eigenes Erinnern und Besinnen. Schwebend zwischen Erde und Himmel berührt er in mir den Glauben daran, dass alle Trauer, jedes Leid, dass meine Sehnsucht und Hoffnung aufgehoben sind bei dem, von dem dieser Engel schweigend erzählt.

Auf dieser CD „Der Engel – Musik für den ‚Schwebenden‘ von Ernst Barlach“ hat also Johannes Quack, Organist der Kölner Antoniterkirche, an der dortigen Peter-Orgel elf Orgelkompositionen aus drei Jahrhunderten zum Thema „Engel“ zusammengestellt. Und damit seine musikalische Verbeugung vor dieser berühmte Skulptur und wohl auch der Geschichte dieser Skulptur geleistet.

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Johannes Quack

Johannes Quack wurde 1959 im niederrheinischen Anrath geboren. Nach dem Abitur studierte er evangelische Kirchenmusik bei Johannes Geffert an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Nach dem staatlichen A-Examen legte er bei Prof. Hans-Dieter Möller das Konzertexamen Orgel ab. Es folgten weiterführende Studien in London bei Nicolas Kynaston. Von 1988-1990 war er Kantor der Martin-Luther-Kirche in Bad Orb, seit 1990 ist er Kirchenmusiker an der Antoniterkirche in Köln. An der Musikhochschule Düsseldorf hat er einen Lehrauftrag für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel. Konzertreisen führten ihn nach England, Schweden, Dänemark, Italien, in die Niederlande und in die USA. (Quelle: Begleitheft der CD)

Engel stehen im Mittelpunkt der 19 Orgelwerke umfassenden CD, die in erster Linie dem Künstler Ernst Barlach gewidmet ist. Die Kölner Antoniterkirche beherbergt nämlich seit dem Jahre 1952 den Zweitguss des berühmten „Schwebenden Engels“ von Ernst Barlach. Dieser wurde 1927 ursprünglich für den Güstrower Dom geschaffen.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk allerdings als „Entartete Kunst“ eingestuft und eingeschmolzen. Engen Freunden von Ernst Barlach ist es zu verdanken, dass zuvor noch ein Zweitguss hergestellt und somit das Kunstwerk für die Nachwelt gesichert werden konnte.

„Das Motiv der Engel tritt aber nicht nur mit dem „Schwebenden“ in der Kirche auf. In der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament, finden sich immer wieder Hinweise auf diese Himmelsbotschafter. Viele Komponisten haben sich daher dieser Motive angenommen und unterschiedliche Werke entstehen lassen“, erklärt Johannes Quack einen der Beweggründe für die musikalische Auswahl und Zusammenstellung des Tonträgers.

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Quack eröffnet den gut 75-minütigen Hörgenuss mit dem „Dettinger Te Deum“ von Georg Friedrich Händel und lässt nach einem Zwischenspiel von Siegfrid Karg-Elert fünf Variationen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ von Johann Sebastian Bach erklingen. Feinfühlig und überaus harmonisch fließen die einzelnen Varianten ineinander über.

Und trotzdem geben die unterschiedlichen Registrierungen einen Einblick in die tonale Vielfalt der 1969 von Willi Peter erbauten Orgel wieder. Einen zentralen Punkt stellen die Toccata sowie die Fuge über „Das schlimme Jahr“ des zeitgenössischen Komponisten André Asriel dar.

Das musikalische Werk entstand als Filmmusik zu einer 1966 aufgezeichneten filmischen Dokumentation über die letzten Jahre des Künstlers Ernst Barlach. Unter anderem wurde darin auch das Jahr 1937 ausführliche besprochen, in welchem Barlach mit einem Ausstellungsverbot belegt und der „Schwebende“ aus dem Güstrower Dom entfernt wurde.

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Schon in der Musik spiegeln sich die innere Zerissenheit und die künstlerische Gefangenschaft von Ernst Barlach wider. Dissonante und gebrochene Akkorde prallen aufeinander und selbst in der Schlusssequenz ist keinerlei Optimismus oder Hoffnung zu erkennen.

Neben klassischen Engel-Motiven der Orgelliteratur wagt Johannes Quack mit seiner CD „Der Engel“ aber auch einen Schritt in die Moderne und improvisiert über das Stück „Angel Eyes“, das unter anderem durch den britischen Sänger Sting bekannt geworden ist. Eine überaus gelungene Verbindung zwischen Tradition und Moderne, so wie die gesamte CD. (Quelle: general-anzeiger-bonn.de)

Ich sag´s mal so: Auch wenn mir dieser Engelskult der christlichen Kirchen mehr als fremd ist, musikalisch ist dieses Album mehr als gehaltvoll. Von federleicht bis hin zu ganz schön mächtig … erklingt da diese Orgel, die zwar nicht alt-ehrwürdig ist (erbaut 1969) aber einen großartigen Klang aufweisen kann.

Selten, dass eine Skulptur nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zeitgeschichtlich eine solche Bedeutung haben kann.

Und das auch noch: Das ich diese Skulptur und ihre Geschichte entdecken durfte, habe ich einzig und allein der Graugans zu verdanken, die mir den dringenden Tipp gab, bei meinem Wochenende in Köln diese Kirche mal aufzusuchen … Vielen Dank !

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Besetzung:
Johannes Quack (organ)

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Titel:

Georg Friedrich Händel
01. To Thee Cherubim, aus dem „Dettinger Te Deum“ 3.36

Sigfrid Karg-Elert:
02. Saluto angelico, aus „Cathedral Windows“. op. 106 / 4.30

Johann Sebastian Bach: Einige kanonische Veränderungen über das Weihnachtslied. Vom Himmel hoch. BWV 769,
03. Variation 1 -im Kanon der Oktave 1.26
04. Variation 2 -im Kanon der Quinte 1.32
05. Variation 3 -im Kanon der Septime 2.14
06. Variation 4 -im Kanon der Vergrößerung 3.33
07. Variation 5 -im Gegenkanon der Sexte/Terz/Sekunde und None 3.23

Jan Janca:
08. Kleine Toccata über „Hört, der Engel helle Lieder“ 4.17

Joseph Bonnet:
09. Angelus du soir, aus „Douze Pièces“ op. 10 / 8.14

Johannes Weyrauch: Unüberwindlich starker Held, aus „Sieben Partiten für Orgel“:
10.  I. Introitus 1.11
11. II. Kanon 1.06
12. III. Fuge 2.48
13. IV. Passacaglia 1.55
14. V. Choral 1.05

Engelbert Humperdinck:
15. Abendsegen-Fantasie, aus „Hänsel und Gretel“ 10.08

André Asriel:
16. Toccata und Fuge über „Das schlimme Jahr“ von Ernst Barlach 7.30

Théodore Dubois:
17. In Paradisum, aus „Douze Pièces Nouvelles“ 4.17

Charles Tournemire:
18. Improvisation sur le „Te Deum“ 7.29

Johannes Quack:
Improvisation über „Angel Eyes“ (Dennis / Brent) 3.16

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Ernst Heinrich Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel; † 24. Oktober 1938 in Rostock)

 

Eugen M. Dombois – Die Barocklaute II (1971)

FrontCover1.JPGNeben all den barocken Trompetenklängen weiss ich auch die Lautenmusik dieser Dekade sehr zu schätzen.

Hier dargeboten von dem großem Eugen M. Dombois:

Eugen M. Dombois (eigentlich Eugen Müller, * 15. November 1931 in Gadderbaum-Bethel, heute Bielefeld; † 9. Mai 2014 in der Nähe von Basel) war ein deutsch-schweizerischer Lautenist.

Eugen Dombois wurde als Sohn des Pädagogen Georg Müller geboren. Er studierte zunächst Lehramt Deutsch und Musik, anschließend von 1955 bis 1958 Laute und Gitarre bei Walter Gerwig in Köln. Anschließend wurde er Dozent an der Nordwestdeutschen Musikakademie Detmold und gleichzeitig erfolgreich als konzertierender Künstler.[1] Nach Beendigung seiner aktiven Musikerlaufbahn ging er auf Vorschlag von Paul Sacher 1962 an die Schola Cantorum Basiliensis. Dort gehörten unter anderem Jürgen Hübscher, Paul O’Dette, Rolf Lislevand, Hopkinson Smith, Christina Pluhar und der deutsche Lautenist und Pädagoge Stefan Lundgren zu seinen Studenten. (Quelle: wikipedia)

Und anlässlich seines Todes veröffentlichte dann die schweizerische Zeitung „Tageswoche“ (Basel) folgenden Nachruf:

Eugen M. Dombois01Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis trauern um Eugen M. Dombois. Der Musiker und Lehrer verstarb am 9. Mai im Alter von 83. Jahren.

Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis trauern um Eugen M. Dombois. Der Musiker und Lehrer verstarb am 9. Mai im Alter von 83. Jahren.

Am 9. Mai 2014 ist der Lautenist Eugen M. Dombois im 83. Altersjahr in der Nähe von Basel verstorben. Mit ihm verliert die Alte Musik einen feinsinnigen Musiker sowie einen höchst erfolgreichen Dozenten an der Schola Cantorum Basiliensis, wie an der illustren Reihe seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler abzulesen ist. Dazu gehören Toyohiko Satoh, Hopkinson Smith, Jürgen Hübscher, Paul O’Dette, Rolf Lislevand, Karl-Ernst Schröder (+), Robert Barto, Joachim Held, Peter Croton, Christina Pluhar und viele andere.

Eugen M. Dombois wurde am 15. November 1931 in Bethel bei Bielefeld geboren. Sein Vater, Georg Müller, war ein bekannter Pädagoge. Nach einer Ausbildung zum Realschullehrer (Deutsch, Musik), studierte Dombois 1955-1958 Laute und Gitarre bei Walter Gerwig in Köln, einem Lautenisten der ersten Stunde in der Historischen Musikpraxis. Anschliessend war er Dozent an der Nordwestdeutschen Musik-Akademie Detmold und begann zu gleicher Zeit eine erfolgreiche internationale Karriere als konzertierender Künstler.

Eine Beeinträchtigung der Hand zwang ihn leider vorzeitig zum Verzicht auf das öffentliche Konzertieren. Bereits 1962 wurde er von Paul Sacher an die Schola Cantorum Basiliensis berufen und entfaltete dort seine äusserst fruchtbare Lehrtätigkeit bis zur Pensionierung 1996. In Basel fand er auch eine familiäre Heimat und lebte bis zuletzt im Einzugsbereich der Stadt.

Eugen M. Dombois hatte hohe Ansprüche an seine Kunst, die er den Studierenden eindringlich vermittelte. Vor allem lag ihm daran, das Lautenspiel vom Erbe der Gitarre zu befreien und in seiner spezifischen historischen Qualität wieder zu gewinnen. Es gelang ihm auf diese Weise, seine Klasse an der Schola Cantorum Basiliensis als internationales Zentrum des Lautenspiels zu etablieren.

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Sein kritischer Geist und sein geschliffener Umgang mit dem Wort machten ihn zu einem stets ebenso anregenden wie anspruchsvollen Gesprächspartner. Ein spekulativer Aufsatz (zusammen mit Véronique Daniels) über ein enigmatisches italienisches Tanztraktat des 15. Jahrhunderts erschien im Basler Jahrbuch für Historische Musikpraxis 1990 und zeigt diese Seite seiner Persönlichkeit auf eindrucksvolle Weise.

Eugen M. Dombois wird einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie der Alten Musik behalten und untrennbar mit der Wiederbelebung des historisch orientierten Lautenspiels verbunden bleiben. Die Musik-Akademie Basel und die Schola Cantorum Basiliensis nehmen mit Trauer und in Dankbarkeit Abschied von diesem bedeutenden Musiker und Lehrer, Kollegen und Freund. (Thomas Drescher)

Und wir hören eine sehr stille, sehr leise, sehr intime Musik (komponiert von Bach und dann tauchen auch noch so rätselhafte Namen wie Johann Gottfried Conradi und Sylvius Leopold Weiss auf)  … und dann kann sich dann schon sowas wie eine sehr ruhige und friedfertige Stimmung einstellen … oftmals gerade richig in dieer hektischen und unruhigen Zeit.

Ich würde diese LP z.B. der Andrea Nahles empfehlen … denn muss sich jetzt völlig neu sortieren …

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Besetzung:
Eugen M. Dombois (lute)

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Titel:

Johann Sebastian Bach: Suite G-Moll für Laute BWV 995:
01. Präludium 6.36
02. Allemande 5.18
03. Courante 2.24
04. Sarabande 2.47
05. Gavotte I 2.34
06. Gavotte II (Gavotte en Rondeau) 3.00
07. Gigue 2.40

Johann Gottfried Conradi: Suite In C Major:
08. Prélude 2.32
09. Allemande 3.56
10. Courante 2.21
11. Menuet 1.28
12. Gigue 2.20

Sylvius Leopold Weiss:
13. Tombeau Sur La Morte De Mr. Comte De Logy 8.52

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Die inlets der LP

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Eugen M. Dombois * 15. November 1931 – † 9. Mai 2014)

Rebekka Hartmann – Bach – Hindemith – Zimmermann (2006)

FrontCover1Nachdem ich sie vor ein paar Jahren mal in einem kurzem Solo-Konzert gesehen habe, bin ich hellauf begeistert für diese junge Dame:
Die 1981 in München geborene Rebekka Hartmann begann im Alter von fünf Jahren mit dem Violinspiel bei dem Suzuki-Pädagogen Helge Thelen. Sie studierte in München bei Prof. Andreas Reiner sowie in Los Angeles bei Prof. Alice Schoenfeld. Weitere wichtige Impulse erhielt sie durch internationale Meisterkurse, u. a. mit Rainer Kussmaul sowie in der Zusammenarbeit mit Josef Kröner, Christoph Schlüren und Rony Rogoff.

Rebekka Hartmann ist Preisträgerin zahlreicher nationaler und internationaler Wettbewerbe, darunter der Internationale Henri Marteau Violin Wettbewerb 2005, „Pacem in Terris“, Bayreuth, 2004 und der „Jascha Heifetz Scholarship“, USA, 2002.

Auftritte als Solistin führten Rebekka Hartmann nach China, USA, Großbritannien, Österreich und in die Schweiz sowie zu bedeutenden Festivals, wo sie sowohl mit renommierten Orchestern, wie z. B. dem Peking Sinfonieorchester, den Bamberger Symphonikern, Aachener Symphonikern, das Württembergische Kammerorchester und das Deutsche Kammerorchester Berlin, als auch in Recitals Publikum und Fachpresse gleichermaßen begeistert.

Wichtige Erfahrungen sammelte sie mit Dirigenten wie Christoph Eschenbach, Miguel Gómez Martínez, Esa-Pekka Salonen und Jukka-Pekka Saraste, und über viele Jahre hinweg mit Enoch zu Guttenberg.
Ihr Repertoire umfasst das gesamte Spektrum der Violinliteratur vom Frühbarock bis zur neuesten Musik, wo sie u.a. Uraufführungen und Ersteinspielungen von Werken von Hâkan Larsson und Anders Eliasson gab.

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2006 erschien ihre Debüt-CD mit Solowerken von J. S. Bach, Paul Hindemith und Bernd Alois Zimmermann beim Label Farao Classics.

Für ihre CD „The Birth of The Violine“ (2011, Solo Musica) erhielt Rebekka Hartmann den ECHO KLASSIK 2012 in der Kategorie „Solistische Einspielung des Jahres“. Die barocken Werke deutscher, italienischer und französischer Komponisten sind bis auf wenige Ausnahmen Weltersteinspielungen.

Rebekka Hartmann spielt auf einer Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahre 1675.

Und das oben erwähnte Debütwerk erhielt starke Reaktionen, wie diese:

Eine ungeheure Virtuosität und ein sicheres Stilempfinden zeichnen die junge Geigerin aus.

‘Rebekka Hartmann ist eine der begabtesten jungen Geigerinnen, die mir in letzter Zeit begegnet sind. Sie hat alle Voraussetzungen für eine vielversprechende Solistenkarriere: ausgezeichnete Virtuosität, tiefe Musikalität, Persönlichkeit und starke Ausstrahlungskraft.’ Soweit das Empfehlungsschreiben von niemand geringerem als Christoph Eschenbach für die junge Geigerin aus München, die jetzt bei dem Label Farao Classics ihr Debüt mit Werken von Bach, Hindemith und B.A. Zimmermann – allesamt für Solo Violine – vorgelegt hat.

RebekkaHartmann02Unter dem Titel ‘Begegnungen mit Bach’ steht die CD der jungen Violinistin. Und wirklich könnte man die Hindemith Sonate, die unmittelbar auf Bachs d-Moll Partita folgt, fast für eine Fortsetzung der Bachschen Sonate halten. Und auch Bernd Alois Zimmermanns zwölftönige Komposition für Violine Solo bezieht sich deutlich auf den Leipziger Thomaskantor, indem sie im Schlußsatz, der Toccata das B-a-c-h –Thema verarbeitet.

Eine ungeheure Virtuosität und ein sicheres Stilempfinden zeichnen die junge Geigerin aus. Dennoch hätte man sich für ihre Stradivari, eine weniger hallige Akustik gewünscht, die bei solch intimen Kompositionen für Solovioline, eine Distanz, eine anonyme Studioatmosphäre leider begünstigt und wenig Raum lässt für Intimität und Privatssphäre, wie sie eine Komposition wie Bachs d-Moll Partita eigentlich fordert. Dennoch strahlt Hartmanns Bach Partita eine tiefe Ruhe aus und entbehrt der Hektik die man von Geigern wie Christian Tetzlaff gewohnt ist. Sie beweist Mut, den Tönen Raum zum Entfalten zu lassen, wobei ihr natürlich die Akustik als helfende Hand zur Seite steht. Gehaltvoll, voll emotionaler Tiefe beginnt sie die Ciaccona, deren vollgriffige Akkorde zu Anfang von eher unvorteilhaften Atemgeräuschen begleitet werden.
In der lange Zeit nur als Fragment bekannten Sonate für Solovioline von Paul Hindemith, kann Hartmann abermals zu Beginn ihre Sensibilität für barocke Tonsprache, wie auch ihr technisches Geschick in Doppelgriffpassagen unter Beweis stellen. Doch auch das Vordringen in atonale, ja zwölftönige Sphären lässt nichts von der vorhergehenden technischen und musikalischen Professionalität vermissen. Insgesamt wirkt diese Aufnahme – besonders jedoch die Bach Partita – zu wenig persönlich, zu wenig intim, zu steril. Dies ist einerseits wohl einer unglücklichen Aufnahmedisposition, vielleicht jedoch auch einem noch verherrschenden Mangel an Eigensinn, einem Zuwenig an musikalischem Mut und Wagnis einer 25-jährigen und noch nicht ganz ausgereiften Künstlerin zuzuschreiben. Dennoch, wie Eschenbach sagte: sie hat alle Voraussetzungen! (klassik.com, 2006.)

Allein schon beeindruckend, dass die junge Frau den musikalischen Bogen bis zur zeitgenössischen Klassik schläft (schafft) … Respekt

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Besetzung:
Rebekka Hartmann (violin)

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Titel:

Johann Sebastian Bach – Partita II in d-moll, BWV 1004:
01. 1. Allemanda 4.06
02. 2. Corrente 2.28
03. 3. Sarabanda 3.37
04. 4. Giga 4.12
05. 5. Ciaccona 14.24

Paul Hindemith – Sonate für Violine solo, op. 11 Nr.  6::
06. 1. Mäßig schnell 3.18
07. 2. Siziliano: Mäßig bewegt 5.21
08. 3. Finale: Lebhaft 5.01

Bernd Alois Zimmermann – Sonete für Violine solo:
09. 1. Präludium 3.12
10. 2. Rhapsodie 2.20
11. 3. Toccata 4.27

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Dresdner Philharmonie & Dresdner Kreuzchor – Messe g moll – Messe G Dur (1973)

FrontCover1.JPGDer Gevatter Bach hat ja komponiert, was das Zeug hält. Und natürlich – wie es damals so üblich war – neben all seinen großartigen Konzerten – auch jede Menge liturgische Musik.

Und hier hören wir mal ein entsprechendes Beispiel:

Als Johann Sebastian Bachs Lutherische Messen oder Kleine Messen bezeichnet man seine vier Kyrie-Gloria-Messen in F-Dur, A-Dur, g-Moll und G-Dur, BWV 233 bis 236. Sie vertonen das Kyrie und Gloria der Lateinischen Messe und werden daher auch Missa brevis genannt. Zur selben Gattung zählt auch die Missa aus Kyrie und Gloria, die Bach 1733 komponierte und die er später zur h-Moll-Messe erweiterte.

Die vollständige Vertonung aller Teile der Messe („Missa tota“) besteht aus dem fünfteiligen Ordinarium: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Hosanna und Benedictus sowie Agnus Dei. Demgegenüber wird die Komposition von Kyrie und Gloria als „Missa brevis“ (Plural: Missae breves) und in der protestantischen Kirchenmusik auch als „lutherische Messe“ bezeichnet. Eine einheitliche Deutsche Messe konnte sich im Protestantismus nicht durchsetzen; weder war die Sprache noch der genaue Umfang festgelegt.

Der Name „Lutherische Messen“ knüpft zum einen an diese protestantische Tradition an, vorzugsweise Kyrie und Gloria zu vertonen. Kyrie-Gloria-Messen waren im 18. Jahrhundert „in Italien wie auch in Deutschland durchaus gebräuchlich“ und wurden „choraliter oder still zu Ende geführt“. In der protestantischen Kirchenmusik ist bereits früh eine Beschränkung auf die Vertonung von Kyrie und Gloria zu verzeichnen.[2] Zum anderen bringt der Name zum Ausdruck, dass Bachs lateinische Messkompositionen für den lutherischen Gottesdienst konzipiert worden sind. Dem Bachforscher Christoph Wolff zufolge hat Bach die Figuralmessen für hohe kirchliche Feiertage in den Leipziger Gottesdiensten komponiert, möglicherweise auch für den protestantischen Hofgottesdienst in Dresden.

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Johann Sebastian Bach hatte ja 20 Kinder, fleißig, fleißig … 

Insbesondere seit der Urtextausgabe der Neuen Bach-Ausgabe, der wissenschaftlichen Standardedition des Johann-Sebastian-Bach-Instituts Göttingen und des Bach-Archivs Leipzig, ist der Name „Lutherische Messen“ in der Musikwissenschaft und bei CD-Einspielungen nahezu zu einem Synonym für Bachs lateinische Messen BWV 233–236 geworden: „Da für die protestantische Messe, die lediglich aus den beiden Teilen Kyrie und Gloria besteht, ein verbindlicher Begriff fehlt, hat sich – sowohl im deutschen als auch im englischen Sprachgebrauch – der Begriff ‚lutherisch‘ eingebürgert.“

Der Begriff „Lutherische Messen“ kann missverständlich sein, da es sich bei Bachs Werken um Kompositionen in lateinischer Sprache handelt. Zum anderen wurden während Bachs Kantorat in Leipzig auch andere Teile des Ordinariums wie das Credo gesungen. Als Alternative wurde deshalb von Konrad Küster die Bezeichnung „Kyrie-Gloria-Messen“ vorgeschlagen, die deskriptiv den Umfang der Messen angibt. „Missa brevis“ erscheint für Bachs Kompositionen weniger passend, weil hiermit in katholischer Tradition in der Regel kurze Vertonungen des vollständigen Ordinariums verstanden werden, „anstatt der, wie hier, sehr ausführlichen Vertonung nur des Kyrie und des Gloria, die man im lutherischen Bereich ebenfalls als „Missae“ bezeichnet (deshalb auch so die Titel der 4 Messen)“.

Notenblatt

Ein Originalnotenblat von Johann Sebastian Bach

Die Lutherischen Messen sind wahrscheinlich einige Jahre nach der Missa für den Hof zu Dresden (1733), später Kyrie und Gloria der h-Moll-Messe, entstanden und werden heute spätestens um 1738/39 datiert.[10] Arnold Schering vertrat die heute als überholt geltende These, dass Graf Franz Anton von Sporck der Auftraggeber von Bachs lateinischen Messen war und sie von diesem in Böhmen aufgeführt wurden.

Das Kyrie ist in diesen Kurzmessen jeweils ein einsätziger, dreiteiliger Chorsatz, der Gloria-Text ist jedoch in fünf Sätze aufgeteilt, mit Chorsätzen zu Beginn und Schluss und dazwischen eingeschobenen Soloarien. Die Gesamtdauer entspricht etwa der einer durchschnittlichen Kantate, – das lässt auf den praktischen Gebrauch im Gottesdienst schließen.

Ähnlich wie die h-Moll-Messe bestehen die Kleinen Messen fast ausschließlich aus Parodien, also Überarbeitungen von bereits vorhandenen Chören und Arien. Die herangezogenen Kantaten stammen überwiegend aus Bachs Zeit in Leipzig. Dazu waren

Martin Flämig

Martin Flämig

Neufassungen der Singstimmenpartien notwendig, um den ursprünglichen deutschen Kantatentext durch lateinische Prosa zu ersetzen.

Diese Arbeiten lassen sich als Beleg für Bachs Bestreben in seinen späteren Jahren deuten, Werke, die ihm besonders wertvoll erschienen, in einen zeitenthobenen Zusammenhang zu stellen. (Quelle: wikipedia)

Und hier hören wir 2 dieser Messen aus jenem Zyklus der „Lutherischen Messen“, eingespielt von der bedeutendem Dresdner Philharmonie und dem Dresdner Kreuzchor (Leitung: Martin Flämig) begleitet von namhaften Solisten, von denen natürlich der Peter Schreier sich über all die Jahre einen ganz besonderen Namen gemacht hat.

Und auch wenn mir der christliche Kontext dieser Kompisitionen mittlerweile auf den Senkel geht, so komme ich nicht daran vorbei, dass diese Aufnahmen schon beeindruckende sind … erhaben und majestätisch … das gilt insbesondere für die Instrumentalpassagen, aber auch für diese Chorgesänge …

Und es bestätigt sich mal wieder, dass all die Etern Aufnahmen jener Jahre v on besonderer Güte waren.

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Eterna Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 1977

Besetzung:
Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Martin Flämig
Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Martin Flämig
+
Herbert Collum (organ)
Gerhard Hauptmann (oboe)
Helmut Radatz (bassoon)
Manfred Reichelt (cello)
Heinz Schmidt (bass)
+
Theo Adam (Bass)
Annelies Burmeister (Alto)
Renate Krahmer (Sopran)
Peter Schreier (Tenor)

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Titel:

Messe G-moll BWV 235:
01. Kyrie (Chor) 7.17
02. Gloria (Chor) 4.06
03. Gratias agimus tibi (Baß) 3.34
04. Domine fili (Alt) 5.44
05. Qui tollis (Tenor) 4.08
06. Cum sancto spiritu (Chor) 5.41

Messe G-dur BWV 236:
07. Kyrie (Chor) 4.11
08. Gloria (Chor) 5.00
09. Gratias agimus tibi (Baß) 5.14
10. Domine Deus (Sopran, Alt) 4.17
11. Quoniam (Tenor) 4.54
12. Cum sancto spiritu (Chor) 4.32

Musik: Johann Sebastian Bach

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Darf ja auch mal sein …