Robert Long – Tag, kleiner Junge (1984)

FrontCover1Der niederlänsiche Liedermacher Robert Long ist ein Paradebeispiel für die 80er Jahre und zwar im Bezug auf all jenen Menschen, die frauenbewegt und sozialkritisch waren, und alle jene Menschen, die sich so dringend wünschten, dass Männer endlich mal „weicher“ werden:

Robert Long (eigentlich Jan Gerrit Bob Arend Leverman; * 22. Oktober 1943 in Utrecht; † 13. Dezember 2006 in Antwerpen) war ein niederländischer Liedermacher.

Jan Leverman absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Schaufensterdekorateur und sang nebenbei in einer Amateurband, deren Musik beeinflusst war vom Beat und den frühen 1960er Jahren. Seine Unit Gloria hatte Erfolg mit niederländischen Schlagern. Dies war ihm jedoch zu langweilig und er begann, seine eigenen Texte zu schreiben. Leverman nannte sich fortan aufgrund seiner Körperlänge von 1,92 m Robert Long und hatte Anfang der 1970er Jahre erste Erfolge als Liedermacher. Seine erste Langspielplatte veröffentlichte er in den Niederlanden 1974. Sein Erfolg in Deutschland begann 1981 mit seiner zweiten deutschsprachigen LP Homo Sapiens. Seine holländischen Texte wurden von Michael Kunze ins Deutsche übertragen. Long schrieb außer den Texten auch die Musik selbst und arbeitete mit dem erfolgreichen Komponisten und Arrangeur Erik van der Wurff zusammen.

Robert Long bekannte sich von Beginn seiner Karriere an offen zu seiner Homosexualität. Seine Texte sind weitgehend autobiografisch inspiriert. Seine größten Erfolge hatte er in Deutschland zu Beginn der 1980er Jahre mit Liedern wie Feste Jungs, Wenn man mich mal fragen würde und Tolerant. Feste Jungs wurde auch von Katja Ebstein aufgenommen für ihr Album He du da. Weiterhin sang er die Titelmelodie der Fernsehserie Q & Q und die niederländische Titelmelodie der Kinderserie Gummibärenbande.

Nachdem erst wenige Tage zuvor bekannt gegeben worden war, dass er nicht mehr lange zu leben habe, starb Robert Long 2006 an einer Krebserkrankung. (Quelle: wikipedia)

Dieses Album erschien ursprünglich in Holland im Jahr 1983 bei EMI unter dem Titel “ Dag kleine Jongen“ und das Album ist alles andere als eine leichte Kost.

NLCovers

Die holländische Originalausgabe (1983)

Selten habe ich ein Album gehört, dass sich auf all jene schmerzlichen Seiten des Lebens konzentriert wie dieses. Wehmut, Verzweiflung, Resignation sind die Farben dieses Albums, z.B. bei „Verrückte Weiber“

Louise Maier, wohnhaft in der Goethestraße
schreckt auf aus ihren Träumen früh um vier
Mit Stiefeltritten brechen Männer durch die Tür
Sie hört Geschrei und sieht, noch ohne zu begreifen
wie Fremde ihren Sohn zu einem Auto schleifen
Erst hat sie Angst – dann packt die Wut sie immer mehr
Im Morgenmantel rennt sie raus, dem schwarzen Wagen hinterher
doch das ist sinnlos – sie ist zu alt
Die Polizei läßt dieser ganze Vorfall kalt
Die aufgeregte Frau im Nachthemd amüsiert sie sehr
So kriegt sie nicht mal eine Strafe für ihr Keifen.

Und auf dem Marktplatz stehen stumm
ein paar verrückte Weiber rum
Die kommen täglich – trotz Verbot der Polizei
Sie haben Trauerkleidung an
Die Zeitung meldet dann und wann
daß diese Frau’n nicht bei Verstand sind
und eine Schande für das Land sind
und daß Moskau sie bezahlt
für ihre dreiste Lügerei.

Isolde Schmidt hatte mehr Glück als Verstand
daß sie den Mann und ihre Söhne wiederfand
Ihr Mann lag tot in einem Bushc am Straßenrand
Und sie fand auch, nach einer Suche ohnegleichen
in einem Keller, voll von halbverfaulten Leichen
die beiden Söhne, von der Folter ganz entstellt
Frau Kreuz fragt bei Behörden an, wo man den Sohn gefangen hält
und stellt Gesuche allerseits
sie schreibt auch lange Briefe an das Rote Kreuz
Und abends sitzt sie in der Küche, tränenleer und ausgebrannt
mit der Hand über ein kleines Photo streichen.

Und auf dem Marktplatz stehen stumm
ein paar verrückte Weiber rum
Die kommen täglich – trotz Verbot der Polizei
Sie haben Trauerkleidung an
Die Zeitung meldet dann und wann
daß diese Frau’n nicht bei Verstand sind
und eine Schande für das Land sind
und daß Moskau sie bezahlt
für ihre dreiste Lügerei.

Maria Schulze wurde Zeugin des Verhörs
von ihrer Tochter, die ein Baby in sich trug
Sie sah, wie man sie mit dem Gummiknüppel schlug
und dann, als sie sich trotzdem weigerte zu reden
begann, ihr mit den Stiefeln in den Bauch zu treten
bis sie dann starb unter dem Kolben des Gewehrs
Nun werden sicher viele sagen, die Geschichte sei pervers
Solche Visionen gehn zu weit
Doch alles dies ist leider bitt’re Wahrheit
Verändert hab ich nur die Namen und die Orte Vers für Vers
als hätt‘ das alles was zu tun mit unserm Leben.

In Santiago stehen stumm
ein paar verrückte Weiber rum
Wen interessiert es? Südamerika ist weit –
Die Zeitung schreibt was, dann und wann
Wir denken: Was geht uns das an
Für uns ist das nur halb so wichtig
Und außerdem, womöglich richtig
wenn man behauptet, diese Weiber
sind im Kopf nicht ganz gescheit.

Nicht minder bitter ist dann auch das Lied „Die Nachbarin“:

Ich hab gesehn, wie’s mit der Nachbarin bergab ging
ihr der Mann starb, war auch sie nicht mehr sehr jung
Sie schloß sich ein für sieben Wochen
und ertrug ihr Leid ganz stumm
Nun ja, ihr Sohn der unten wohnt, hat ziemlich viel zu tun
Und sie saß oben ganz allein und kam vor Trauer um
Da war sie auf der andern Seite meiner Wand
Ich wohnte hier und ahnte wohl, wie’s um sie stand
und konnte auch nicht helfen, das ist dann das Blöde

Ich hab gesehn, wie meine Nachbarin verwelkte
Wenn sie die Blumen geß bei sich auf dem Balkon
stand sie mit rot verheulten Augen da, ich kannte das ja schon
und sprach mit ihr im verkrampft harmlosen Plauderton
Während sie mit den Tränen kämpfte, hörte ich den Sohn
wie er die Tür zuschob im Erdgeschoß ganz leis
Dem ging die Heulerei der Mutter auf den Geist
Ich ließ sie stehen, um meine Wohnung aufzuräumen

Ich hab gesehn, wie sich die Nachbarin ertränkte
Sie schwankte oft, wenn sie nach Haus kam aus der Stadt
Ich sah, wie sie die leeren Flaschen
auf den Mülll geworfen hat –
Ab und zu sprach ich noch mit ihr, doch sie war ziemlich knapp
Das Sich-zusammenreißen hat sie gründlich satt gehabt
Doch in der Nacht war sie allein mit ihrer Angst
und eines Morgens holte sie die Ambulanz

Ich hab gesehn, wie’s meine Nachbarin erwischt hat
auch wenn sie sich nochmal erholt, bevor sie stirbt
An jenem Abend lag ich neben meinem Liebsten
und fragte mich, wie das mit ihr wohl enden wird
Komisch, wie so was einem gleich den Tag verdirbt.

Die deutschen Übersetzungen besorgte übrigens Michael Kunze.

Robert Long sinniert über den „kleinen Jungen“ in sich, macht ich ein wenig lustig über Nicole´s „Ein bißchen Frieden“ (wir erinnern uns: Nicole trällerte sich mit diesem Lied an die Spitze des Eurovision Song Contest im Jahr 1982)

Und mehr als einmal muss man (aslo ich) arg heftig schlucken, ob der schmerzlichen Widrigkeiten des Lebens, über die Robert Long singt.

Die ganz große Anerkennung wie sie Herman van Veen erreichte, bekam er nicht. Vielleicht lag es ja auch daran, dass er schwul war, un die weiblichen Fans hier in Deutschland, dann doch lieber auch mal textlich angeschmachtet werden wollten ?

Einer der ganz wertvollen Liedermachen ist er dennoch gewesen. Wer gerade ein wenig depressiv ist, sollte sich allerdings dieses Album nicht anhören … die Texte schlagen einem auf den Magen !

RobertLongBesetzung:
Robert Long (vocals)
+
ein kleiner Haufen Studiomusiker

BackCover1Titel:
01. Tag, kleiner Junge  2.55
02. Der Frühling, der Frühling 3.04
03. Wenn du je fortgehst 2.51
04. Warum heulst du denn? 3.33
05. Bei uns herrscht Ordnung 3.46
06. Hat ein Kind noch eine Zukunft? 4.20
07. Verrückte Weiber 5.00
08. Total 2.39
09. Die Nachbarin 4.25
10. Werd auch ich wenn ich mal alt bin 2.28
11. Grabspruch 1.19
12. Toter Fisch 4.11

Musik und Texte; Robert Long
deutsche Übersetzungen: Michael Kunze

LabelA1

*
**

Anzug

Man müsste mir schon verdammt viel Geld zahlen, damit ich einen solchen Anzug anziehen würde …

Wolf Biermann – 4 neue Lieder (1968)

FrontCover1Nun – wie angekündigt – jene Wagenbach EP die 1968 parallel zu dem Buch „Mit Marx- und Engelszungen“ erschien.

Es müssen recht abenteuerliche Wege gewesen sein, auf denen Wolf Biermann seine Kontakte in die BRD pflegte und auf denen auch diese Aufnahmen dann beim Wagenbach Verlag landete, hatte er doch seit 1965 ein Auftrittsverbot in der DDR.

Das stelle man sich mal vor:

Wolf Biermann ist der Sohn von Emma und Dagobert Biermann. Sein Vater, ein jüdischer Hamburger Werftarbeiter, der im kommunistischen Widerstand organisiert war, wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Er hatte Schiffe der Kriegsmarine sabotiert. Die Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 (Operation Gomorrha) überlebte Wolf Biermann dadurch, dass sich seine Mutter Emma mit ihm durch einen Sprung in den Nordkanal vor den Flammen des brennenden Stadtviertels Hammerbrook rettete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Wolf Biermann den Jungen Pionieren bei und vertrat 1950 die Bundesrepublik Deutschland beim 1. Deutschlandtreffen der Jugend in der DDR. Er besuchte die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg-Winterhude und war dort Klassenkamerad von Klaus-Michael Kühne.

WolfBiermann1961

Wolf Biermann, Studio IV des Deutschen Fernsehfunks, Berlin-Adlershof am 04.11.1961

1960 lernte Biermann Hanns Eisler kennen, der ihn nach eigener Aussage maßgeblich prägte. Biermann begann, Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater (b.a.t.). Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, das vom Mauerbau handelt, wurde verboten, und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Über Biermann wurde ein befristetes Auftrittsverbot verhängt, das ein halbes Jahr währte. Außerdem weigerte sich die SED 1963 ohne Angabe von Gründen, ihn nach seiner Zeit als SED-Kandidat als Mitglied aufzunehmen.[6] Aus den nach der Wende gefundenen Stasi-Akten Biermanns geht hervor, dass die in der SED Zuständigen die Vorstellung hatten, Biermann müsse regelmäßiger Konsument aufputschender Drogen gewesen sein, und vor diesem Hintergrund eine Parteiaufnahme ablehnten.1953 übersiedelte er als Sechzehnjähriger kurz vor dem 17. Juni in die DDR, lebte in einem Schulinternat in Gadebusch bei Schwerin und begann nach dem Abitur 1955 ein Studium der Politischen Ökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, das er 1957 abbrach, um bis 1959 als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 Philosophie bei Wolfgang Heise und Mathematik an der Humboldt-Universität, bekam aber trotz erfolgreich verteidigter Abschlussarbeit im Fach Philosophie kein Diplom ausgehändigt. Die Urkunde erhielt er erst nachträglich am 7. November 2008, als ihm die Humboldt-Universität Berlin die Ehrendoktorwürde verlieh.

WolfBiermann1962

Wolf Biermann trat 1962 auf dem Lyrikabend mit politischen Liedern auf. Der Gastgeber des Abends Stephan Hermlin musste danach vor der Parteiführung Stellung beziehen und verlor seinen Posten als Sekretär der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege in der Akademie der Künste.

Seinen ersten Gastspielauftritt in der Bundesrepublik hatte Biermann 1964. Im April 1965 trat er mit seinen Liedern in einem Kabarett-Programm von Wolfgang Neuss in Frankfurt am Main auf, dessen Aufnahme als LP unter dem Titel Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West) erschien. Im selben Jahr veröffentlichte Biermann den Lyrikband Die Drahtharfe im Westberliner Verlag Klaus Wagenbach, im Dezember verhängte das 11. Plenum des ZK der SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR gegen ihn. Das Ministerium für Staatssicherheit entwickelte daraufhin einen 20-Punkte-Plan zur „Zersetzung“ seiner Person.

Nachdem Biermann in dem Bemühen, eine Veröffentlichung seiner Lieder auf den DDR-Plattenlabels Amiga nicht auf immer unmöglich zu machen, über Jahre hinweg auf Schallplatten-Veröffentlichungen in der Bundesrepublik verzichtet hatte,[9] erschien 1968 seine erste eigene Langspielplatte Chausseestraße 131. Durch die mit dem Auftritts- und Publikationsverbot einhergehende Unmöglichkeit, ein professionelles Tonstudio zu nutzen, entstanden die Aufnahmen zu Chausseestraße 131 in Biermanns Wohnung mit Hilfe eines aus dem Westen geschmuggelten Grundig-Tonbandgeräts sowie eines Sennheiser-Mikrofons, das durch seine Kugelcharakteristik auch noch die Geräusche der vorbeifahrenden Straßenbahn einfing.[10] Für dieses Album erhielt er 1969 den Fontane-Preis, einen 1948 gestifteten Kulturpreis des Landes Berlin. Bei dessen Verleihung kam es zu einem Eklat, als Biermann den Preis – ebenso wie Peter Schneider, der den Förderungspreis erhalten hatte – öffentlich an die Außerparlamentarische Opposition weitergab. Außerdem überwies er 10.000 DM des Preisgeldes an den Anwalt Horst Mahler, der Rechtsbeistand für in der BRD politisch Verfolgte leistete. (Quelle: wikipedia)

AusbürgerungMan höre Wolf Biermann mit seiner brüchigen und zugleich aufbegehrenden Stimme, man lausche seinen Texten, voller Wut, manchmal aber auch voller Verzweiflung …

WolfBiermann1965

Wolf Biermann und Eva Maria Hagen auf dem Robert-Koch-Platz, Berlin-Mitte. 1965

Besetzung:
Wolf Biermann (vocals, guitar)

BackCoverTitel:
01. Drei Kugeln auf Rudi Dutschke 3.57
02. Ermutigung 2.43
03. Es senkt das deutsche Dunkel …  2.40
04. Noch 5.00

Musik und Texte: Wolf Biermann

LabelB1

*
**

 

BiermannMerkel

Ja, ja …

Du, laß dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
– sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.

Du, laß dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
daß wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, laß dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid

Wolf Biermann – Mit Marx- und Engelszungen (1968 – 1976)

Marzx+Engelszungen01AEin aus meiner rückblickenden Sicht ungemein wichtiges Buch für all jene, deren Herz links schlägt.

Und Wolf Biermann war damals, als das Buch 1968 beim Wagenbach Verlag erschien in Ost und West in den „herrschenden Kreisen“ alles andere als beliebt, denn er mischte sich hie wie da auf seine ganz eigene und provozierende Weise ein.

Zur Einstimmung auf dieses Buch eine Rezension des Buches aus dem Spiegel vom 4.November 1968:

Wolf Biermann: „Mit Marx- und Engelszungen“. Wagenbach: 84 Seiten; 5,80 Mark.

Vor fünf Jahren verbreiteten sich, dank fieberhafter Überspielerei, seine Lieder im politischen Untergrund der Bundesrepublik. Ein paar privat aufgenommene, halbwegs geschmuggelte Tonbänder mit Gesängen erreichten rasch, daß es in fortschrittlichen Großstadtzirkeln beider deutscher Staaten „keine Party ohne Biermann“ gab. Und während der Ost-Berliner in einem gleichbetitelten Lied über seine geheime, nicht ins Volk dringende Popularität in der DDR höhnte und kleinbürgerlichen Dogmatismus, linke Erstarrung glossierte, wuchs sein Ansehen im Westen: Wolf Biermann, 36, wurde zum meistgefragten Gast von drüben, machte herüben kein Hehl aus seiner grundsätzlichen Vorliebe für die DDR und mußte dort dennoch zwangsläufig in Ungnade fallen.

Wolf Biermann. 1968

Wolf Biermann, 1968

Die Verbannung aus der gesamtdeutschen Öffentlichkeit hat zumindest seinen Versen gutgetan. Zu den pazifistischen Hetzliedern gegen den Krieg, die Biermann schon vor Jahren sang, gesellt sich nun beispielsweise ein dringliches „Aber / die Schönheit der Maschinenpistole / über der Schulter des Guerilla-Kämpfers …“ Und er findet den deprimierend allgemeingültigen „Morgenspruch des General Ky“: „Eine Regierung, die nichts weiter fürchten muß / als das Volk, / kann lange dauern, solange / das Volk nichts weiter fürchtet / als die Regierung.“

Biermanns Brillanz ist allerdings höchst selten aphoristisch. Freiheit und Radikalität für poetische und politische Kraftakte bezieht er aus dem Balladenton und seiner handfesten, sinnlichen Metaphorik. Am schönsten sind da die Vergangenheitssplitter und Hoffnungsschimmer in den Liedern über seine Hamburger Oma Meume. Dagegen wirkt die immer noch fröhliche Villon-Attitüde zu glatt: „Da ging ich mit der Dicken / die ersten Kätzchen pflücken / trotz Magistratsverbot / zum Mont-Klamott.“

Die Glanzstücke sind aber nun nicht mehr Biermanns traditionsfeste“ sangbare Strophen, sondern die Gedichte, etwa das an eine Bronzeskulptur des Ost-Berliner Bildhauers Fritz Cremer“ „Der Aufsteigende“, mit der Frage: „Macht er Fortschritte? / Oder macht er Karriere?“

Wolf Biermann, dessen große Karriere als politischer Sänger vor vollen Häusern recht plötzlich — auch durch ihn selbst — unterbrochen wurde, macht größere Fortschritte als politischer Dichter; auch wenn ihm zwischendurch immer wieder Liedersänger-Sentimentalitäten unterlaufen. (DER SPIEGEL 45/1968)

Und hier ein Beitrag aus der „Zeit“ vom 23. August 1968:

Drei Jahre liegt das Erscheinen der „Drahtharfe“ inzwischen zurück – seitdem hat der Ostberliner Dichter Wolf Biermann („kein WolfBiermann01Zuckersack, doch Kommunist“) geschwiegen, freiwillig jedenfalls nicht: Es war und ist ein Boykott über ihn verhängt, dessen Einzelheiten, lächerlich, wenn sie nicht so ernst wären, entgegen den Wünschen seiner Urheber allerdings auch dafür gesorgt haben, daß Biermann nicht vergessen wurde, um so weniger, als er heute mit seinem Ja zum Sozialismus und seinem Nein zu dessen totalitären Versionen zumindest außerhalb seiner DDR längst nicht mehr so allein steht, wie es vor ein paar Jahren noch schien. Im kommenden September nun veröffentlicht Klaus Wagenbach einen zweiten Band mit Gedichten, Liedern und Noten von Wolf Biermann, betitelt „Mit Marx- und Engelszungen“, und gleichzeitig eine 17-cm-Schallplatte mit vier Liedern.

Und gleich noch ein paar weitere Stimmen aus der damaligen Zeit:

»Extravagant, bieder, einleuchtend, immer überschaubar und durchschaubar: so präsentieren sich Biermanns unheiter-heitere Verse. Ein Außenseiter formuliert das Bewusstsein einer Generation, ein Einzelgänger spricht für viele.« Süddeutsche Zeitung

Originalausgabe, 1968

Originalausgabe, 1968

»Neben Aufsässigkeit und pathetischer Anklage, neben Bitterkeit und Ironie spielt so manchmal eine Heiterkeit mit, die im fließenden, klaren Rhythmus der Sprache aufgehoben ist.« Urs Strässle im Zürcher ›Tages-Anzeiger‹

»Wolf Biermann, engagierter Sozialist, Protestler seit Jahren, ist unbequem, hüben wie drüben … Ein Bändchen, das man jedem Bundesbürger überreichen müsste. Vielleicht wäre es um seinen Schlaf nicht mehr ganz so gut bestellt.« Marie Hüllenkremer in den ›Aachener Nachrichten‹

Also nein, liebe Süddeutsche Zeitung (auch wenn ihr mein Leib- und Magenblatt seid), „bieder“ waren diese Texte wahrlich nicht !

Ganz im Gegenteil: bitter und scharfzüngig sind viele seiner Texte und so verwundert es eigentlich nicht, dass viele gerade der Texte aus diesem Band zu Klassikern des neuen deutschen Liedgutes wurde. Allein seine „Hetzlieder gegen den Krieg und Lobpreisungen des Friedens“ sind ein unglaubliches Stück wertvollster Literatur.

Ich erwähne da nur mal „Soldat, Soldat“. Und auch andere Texte wie z.B. „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ oder insbesondere „Ermuting“ („Du, laß dich nicht verhärten in dieser harten Zeit … „) sind und bleiben Klassiker !

Die mir vorliegende Ausgabe stammt aus dem Jahr 1976 und wurden wohl deshalb nochmals neu aufgelegt, weil just in diesem Jahr Biermann „ausgebürgert“ wurde … und von daher hat man auch gleich das Titelbild aktualisiert (es zeigt Biermann bei einem seiner legendären BRD-Tournee nach seiner Ausbürgerung – dieses Kapitel seiner Biographie ist wahrlich einen eigenen Beitrag wert).

Hier ein paar Vorschaubilder, bevor es dann zur Präsentation geht und als nächste Eintrag in diesem blog wird dann die oben angesprochen EP von Wolf Biermann mit dem Titel „4 neue Lieder“ sein, die der Wagenbach Verlag damals zeitgleich veröffentlichte.

Marzx+Engelszungen04AMarzx+Engelszungen15AMarzx+Engelszungen19AMarzx+Engelszungen25AMarzx+Engelszungen21AMarzx+Engelszungen43AMarzx+Engelszungen44A
*
**

Titelbild einer Neuausgabe

Titelbild einer Neuausgabe

Nicht verschwiegen werden soll in diesem Zusammenhang,
dass Wolf Biermann viele, viel Jahre später
eine eigenartig anmutende Annäherung an den Springer Verlag wagte …

Mario Hené – Lieber allein, als gemeinsam einsam (1977)

FrontCover1Mario Hené (* 8. Februar 1954 in Berlin-Charlottenburg) ist ein deutscher Liedermacher. Hené wuchs mit seinem Bruder Piet bei seiner Mutter Hilde im Märkischen Viertel in West-Berlin auf. Sein Vater starb, als Mario drei Jahre alt war. Im Alter von zwölf Jahren fing Hené an, Gitarre zu spielen. Neben klassischen Stücken lernte er auch das Fingerpicking der Folkmusiker. Diese Stilmischung prägt die Musik von Mario Hené. 1971 begann Hené eine Lehre als Orgelbauer in Landshut, brach diese aber vorzeitig ab. Stattdessen sang er Blues- und Folksongs in Berliner Kneipen und spielte nebenbei auch in der Band Sanatorium. 1977 erscheint sein Debütalbum „Lieber allein als gemeinsam einsam“, dem bis 1990 sieben weitere Alben folgen. Von Ende der 1990er Jahre bis 2012 trat Hené zusammen mit Jürgen von der Lippe auf. Gemeinsam veröffentlichten sie verschiedene CDs. MarioHené01Seit 2006 war Hené mit dem Programm „Leise ist laut genug“ in Deutschland auf Solotour. Unter gleichem Namen erschien 2012 nach 20 Jahren Pause erstmals wieder ein neues Soloalbum. (Quelle: wikipedia) Hier nun sein Debütalbum aus jenen buten 70er Jahren, wo sich aus zunehmend Männer getrauten, ihre sensiblen Seiten zu zeigen (auch wenn das damals von der frauenbewegten Latzhosen-Fraktion sehr kritisch beäugt wurde) Allein der Blick auf die Titel seine Lieder weisen schon darauf hin: „Wie ein Baum im Herbstwind“, „Der Weg nach nirgendwo“, „Der Wind hat mir ein Märchen erzählt“ oder „Lied vom Steppenwolf“. Und schon wieder so ne LP, die ich damals – also 1977 – kaum beachtet hätte, die mich heute aber hellauf begeistert. Und so erinnert sich Mario Hené an dieses Album: „Das Debüt-Album „Lieber allein als gemeinsam einsam“ erscheint, arrangiert von John O’Brien Docker. Mit seinen poetischen Texten und der verträumt melancholischen Instrumentierung wird das Album auf Anhieb zum Erfolg. (Die Textzeilen des Titelsongs werden zum geflügelten Wort und sind auch 25 Jahre später noch häufig in Kontaktanzeigen zu lesen…)

Bevor es jedoch soweit war, musste Mario sich noch einmal live bewähren: Auf der Präsentation des Plattenlabels NATURE im Hamburger LOGO musste er „den Pausenclown machen“. Irgendwann im Laufe dieses Abends sagte man ihm schließlich, dass er jetzt einen Plattenvertrag bekomme.“ MarioHené02Später schreibt er dann noch über dieses Album, dass es wohl auch von Selbstmitleid geprägt war … aber, wenn man quasi vaterlos aufwächst, dann ist eine solche Phase durchaus notwendig. Besser eine solche Phase durchleben, als z.B. die Schmerzen der Kindheit zu verleugnen und zu verdrängen. Auf jedenfall findet man au diesem Album eine Flut von nachdenkenswerten Texten und dies gepaart mit einer Musik, die treffsicher und traumhaft schön ist (da hat wohl auch der alte Studiohase Peter Weihe einen großen Anteil daran, Bassist Dieter Horns dürfte einigen als Mitglied von „Lucifer´s Friends“ bekannt sein). Ein Namen, den man sich wirklich merken sollte, zumal dieser Mario Hené im Laufe der Jahre sehr unterschiedliche musikalische Projekte angegangen ist. Ein völlig anderer Hené zeigt sich dann, als er als musikalischer Partner von Jürgen von der Lippe unterwegs war (man glaubt es kaum). Hier empfehle ich mal dieses Video. Wie auch immer: Die Empfehlung des Monats !

MarioHené03

Mit Alexis Korner

Besetzung:
John O’Brien Docker (guitar)
Peter Franken (drums)
Mario Hené (vocals, guitar)
Dieter Horns (bass)
Bob Lanese (trumpet)
Manfred Sperling (percussion)
Peter Weihe (guitar)

BackCover1Titel:
01. Wie ein Baum im Herbstwind 2.34
02. Du stehst am Fenster 3.41
03. Der Weg nach nirgendwo 3.20
04. Der Wind hat mir ein Märchen erzählt 3.11
05. Gestern, heute und morgen 4.55
06. Ein Leben lang 3.07
07. Vielleicht 4.46
08. Ich brauche dich 3.47
09. Zeit(t)räume 3.50
10. Lieber allein, als gemeinsam einsam 3.10
11. Lied vom Steppenwolf 5.15

Musik und Texte: Mario HenéLabelB1

*
**

MarioHené04

Bis heute aktiv: Mario Hené

Michael Fitz – Hier (1999)

FrontCover1Den Michael Fitz hat man ja nochals Tatort-Schauspieler im Kopf, aber er ist ja nicht nur Schauspieler, sondern auch Musiker …  Und sostellt er sich dann selbst als Musiker vor:

Im zarten Alter von 13 Jahren habe ich damals angefangen Gitarre zu spielen, ehrlich gesagt weniger um als Interpret von Etüden und klassischen Gitarrenstücken zu glänzen, sondern eher um in der Lage zu sein, dass was unsereins damals so hörte, nachspielen zu können. Dylan, Cohen, Crosby-Stills-Nash & Young aber auch Genesis, Gentle Giant und Yes waren damals die Götter meines Olymps und natürlich wollte man die Wirkung von 4-Stimmigen, gesungen Harmonien gerne selbst ausprobieren, dazu musste zumindest Einer in der Lage sein, die Begleitung dazu auch zu spielen. Ich gab mir dabei alle Mühe, war aber – zugegeben – zunächst besser beim Satzgesang aufgehoben, als bei den Gitarrenvirtuosen, die damals schon großen Wert darauf legten das Solo von „Stairway to Heaven“ möglichst originalgetreu nachzuspielen. MichaelFitz01Das war meine Sache nicht, ich wollte mich und meine Songstimme zunächst lediglich begleiten und fing an, selbst geschriebene und auch andere Gedichte zu vertonen und zu singen. Singer/Songwriter nennt man das heute, früher hieß das Liedermacher und im italienischen Sprachraum besonders schön, „cantautori“. Zu jenen zählte ich mich von Anfang an, vor allem auch deshalb, weil mir der gelungene Umgang mit Sprache, z.B. eines Reinhard May, sehr gut gefiel und mir eine große Inspiration war.

Mit 16 hatte ich immer wieder Phasen, wo es dann schon mal bayrischer Dialekt wurde, aber grundsätzlich dachte ich, als Post-Hippi-Kind das nun in die NDW-Zeit hinein wuchs eher an Hochdeutsches, um bundesweit verstanden zu werden. Nach ersten Bühnenerfahrungen mit eigener Band und eigenem Material und viel vergeblichen Songwriting wurde daraus Ende der 80iger dann ein Major-Deal bei einer großen MichaelFitz02Plattenfirma in München. Herwig Mitteregger (ex Spliff) produzierte die erste vielversprechende Single „hörst du die Trommel nicht“. Anschließend durfte ich, unter meinem Namen zwei Alben („Fitz“ und „Gefühlsecht“) einspielen und veröffentlichen. Beim Hamburger Ableger der gleichen Firma erschien anschließend noch ein weiteres Studioalbum, mit Namen „Loopings“ . Doch schlussendlich, nach vier Jahren major deal, Musste ich mir und auch der Company eingestehen, dass mein Output nicht Massenkompatibel war und ich es wohl besser auf eigene Faust mit eigenem Label probieren sollte.

Tat ich auch und tourte in den 90igern mit meiner damaligen Unplugged-Band ausgiebig durch Deutschland und landete dann 2001 meinen ersten, eigenen großen Treffer. Das Album „Gleichgewicht“ war zwar über eine Fernsehserie, für die ich sowohl Titel als auch Score produzierte, bekannt geworden, aber die Serie floppte, während das Album gut lief MichaelFitz03und mich für Wochen in die mittleren Bereich der Album Top 100 katapultierte. Aber irgendwas stimmte nicht. Irgendwas war nicht authentisch, nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte und nach zwei Jahren faktisch Durcharbeiten mit eigenem Label und eigener Tournee-Agentur, stand ich im Herbst 2001 auf der Bühne und fand mich in dem, was da um mich herum abging und was ich angezettelt hatte, nicht mehr wieder

Also trat ich auf die Bremse beendete das Ganze, stellte die Gitarre wieder in den Schrank und verordnete mir erst mal eine kreative Auszeit.

Nach vier Jahren juckte es dann wieder in den Fingern, es wollte etwas raus, etwas wollte ans Licht und das kam auch so. Ich wollte nur noch Musik machen, die an erster Stelle mich und dann vielleicht auch die Anderen berühren konnte. Mike Scott, Damian Rice, Tom McRae waren mir da eine große Inspiration genau wie der „cantautori“ Gianmaria Testa.

MichaelFitz04

Was aus mir raus kam, war bayrisch, Mundart also, die mir erlaubte nah und authentisch zu sein und zu bleiben. Zwei Alben entstanden zu Hause indem wir das alte Bauernhaus, in dem meine Familie und ich zu dieser Zeit lebten, in ein lebendiges Aufnahmestudio verwandelten. Live präsentierte ich das ganze erst mal zusammen mit dem Perkussionisten Wolfgang Lohmeier, später dann auch mit einem ausgewachsenen Ensemble und der nächste wichtige Schritt war das Solo. Allein auf der Bühne, nur mit Gitarre und Stimme die Menschen in den Bann ziehen. Eine wichtige Erfahrung und auch die Gitarre, die ich in meinem Leben oft stiefmütterlich behandelt habe, kam nun endlich zu ihrem Recht. Über die vergangenen elf Jahre wurde tatsächlich noch ein recht brauchbarer Gitarrist aus mir und auch heute lerne ich immer noch jeden Tag dazu.

MichaelFitz05jpg

Und wie sich der Michael Fitz als Musiker und Liedermacher anhör, kann man nun auch auf diese Scheibe hören … Sensible Poesie, gepaart mit nicht minder sensiblen musikalischen Einfällen und Ideen … bravorös ins Szene gesetzt (kein Wunder bei diesen Begleitmusikern)

BookletFrontCover1

Das signierte Booklet Frontcover

Gewünscht hätte ich mir, dass er nicht nur Texte aus der Kategorie „Nabelschau“ verfasst … neben all den verdammt gut und differenziert verfassten Texten zur eigenen Befindlichkeit, gibt s ja nun auch noch genügend andere Themen …

Dennoch und trotz dieser Einschränkung  verleihe ich diesem Album das Prädikat „absolut empfehlenswert“ … das musiziert und singt einer direkt aus dem Herzen.

Und dann darf ich noch abschließend auf das vorbildliche Begleitheft (auf deutsch „Booklet“) hinweisen.

Booklet01A

Besetzung:
Mick Brehmen (bass)
Michael Fitz (vocals, guitar)
Ossi Schaller (guitar)
Thomas Simmerl (drums, percussion)
+
Oliver Hahn (keyboards)
Ludwig Seuss (organ, accordeon)

Booklet06A

Titel:
01. Soweitsogut 3.42
02. Clown 3.04
03. Weil ich nicht anders kann 3.52
04. Kein Wasser im Blut 4.45
05. Hier 4.04
06. Es tut so weh 3.09
07. Red mit mir 4.49
08. Hörner 3.25
09. Es ist schwer 3.09
10. Wozu brauchst du mich 4.45
11. Zu Fuss 5.17
12. Non C’e Acqua Nel Sangue 4.44
13. Ora E 4.02

Musik und Texte: Michael Fitz

CD1

*
**

TextClown.jpg

Mehr vom Michael Fitz:

(click on the pic)

MehrMichaelFitz

Reinhard Mey – Mein Achtel Lorbeerblatt (1972)

FrontCover1ADer Reinhard Mey war damals ein fester und unverzichtbarer Bestandtteil der deutschen Liedermacher-Szene (ich glaub´, die Bezeichnung „Liedermacher“ gab´s damals noch gar nicht). Er war freilich nie so „radikal“ wie z.B. ein Hannes Wader …. Er war eher so eine Art Chronist des Alltäglichen, Fundamentalkritik an unserer damaligen Gesellschaft war ihm eher fremd.

Mein achtel Lorbeerblatt ist das fünfte deutsche Studioalbum des deutschen Liedermachers Reinhard Mey und erschien 1972 bei Intercord.

Das Album beginnt mit dem Lied Musikanten sind in der Stadt, in dem Mey mit leicht ironischem Blick von fahrenden (und bisweilen rabiaten) Musikanten singt.

Das Lied Manchmal wünscht‘ ich ist ein Liebeslied, in dem Reinhard Mey über die gemeinsame Zeit mit einer Angebeteten nachdenkt.

Annabelle, ach Annabelle ist eines der kontroversesten Lieder Meys. Das Lied beschreibt die Sicht des Freundes auf seine studentische Freundin, die sich in der Studenten- und Emanzipationsbewegung zu Beginn der 1970er Jahre engagiert. Das Lied führte zu einem Höhepunkt der Kritik. Thomas Rothschild schrieb in dem Buch Liedermacher: „Mit dieser Karikatur einer linken Studentin […] entpuppte sich Reinhard Mey endgültig als einer, der seinen kleinbürgerlichen Zuhörern, die sich ihre heile Welt nicht rauben lassen wollen, nach dem Mund singt. […] Was offenbar sogar Moderatoren für Humor halten, ist bösartige Lächerlichmachung einer Minderheit. Von der Annabelle, die nie lacht, zum Russen mit dem Messer zwischen den ReinhardMey3Zähnen ist es nur ein Schritt. Mey betreibt mit Annabelle Hexenjagd in Chanson-Form.“ Für das Lied, das ihm nach eigenem Bekunden „jede Menge Ärger, aber auch jede Menge Spaß“ eingebracht hat, schrieb er 1998, Jahrzehnte später, mit „Der Biker“ eine Art Entschuldigungslied, in dem er seine Wertschätzung für Annabelle zum Ausdruck bringt.

Alles, was ich habe ist ein Freundschaftslied an eine Küchenschabe, die des Protagonisten einziger Freund ist, nachdem alle seine anderen Freunde „mit dem Glück“ davon sind.

Im Lied Schade, daß du gehen mußt besingt der Liedermacher einen verstorbenen Zechbruder.

Die heiße Schlacht am kalten Buffet gibt satirisch stark überzeichnet wieder, wie in einer Veranstaltungspause Menschen aus der sozialen Oberschicht ein kaltes Buffet stürmen.

Mein achtel Lorbeerblatt erzählt vom Druck und den Erwartungen, die auf den Singenden ausgeübt werden, und wie dieser damit umgeht.

Ein weiteres Liebeslied findet sich mit Herbstgewitter über Dächern.

Das Lied In Tyrannis (Von Wand zu Wand sind es vier Schritte) enthält den inneren Monolog eines unschuldig Gefangenen in Isolationshaft. Im Verlauf des Lieds beschreibt dieser, was ihm dort geschehen ist. Zum Ende hin wählt er den Weg des falschen Geständnisses, um der ansonsten aussichtslosen Situation zu entrinnen.

Bevor ich mit den Wölfen heule ist ein klares individualistisches Bekenntnis, gegen den Strom zu schwimmen.

Im Lied Ich wollte immer schon ein Mannequin sein besingt Reinhard Mey den vergeblichen Traum eines Handwerkers, endlich einmal als Mannequin über den Laufsteg zu gehen.

Für das Duo Inga und Wolf schrieb Mey unter seinem Pseudonym Alfons Yondraschek das Abschiedslied Gute Nacht, Freunde, das er hier selbst interpretiert. (Quelle: wikipedia)

Und auch wenn Fundamentalkritik z.B. am Kapitalismus nie seine Sache war, so finden sich auch auf diesem Album durchaus Texte, die alles andere als billig sind, sondern eben durch Substanz überzeugen.

Und ja, ich finde „Annabell“ noch heute witzig, denn – so ganz verkehrt war der natürlich überzogenen Text nicht  – bedenkt man den missionarischen Eifer – mit dem so manch „emanzipierte“ Dame in den Kampf zog … damals, als die Alice Schwarzer vom kleinen Unterschied zu berichten hatte.

Und „Gute Nacht Freunde“ ist heute eine warmherzige Reminiszenz an jene Tage, als man/frau noch nächtelang im Kreis von Freunden plauderte, diskutierte, flirtete und sich auch schon mal voller Inbrunst ereiferte …

ReinhardMey2

Besetzung:
Heinz Cramer (guitar)
Addi Feuerstein (flute)
Hajo Lange (bass)
Reinhard Mey (vocals, guitar)
Heinz Niemeyer (drums)
Kai Rautenberg (piano, cembalo, glockenspiel)
Hubert Schulte (flute)

ReinhardMeyTitel:
01. Musikanten sind in der Stadt 3.23
02. Manchmal wünscht‘ ich  2.57
03. Annabelle, ach Annabelle 4.02
04. Alles, was ich habe 1.57
05. Schade, daß du gehen mußt 4.21
06. Die heiße Schlacht am kalten Büffet 3.16
07. Mein achtel Lorbeerblatt 3.29
08. Herbstgewitter über Dächern 3.13
09. In Tyrannis (Von Wand zu Wand sind es vier Schritte) 5.31
10. Bevor ich mit den Wölfen heule 2.54
11. Ich wollte immer schon ein Manneqin sein 2.10
12. Gute Nacht, Freunde 2.51

Musik und Texte: Reinhard Mey

LabelB(Intercord)1

 

*
**

Booklet1

Mehr vom Reinhard Mey:

Mehr

Holger Biege – Wenn der Abend kommt (1978)

FrontCover1Ein Liedermacher aus der DDR, der eigentlich viel bekannter sein müste:

Holger Biege (* 19. September 1952 in Greifswald) ist ein deutscher Komponist, Sänger, Pianist, Arrangeur und Texter.

Biege absolvierte eine Klavier- und Gesangsausbildung an der Musikschule Friedrichshain in Ost-Berlin und war ab 1975 Mitglied der Schubert-Band. 1976 und 1977 hatte er erste Auftritte in Polen, der ČSSR und West-Berlin. 1978 und 1979 wurde er mit eigenen LPs zum „Interpreten des Jahres“ gewählt. Daneben komponierte er auch für seinen Bruder Gerd Christian.

1980 gründete Biege eine eigene Band. Nach einem Gastspiel blieb er 1983 mit seiner Familie in West-Berlin und übersiedelte dann nach Hamburg. In den folgenden Jahren arbeitete er überwiegend als Arrangeur und Sachverständiger für Musikverlage. 1984 veröffentlichte er sein drittes Album Das eigene Gesicht, seine erste LP in der Bundesrepublik Deutschland, beim Label Polydor. Die meisten Texte HolgerBiegefür dieses Album schrieb Michael Kunze.

1990 unternahm Biege eine Solo-Konzerttournee durch die DDR. Es folgten mehrere CDs. Eine geplante Tournee anlässlich seines 60. Geburtstages musste verschoben werden, da er am 20. Juni 2012 einen Schlaganfall erlitt.

Holger Biege ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt seit 1998 in Göhrde bei Lüneburg. (Quelle: wikipedia)

Und da diese Bio von Holger Biege dem Künstler nicht gereht wird, habe ich eine ausführliche Biographie diesem Info-Päckchen beigelegt.

Hier nun sein Debütalbum aus dem Jahre 1978: Eine eindrucksvolle Sammlung von eindrucksvollen Lieder mit eindrucksvollen Texten.

Da gibt es so ne Zeile, die da lautet: „Sich selber kennenlernen ist ein weites Feld und wer hat sein Feld schon gut bestellt … “ (aus „Kann schon sein“) und es sind solche Zeilen, die mich hellhörig machen, die mit wenigen Worten treffsicher darauf hinweisen, auf was es ankommt … und solcher Zeilen gibt es auf diesem Album zu hauf … deshalb: es ist ein bemerkenswert reifes Album.

Und es ist ein Album, das obwohl auch schon etliche Jahre alt … zeitlos ist, denn Musik wie Texte haben irgendwie bis heute Bestand. Und das kann man wahrlich nicht von allen Alben aus dem Jahre 1978 behaupten. Und es verwundert nicht, dass so ein Freigeist  dann 1983 die DDR verlassen hat …

HolgerBiege5.jpg
Und dann gibt es noch so eine Textzeile, die mir heute einen eiskalten Schauer verursacht hat: „Jeder Tag schreibt dir und mir Geschichten ins Gesicht und wer lesen kann, übersieht sie nicht …“ (aus: „Dein Gesicht“)

Am 20. Juni 2012 veränderte sich das Leben von Holger Biege vollständig:

„Der Mann, der ein Millionenpublikum mit Liedern wie „Deine Liebe und mein Lied“ oder „Sagte mal ein Dichter“ begeisterte, erlitt 2012 einen Schlaganfall, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Mobilität ist nur noch mit einem Rollstuhl möglich, ernährt wird Holger künstlich und sprechen kann er seit diesem 20. Juni 2012, als das Schicksal zuschlug, auch nicht mehr.“ (Zitat: deutsche-mugge.de)

Und seine Frau veröffentlichte neulich einen verzweifelten Spendenaufruf:

Spendenaufruf
Liest man diese Zeilen, dann fragt man sich, in welchem Sozialstaat wir leben (wobei ich das dumpfe Gefühl habe, dass da eventuell noch nicht alle gesetzlichen und sonstigen Möglichkeiten ausgelotet wurden) … Und ich mag und muss der Frau Kaethe Knobloch mit ihrem blog danken, dass sie mich auf dieses Schicksal hingewiesen hat.

HolgerBiege3

Das Auto konnte erfolgreich finanziert werden …

Zu seinem 65. Geburtstag erschien 2017 das Liederbuch Deine Liebe und mein Lied mit CD. Biege verarmte zusehends, die Familie lebte von Sozialhilfe. Im April 2018 erlag er schließlich den Folgen eines angeblichen oder tatsächlichen ärztlichen Behandlungsfehlers. Im September 2018 wurde von Anhängern und Freunden der Holger Biege e.V. gegründet.

Holger Biege war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er lebte ab 1998 in Metzingen im Landkreis Lüchow-Dannenberga. (Quelle: wikipedia)

HolgerBiege4.jpg


Besetzung:

Holger Biege (piano, vocals)
+
Dieter Brauer (piano bei o8.)
Cantus-Chor (background vocals bei 02., 04. – 06,, 09. – 12.)
Bläsergruppe Bernd Swoboda (tracks: 04. –  06, 09. – 12.)
Orchester Reinhard Lakomy (02. + 10.)
Rundfunk-Tanzorchester Berlin (03., 07., 13. – 14.)
Streichergruppe Herbert Günzel (tracks: 04. – 06., 09. – 12.)
+
Neue Generation (bei 02, 04. 06., 09. – 12.):
Petko Datschew (saxophone, flute)
Heinz-Jürgen Gottschalk (guitar)
Wolfgang Kobischke (guitar)
Rainer Oleak (keyboards)
Hans-Joachim Schweda (bass)
Daniel Michna (drums, percussion)

BackCoverTitel:
01. Einspiel (Biege) 0.58
02. Als der Regen niederging (Biege/Gertz) 3.12
03. Bleib doch (Biege/Branoner) 2.50
04. Wo bist du, Jessy (Biege/Gertz) 1.34
05. Sagte mal ein Dichter (Biege/Gertz) 3.19
06. Kann schon sein (Biege/Branoner) 2.41
07. Deine Liebe und mein Lied (Biege) 2.49
08. Zwischenspiel (Biege/Branoner) 2.50
09. Wie Dynamit (Biege/Gertz) 3.26
10. Will alles wagen (Biege/Branoner) 3.47
11. Vater, Mutter, Kind (Biege/Gertz) 1.33
12. An jenem Morgen (Biege/Gertz) 2.15
13. Dein Gesicht (Biege/Branoner) 4.10
14. Wenn der Abend kommt (Biege/Branoner) 3.27
15. Nach(t)spiel (Biege) 1.40

LabelA1.jpg

*
**

Singles.jpg