Recherche International e.V. (Hrsg.) – Die dritte Welt im Zweiten Weltkrieg (Unterrichtsmaterialen zu einem vergessenem Kapitel der Geschichte) (2005) (2. Auflage 2008)

Titel.jpgUnd nun eine Präsentation, die nicht nur hier viel Raum einnahmen wird, sondern eine Präsentation, die mich in den letzten Tages sehr heftig beschäftigt hat:

Die hiesige Geschichtsschreibung wie die gängigen Schulbücher über das Zwanzigste Jahrhundert stellen den Zweiten Weltkrieg fast ausschließlich aus europäischer Sicht dar. Früh übt sich so nicht nur Eurozentrismus, sondern auch Geschichtsrevisionismus. Birgit Morgenrath und Karl Rössel stellen historische Fehlwahrnehmungen dar und korrigieren sie.1

Mit der eher symbolischen als realen Entschädigung von Zwangsarbeitern durch die im Jahre 2000 begründete Bundesstiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“ versuchte schließlich auch die Bundesregierung, einen Schlussstrich unter die deutsche Verantwortung für die faschistischen Verbrechen zu ziehen. Tatsächlich waren, als die Stiftung ihre Zahlungen 2007 einstellte, die meisten der Opfer längst verstorben. Dass Millionen Kolonialsoldaten aus aller Welt gegen die deutschen Kriegstreiber kämpfen mussten und für die Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus ihr Leben ließen, spielte in den historischen Debatten hierzulande bis in die jüngste Vergangenheit ebenfalls keine Rolle. Nicht einmal die deutschen Kriegsverbrechen an gefangenen Kolonialsoldaten waren ein Thema. Selbst die viel diskutierte „Wehrmachtsausstellung“ beschränkte sich auf Dokumente über deutsche Kriegsverbrechen in Osteuropa in den Jahren 1941 bis 1944. Dabei verübte die deutsche Wehrmacht auch schon 1940 bei ihrem vermeintlich „sauberen“ Westfeldzug zahlreiche Massaker an afrikanischen Kolonialsoldaten, die auf französischer Seite gekämpft hatten und in deutsche Gefangenschaft geraten waren.

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Ebensowenig bekannt ist, dass auch die deutsche Wehrmacht Tausende Soldaten aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien sowie Hunderttausende aus den besetzten muslimischen Provinzen im Süden der Sowjetunion für Fronteinsätze rekrutierte. Tatsächlich gab es im Zweiten Weltkrieg in der Dritten Welt nicht nur Opfer, sondern auch Sympathisanten der faschistischen Mächte, die zu Mittätern wurden. Dazu gehörten z.B. politische und religiöse Führungspersönlichkeiten in Palästina und anderen arabischen Ländern, die mit den Nazis kollaborierten, sowie die Militärregenten Thailands und Teile der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die auf Seiten Japans in den Krieg zogen. Obwohl diese Facetten der Geschichte in den Konflikten im Nahen Osten und in der Politik autoritärer Militärregimes in Asien noch in der Gegenwart nachwirken, werden sie wenig beachtet.

So beginnt zum Beispiel in einem Schulbuch über die Zeit „vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Gegenwart“ eine „Chronik des Nahost-Konflikts“ erst 1948/49 mit der „Gründung des Staates Israels“.3 Damit wird sowohl der Holocaust als zentraler Grund für die Massenflucht von Juden nach Palästina ausgeblendet als auch die Politik arabischer Kollaborateure des NS-Regimes, die drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Palästina erneut zum „Krieg gegen die Juden“ aufriefen. Ein weiteres Schulbuch enthält zwar ein gesondertes Kapitel über den „außereuropäischen Kulturraum Indien“ und dessen Kolonialgeschichte. Aber auch darin kommt der Zweite Weltkrieg nicht vor, obwohl 2,5 Millionen indische Soldaten auf Seiten der Alliierten kämpften und einige Tausende auch in einer Indischen Legion der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS. Dass die indische Unabhängigkeitsbewegung mit ihrer Mobilisierung gegen die militärische Ausplünderung des Subkontinents während des Zweiten Weltkriegs das Ende der britischen Kolonialherrschaft einläutete, erwähnen die Autoren des Indienkapitels für den Schulunterricht nicht. Ihre Version der Geschichte lautet: „Es dauerte lange, bis die britische Regierung endlich erkannte, dass Indien als Kolonie nicht zu halten war. 1947 erhielt Indien seine Unabhängigkeit zurück.“

Beispiel53.jpgErinnerungslücken:

Die Verbündeten Nazideutschlands gingen mit ihrem Anteil an Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg ähnlich fragwürdig um. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, griffen italienische Historiker erst in den 1990er Jahren bis dahin unterbelichtete Aspekte der Geschichte auf – wie etwa die Rolle Italiens im Krieg der Achsenmächte, die italienischen Kriegsverbrechen in besetzten Ländern wie Jugoslawien und Griechenland sowie die Verfolgung italienischer Juden. Die Massenmorde in Nordafrika, wo italienische Truppen in der Region um die Stadt Tripolis und in der Wüstenprovinz Cyrenaika ab 1922 mit brutaler Gewalt gegen die aufständische Bevölkerung vorgingen, bis sie das Land 1934 endlich als „vereinigte“ Kolonie Libyen unter ihre Kontrolle gebracht hatten, blieben ein halbes Jahrhundert lang ebenso unbeachtet wie die Kriegsverbrechen in Äthiopien in den Jahren der italienischen Besatzung von 1935 bis 1941. Erst 1996 räumte das italienische Verteidigungsministerium erstmals den systematischen Einsatz von Giftgas während des „Abessinienkriegs“ ein. Verantworten musste sich dafür niemand.

Ähnlich wie in Deutschland fühlten sich auch in Japan viele Überlebende des Zweiten Weltkriegs eher als Opfer – etwa der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, an die in jedem Jahr mit großem Aufwand erinnert wird – denn als Täter. Erst im Jahre 1989, nach dem Tod von Kaiser Hirohito, der nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt im Amt geblieben war, gab es eine öffentliche Auseinandersetzung über Japans Militarismus, Imperialismus und Kriegsschuld. Dennoch besuchten die Premierminister und andere Regierungsvertreter auch weiterhin den berüchtigten Yasukuni-Schrein, in dem auch Kriegsverbrecher wie General Matsui, der Verantwortliche für das Nanking-Massaker, geehrt werden.

Selbst über offizielle Proteste der Volksrepublik China und anderer asiatischer Regierungen setzten sich bis in die jüngste Vergangenheit Jahr für Jahr bis zu 150 japanische Parlamentarier und Minister hinweg, die an den Wallfahrten zu diesem Schrein teilnahmen. Zwar hat sich im Jahr 2005, zum 60. Jahrestag der Kapitulation Japans, Premierminister Junichiro Koizumi offiziell bei den Staaten Asiens, insbesondere China und Korea, für das ihnen im Zweiten Weltkrieg zugefügte Unrecht entschuldigt. Aber im Jahr darauf beteiligte auch er sich wieder an dem provozierenden Ritual am Yasukuni-Schrein.

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Die Koizumi-Regierung ist auch dafür verantwortlich, dass das Nanking-Massaker und die Verschleppung von rund 200.000 asiatischen Frauen in Bordelle der japanischen Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs nur noch in einem von acht neu veröffentlichten Geschichtsbüchern für die japanischen Schulen erwähnt wird, was ebenfalls zu Protesten in China und Korea führte.5

Alliierte Verdrängungen:

Auch die Staaten der antifaschistischen Kriegskoalition haben ihre Kolonien während des Zweiten Weltkriegs durch massenhafte Zwangsrekrutierungen, Zwangsarbeit und Zwangsabgaben militärisch ausgenutzt und sich dabei zahlreicher Kolonial- und Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Auch in ihren Geschichtsschreibungen war davon bis jüngst kaum die Rede. Noch im Februar 2005 entwarf z.B. die französische Regierung ein Gesetz, wonach Geschichtsbücher in Frankreich „die positive Rolle der französischen Präsenz in seinen überseeischen Kolonien, insbesondere Nordafrika, anerkennen“ sollten.6 Die staatlich verordnete Geschichtsklitterung, die sich vor allem auf die französische Kolonialvergangenheit in Algerien beziehen sollte, löste in der französischen Öffentlichkeit eine erregte Debatte aus. Schließlich hatte Frankreich in Algerien nicht nur Zehntausende Soldaten für den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie für seinen Kolonialkrieg in Indochina (zwangs-)rekrutiert, sondern französische Truppen hatten in dem Befreiungskrieg, den die Algerier von 1954 bis 1962 für die Unabhängigkeit ihres Landes führen mussten, auch ein Sechstel der algerischen Bevölkerung umgebracht, fast eineinhalb Millionen Menschen. Die nordafrikanischen Einwanderer in Frankreich erinnerten an diese keineswegs positiven Aspekte der Geschichte; und die Jugendrevolte in den Migrantenvierteln der Banlieus Ende 2005 brachte den Plan der Pariser Regierung zur Beschönigung der französischen Kolonialgeschichte zu Fall. Bei ihren Protesten verwiesen Jugendliche, deren Familien aus dem Maghreb stammten, auch darauf, dass ihre Väter und Großväter für Frankreich in den Krieg gezogen waren, aber niemals angemessene Renten und Entschädigungen dafür bekommen hatten, und dass auch Kinder und Enkel von Veteranen heute ein Visum beantragen müssten, um das Land zu betreten, für das ihre Vorfahren ihr Leben eingesetzt hätten.

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In Frankreich dauerte es sechs Jahrzehnte, bis die Regierung erstmals offiziell der afrikanischen Kolonialsoldaten gedachte und französische Kriegs- und Kolonialverbrechen in Afrika nicht mehr schlichtweg leugnete. Dazu gehörten z.B. ein Massaker im Jahre 1944 an Kriegsheimkehrern aus dem Senegal, die ihren Sold forderten, und die Ermordung Tausender Algerier, die am Tag des Kriegsendes, dem 8. Mai 1945, für die Unabhängigkeit ihres Landes demonstrierten.

Auch ein Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft in Madagaskar im Jahre 1947 war eine direkte Folge des Zweiten Weltkriegs. Denn neben Bauern waren es vor allem demobilisierte Kolonialsoldaten, die mit dem Sturm auf eine französische Garnison den Kampf um ihre nationale Befreiung einleiteten. Bei der Niederschlagung dieser Revolte durch französische Truppen kamen bis zu 40000 Aufständische ums Leben. Bei einem Staatsbesuch in Madagaskar im Juli 2005 gestand der französische Präsident Chirac dieses Massaker zumindest indirekt erstmals ein, als er sagte: „Man muss über diese dunklen Kapitel unserer Geschichte sprechen. Man muss die Opfer ehren, die ungerechtfertigt ihr Leben verloren haben. Man darf sie nicht vergessen.“ Entschuldigt hat er sich nicht.

Auch die britische Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg und die Rolle des britischen Empires darin sparte Jahrzehnte lang die Auswirkungen des Kriegs auf die Kolonisierten aus. John Hamilton, im Krieg Zugführer und Fernmelde-Offizier in der 81. westafrikanischen Division, kritisiert, dass selbst die ausführlichste englischsprachige Geschichte über die Schlacht um Burma die 65000 Kolonialsoldaten aus Westafrika, die dort auf Seiten der Alliierten gekämpft haben, in gerade mal vier Zeilen abhandelt.

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Im Jahr 1998 wurde der „Memorial Gates Trust“ gegründet, eine Stiftung, die Geld sammelte, um endlich auch die Millionen „Freiwilligen“ aus Indien, Afrika und der Karibik, die unter britischem Kommando im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, mit einem Denkmal zu ehren. 57 Jahre nach Kriegsende, am 6. November 2002, weihte die britische Königin, Queen Elisabeth, den kleinen Gedenkpavillon ein. Ein Jahr später erschienen – unter dem Titel „We also served“ („Auch wir haben gedient“) – die ersten Unterrichtsmaterialien für britische Schulen über den Beitrag von Kolonialsoldaten im Zweiten Weltkrieg.8

Aus der Geschichtsschreibung über US-amerikanische Kolonialsoldaten (aus Hawaii, Guam und den Philippinen) und australische (aus Neuguinea und von den Inseln der Torres-Straße) sowie über die Diskriminierung schwarzer Soldaten in den USA (Afro-Amerikaner) und Australien (Aborigines) ließen sich weitere Beispiele für die Verdrängung kolonialen Machtmissbrauchs während des Zweiten Weltkriegs hinzufügen. Nur in den ehemaligen Kolonien selbst, in den betroffenen Ländern der Dritten Welt, waren und sind die Auswirkungen und Folgen dieses Kriegs bemerkenswert präsent.

Lebendige Erinnerungen:

In Afrika, Asien und Ozeanien erinnert bis heute vieles an den Zweiten Weltkrieg. So gibt es z.B. in zahlreichen afrikanischen Städten von Casablanca über Dakar und Ouagadougou bis nach Kapstadt Treffpunkte und Zentren von Kriegsveteranen. In den frankophonen Ländern Afrikas heißen sie „Maisons des anciens combattants“, in den anglophonen „Clubs for Ex-Servicemen“. Vergleichbare Einrichtungen finden sich auch in Indien und auf pazifischen Inseln wie Tahiti. Zahlreiche Sachbücher, Fotobände, Romane und Biographien, populäre Spielfilme, Dokumentationen, Fernseh- und Rundfunksendungen, Ausstellungen, Gedichte und Lieder in vielen Sprachen und aus vielen Ländern der Dritten Welt erinnern an die Einsätze von Kolonialsoldaten auf Kriegsschauplätzen in Europa, Nordafrika, Asien und Ozeanien. In der nordvietnamesischen Stadt Hanoi steht ein Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs und des darauf folgenden dreißigjährigen Befreiungskriegs. In Hongkong dokumentiert ein Museum die Gräuel der japanischen Besatzungszeit. In Thailand erinnert eine Gedenkstätte an das Schicksal der Hunderttausend Zwangsarbeiter, die japanische Militärs beim Bau der Bahnlinie nach Burma zu Tode geschunden haben. Auf philippinischen Friedhöfen stehen Gräber für gefallene Partisanen der antijapanischen Widerstandsorganisationen und auf pazifischen Inseln finden sich Mahnmale für einheimische Freiwillige, die zum Sieg der Alliierten über die japanischen Besatzer beigetragen haben.

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Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist in der Dritten Welt schon deshalb so präsent, weil seine Folgen vielerorts bis in die Gegenwart nachwirken. So führte z.B. in Afrika die Zurichtung der Wirtschaft auf die Bedürfnisse der kriegführenden Mächte zu ökonomischen Abhängigkeiten, die bis heute nicht überwunden sind. Die politische Nachkriegsentwicklung prägten in vielen Kolonien maßgeblich Kriegsheimkehrer, die neben Europäern an der Front gekämpft hatten und nach ihrer Rückkehr gleiche Rechte wie diese forderten. Von Algerien über Ghana bis nach Kenia und Südafrika übernahmen Veteranen führende Rollen in den jeweiligen Unabhängigkeitsbewegungen. Frantz Fanon, Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung FLN (Front de Libération Nationale), und Leopold Senghor, langjähriger Präsident des Senegal, sind nur zwei der prominentesten Beispiele dafür. In Asien ging der Zweite Weltkrieg unmittelbar in Befreiungskriege über – so z.B. in Vietnam, Malaysia, Indonesien und den Philippinen – und ehemalige Kolonialsoldaten nutzten dabei ihre im Krieg erworbenen militärischen Erfahrungen. In Ozeanien erwiesen sich die alliierten „Befreier“ nach der japanischen Niederlage als neue Besatzer: Die USA, Großbritannien und Frankreich beschlagnahmten auf zahlreichen Inseln Land für Militärstützpunkte und Atombombentests.

Die Nachkriegsgeschichte der meisten Länder Afrikas, Asiens und Ozeaniens lässt sich aus den genannten Gründen kaum angemessen behandeln, ohne ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg zu kennen und zu berücksichtigen. Darum sollte das Thema endlich auch Eingang in den hiesigen Schulunterricht finden. Zwar gehören die Außenpolitik des NS-Régimes, die Judenverfolgung und der Holocaust sowie die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in allen Bundesländern zu den zentralen Lehrinhalten. Aber die Behandlung dieser Themen im Unterricht bleibt weitgehend eurozentriert, allenfalls ergänzt um Exkurse über Japan als Bündnispartner Nazideutschlands, den Feldzug der deutschen Wehrmacht in Nordafrika und die USA als bedeutendste Macht in der antifaschistischen Kriegskoalition der Alliierten. Die Kolonialpläne der Nazis sowie die von Nazisympathisanten unterstützten politischen Interventionsversuche des NS-Régimes in vielen Teilen der Welt bleiben ebenso außen vor wie die Folgen des antisemitischen Verfolgungswahns für Juden außerhalb Europas. Dabei erließen auch die Bündnispartner Nazideutschlands (die Kollaborationsregierung von Vichy in Frankreich, das faschistische Italien und Japan) in den von ihnen kontrollierten Ländern antisemitische Dekrete, die zur Ausgrenzung, Verfolgung und Inhaftierung Hunderttausender Juden führten. Allein in Nordafrika unterhielten die faschistischen Mächte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 100 Straf- und Arbeitslager. In Tunesien traf ein Spezialkommando der SS 1942 konkrete Vorbereitungen für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Nordafrikas und Palästinas. In Indochina erteilte die französische Kolonialverwaltung jüdischen Beamten Berufsverbote und noch im fernen Shanghai trieben die japanischen Besatzer – auf Druck deutscher Gestapo-Funktionäre – Zehntausende jüdische Flüchtlinge, die vor dem Naziterror aus Europa nach China geflohen waren, in einem Ghetto zusammen, und es kursierten Pläne zu ihrer Ermordung in Gaskammern oder auf abgelegenen Inseln. (Quelle: Forum Wissenschaft 1/2009 – Dieser Beitrag ist die überarbeitete und gekürzte Fassung der Einleitung des Buches Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Unterrichtsmaterialien zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte, Köln 2008)

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Und diese „Unterrichtsmaterialien“ wurden auch bundesweit in Ausstellungen präsentiert … und natürlich blieb da der Ärger nicht aus:

»Die Ausstellung gibt es ganz oder gar nicht«
Seit dem 1. September ist in Berlin die Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« zu sehen. Sie fußt auf Recherchen, die in mehr als 30 Ländern Asiens, Ozeaniens und Afrikas von dem Kölner Journalistenkollektiv »Recherche international« durchgeführt wurden. Einige Tage vor der Ausstellungseröffnung in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen teilte die Geschäftsführerin der Institution, Phi­lippa Ebéné, nach Medienberichten mit, sie werde von ihrem »Hausrecht« Gebrauch machen, wenn nicht ein Teil der Ausstellung aus dieser entfernt werde. Karl Rössel hat sich an den Recherchen für die Ausstellung beteiligt und kuratiert sie.

In dieser Woche beginnt die Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg«, die auf Tournee durch diverse deutsche Städte geht. Was ist darin zu sehen?

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Auch diese Karte liegt der Präsentation bei

Es geht im Prinzip um die vergessene Hälfte der Geschichte des Zweiten Weltkriegs – nicht um Marginalien, sondern um Millionen von Kolonialsoldaten, Zwangsrekrutierten, Zwangsarbeitern, Zwangsprostituierten, die in unserem Geschichtsdiskurs bis heute kaum vorkommen. Um nur ein Beispiel zu nennen, um welche Dimensionen es hier geht: Allein in China gab es mehr Op­fer als in Deutschland, Italien und Japan zusammen. China stellte 12,5 Millionen Kolonialsoldaten, in der britischen Armee waren von 11 Millionen Soldaten fünf Millionen aus den Kolonien, insgesamt waren es wohl mehr Soldaten aus der Dritten Welt, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben, als aus Europa. Diese Soldaten wurden mehr oder weniger vergessen, und ihre Opfer wurden nicht gezählt. Zum Teil wurden sie ganz bewusst nicht gezählt, weil sie als französische, britische, US-amerikanische oder auf der anderen Seite als deutsche oder italienische Opfer unter deren Opferzahlen subsumiert wurden, weil sie als Kolonisierte nicht als eigenständige Opfer galten.
Unser Hauptziel ist es, der eurozentristischen Geschichtsbetrachtung des Zweiten Weltkriegs die fehlende Perspektive der Welt entgegenzusetzen, die außerhalb Europas, der USA und Japans liegt. Das versuchen wir in der Ausstellung darzustellen, die insgesamt aus 96 Tafeln besteht.

Die Ausstellung sollte in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln eröffnet werden, nun ist sie in den Uferhallen im Wedding zu sehen. Was ist passiert?

Birgit-Morgenrath

Birgit Morgenrath

Es gab den Versuch der Geschäftsführung der Werk­statt der Kulturen in Neukölln, die Ausstellung zu zensieren, und zwar um einige Tafeln, die Nazikollaborateure aus arabischen Ländern präsentieren. Es gibt in der Ausstellung zwei kleinere thematische Unterkapitel, das eine behandelt Judenverfolgung außerhalb Europas, weil es beispielsweise auch Lager in Nordafrika gab und ein jüdisches Ghetto in Shanghai und die Nazis sowohl in Nordafrika wie auch in Shanghai versuchten, die Judenvernichtung außerhalb Europas fortzusetzen. Und es gibt ein kleines Unterkapitel zum Thema Kollaboration.
All das ist der Werkstatt der Kulturen seit Anfang des Jahres bekannt, die Konzeption der Ausstellung, mit dem Abschnitt zur Kollaboration, lag im Januar vor, sie ist auf einem Wochenendseminar mit Beteiligung von Afric Avenir, unserem Kooperationspartner, diskutiert worden. Und dann erfuhren wir am 21. August – nicht direkt, sondern über den Umweg über Afric Avenir –, dass Frau Philippa Ebéné, die Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen, damit gedroht hat, im Zwei­fel von ihrem »Hausrecht« Gebrauch zu machen, um zu verhindern, dass die Tafeln zu Nazikollaborateuren aus arabischen Ländern in der Werkstatt der Kulturen aufgehängt werden.

Ging es bei der Intervention von Frau Ebéné um alle Tafeln zu Kollaborateuren aus der Dritten Welt?

Es ging nur um die drei Tafeln zum Nahen Osten. Die Darstellung von Kollaborateuren aus Asien, die bei uns wesentlich mehr Platz einnimmt – es geht etwa um das thailändische Militär oder Teile der Unabhängigkeitsbewegung Indonesiens, die mit den Japanern kollaboriert haben, um Burma oder China –, das scheint sie alles nicht zu tan­gieren, auch nicht die Kollaboration in Argentinien.

Hat sie ihre Forderung begründet?

Uns gegenüber hat sie bis jetzt gar nichts begründet. Wir haben dann erklärt, dass die Ausstellung entweder ganz oder gar nicht, keinesfalls aber in einer zensierten Form aufgehängt werden würde.
Es gehört einfach zur historischen Redlichkeit, dass man nicht so tut, als hätte es überall nur Antifaschisten und Befreiungskämpfer und Opfer gegeben, vielmehr gab es rund um den Globus auch Kollaborateure, es gab auch überzeugte Faschisten, es gab Freiwillige in der Waffen-SS auch aus Ländern der Dritten Welt, es gab eine arabische Legion der deutschen Wehrmacht und eine indische, und es gab zahllose Politiker aus verschiede­nen Kontinenten, die in Nazideutschland im Exil waren. Unter anderem der Führer der

Karl Rössel

Karl Rössel

Palästinenser vor dem, während dem und nach dem Zweiten Weltkrieg, der oberste Repräsentant der Araber Palästinas, Hadj Amin al-Husseini.
Und das scheint die Tafel zu sein, die Frau Ebéné besonders stört. Al-Husseini war ja ein überzeugter Faschist, ein fanatischer Antisemit, der den Nazis schon 1933 zur Machtübernahme gratuliert hat, der später einen profaschistischen Putsch im Irak mitinszeniert hat, von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland im Exil war, eine Residenz hier in Berlin hatte in einem »arisierten« jüdischen Haus, Zehntausende muslimische Freiwillige auf dem Balkan für die Waffen-SS rekrutierte. Und er war am Holocaust beteiligt.

Der Tagesspiegel zitierte Frau Ebéné mit den Worten, »für eine Völkerschau nach dem Motto ›Edler Wilder, böser Wilder‹ stehe die Werkstatt nicht zur Verfügung. Auch bei anderen Ge­denkveranstaltungen« – wobei sie pikanterweise auf solche zu Stauffenberg verweist – »zeige man nicht auf die Kollaborateure. Dass Rössel dies gemacht habe, sei ›rassistisch‹.« Was ist davon zu halten?

Das ist natürlich unerhört, dass sie ausgerechnet uns jetzt Rassismus vorwirft, während sie sich in eine Position begibt, als Leiterin eines interkulturellen Zentrums die Kritik an Nazikollaborateuren zu verhindern. Ich sage es ganz deutlich: Wer die Auseinandersetzung mit Nazikollaborateuren, ganz egal welcher Herkunft, zu unterdrücken versucht, hat in so einer Position nichts verloren. Es kann doch nicht rassistisch sein, wenn man sich mit den Rassisten der Geschichte auseinandersetzt. Wenn es Leuten wie Husseini, dem Palästinenserführer, mit seinen Nazifreunden gelungen wäre, den Krieg zu gewinnen, würde es keine Werkstatt der Kulturen geben, es würde überhaupt keine Migranten in diesem Land geben, um die sich Frau Ebéné dann bemühen könnte.

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Sie hatten mit genau diesem Thema, der Kollaboration in den arabischen Ländern, schon einmal einen Konflikt, im Rahmen einer Hörfunkreihe des SWR 2. Was ist da geschehen?

Es gab eine Auseinandersetzung mit dem Zentrum Moderner Orient (ZMO), die Forschungsstelle hier in Berlin, die mit Landes- und Bundesgeldern die meisten Publikationen zum Thema arabische Welt und Faschismus/Nationalsozialismus herausgebracht hat. Sie entzündete sich an drei Features zu Nazikollaborateuren und ihren deutschen Apologeten für den Südwestrundfunk, und das erste behandelte den Nahen Osten, als Paradebeispiel dafür, wie deutsche Historiker, die sich ansonsten herzlich wenig um die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg kümmern, erstaunlich viel publiziert haben, um Kollaborateure reinzuwaschen und sie als nationale Freiheitskämpfer zu präsentieren.
Das skandalöseste Werk ist das von René Wildangel, einem ehemaligen Mitarbeiter des ZMO, der inzwischen Nahost-Experte der Bundestagsfraktion der Grünen ist und ein Buch über Palästina und den Nationalsozialismus geschrieben hat, in dem sich erstens der Satz findet, es habe unter der arabischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs einen »Konsens« gegeben, an der Seite der Alliierten zu stehen, was jedem, der sich mit dem Thema beschäftigt, lächerlich erscheinen muss, und zweitens behauptet wird, dass Husseini durch sein Exil in Nazideutschland zum Kriegsende völlig abgewirtschaftet hätte und diskreditiert gewesen sei in Palästina und des­halb für keine Funktion mehr in Frage hätte kommen können.
Dass Husseini 1946 zurückkehrte, in der Arabischen Liga wieder zum obersten Repräsentanten der Palästinenser ernannt wurde, vom Palästinen­sischen Nationalrat 1948 zum Präsidenten gewählt wurde, Präsident der Weltmuslimkonferenz war in den sechziger Jahren und sich bis zu seinem Tod 1974 nie von seiner faschistischen Ver­gan­genheit distanziert hat und noch 2002 von Arafat trotz allem als palästinensischer Held gefeiert wurde, das kommt in dem Buch nicht vor. Das habe ich in der Sendung kritisiert. Das ZMO hat eine Gegendarstellung beim SWR verlangt, das Justitiariat des Senders sah dafür keinerlei Grund­lage, aber die Redaktion der Sendereihe »Wissen« hat dann aus der Sendung, die immer noch im Internet stand, sechs Minuten herausgekürzt. Das betraf die Kritik am ZMO. Wildangel hat in der Zeitschrift IZ3W eine Antwort auf meinen Beitrag veröffentlicht, in der neuen Ausgabe habe ich eine Replik darauf publiziert. Die Debatte geht also weiter.

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Welche politische Schlussfolgerung lässt sich aus diesen Erfahrungen, jetzt mit der Werkstatt der Kulturen in Berlin, zuvor mit dem Zen­trum Moderner Orient, ziehen?

Die Gemeinsamkeit ist, dass es in diesem Land eine erschreckend starke Lobby von Leuten gibt, die ich als internationale Geschichtsrevisionisten bezeichnen würde. Die einfach versuchen, einen Teil der Geschichte auszuklammern, auszublenden, umzudeuten, umzuschreiben und so zusammenzuflicken, dass sie auch aktuelle Diskussionsprozesse nicht negativ tangieren kann. Das ist ja die Befürchtung, die die Leute bei Palästina haben.
Aber es ist natürlich klar: Wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt, müsste man aus ihr Konsequenzen ziehen. Und mich verwundert es, dass noch keines dieser ganzen Institute, dieser Islamwissenschaftler, Arabisten, Historiker in diesem Land auf die Idee gekommen ist zu untersuchen, welchen Einfluss es auf den Nahost-Konflikt hatte, dass er nach 1945 wesentlich und an führenden Stellen von Faschisten geführt wurde, oder von Sympathisanten der Nazis, die ihr militärisches und ideologisches Handwerkszeug im nazideutschen Exil erlernt oder mit dem NS-Regime kollaboriert hatten. (Bernd Beier in jungle.world)

Und gerade, dass auch das Thema Kollaborateure nicht ausgeblendet wurde, macht dieses Buch (234 Seiten) so wertvoll … denn dieses ausgeblendete Kapitel des II. Weltkrieges hat einfach auch diese Facette, so bedauerlich man das auch finden mag.

Für mich, als historischer Laie ist dieses Band geradezu vorbildlich hinsichtlich seiner Aufbereitung eines nun wirklich nicht einfachen Themas … von daher verdienen Birgit Morgenrath und Karl Rössel (Rheinisches JournalistInnenbüro) und all die anderen Mitstreiter das größte Lob.

Und die bitterste Erkenntnis dieses Buches ist wohl: Dass wir aus der Barbarei dieser Jahre nicht gelernt haben, denn die Barbarei geht weiter …

P.S. Vorwarnung: Nicht alle Bilder sind für zarte Gemüter geeignet … aber so war, dieser Weltkrieg ….

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Eine der vielen Zeittafeln

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Der Präsentation liegt dann auch noch die CD mit den Originaltönen der beragten Zeitzeugen (Sichtwort: „oral hisotry“) bei:

Beispiel62

 

Und dann auch noch diese Information:

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… ich habe fertig …