Verschiedene Interpreten – Keiner oder alle (1978)

FrontCover1.jpgAusgangspunkt für diesen Beitrag war mein Beitrag über die Polit-Rock LP der Gruppe Oktober mit dem Titel „Uhrsprung“ aus dem Jahr 1976. Den Beitrag kann man natürlich noch nachlesen und zwar hier.

Und bei den Leserbriefen zu diesem Beitrag informierte mich der Michi, dass es da noch eine andere LP gleiche Coleur gäbe … uund die heiße „Keiner oder alle“. Und da hab´ich natürlich geantwortet, dass mich aus diese Aufnahmen sehr interessieren würden, „denn der Polit-Rock jener Jahre hat mich schon stark geprägt.“ … so schrieb ich das.

Und der Michi, ließ sich nicht lumpen und stellte mir nun dieses Album zur Verfügung.

Und so ist dieser blog wieder um eine Facette reicher … da kann ich nur ein herzliches Dankeschön sagen.

Und ja, die Texte (zuweien rotzfrech), sie mögen manchem antiquiert erscheinen, aber im Kern hatten sie damals wie heute ihre Berechtigung … zumindest hinsichtlich der damaligen AKW-Debatten („Atomkraft – Nein danke“) waren all diese Proteste nicht nur sinnvoll und notwendig, sondern zumindest in deutschen Landen dann letztlich erfolgreich … wenn es auch ein langer Weg war.

AtomkraftNeinDanke.jpg

Und wenn man sich mal der Musik zuwendet, so kann man erfreut feststellen, dass die Zeit der zuweilen arg grobschlächtigen Klänge der ganz frühen Polit-Rock Scheiben vorbei war (man hören sich diesbezüglich mal die Gruppe „Druckknöpfe“ an).

… und standen Liedermacher wie der Dieter Süverkrup oder der Walter Mossmann als Pate (vermutlich gerne) zur Verfügung.

Lieder, die die RAF als „politische Gefangene“ würdigen, fand ich damals wie heute eher deplaciert … aber das ist ein weites ‚Thema … für hat die RAF so ziemlich alles getan, um „linke Ideen und Gedanken“ in Misskredit zu bringen.

Info-Blatt

Info-Blatt

Der Titel dieses so sympathischen Albums stammt übrigens von dem gleichnamigen Gedicht von Berthold Brecht.

Wie gesagt: manches mag überholt und antiquiert klingen, aber dass die damalige junge Generation sich auch musikalisch in das gesellschaftliche Treiben, das ansonsten von bürgerlichen Politikern und dem Großkapital (jawohl, das darf man durchaus so sagen) bestimmt wurde … ist sehr bemerkenwert. Und heute haben wir die „Friday for Future“ – Bewegung … will this cirlcle never been broken.

Von daher: Ganz, ganz viele Sympathiepunkte meinerseits.

Und  ein Kalla Wefel war damals nicht nur musikalisch an diesem Album beteiligt, sondern stellte auch sein kleines 2-Spur „Eulenspiegel Studio“ in der Annenstraße 8, Hamburg zur Verfügung.

Und von dem Kalle Wefel und seinem weiterem Werdegang wird hier demnächst auch die Rede sein.

Bei ihm ist das auch so schwer, weil er bis heute in der einen oder anderen Weise aktiv ist … und was wurde aus all den anderen Beteiligten … ? Das würde mich doch sehr interessieren, weil mich eben Biographien von Menschen sehr interessieren.

BackCover1

Titel:
01. Schraubstock: Laßt uns wecken (Wefel) 4.56
02. Zündhölzer: Kinderlied (Zundhölzer) 0.47
03. Eimsbütteler Liederküche: Ich bau mir ein kleines AKW (E.Liederküche) 4-33
04. Uli; Baustellensicherung (Mock) 3.28
05. St. Pauli Gesangsverein V. 1878: Kriminalisierungslied
06. Hamburger Straßentheater: Unterelbelied (HH Straßentheater) 5.15
07. Zündhölzer: Lied vom Tod (Zünderhölzer/Süverkrup) 3.38
08. Druckknöpfe: Los komm mit (Hochhuth) 2.18
09. Kalla Wefel: Folter (Wefel/Zahn) 3.48
10. Hamburger Straßentheater: Lied von den politischen Gefangenen (Mossmann) 4.42
11. Eimsbütteler Liederküche: Der Berichterstatter (E. Liederküche) 3.35
12. Druckknöpfe: Cäsar (Hochmuth/Pursche) 7.16
13. Hamburger Straßentheater: Polizeistaatslied (HH Straßentheater) 3.08
14. Hamburger Straßentheater: Kapplerlied (HH Straßentheater) 1.10
15. Druckknöpfe: Keiner oder alle (Hochmuth/Brecht) 3.42

LabelA1

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Keiner oder alle

Sklave, wer wird dich befreien?
Die in tiefster Tiefe stehen
Werden, Kamerad, dich sehen
Und sie werden hör’n dein Schreien:
Sklaven werden dich befreien.

Keiner oder alle. Alles oder nichts.
Einer kann sich da nicht retten.
Gewehre oder Ketten.
Keiner oder alle. Alles oder nichts.

Hungernder, wer wird dich speisen?
Willst du dir ein Brot abschneiden
Komm zu uns, die Hunger leiden
Laß uns dir die Wege weisen:
Hungernde werden dich speisen.

Keiner oder alle. Alles oder nichts.
Einer kann sich da nicht retten.
Gewehre oder Ketten.
Keiner oder alle. Alles oder nichts.

Wer, Geschlagener, wird dich rächen?
Du, dem sie den Schlag versetzten
Reih dich ein bei den Verletzten
Wir in allen unsern Schwächen
Werden, Kamerad, dich rächen.

Keiner oder alle. Alles oder nichts.
Einer kann sich da nicht retten.
Gewehre oder Ketten.
Keiner oder alle. Alles oder nichts.

Wer, Verlorener, wird es wagen?
Wer sein Elend nicht mehr tragen
Kann, muß sich zu jenen schlagen
Die aus Not schon dafür sorgen
Daß es heut heißt und nicht morgen.

Keiner oder alle. Alles oder nichts.
Einer kann sich da nicht retten.
Gewehre oder Ketten.
Keiner oder alle. Alles oder nichts.

Oktober – Uhrsprung (1976)

FrontCover1.jpgAlso, nach einer Konsalik Präsentation dürstete es mich nach knackigem Polit-Rock aus den 70er Jahren … und diesmal wurde ich mit „Oktober“ fündig.

Überraschenderweise fand ich keine systematische Darstellung der Bandgeschichte (selbst das kenntnisreiche krautrock-musikzirkus.de bleibt diesbezüglich stumm); überraschend deshalb, denn diese Band hinterließ in den 70er Jahren durchaus Eindruck und sie wurden als Aktiv-Posten der Polit-Rock Szene gesehen, soweit jedenfalls meine Erinnerung.

Wie auch immer, hier ihr Debütalbum das bei dem Label „Unsere Stimme“ (= Trikont) veröffentlicht wurde.

‚Aufgenommen wurde das Album in der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, die Endabmischung erfolgte dann in den Windrose Studios, Hamburg.

Booklet.jpgUnd wir hören z.T. wirklich beeindruckende Instrumentalpassagen (da fällt z.B. der Gitarrist Hans-Werner Schwarz sehr positiv auf) … Prog-Rock Musik eben aus jenen Tagen (die mir heute noch zusagen kann).

Aber dann wieder mal das alte Lied: Der Gesang ist einfach eher dürftig … und die Texte, na ja … der Klassenkampf dringt aus den Rillen.

Wobei: lässt man mal den Pathos beiseite: Die Kernbotschaften haben von ihrer Aktualität nichts verloren … denn der Kapitalismus ist, wie er ist („wie tragen die Lasten, die Profite kriegt der Konzern“) … bis heute … und ja natürlich gibt es die unterschiedlichen Interessen der Klassen … wenn ich da allein an den „Dieselskandal“ denke … es ist unglaublich, wie sich die Autokonzerne letztlich aus ihrer Verantwortung stehlen … und die Software-Manipulation der Wägen, tja … warum ist das wohl passiert … ???

Die Gruppe hat dann noch zwei weitere Alben veröffentlicht … die ebenfalls zumindest interessant sind … und dann … tja …. die Antwort weiß ganz allein der Wind …

Schade eigentlich !

Denn: Trotz aller Mängel verleihe ich hier wieder mal ganz viel Sympathie-Punkte !

Oktober1.jpg

Besetzung:
Carl-F. Dörwald (vocals, flute, percussion, background vocals)
Klaus-Peter Harbort (drums, percussion)
Birger Holm (background vocals)
Axel Ratsch (percussion, background vocals)
Peter Robert (keyboards, synthesizer, spient, percussion, background vocals)
Hans-Werner Schwarz (guitar, percussion)
Kalla Wefel (bass, guitar, vocals, percussion)

CDBackCover

Titel:
01. Uhrsprung :
01.1.Familie 5:42
01.2.Schule 6:00
01.3.Betrieb 8:31
01.4. Staat und Solidaritätslied 8:46

02. Der Traum des Schmieds 8.00

Musik und Texte: Carl-F. Dörwald – Klaus-Peter Harbort – Birger Holm – Axel Ratsch – Peter Robert – Hans-Werner Schwarz – Kalla Wefel

Text bei 02: Eugene Poltier

LabelA1

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Oktober2.jpg

Ton Steine Scherben – Wenn die Nacht am tiefsten (1975)

TSSFrontCoverUnverzichtbar für das Verständnis der BRD in den 70er Jahren: Ton Steine Scherben !

Wenn die Nacht am tiefsten … ist das dritte Studioalbum der Rockband Ton Steine Scherben, welches das letzte vor einer sechsjährigen Studiopause war. Es zeigt erste Anzeichen eines Genrewechsels, also weg von dem Stil des Liedes Macht kaputt was euch kaputt macht hin zu dem Stil des Liedes Halt dich an deiner Liebe fest.

In den Jahren von 1973 bis 1974 hatten Ton Steine Scherben immer weniger Lust darauf, die „politische Musikbox“ der linken Szene zu sein. Dazu gehörte schließlich auch, dass man vom Publikum höchstens einen „Solidaritätsbeitrag“ als Eintritt fordern konnte, wovon es sich nicht besonders gut leben ließ. Daraufhin distanzierte sich die Band immer weiter von den Hausbesetzerparolen, auch wenn man der linken Ideologie treu blieb. Finanzielle Probleme führten zur Auflösung 1973. Die Trennung hielt nicht lange, aber bei der Wiedervereinigung fehlte der Bassist Kai Sichtermann. Er wurde durch Gino Götz ersetzt, der mit den Scherben schon am Kinderhörspiel Teufel hast du Wind zusammengearbeitet hatte. Außerdem fehlte nach wie vor ein Schlagzeuger (auf dem Album Keine Macht für Niemand hatte hauptsächlich Olaf Lietzau Schlagzeug gespielt). Der Drummer, für den sich Ton Steine Scherben nach Olaf Lietzau entschieden war Funky K. Götzner. In dieser Besetzung beschloss man Anfang 1974, eine neue LP zu produzieren.(Quelle: wikipedia)

Album Nummer drei der Kommunencombo fällt deutlich ruhiger und melancholischer aus, als der Vorgänger Keine Macht für niemand. Protest weicht Resignation, die Band ist raus aus der Pubertät, wird erwachsen und beginnt die Einsamkeit zu erkennen, in der Menschen sich befinden. Nichtsdestotrotz präsentieren sich auch hier wieder Rockmusik und Poesie vom Feinsten.

Das Cover zeigt zwar noch ein Foto des besetzten Bethanien-Hauses, aus der Hausbesetzter-Szene hatten sich Ton Steine Scherben jedoch bereits verabschiedet. „Wir haben uns immer gewehrt, eine rein politische Gruppe zu sein. Wir wollten und wollen eine Rockgruppe sein“, erklärt Gitarrist R.P.S. Lanrue den Wandel. So befassen sich die Lieder auf Wenn die Nacht am tiefsten mehr mit Gefühlen als mit Politik und der Rotzrock klingt geschliffener.

Stimmung und Botschaft enthält das Doppel-Album dennoch, es gibt einige schlechtere Scheiben von Ton Steine Scherben — und nie sang Rio Reiser ergreifender als auf der wunderschön tröstlichen Ballade „Land in Sicht“. (Felix von Vietsch)

Und dann schreibt einer noch bei amazon:
Längst nicht mehr so radikal – mit Ausnahme „Guten Morgen“ und „Nimm den Hammer“ präsentieren sich die Scherben wohl auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens. Gute deutsche Rockmusik mit teilweise poetisch anmutenden Texten. Es gibt auf dieser Platte kein Stück dass in irgendeiner Form abfällt. Beim Song „Halt dich an deiner Liebe fest“ zeigt Rio dass er längst vor dem Start seiner Solokarriere wunderschöne Liebeslieder schreiben und singen konnte. Daneben gehören „Samstagnachmittag“ – noch aus der Zeit mit den „Roten Steinen“ – das Titelstück selbst sowie das 20 minütige „Land in Sicht“ zu den Highlights dieser Doppel-LP. Ein gutes Stück deutscher Rockgeschichte.

So isses ! Und ich bin ganz bewegt, wenn ich all diese wirklich poetischen Texte und Melodien höre (z.B. „Samstag Nachmittag“ !)

Inlet01

Besetzung:
Jako Benz (guitar)
Werner „Gino“ Götz (bass, saxophone)
Funky K. Götzner (drums)
R.P.S. Lanrue (Ralph Steitz) (guitar, background vocals)
Ralph Möbius (Rio Reiser) (vocals, guitar, keyboards)
Nikel Pallat (vocals)
Jörg Schlotterer (flute)
Vegas von Trantor (Uli Hammer) (percussion)
+
Gaby Borowski (background vocals)
Britta Neander (background vocals)
Angie Olbrich (background vocals)

Inlet02

Titel:
01. Heut Nacht (Möbius/Lanrue) 6.15
02. Samstag Nachmittag (Möbius/Lanrue) 5.01
03. Guten Morgen (Pallat/Möbius) – 4:16
04. Durch die Wüste (Möbius/Lanrue) 4.59
05. Nimm den Hammer (Traditional/Möbius/Lanrue) 5.22
06. Ich geh weg (Möbius/Lanrue) 3.23
07. Halt dich an deiner Liebe fest (Möbius/Lanrue) 6.58
08. Wir sind im Licht (Pallat/Lanrue) 5.31
09. Wenn die Nacht am tiefsten … (Möbius/Lanrue) 3.31
10. Land in Sicht (Möbius/Lanrue) 7.11
11. Komm an Bord (Möbius/Lanrue) 9.14
12. Steig ein (Möbius/Lanrue) 20.50

LabelA1

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Alternatives FrontCover

Alternatives FrontCover

Musiker der Gruppen Oktober + Schmetterlinge u.a. Solisten – Peter P. Zahl – Alle Türen offen (1978)

FrontCover1Hier ein ganz besonderes und ganz sicher auch ein ganz ambitioniertes Projekt aus der Polit-Rock Szene der 70er Jahre. Musiker der damals durchaus bekannten Formationen „Schmetterlinge und „Oktober“ fanden sich in Wien zusammen, um Texte von Peter P. Zahl zu vertonen. Warum sie das taten … davon später mehr …

Und dieser Peter P. Zahl ist dann im Jahre 2011 verstorben. Die „taz“ schrieb folgenden Nachruf:

„Es war unklar, ob der Preisträger persönlich erscheinen konnte, denn er war ein Häftling, der gerade erst aus der Einzelhaft in den Normalvollzug überstellt worden war.

Als dem 1944 in Mecklenburg geborenen Peter-Paul Zahl im Jahr 1980 der Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen verliehen wurde, saß dieser junge Autor schon seit rund acht Jahren im Knast. Als mutmaßlicher Terrorist. Er hatte sich im Jahr 1972 seiner Verhaftung widersetzt, dabei von der Schusswaffe Gebrauch gemacht und einen Polizisten schwer verletzt.

Die Haftjahre nutzte Zahl, der bereits 1968 mit einem Buch in Erscheinung getreten war, zum Schreiben nicht nur politischer Texte. 1979 erschien dann schließlich sein berühmtester Roman „Die Glücklichen“, in der Zahl eine Alternativkultur beschrieb, die viele, die von den Utopien der Jahre 68 ff. geprägt waren, sehr gut kannten. „Die Glücklichen“ wurde zum Kultbuch.

Der im Dezember letzten Jahres verstorbene Peter O. Chotjewitz, der nicht nur Schriftstellerkollege, sondern auch Zahls Anwalt war, erinnerte sich vor einigen Jahren, dass er Zahl – obschon dieser immerhin wegen versuchten Mordes in zwei Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war und als politischer Häftling galt – einfach so mit dem Privatwagen aus der Haftanstalt abholen durfte. Chotjewitz, der selbst als Unterstützer der RAF angeklagt gewesen war, musste lediglich garantieren, den Häftling später auch brav wieder abzuliefern. Der Strafvollzug für Staatsfeinde war nach dem Deutschen Herbst des Jahres 1977 nicht immer ohne Witz.

Peter-Paul Zahl (links) und Peter Rühmkorf

Peter-Paul Zahl (links) und Peter Rühmkorf

Zahl nun erhielt den wichtigen Literaturpreis, und seine Schriften wurden somit von der Literaturkritik quasi geadelt. Mit geadelt wurde dabei allerdings auch immer der linksradikale Aktivist, der bei der legendären Berliner Untergrundzeitschrift 883 mitwirkte (und nicht nur bei dieser), der amerikanische GIs bei der Desertation und der Flucht nach Schweden unterstützte, der als Betreiber einer kleinen Druckerei half, so manch einer klandestinen Schrift eine Öffentlichkeit zu geben. Er war der Verleger von Westberliner Anarchisten und Gutlebeleuten, er selbst war auch durchaus ein Lebemensch.

Die Bremer Preisverleihung im Jahr 1980 war ein kleiner Skandal. Der damals noch weitgehend linksliberal gesonnene Literaturbetrieb genoss die Aufregung um den Preisträger. Dieser selbst genoss sie offensichtlich ebenso.

Nach der Haftentlassung, im Dezember 1982, und nach einigen merkwürdigen Wiedereingliederungsmaßnahmen für den bereits anerkannten Schriftsteller blieb Zahl ein linker Aktivist, doch wurde er gemäßigter. Sein Aktionsdrang verlegte sich ins literarische, er bereiste die damals für Linke interessanten Länder, schließlich ließ er sich auf der coolen Kifferinsel Jamaika nieder, der er sich auch literarisch näherte, allerdings oft auch sehr klischeehaft und oberflächlich.

Peter-Paul Zahl, 2006

Peter-Paul Zahl, 2006

Peter-Paul Zahl war kein politischer Theoretiker, kein großer Denker und kein feiner Stilist, er war manchmal derb, weil er nicht anders konnte, große Romane im Sinne der bürgerlichen Literaturkritik hat er nicht geschrieben, dennoch sind die besten seiner vielen Bücher weit mehr als nur Dokumente einer engagierten Linksliteratur. Zahl hatte Humor. Und auch Selbstironie.

Dass der Ruf des Politaktivisten bis zuletzt seinen literarischen Rang überdeckte – es hatte positive und negative Folgen für ihn. Einerseits galt er den meisten Fans der „Glücklichen“ mit allem, was er publizierte, als literarischer Heros, andererseits mied ihn der etablierte Literaturbetrieb zusehends. Er galt als „Figur“, nicht als Autor.

Auch der Umstand, dass ihm mit dem Glauser im Jahr 1995 für seinen Krimi „Der schöne Mann“ einer der wichtigsten Krimipreise verliehen wurde, änderte nichts daran. In den letzten zwei Jahren suchte Zahl noch Verlage für neue und vergriffene Titel, doch er wurde – soweit bekannt ist – nicht mehr fündig. „Miss Mary Huana“ von 2007 ist sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch.

Dieses Schicksal hat er, bei aller berechtigten Kritik an seinen manchmal doch mit allzu heißer Nadel gestrickten Büchern, nicht verdient.

Am Montag starb Zahl im Alter von 66 Jahren im Krankenhaus von Port Antonio auf der Insel Jamaica. Im vergangenen Jahr hatte sich Zahl wegen eines Krebsleidens noch in Deutschland behandeln lassen und kehrte dann in sein Haus in Longbay zurück.“

Zahl war also im Jahr 1978 noch in Haft, als diese Aufnahmen entstanden, und diese Aufnahmen sind ganz sicher auch als eine Aktion der Solidarität mit diesem Schriftsteller zu verstehen. Und für meinen Geschmack haben die Texte wirklich Bedeutung und Qualität … und das erfreuliche ist, dass die musikalische Umsetzung dieser Texte einfach nur grandios ist … im Gegensatz zu manchen Polit-Rock Alben dieser Jahren wird hier auf einem wirklich hohem Niveau musiziert … beeindruckend und auch noch im Jahre 2018 mehr als hörenswert !

Wenngleich, und das muss ich auch noch leider loswerden: Meine Sympathie für „gewaltbereite Linke“ in der damaligen BRD geht gegen Null !

Aufgenommen im August 1978 in den Schmetter-Sound-Studios, Wien

BackCover

Besetzung:
Andreas Hage- (piano)
Ali Husseini (drums, percussion)
Schurli Herrnnstadt (Schmetterlinge) (vocals)
Michael Iven (vocals, guitar)
Trixi Neundlinger (Schmetterlinge) (flute)
Peter Robert (Oktober) (keyboards, synthesizer, strings)
Hansi Schwarz (guitar)———————————–
Kalla Wefel (Oktober) (bass, guitar)
+
Willie Resetartis (Schmetterlinge) („Ostbahn Kurti“) (vocals bei 01.)

Booklet1A

Titel:
01. Meine kultivierten Bekannten (hage/Zahl) 2.57
02. Ninguneo (Iven/Zahl) 22.45
03. Hinter der dunklen Seite des Mondes 4:24
04. Zürückgebombt… (Schwarz/Robert) 6.40
05. Dynamos (Schwarz/Robert) 4.32
06.  …In Die Steinzeit (Schwarz/Robert) 4.52
07. Alle Türen offen (Schwarz/Robert) 4.50
08. Folter (Schwarz/Robert) 4.03
09. Brokdorfer Liebeslied (Schwarz/Robert) 4.01
10. Hierher gehört Leben (Schwarz/Robert) 5.30

Tracks 03. – 10. nach dem Gedicht „Doors“ von Peter P. Zahl

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Nachruf im "Spiegel" (05/2011)

Nachruf im „Spiegel“ (05/2011)

Franz K. – Sensemann (1972)

FranzKSensemannFC1969 wurde Franz K. von Mick Hannes (Gitarre, * 15. Juli 1951), Peter Josefus (Bass, Gesang, * 6. November 1951, † 14. November 1997) und Stefan Josefus (Schlagzeug, * 24. Februar 1947) gegründet.

Zunächst spielte das Trio Blues und coverte eindrucksvoll Blues-Rock z.B. von Cream, Jimi Hendrix, Ten Years After – dazu auch Jazz/Crossover. Anfangs gab es auch Gigs z.B. kombiniert mit lokalem Polit-Kabarett ihres Roadies Manfred Günther; nach 1970 traten sie öfter zusammen mit dem Lyriker Arnold Leifert auf. Der Stil wurde in dieser Zeit zunehmend rockiger bis hin zum Hardrock.

1972 veröffentlichten sie ihre erste LP Sensemann (und zwar erstmal als Privatpressung) und gehörten damit zu den Vorreitern des Deutschrock. Auf dieser LP befanden sich nur zwei Titel mit jeweils 20 Minuten Länge. (Quelle: wikipedia)

Und hier haben wir dieses „Kultalbum“ …

Die erste LP, drei Jahre nach der Bandgründung. Obwohl spieltechnisch auf weitaus höherem Niveau als die meisten Deutschrock-Bands jener Zeit, macht jedoch die Länge der Stücke und der starke Prog-Rock Einfluss das Anhören zur Geduldsprobe selbst für eingefleischte Franz K. Fans. (Quelle: von einer mitlerweile geläshten ‚Fanseite auf lycos.de)

Oder aber so:

Ausgezeichnet, was die Wittener Band Franz K. auf ihrem Debüt-Album fabriziert hat. Gespielt wird technisch anspruchsvoller Hardrock, den man durchaus progressiv nennen darf. Die 2 Stücke sind für meinen Geschmack etwas zu lang und haben ein paar spannungsmäßige Durchhänger, aber auch einige ganz wunderbare ‚krautrockige‘ Momente. Ein Album, das in keiner ernsthaften Krautrocksammlung fehlen darf. (Rudi Vogel)

FranzKWiederveröffentlichung.jpg

Front + Back Cover der Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 1983

Keine Frage: Franz K. gehören zum Urgestein der deutschsprachigen Rockmusik; ihre Texten waren „sozialkritisch“ und stark von der damaligen DKP Ideologie geprägt. Aber sind wir mal ehrlich: Sieht man mal von dem damaligen „Polit-Slang“ ab, so ganz unrecht hatten sie ja auch nicht.

Musikalisch klingt das Album heute schon recht antiquiert (wenngleich es etliche hypnotische Momente gibt) … aber für jemanden wie mich, der just in dieser Zeit so allmähliche flügge geworden ist … und dabei doch stark von solchen Sounds geprägt wurde, ist das Album halt „Kult“ wissend, dass ich die Nachwelt diesem Urteil wohl kaum anschließen wird.

Und dass die Band dann später in gar fürchterlich seichte Fahrwasser abgetriftet sind … verzeih ihr bis heute noch nicht.

FranzKSensemannAuto

Damals ganz schön provokativ: Franz K. fuhren damals ihr
Equipment in einem Leichenwagen zu den Konzerten

Besetzung:
Mick Hannes (guitar)
Peter Josefus (bass, vocals)
Stefan Josefus (drums)

FranzKSensemannLive

Bochum Juni 1970

Titel:
01. Das goldene Reich (Hannes/P.Josefus/S.Josefus) 20.00
02. Sensenmann (Hannes/P.Josefus/S.Josefus) 18.11

FranzKLabel

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Und hier mal so nebenbei eine Auktion für die Original – LP:

Auktion2.jpg

Auktion1.jpg

Junge, Junge … man glaubt es nicht …

Floh de Cologne – Geyer-Symphonie (1973)

FrontCover1Sie waren die Polit-Rocker der ersten Stunde:

Floh de Cologne war eine zwischen 1966 und 1983 aktive Kölner Politrock-Band und Kabarettgruppe der linken außerparlamentarischen Opposition und des Umfelds der Neuen sozialen Bewegungen in der westdeutschen Bundesrepublik.

Floh de Cologne wurde am 20. Januar 1966 von Kölner Studenten zunächst als Politkabarett gegründet. Die Band stammte aus der Kölner APO um den SDS, ihre politische Ausrichtung veränderte sich über die Jahre hinweg zu einer klar dialektisch-marxistischen Position; unabhängig voneinander traten die Mitglieder der Band zwischen 1970 und 1973 in die DKP ein. Ihr legendärster Auftritt bleibt wohl der auf dem Fehmarn-Festival am 6. September 1970 nach Jimi Hendrix; dies war dessen letzter Auftritt vor seinem Tod. 1973 trat Floh de Cologne als musikalischer Teil einer westdeutschen Abordnung bei den X. Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin auf. Ab 1980 waren Teile der Band (Vridolin Enxing als Vorsitzender) aktiv bei Rock gegen Rechts, im selben Jahr erhielt die Gruppe den Deutschen Kleinkunstpreis zusammen mit Gerhard Polt. 1983 löste sich Floh de Cologne auf.

Als die ursprünglich konventionelle Kabarettgruppe bei den Essener Songtagen 1968 Undergroundbands wie die Mothers of Invention, die Fugs und die Edgar Broughton Band erlebt hatte, orientierte sie sich mit ihrem dritten Programm „SimSAlabimbambaSAladUSAladim“ stilistisch um und verband agitatorische Texte mit Beatmusik und einer Bühnenshow zu sogenannten „Agitations-Revuen“[2] und entwickelte sich zu einer der führenden Politrock-Bands. 1969 schloss Floh de Cologne einen Exklusiv-Plattenvertrag mit dem Label Ohr/Metronome für die Produktion „Fließbandbabys-Beatshow“ und weitere Produktionen ab. Der seinerzeit legendäre Metronome-Produzent Rolf-Ulrich Kaiser, Szenenname: „Kosmischer Kurier“, war maßgeblich beteiligt am Aufbau der so genannten Krautrock-Szene dieser Jahre.

1971 schuf Floh de Cologne die erste deutschsprachige Rockoper namens „Profitgeier“. In der dreisätzigen „Geyer-Symphonie“ von 1973 arbeitete die Band in ihre Musik Originalausschnitte aus Politikerreden anlässlich des Begräbnisses des deutschen Großindustriellen Friedrich Flick ein. (Quelle: wikipedia)

Geyer-Symphonie01

Nun, Friedrich Flick … er war damals eine der größen Reizfiguren der rebellischen Jugend, denn wie kaum ein anderer symbolisierte er eine Gesellschaft, in der es möglich war, als profitgieriger Nazi in der neuen Bundesreppublik Deutschland Karrier zu machen und zugleich ganz gewaltig im Hintergrund duie Strippen zu ziehen.

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Friedrich Flick als Angeklagter während der Nürnberger Prozesse (1947)

Friedrich Flick (* 10. Juli 1883 in Ernsdorf (Siegerland); † 20. Juli 1972 in Konstanz) war ein deutscher Unternehmer. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hielt sein Flick-Konzern umfangreiche Firmenbeteiligungen, besonders im Rüstungsbereich. Im Flick-Prozess wurde er als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt. In der Nachkriegszeit begann sein Wiederaufstieg, wobei er zu einem der reichsten Männer der Bundesrepublik Deutschland wurde.

Geyer-Symphonie02

Und hört man sich all diese Trauerreden an … so kann´s einem schon fröteln … und fassungslos mehme ich wieder mal zur Kenntnis, dass es in unserem Land möglich war, einem skurpellosem Verbrecher derartig viel Ehre teil haben zu lassen …

Und so wichtig und notwendig ihre damaligen Kommentaren zum Zeitgeschehen auch waren, so darf/muss man auch feststellen, dass Floh de Cologne musikalisch überwiegend eher ungelenk und hölzern agierten.

FlohDeCologne

Besetzung:
Hansi Frank (drums, vocals)
Dieter Klemm (percussion, vocals)
Theo König (saxophone, clarinet, harmonica, vocals)
Markus Schmid (guitar, keyboards, bass, vocals)
Dick Städtler (guitar, bass, vocals)
Gerd Wollschon (vocals, bass, percussion)

BackCover1

Titel:
01. 1. Satz: La Grande Tristesse (Requiem) 7.10
02. 2. Satz: Danse Macabre (Totentanz) 13.02
03. 3. Satz: Sérénade Des Vautours (Leichenschmaus) 23.30

Musik und Texte: Hansi Frank- Dieter Klemm – Theo König – Markus Schmid- Dick Städtler – Gerd Wollschon

Die Trauerreden stammen von:
Herman Josef Abs – Fritz Berg – Ludwig Erhard – Konrad Kaletsch – Hans-Günther Sohl

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Und jetzt ist ein Mitglied von Floh de Cologne verstorben: Theo König:

Todesanzeige