Künstlerduo Sago – Das ist Bergmannsleben (Heinrich Kämpchen) (2014)

FrontCover1Und noch so ein Album, das mir viel bedeutet, das mich auch rührt … bewegt …

Die Rede ist von Heinrich Kämpchen:

Heinrich Wilhelm Kämpchen (* 23. Mai 1847 in Altendorf an der Ruhr; † 6. März 1912 in Linden, heute zu Bochum) war ein deutscher Bergmann und Arbeiterdichter.

Heinrich Kämpchen war Sohn eines Bergmannes und wurde ebenfalls Bergmann. Über sein Leben ist wenig bekannt. Wir wissen nicht, wie lange er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, einem Bruder und zwei Schwestern, in Altendorf gelebt hat. Die häufige Behauptung, er sei schon mit 13 Jahren auf der Zeche Hasenwinkel in Linden eingefahren, lässt sich nicht belegen. Logische Überlegungen machen dagegen Angaben, er habe nach der Volksschulzeit zwei Jahre Privatunterricht erhalten, zumindest wahrscheinlich. Die Grundlagen seiner sehr guten Allgemeinbildung, seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre kann er kaum im Elternhaus oder in der Volksschule erhalten haben. Wohl aber könnte ein zweijähriger Einzelunterricht die Grundlagen gelegt haben, mit denen er sich später autodidaktisch sein umfangreiches Wissen angeeignet hat.

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Unstrittig ist, dass er lange auf Zeche Hasenwinkel gearbeitet hat. Er wird Ende 1889 oder Anfang 1890 vorgeblich wegen der Folgen eines Arbeitsunfalls entlassen, den er wahrscheinlich zwei Jahre zuvor erlitten hatte. Die wahre Ursache seiner Entlassung dürfte aber seine Teilnahme am Streik der Ruhrbergarbeiter 1889, wo er als Sprecher der Belegschaft seiner Zeche aufgetreten war, sowie die Veröffentlichung des Gedichtes Lumpenparade und ähnlicher Werke gewesen sein. In seinen Entlassungspapieren wird ihm eine Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren bescheinigt. Daraus folgt, dass er 1865/1866 erstmals auf Hasenwinkel eingefahren ist. Somit verbleiben zwischen dem Ende des mutmaßlichen Privatunterrichts und seiner ersten Einfahrt auf Hasenwinkel ca. drei Jahre, die er auf einer anderen Zeche zugebracht haben muss. Aufgrund seines Arbeitsunfalls erhält er nach seiner Entlassung eine Rente als Frühinvalide, die wie in jener Zeit üblich, so gering war, dass sie gerade fürs Überleben reicht. Er lebt fortan in großer Armut. Daran änderten auch die bescheidenen Honorare nichts, die er für Veröffentlichungen seiner Gedichte in der Bergarbeiter Zeitung und vereinzelt im „Wahren Jakob“ erhielt.

Zwischen 1872 und 1874 besuchte er die Bergvorschule in Dahlhausen. Obwohl er diese erfolgreich absolvierte, verzichtete er auf seine Fortbildung zum Steiger.

Buchaugabe

Eine Buchausgsbe von allden  Texten von Heinrich Kämpchen (demnächst hier in diesem Theater)

Die durch die Reform des Knappschaftsrechts 1854 hervorgerufene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Bergbau erlebte H. Kämpchen an seinem Vater und später am eigenen Leib. Schon früh engagierte er sich für die Rechte der Bergleute. Politisch stand er der Sozialdemokratie nahe. Mit Inkrafttreten der Sozialistengesetze 1878 kommt er auf die Schwarze Liste, polizeilichen Überwachungslisten, die im Rahmen der Verfolgung von Sozialdemokraten angelegt worden sind. Obwohl 1890 das Sozialistengesetz seine Gültigkeit verloren hat, bleibt er weiterhin unter Überwachung der Obrigkeit.

H. Kämpchen unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zu Georg Breuker, ebenfalls Bergmann und sozialkritischer Dichter. Etwa seit 1877 bis zu seinem Tod lebte H. Kämpchen als Kostgänger bei einer Familie in Linden. Er war zeitlebens nicht verheiratet.

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H. Kämpchen war einer der talentiertesten sozialistischen Dichter seiner Zeit, der vor dem Hintergrund der herben Schönheit seines geliebten Ruhrgebiets mit großer Emotionalität die Sorgen und Nöte der Bergarbeiter thematisierte. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflusst wurde. Sein Werk ist gekennzeichnet durch die Bevorzugung einer politischen Lyrik mit deutlichen Bezügen zu tagespolitischen Geschehnissen. Erste Veröffentlichungen erscheinen 1889. Mit der im selben Jahr wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter Zeitung“ erhält er ein Forum, das seine Werke regelmäßig veröffentlicht. Er verfasste auch den Text für das „Internationale Knappenlied“, das in sozialistischen Kreisen weite Verbreitung fand.

Sozialkritische Literatur gab es auch schon vor den Veröffentlichungen von H. Kämpchen, aber er ist einer der ersten sozialkritischen Dichter, die selbst dem Arbeitermilieu entstammen. Viele seiner Gedichte geben die Arbeitsbedingungen des Bergmannes so anschaulich-konkret wieder wie es nur ein Autor schildern kann, der selbst unter Tage gearbeitet hat.

Seit März 2014 wird sein Grab auf dem katholischen Friedhof Linden in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgeführt. (Quelle: wikipedia)

Über 30 Texte aus Kämpchens politischer Bergarbeiterlyrik, die konträr zum verklärenden Pathos der geläufigen Bergmannslieder steht, wurden für diese CD eingespielt, gesprochen und gesungen vom Essener Künstlerduo Sago. Unbedingt hörenswert! (Jochen Grywatsch in „Westfalenspiegel“ 2/2014)

Heinrich Kämpchen

[…] Dieses Hörbuch ist eine Hommage an einen bisher unterbewerteten Dichter, dessen thematisch vielseitiges Werk zeigt, wie gekonnt er die Feder, nicht nur die Keilhaue, schwingen konnte. Kämpchens engagiertes lyrisches Werk kann man getrost neben das von Herwegh und der Droste stellen […]. („My Way. Magazin für kulturellen Eigensinn“ (Nr. 71, Mai 2014)

In der Tat, die Klarheit, die Bestimmtheit dieser Worte ist beeindruckend … bis heute … da bringt es einer derart auf den Punkt … dass man wieder mal verstehen kann, warum Karl Marx dem Kapitalismus auf den Leibe rücken musste, dass man verstehen kann, warum all die engagierten Gewerkschafter Milimeter für Milimeter mehr Rechte für das arbeitende Volk erkämpften … welche Mühe, welche Opfer mussten dabei damals erbracht werden …

Ein weiterer biographischer Abriss mit weiteren Nuancen:

Geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf (heute Essen) als Sohn eines Bergmanns. Er wurde ebenfalls Bergmann und erlebte so die durch die Liberalisierung des Bergbaus hervorgerufene Proletarisierung der Knappen am eigenen Leibe mit. (Killy-Literaturlexikon) Wie lange Heinrich Kämpchen mit den Eltern und Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, in Altendorf an der Ruhr […] gelebt hat, wissen wir nicht. GrabAn die Jugend denkt er später mit Liebe und Wehmut zurück. Seine engere westfälische Heimat, das Ruhrtal von der Ruine Hardenstein bis Steele, den Isenberg, den Horkenstein, die Burg Blankenstein, hat er immer wieder besungen. Wann er zum erstenmal in die Grube einfuhr, seit wann er auf der Lindener Zeche Hasenwinkel arbeitete: unbekannt. Es heißt zwar nach seinem Tod überwiegend, er habe schon mit 13 Jahren – also 1860 – die Arbeit unter Tage aufgenommen, denn das war das übliche damals in Bergarbeiterfamilien. Bei ihm scheint es aber gerade nicht so gewesen zu sein: er hat offenbar nach dem normalen Schulbesuch noch eine Zeitlang in Wattenscheid Privatunterricht erhalten. Für den erstaunlichen Umfang seiner autodidaktisch erworbenen Allgemeinbildung, für seine Belesenheit und die Fülle seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre wäre auch das keine hinreichende Erklärung, aber ein zweijähriger Einzelunterricht bei einem verständnisvollen, einfühlsamen Lehrer könnte immerhin den Grund gelegt haben, auf dem er dann auf sich gestellt weiterbauen konnte. Übereinstimmend wird seine langjährige Zugehörigkeit zur Belegschaft der Zeche Hasenwinkel hervorgehoben. Aber er scheint dort nicht angefangen zu haben. Wenn er Ende 1889 oder Anfang 1890 nach 24jähriger Tätigkeit dort den Abkehrschein erhalten hat, so führt diese Angabe zurück in das Jahr 1865/1866, und es bleibt eine Lücke von etwa drei Jahren zwischen dem vermutlichen Ende des Privatunterrichts (1862?) und der ersten Anfahrt auf Hasenwinkel. In die langen Jahre unter Tage muß auch seine literarische Lehrzeit fallen. Dafür spricht nicht zuletzt, daß sehr viele seiner Gedichte die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Bergmanns so anschaulich-konkret darstellen, daß sie unmöglich alle erst der nachträglichen Vergegenwärtigung entstammen können. (Carl 1992)

Er wohnte während dieser Zeit als Kostgänger bei einer Arbeiterfamilie. Im Selbststudium eignete er sich die Werke der Klassiker an. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflußt wurde. 1898 war er führend am Bergarbeiterstreik beteiligt. Erste Veröffentlichungen erschienen wohl erst seit 1889. Im selben Jahr wurde er ins Streikkomitee seiner Zeche gewählt. Der Streik von 1889 ließ ihn zum sozialkritischen Schriftsteller werden. Mit der seit 1889 wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter-Zeitung“ eröffnete sich ihm auch mit einem Schlag ein regelmäßiges Publikationsforum, das seine Gedichte druckte, ihn praktisch sogar zu kontinuierlicher Produktion anregte. Fortan lieferte Kämpchen über 20 Jahre lang Woche für Woche der Redaktion ein Gedicht, häufig zu aktuellen Anlässen (Streiks, Unglücken, neuen Gesetzesorhaben, Maifeiern, politischen Ereignissen in aller Welt), aber auch Betrachtungen und Reflexionen zu allgemeinen Zeitfragen wie der Frauenfrage, dem Alkoholismus oder dem gerade aufkommenden Automobil. (ebd.) Daneben war er Belegschaftsdelegierter. 1890 Pensionierung. Er lebte fortan von einer kleinen Invalidenrente.

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Hinzu kamen bescheidene Honorare für seine Gedichte, die in der Bergarbeiter-Zeitung und vereinzelt in sozialdemokratischen Blättern wie dem Wahren Jacob erschienen. Unverheiratet geblieben, lebte er seit etwa 1877 als Kostgänger bei einer Familie Küper in der Dr.-C.-Otto-Straße 4 in Linden. Nebenher betrieb er einen kleinen Handel mit Zigarren. Aufgrund seiner finanziellen Situation hat er zeit seines Lebens keine Reisen unternommen, die über die Entfernung einer Tagesreise hinausgingen. Er starb am 6. März 1912 in Bochum-Linden. 3.000 bis 4.000 Menschen wohnten seinem Begräbnis bei. (www.bibliothek-westfalica.de)

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Und dass diese alte Texte auf so wunderbare Weise „rüberkommen“, dafür trägt das „Künstlerduo Sago“ die Verantwortung … und so stelle sie sich selbst vor:

„Nach mehrjähriger Ausbildung und diversen Engagements fanden sich Isabel Katharina Sandig und Ralf Gottesleben im Jahre 1995 zusammen und gründeten in der Folge 1997 das Künstlerduo Sago, seit 2002 mit fester Spielstätte in Essen/Ruhr.

In einer Atmosphäre von Intimität schafft das Duo eine faszinierende Verbindung zwischen schauspielerischer Leichtigkeit und frivolem Gesang.“

Und um es mal ganz schlicht und ergreifend einfach zu formulieren: Was dieses Du hier musikalisch auf die Beine stellt … unglaublich, und unblaublich intensiv …

Wer hören kann, der höre !

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Besetzung:
Ralf Gottesleben (piano, vocals)
Isabel Katharina Sandig (vocals)

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Titel:
01.Wie ich dichte 0.56
02. Wer nie im Schacht 1.47
03. Mein Lebensgang 2.48
04. Glückliche Menschen 2.35
05. Einsam 0.58
06. Wenn der Bergmann 1.05
07. Bergmanns-Male 1.39
08. Undank 1.00
09. Die Entlassung 3.15
10. Im Traum 1.18
11. Anders 1.39
12. Lohntag 1.26
13. Aus der Tiefe 1.33
14. Der Pfeilerbruch 2.28
15. Das Grubenpferd 1.47
16. Glück Auf! (Internationales Knappenlied) 3.39
17. Streik 1.19
18. Auf der schwarzen Liste 1.23
19. Der brave Bergmann und der böse Hetzer 0.43
20. Radbod (Ein Nachtstück) 2.23
21. Die Klage der Toten 2.23
22. Ein Bild 3.16
23. Heimat 2.19
24. Die Waldbeerfrau 2.01
25. Der Liebe Dauer 4.57
26. Mainacht 3.01
27. Am goldenen Sonntag 2.12
28. Arm aber frei 2.27
29. Nur eins! 0.43
30. Letzte Mahnung 4.10
31. Mein Glaube 1.04

Texte: Heinrich Kämpchen
Musik: Ralf Gottesleben + Isabel Katharina Sandig außer bei 23:  Alfons Nowacki

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Und die gibt´s immer noch: Das Künstlerduo Sago, 2015

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