Knud Seckel – Nibelungenlied (2008)

FrontCover1Da wohnt so ein Musikus in Alsbach-Hähnlein (eine kleine Gemeinde im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg an der Bergstraße) und der heißt Knud Seckel und der hat sich so mit Haut und Haaren dem mittelalterlichen Minnegesang zugewandt.

Und dann bleibt es natürlich aus, dass man fast zwangsläufig auch zum Nibelungenlied vordringt … die Basis für die Nibelungen-Sage (von der hier zukünftig noch öfters die Rede sein wird).

Hier ein kurzer Überblick:

Nachdem Siegfried aus Xanten einen Drachen getötet und den Schatz der Nibelungen erobert hat, kommt er an den Königshof von Worms. Dort will er Kriemhild heiraten, die Schwester König Gunthers. Der König stimmt unter der Bedingung zu, dass Siegfried im Gegenzug ihm hilft, Brunhild – Königin von Island – zur Frau zu gewinnen. Brunhild hat übermenschliche Kräfte und nimmt nur den zum Mann, der sie in drei Wettkämpfen besiegt. Brunhild erkennt Gunther als ihren Gatten an und zieht mit ihm nach Worms. Den Vollzug der Ehe verweigert sie ihm allerdings. Wieder muss Siegfried (der Kriemhild geheiratet hat) helfen. In der Tarnkappe ringt er Brunhild im Ehebett nieder, sodass Gunther sie entjungfern kann. Dabei nimmt Siegfried heimlich ihren Ring und ihren Gürtel mit und schenkt sie Kriemhild.

Einige Zeit später…..

…..Gunther lädt Siegfried und Kriemhild, die mittlerweile in Xanten leben, nach Worms

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Erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds (um 1220–1250)

ein. Beim Fest zu Ehren der Gäste geraten die Königinnen in Streit. Brunhild, der Siegfried bei der Brautwerbung auf Island als Vasall Gunthers vorgestellt worden war, besteht auf Unterordnung Siegfrieds unter Gunther. Kriemhild kontert, ihr Mann Siegfried habe als erster mit Brunhild geschlafen. Als Beweis dafür präsentiert sie Ring und Gürtel. Brunhild versinkt in Scham, Trauer und Hass. Hagen von Tronje, Gunthers mächtigster Vasall, will seine Herrin rächen. Er entlockt Kriemhild das Geheimnis der verwundbaren Stelle Siegfrieds, die beim Bad im Blut des Drachens durch ein Lindenblatt frei geblieben war. Beim Jagdausflug durch die Rheinebene in den Odenwald und das Neckartal stößt Hagen Siegfried seinen Speer zwischen die Schulterblätter. Kriemhild ahnt, wer ihren Mann getötet hat und bleibt trauernd in Worms. Mit dem Nibelungenschatz, den Siegfried ihr geschenkt hatte, zieht sie fremde Helden nach Worms, um ihre Macht zu stärken. Hagen erkennt die Gefahr, nimmt ihr den Schatz weg und versenkt ihn im Rhein.

13 Jahre später……..

……Kriemhild heiratet den Hunnenkönig Etzel und bringt ihn dazu, ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher nach Ungarn einzuladen. Hagen warnt vor der Rachsucht Kriemhilds, aber die Brüder ziehen mit großem Gefolge ins Hunnenland. Es gelingt Kriemhild, einen Kampf zwischen Nibelungen und Hunnen zu entfesseln. Zuletzt sind nur noch Gunther und Hagen am Leben. Kriemhild verlangt von Hagen den Schatz. Doch er gibt das Versteck nicht preis, solange einer seiner Herren noch lebt. Kriemhild lässt Gunther den Kopf abschlagen. Hagen triumphiert. Nur er kennt jetzt das Versteck und er wird es niemals verraten! Kriemhild enthauptet den Gefesselten und wird ihrerseits vom alten Waffenmeister Hildebrand erschlagen.()

KarinDor

Hach, was war ich damals – also 1967 – in die Brunhild Darstellerin Karin Dor verliebt …

Und nun, dieser Live-Mitschnitt handelt von Teil 1 der Nibelungen-Sage … das grausame Ende der Burgunder bleibt verborgen.

Und der Knud Seckel hat sich erdenkliche Mühe gegeben, diesem großem Thema gerecht zu werden, da hat sich einer so richtig reingekniet:

Knud Seckel (*1966 in Karlsruhe) findet durch Reisen in die verschiedenen musikalischen Kulturen Westeuropas und Nordafrikas Zugang zu den lebendigen Spuren traditioneller Musik. Seit 1986 beschäftigt sich Knud Seckel intensiv mit mittelalterlicher Musik. Von 1994 – 2000 studiert er Romanistik, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Heidelberg. Sein Interesse gilt hierbei nicht nur den historischen romanischen Sprachen sondern auch der alt- und mittelhochdeutschen Sprache.

Er ist Mitgründer des „Ensemble Trecento“ im Jahre 1994. Im gleichen Jahr beginnt die Mitwirkung bei der Gruppe „Wünnespil“, die 2001 endet. Seit 2003 Leiter des Ensembles „minnesangs fruehling“. Seit 2010 künstlerischer Leiter der Botenlauben-Festspiele in Bad Kissingen.

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Knud Seckel

Seit 2001 tritt er auch als Solist mit Minnesang und Epik auf. Gastmusiker in diversen Musikensembles (Wildwuchs, Canzionetta Tedesca, Triskilian). Minnesänger des Jahres 2007 – 09, Publikumssieger 2011 und 2013. (Selbstdarstellung)

Dass ich mit dem Ergebnis dieses Albums dennoch nicht so ganz zufrieden bin, hängt mit vielerlei Faktoren zusammen:

Sein Sprechgesang ist gewöhnungsbedürftig, zumindest für meine Ohren … aber vielleicht/vermutlich tun sich Leute, die mit dieser Art von Musik vertrauter sind, da leichter.

Und dann hätte ich mir noch eine etwas lebhaftere Instrumentierung gewünscht. Auf der CD steht zwar „Minnesangs Frühling“ aber de facto spielt eben nur der Knud Seckel. Vermutlich hätgte es dem Album gut getan, wenn er sich ausschließlich auf den Gesang konzentriert hätte und seine eigentliche Band für die musikalische Untermalung gesorgt hätte. Dennoch finde ich den Knud schon sehr interessant … einfach weil er so sein ganz eigenes Ding durchzieht … Individualisten wie ihn … ja, das braucht das Land.

Erwähnenswert ist jedoch auf jeden Fall das ausführliche Begleitheft (mit historischen Hintergrundinformationen und ausführlichen Beschreibungen der einzelnen „Aventure“

Also, wer will, kann hier in die faszinierende Welt der Nibelungen eintauchen …

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Besetzung:
Knud Seckel (vocals, harp, percussion, lute, symphonia)

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Titel:
01. Kriemhilds Traum 5.06
02. Von Siegfried 1:15
03. Siegfried kommt nach Worms 7.00
04. Der Sachsenkrieg 2.03
05. Siegfried sieht Kriemhild 4.06
06. Die Brautfahrt nach Isenland 4.36
07. Gunther gewinnt Brünhild 8.39
08. Brünhilds Abschied 0.37
09. Siegfried kehrt nach Worms zurück 1.44
10. Brühnhild wird zu Worms empfangen 13.03
11. Siegfried und Kriemhild fahren zurück nach Xanten 1.40
12. Günther bittet Siegfried zu einem Fest 2.14
13. Siegfried und Kriemhild fahren nach Worms 1.35
14. Der Streit der Könnigen 5.31
15. Der Verrats Siegfrieds 2.20
16. Siegfried wird erschlagen 7.42
17. Siegfried wird beklagt und begraben 3.46
18. Der Nibelungenhort … 1.37
19. … kommt nach Worms 1.40
20. Applaus 0.24

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Deller Consort London & Collegium Aureum – Musik an Notre Dame in Paris um 1200 (1966)

FrontCover1Das sind schon so die faszinierenden Seiten der Musikgeschichte und in die steigen wir im heutigen Sonntagsunterricht tief ein:

Die Notre-Dame-Epoche oder Notre-Dame-Schule ist der Zeitraum der ersten Hochblüte mehrstimmiger mitteleuropäischer Musik, etwa von 1160/1180 bis 1230/1250.

Der Name bezeichnet sogleich das (bzw. ein) Zentrum der gemeinten Musikpraxis: Die Kathedrale Notre Dame in Paris. Der Bau von Notre Dame wurde 1160/61 durch Bischof Maurice de Sully beschlossen. Baubeginn war im Jahre 1163, Altarweihe im Jahre 1182. Zu jener Zeit wurde allerdings auch an anderen Orten die Weiterentwicklung mehrstimmiger Musik betrieben, etwa an der Kathedrale St. Martial zu Limoges, die dem vorangegangenen Zeitabschnitt ihren Namen gegeben hat (St.-Martial-Epoche oder St.-Martial-Schule), aber auch in Beauvais und Sens.

Doch Paris wurde zum Zentrum der Weiterentwicklung der Polyphonie. Die dort entstandenen Werke wurden bis ans Ende des 14. Jahrhunderts in ganz Europa kopiert. Theoretiker setzten sich mit der Satztechnik der Pariser Meister auseinander und dokumentierten die Regeln der Komposition.

Auch in der Literatur, der Philosophie und in weiteren Wissenschaften nahm Paris eine Spitzenposition ein, weswegen man auch von „Paris expers Paris“ (Paris ohne Gleichen), „Mater artium“ (Mutter der Künste) oder einem „Secunda Athena“ (ein zweites Athen) sprach. Die Pariser Universität wurde zur bedeutendsten im westlichen Europa, die besten Denker jener Zeit sammelten sich dort. Handel, Stadtbau und städtisches Leben führten zu einem neuen Lebensstil. König und Kirche organisierten ihre Macht zentralistisch um die junge Metropole. Die Vormachtstellung in Wissenschaft und Kunst strahlte in das christliche Abendland hinein, Paris wird zum Vorbild für Europa.

In der Notre-Dame-Epoche treten erstmals Komponisten aus dem Schatten der Anonymität heraus. Es sind dies vor allem Leonin (Leo, Leoninus magnus) und Perotin (Pierre, Perotinus magnus), die an Notre Dame de Paris tätig waren. Auch Philippe le Chancelier gehört in dieses Umfeld.

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Das Organum erreicht in der Notre-Dame-Epoche seinen Höhepunkt mit bis zu vierstimmigen Gattungsexemplaren. Ferner entstehen Conductus und Motetten. – Auch die weltlichen Gattungen Chanson und Estampie werden gepflegt. Als Satztechnik kommt der Hoquetus auf, manchmal wird dieser auch als Gattungsname verwendet. (Vergleiche „Kanon“ oder „Fuge“ – auch das sind zunächst Satztechniken, aber auch Gattungen.) Auch die Clausula, ein mehrstimmiger melismatischer Abschnitt in einem Gregorianischen Choral, gehört zu den Phänomen der Notre-Dame-Schule. Vielleicht will man hier aber nicht unbedingt von einer Gattung sprechen. (capriccio-kulturforum.de)

Und hier hören wir Werke aus dieser sog. „Notre-Dame-Epoche“, aufgeführt von dem Deller Consort und Mitgliedern des des Collegium Aureum.

Alfred Deller (* 31. Mai 1912 in Margate; † 16. Juli 1979 in Bologna) war ein englischer Sänger (Countertenor).

Alfred Deller sang zuerst als Knabensopran. Später entwickelte er sich zum Altus und trat in den Chören der Canterbury-Kathedrale und in St. Paul auf. 1948 hatte er in London unter seinem Förderer Michael Tippett seinen ersten Soloauftritt. 1946 sang er erstmals im britischen Rundfunk, seit 1947 wirkte er als Chordirigent der St. Paul’s Cathedral. Seine Countertenor-Stimme erlernte er autodidaktisch, indem er mit seiner Tenorstimme in Alt-Lage sang.

Deller setzte in seinem Repertoire zunächst einen Schwerpunkt auf die englische Musik des Barock. Um 1950 gründete er das Deller Consort, ein Vokal- und Instrumentalensemble, das sich der frühen englischen Musik widmete.

Alfed Deller

Alfred Deller

Mehr als zwanzig Jahre lang ging das Ensemble auf Tournee und feierte mit seinen Interpretationen der englischen Renaissancemusik große Erfolge. Daneben umfasste sein Repertoire auch andere Kastratenpartien, etwa aus Opern von Georg Friedrich Händel. 1960 sang er bei Uraufführung A Midsummer Night’s Dream von Benjamin Britten, mit dem er befreundet war, den Oberon.

Deller, der erste wieder solistisch auftretende Counter-Tenor des 20. Jahrhunderts, machte seine Stimmlage auch außerhalb Englands wieder populär und war wesentlich dafür verantwortlich, dass Countertenöre heute in der Alten Musik eine bedeutende Rolle spielen.

Er starb auf einer Urlaubsreise in Italien. Er ist zusammen mit seiner Frau Peggy (1913–2006) begraben auf dem Dorffriedhof von Boughton Aluph bei Ashford, Kent. (Quelle: wikipedia)

Und zum besseren Verständnis dieser Musik noch folgende Informationen:

Das wichtigste Merkmal der Musik aus der Zeit zwischen 1160 und 1250 ist die Notation. Erstmals in der abendländischen Musikgeschichte war es möglich, rhythmische Verläufe exakt in Noten festzuhalten. Und das war die entscheidende Voraussetzung dafür, dass ein wirklich mehrstimmiger Gesang entstehen konnte. Nun konnten die Komponisten verschiedene Stimmen zueinander in Beziehung setzen.

Noten

Jede Stimme sollte für sich als Linie einen Sinn ergeben – und gleichzeitig einen harmonischen Zusammenklang mit den anderen Stimmen. Erreicht wurde diese neue Architektur der Töne durch die Anordnung von kurzen und langen Notenwerten in wiederkehrenden rhythmischen Mustern. Diese wurden übereinander gelegt wie „die Ziegel auf dem Dach“, wie es in einem zeitgenössischen Traktat heißt. Das Bild wirkt stimmig: Wie das Bauwerk selbst – in seinem ursprünglichen Zustand – besteht diese Musik aus Querverbindungen. (br-klassik.de)

Veröffentlicht wurde das Album von dem französischem Label „harmonia mundi“, das in Deutschland als „harmonia mundi Schallplattengesellschaft“ firmierte. Und deshalbt gibt es diese musikalische Kostbarkeit auch in diesem blog.

Die Innigkeit dieser Gesänge, aber auch der Begleitinstrumente mit den komischen Namen wie Diskantpommer (1) oder Regal (2) sind beeindruckend und bewegend. Und mit einer gewissen Verblüffung stelle ich fest, dass es für diese „alt Musik“ auch schon damals einen Kreis von Liebhabern gegeben hat, sonst wäre solche LP mit deutschem Hüllentexxt wohl nicht erschienen.

Und bei mir bleibt tiefe Ergriffenheit zurück.

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Besetzung:

Deller Consort (London):
Maurice Bevan (Bariton)
Wilfred Brown (Tenor)
Alfred Deller (Contratenor)
Gerald English (Tenor)

Mitglieder des Collegium Aureum:
Rudolf Ewerhart (Regal)
Helmut Hucke (Diskantpommer)
Johannes Koch (Flöte, Regal)
Hans-Martin Linde (Flöte)
Ilse Brix-Mejnert (Fidel)
Albrecht Renz (Zink)

Aufnahmeleitung: Dr. Alfred Krings
Abteikirche Knechtsteden bei Köln 12./13. X. 1960 [A]
Stiftskirche, Fröndenberg 9./10. I. 1961 [B]
Südwest-Tonstudio, Stuttgart

Booklet

Titel:
01. Graduale: Viderunt omnes (Perotinus) 10.20
02. Alleluja Christus resurgens mit Klausel „Mors“ (Anonym) 4.42
03. Alleluja. Nativitas (Perotinus) 6.43
04. Graduale: Sederunt principes (Perotinus) 10.44
05. Pater noster commiserans (Anonym) 5.31
06. Dic Christi veritas (Anonym) 2.38

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(1) Diskant bezeichnete ursprünglich ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts das höchste Instrument der in Chören gebauten Musikinstrumente, z. B. Diskantpommer oder Diskantgambe.

Diskantpommer

Der Tonumfang dieser Instrumente lag in der oberen Hälfte des gesamten Tonbereichs, teilweise oberhalb der Singstimme. Für heutige Instrumente, die nur noch in Ausnahmefällen in Stimmfamilien gebaut werden (z. B. Blockflöten, Saxophone), wird eher der Begriff Sopran verwendet.

(2) Das Regal ist ein Tasteninstrument. Es ist eine tragbare Kleinorgel, die nur mit Zungenpfeifen bestückt ist. Der Name ist vermutlich von „rigole“ herzuleiten, die altfranzösische Bezeichnung für „Kehle“ bei Zungenstimmen. Denkbar wäre auch die Ableitung von „regalis“ (königlich), da Kaiser Maximilian I. ein solches Instrument als Geschenk erhielt.

Ein Regal besteht aus einem schmalen Kasten, der die Windlade mit den Zungenpfeifen enthält. Davor ist die Klaviatur, dahinter sind zwei Keilbälge angebracht, die nicht vom Musiker, sondern von einer zweiten Person (dem Kalkanten) bedient werden. Das Regal wird zum Spiel auf einen Tisch gesetzt. Weil das Gewicht der beiden Bälge nicht reicht, um den nötigen Winddruck zu erzeugen, werden am Balgende jeweils Gewichte aufgelegt.

Regal

Als sogenanntes Bibelregal wird ein Regal bezeichnet, wenn die Tastatur samt Pfeifen in den klappbaren Bälgen verstaut werden kann. Diese Bälge sind dann als „Buchhälften“ gestaltet. Das Instrument hat, dem Namen nach, nur noch Größe einer Bibel, und sieht (von hinten) auch so aus. Das Regal erfreute sich nicht nur in der Kirchenmusik, sondern auch in der Theater-, Tafel-, Tanz- und Hausmusik großer Beliebtheit, vor allem im 16. und 17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert verlor das Regal an Beliebtheit, da seine obertonreichen, schnarrenden Töne nicht mehr dem Klangideal entsprachen.

Und nun Kinder, ist der Sonntagsunterricht vorbei und ihr dürft wieder spielen gehen …

 

Ougenweide – Ohrenschmaus (1976)

FrontCover1Den Anstoß zum Minne-Rock der Band 1971 brachte ein Schulbuch mit mittelalterlichen Texten, das Bandgründer Frank Wulff mit seinen Mitspielern Stefan Wulff, Olaf Casalich, Wolfgang von Henko, Jürgen Isenbart und Brigitte Blunck durchging und bearbeitete. Danach nannte sich das Musikerkollektiv nach einem Begriff aus einem Gedicht des Lyrikers Neidhardt von Reuenthal Ougenweide. Erste Konzerte brachten einiges an Aufsehen, Achim Reichel wurde letztendlich auf die Band aufmerksam, und 1973 veröffentlichte Polydor das gleichnamige Debüt. Zumeist Texte von Walther von der Vogelweide hatte die Band vertont, darunter das wunderbare Ouwe. Mit Der Fuchs präsentierte die Platte aber auch einen ersten selbstverfassten Klassiker, der für nicht wenige Fans der Song der Band wurde.

Laut dem Musikmagazin ‚Sounds‘ gelang der Band mit ihrem Debüt eine „ziemlich gelungene Synthese aus Vergangenheit und Gegenwart“.

Nach Erscheinen der Platte verließ Brigitte Blunck die Band und wurde durch die Sängerin und Keyboarderin Minne Graw (Kein Künstlername!) ersetzt.
Nun hatte Ougenweide die klassische Besetzung gefunden, die bis zum Ende der Band 1982 hielt.

Nach gemeinsamen Tourneen mit den britischen Folk-Größen Amazing Blondel 1974 und Fairport Convention 1975 galten Ougenweide bereits offiziell als ‚Deutschlands Minne-Rock-Band No 1‘. Bedingt durch die vielen Live-Auftritte erschien das dritte Album ‚Ohrenschmaus‘ erst 1976. Die Band setzte sich hier mit den Riten und Bräuchen vergangener Jahrhunderte auseinander und inszenierte sie im zart bis heftigen Rock-Ambiente. Das Album enthielt zahlreiche Klassiker der Band wie

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Minne Graw

Olaf Casalichs Im Badehaus sowie Pferdesegen und das unglaubliche Ouwe wie Jaemmerliche. Gerade aber die Sangeskünste von Minne Graw hatten inzwischen eine dermaßen hohe Qualität erreicht, dass sie in einem Zuge mit der legendären Sandy Dennis genannt wurde. Das noch im selben Jahr erschienene Album ‚Eulenspiegel‘ beinhaltete Teile einer Auftragsarbeit für das Tübinger Landestheater im Rahmen einer ‚Eulenspiegel‘-Aufführung. Diesem Album bescheinigte das nicht gerade als Deutschrock-freundlich bekannte Magazin ‚Sounds‘ eine „fast rattenfängerhafte Ausstrahlung“. Mit Wol mich der Stunde und Totus Floreo enthielt auch dieses Album Juwelen, die bis zum Ende der Band zum festen Konzert-Repertoire der Band zählten.

„Ohrenschmaus“ war das dritte Album der Band, und hier hatten sie nun nach dem etwas unausgegorenen Debüt und seinem deutlich reiferen, aber doch sehr ruhigen Nachfolger endgültig ihren Sound gefunden. Mit dem „Bombarde-Ment“ geht gleich zu Beginn ordentlich die Post ab, und der Weg ist frei für Ougenweide-Klassiker wie „Kommt ihr Jungfern helft mir klagen“, „Pferdesegen“, „Bald anders“, „Ouwe wie jaemerliche“ (auf dieser CD aus unerfindlichen Gründen zu „Owê…“ geworden) und „Im Badehaus“. Die restlichen Songs spielen allesamt in derselben Liga, vielleicht mit Ausnahme des etwas lauen Kiffer-Instrumentals „Engelboltes Tocher Aven“. Und auch wenn einige von der Band selbstverfasste Texte nicht immer so ganz glücklich erscheinen („Im Badehaus“, „Eines Freitags im Wald“), so macht die Musik das doch spielend wieder wett. Und so bombastisch das Album eröffnet wurde, so leise verklingt es mit der „Merseburger Spieluhr“, einer – wie der Name schon sagt – Spieluhr-Version der „Merseburger Zaubersprüche“ vom Vorgängeralbum. Blues Caravan)

Und auch wenn die Musik heute in doppelter Bedeutung wie Musik aus längst vergangenen Zeiten klingt – sie klingt weiterhin frisch, anmutig und schmeichelnd – ein Ohrenschmaus eben.  Ach ja, und der Achim Reichel hat auch diese LP von Ougenweide produziert.

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Ougenweide, 1977

Besetzung:
Olaf Casalich (vocals, drums, percussion)
Minne Graw (vocals, harmonium, piano)
Wolfgang von Henko (guitar, mandolin, vocals)
Jürgen Isenbart (marimba, vibraphone, drums, glockenspiel)
Frank Wulff (flute, bouzouki, mandolin, guitar, harmonium, vocals, bombarde)
Stefan Wulff (bass, piano, zither, accordion)
+
Stewart Fahey (trumpet, trombone bei 06.)
Streicher Des NDR-Symphonieorchester (bei 02., 05., 07.) unter der Leitung von Peter Hecht

BackCoverTitel:
01. Bombarde-Ment (F.Wulf/Raven) 1.10
02. Kommt ihr Jungfern helft mir klagen (Traditional/Casalich/Grawv.Henko) 5.03
03. Eines Freitags im Wald (Casalich/v.Henko/Graw) 3.11
04. Pferdesegen (Contra Uermes) (Traditional/Casalich/Reichel/F. Wulff/Raven) 2.00
05. Bald anders (Casalich/St. Wulff/F. Wulff/Raven) 6.32
06. Im Badehaus (Graw/Casalich) 3.08
07. Ouwe wie jaemerliche… (Casalich/v.d.Vogelweide/Wulff/Raven/v.Henko) 4.21
08. Engelboltes Tochter Aven (St. Wulff) 3.01
09. Rumet uz die Schäemel und die Stüele (v.Reuenthal/F. Wulff/Raven/Graw/v.Henko/Casalic) 1.54
10. Al Fol (Wulff/Raven/Graw/Casalich(GlogauerLiederbuch) 1.00
11. Der Schlemihl (Casalich/F. Wulff/Raven/St. Wulff/v.Henko) 3.55
12. Merseburger Spieluhr (F. Wulff/Raven) 0.37

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Die Hallenser Madrigalisten – Die liebe Maienzeit (1980)

FrontCover1Die Hallenser Madrigalisten sind ein semiprofessionelles Ensemble, dessen Mittelpunkt die Pflege des A-cappella-Gesangs aus mehreren Jahrhunderten bildet. Seit seiner Gründung widmet sich das Ensemble in besonderer Weise zeitgenössischer Chormusik.

Seit der Gründung des Kammerchores 1963 durch Siegfried Bimberg († 2008) treffen sich die Sängerinnen und Sänger der Hallenser Madrigalisten zur Probe in der Saalestadt. Ihre Mitglieder, die überwiegend musikbezogene Berufe wie Musiklehrer, Musikwissenschaftler oder Chorleiter ausüben, kommen aus Sachsen-Anhalt oder dem nahegelegenen Sachsen und Thüringen. Die unterschiedliche Gesangsausbildung der Ensemblemitglieder vereinigt sie zu einem semiprofessionellen Ensemble.

Unter der Leitung von Andreas Göpfert (Leiter 1980–1999) gewannen die Hallenser Madrigalisten 1995 unter anderem den Grand Prix des internationalen Chorwettbewerbs in Tolosa. Dies wurde der Höhepunkt einer Reihe von Auszeichnungen, Fernseh- und Rundfunkproduktionen sowie CD-Einspielungen im In- und Ausland.

Von 1999 bis 2003 wurde der Chor von Helko Siede (1969-2008) geleitet. In seine

SiegfriedBimberg

Siegfried Bimberg

Schaffensphase fällt unter anderem die Erstaufführung des Werkes “Der gelbe Klang” von Alfred Schnittke (Leitung: Eberhard Kloke) im Rahmen der EXPO 2000.

Unter Sebastian Reim konzertierte der Chor im Rahmen zahlreicher Musikfestivals, u.a. die Galeriekonzerte in der Dresdner Semperoper, des MDR Musiksommers, des Festivals Sandstein und Musik, des Rheingau Musik Festivals, Leipziger Bachfestes oder der Hildebrandt-Tage Naumburg.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit u.a. mit dem Händel-Festspielorchester Halle, den Virtuosi Saxoniae Dresden oder dem Bläser-Collegium Leipzig führt den Chor aber auch regelmäßig in die Welt instrumentalbegleiteter Musik. Unter Dirigenten wie Ludwig Güttler und Howard Arman gibt der Chor auch regelmäßig Konzerte in der Dresdner Frauenkirche und der Berliner Philharmonie. (Quelle: wikipedia)

Diese LP war wohl so eine Art Abschiedgeschenk für den Gründer des Ensembles, denn er schied so um 1980 aus Leiter des Chores aus.

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„Frische Teutsche Liedlein“ (Nachdruck, Halle, 1903)

Und irgendwie bleibt einem da die Spucke weg: Da gibt es doch tatsächlich wieder mal Musik aus längst vergangenen Zeiten und die kann sich heute noch hören lassen.

Und man kann auch ob all der Quellen staunen: Da gibt es z.B. die fünfteilige Liedsammlung „Frische teutsche Liedlein“, die 1539–1556 von dem Arzt, Komponisten und Liedersammler Georg Forster (* um 1510 in Amberg; † 12. November 1568 in Nürnberg) herausgegeben wurde. Sie umfasst 380 mehrstimmige, vorwiegend weltliche deutsche Lieder. Ihren Sammelnamen erhielt die Sammlung später. Es ist die umfangreichste und bedeutendste Liedpublikation der Zeit und eine der wichtigsten Quellen für Tenorlieder (mit dem Cantus firmus im Tenor, wie sie beispielsweise eine Fassung von Innsbruck, ich muss dich lassen von Heinrich Isaac oder Mir ist ein rot Goldfingerlein von Ludwig Senfl darstellen).

Oder aber auch das Notenbüchlein „Fasciculus quodlibeticus“ des Melchior Franck:

Melchior Franck (* ca. 1580 in Zittau; † 1. Juni 1639 in Coburg) war ein evangelischer deutscher Komponist an der Stilwende von der Spätrenaissance zum Frühbarock.

Über Melchior Francks Lebensumstände ist wenig bekannt. Es sind kein Bild und kein Nachlass erhalten, und es ist nur eine einzige Handschrift überliefert. Er besuchte das Gymnasium in Augsburg, war Schüler Hans Leo Haßlers und ging mit ihm nach Nürnberg. Dort war er 1602 ein Jahr lang als Schulgehilfe an St. Egidien tätig.

Melchior Franck Fasciculus quodlibeticus

Melchior Franck´s „Fasciculus quodlibeticus“, 1611

Auch wenn man nichts über seine Ausbildung weiß, möglicherweise war er ein Schüler von Christoph Demantius, zeigen seine Werke doch eine gründliche Kenntnis des„niederländischen Stils“ der Lasso-Schule. Anders als einige seiner Zeitgenossen, etwa Heinrich Schütz, hatte Franck nicht die Möglichkeit einer Studienreise nach Italien. Den damals neuen italienischen Stil, die seconda pratica, hat Melchior Franck wohl durch Hans Leo Haßler kennengelernt. 1603 trat Melchior Franck die Stelle eines Hofkapellmeisters bei Herzog Johann Casimir in Coburg an, die er lebenslang innehatte.

Nach vielen Schicksalsschlägen, wie dem Tod seiner Kinder und seiner Frau, der Not des Dreißigjährigen Kriegs und dem Tod von Herzog Johann Casimir, starb Franck 1639 in Armut. (Quelle: wikipedia)

Und das sind bei weitem nicht alle Quellen (ein wenig mehr über die Quellen kann man dem BackCover der LP entnehmen,

Und die Komponisten haben dann Namen wie Hans Leo Häßler, Jacob Meiland, Johann Hermann Schein, Thomas Sartorius oder Melchior Vulpius und ein gewisser Martin Luther war als Texter auch unterwegs. Und der Orlando di Lasso ist wohl der bekannteste Komponist in dieser Riege. Fast wäre ich geneigt zu schreiben: diese Namen sollte man sich merken …

Also: Hochgenuss pur: mittelalterliche Gesänge (mit z.T. sehr feinsinnigen Instrumentierungen), da hüpft einem wie mir das Herz. Und über die drolligen Titel kann und darf man sich amüsieren. Und der nächste Mai kommt bestimmt.

AlternativesFrontCover

Alternatives Frontcover

Besetzung:
Die Hallenser Madrigalisten unter der Leitung von Siegfried Bimberg
+
Insturmentalgruppe

BackCover1Titel:
01. Die liebe Maienzeit (Traditional) 1.17
02. Es taget vor dem Walde (Traditional) 2.21
03. Ach, weh des Leiden (Haßler) 1.38
04. Der Mai viel schöner Blümlein bringt (Lechner) 1.45
05. Ein Maidlein tat mir klagen (aus dem Liederbuch des Arnt von Aich, 1519) 2.31
06. Ich kam vor liebes Fensterlein (Traditional) 2.22
07. Sie ist mir lieb (Traditional/Luther) 1.29
08. Herzlich tut mich verlangen (Meiland) 1.46
09. Kein größer Freud‘ kann sein auf dieser Erden (Lechner) 1.17
10. Ich weiss mir eine Müllerin (Traditional) 1.40
11. Bei meines Buhlen Haupte (Traditional) 2.05
12. Tummel dich, gut’s Weinlein (Traditional) 0.49
13. Ihr Brüder, lieben Brüder mein (Schein) 1.45
14. Wohlauf, ihr lieben Gäste (Satorius) 2.14
15. Mit Lust tät ich ausreiten (Traditional) 2.08
16. Wohlauf, ihr lieben G’sellen (Traditonal) 2.14
17. Herzlich tut mich erfreuen (Lechner) 1.56
18. Die Musik, g’schrieben auf Papier (Lechner) 1.11
19. Jungfrau, dein schön Gestalt (Häßler) 2.40
20. Sie gleicht wohl einem Rosenstock (Traditional) 2.26
21. Ein Bauer sucht sei’m Sohn ein Weib (Schöffer) 2.17
22. Ein Hennlein weiß (Scandallus) 1.02
23. Der Kuckuck hat sich zu Tode gefallen (Stephani) 1.37
24. Der Mai will sich mit Gunst erweisen (Lemlin) 2.50
25. Die Brünnlein, die da fließen (Ott) 2.01
26. Ich armes Käuzlein kleine (Forster) 1.56
27. Die beste Zeit im Jahr ist mein (Vulpius) 0.58
28. Ich sag ade (de Melle) 1.43
29. Wer frisch will sein (di Lasso) 1.13
30. Es fuhr ein Bauer ins Holz (Franck) 2.55

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FrischeTeutscheLiedlein2

Isbruck, ich muss dich lassen; das berühmte Abschiedslied im Diskantstimmbuch der „Frischen teutsche Liedlein“; Teil I des Georg Forster, Nürnberg, 1552

Per-Sonat – Bis an der Welt ihr Ende – Deutsche Lieder der Reformationszeit (2017)

FrontCover1.jpgFür mich ein wirklich spannendes Nischen-Projekt:

Das Ensemble PER-SONAT widmet sich seit seiner Gründung im Jahre 2008 der Aufgabe, die Musik des Mittelalters und der Renaissance aus verschiedenen Kulturkreisen zu erforschen und einem kunstinteressierten Auditorium nahe zu bringen.

Der Fokus liegt hierbei stets auf einer den Originalquellen verpflichteten Interpretation der mittelalterlichen Musik und einer fundierten Ausdeutung der mittelalterlichen Lyrik. Den Ensemblemitgliedern: Sabine Lutzenberger, Baptiste Romain, Tobie Miller und Elisabeth Rumsey, renommierte Protagonisten „Früher Musik“, geht es neben einer größtmöglichen Authentizität um eine künstlerisch lebendige, innovative und spannende Aufführungspraxis. Ihre Intention ist es der Geisteshaltung und Lebenswelt des Menschen im Mittelalter nachzuspüren und die ferne Empfindsamkeit mit ihrer Musik in Einklang zu bringen

Einladungen zu Konzerten auf internationalen Festivals führten das Ensemble in den letzten Jahren nicht nur durch den deutschsprachigen Raum, sondern durch ganz Europa, so nach Frankreich, Holland, Italien, Spanien, Österreich, Belgien, Polen und Schweden. Dabei trat es bereits auf mehreren der bedeutendsten Alte Musik- und Mittelalter-Festivals auf, wie etwa dem Festival Oude Muziek Utrecht, montalbâne in Freyburg/Unstrut, Festival du Thoronet, Musik an der Romanischen Straße, Literatur- und Musikfestival Wege durch das Land, Laus Polyphoniae Antwerpen oder dem Early music festival in Stockholm.

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In jüngster Zeit konzertierte das Ensemble bei mehreren Veranstaltungen in Holland und Belgien im Rahmen der Konzerte des Netwerk Oude Muziek Utrecht, sowie auf Einladung bei den Tagen Alter Musik Regensburg und beim Festival Voix et Route Romane in Frankreich und dem internationalen Musik- und Tanzfestival Granada, Spanien. (Selbtdarstellung)

Die musikalische Leitung dieses Ensemble hat Sabine Lutzenberger:

Die Sopranistin Sabine Lutzenberger – eine der Pionierinnen des mittelalterlichen Gesangs und seit nunmehr über zwanzig Jahren eine der herausragenden Sängerinnen auf diesem Gebiet – war langjähriges und prägendes Mitglied des „ensemble für frühe musik augsburg“ sowie des italienischen Ensembles „Mala Punica“, singt aber auch in Gruppen, wie dem Huelgas Ensemble, Millenarium oder – in der zeitgenössischen Musik: – dem Klangforum Wien. (sonus-alte-musik.de)

Sabine Lutzenberger01

Sabine Lutzenberger

Und einen Gastauftritt bei der Elektronik-Avantgarde/Darkwave-Band „Die Lakaien“ hatte sie auch mal…

Und zum Lutherjahr fanden sich die Musiker zusammen, um Musik, die von und um Luther entstand, einzuspielen. Der besondere Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Einfluss, den Luther auf das geistliche und weltliche Liedgut hatte, sowie die Italien-Rezeption zu Luthers Zeiten.

»Die zurückhaltende, sensible Begleitung durch das kleine, feine Ensemble Per-Sonat und das informative Booklet machen die Produktion richtig rund.« (Fono Forum, Januar 2018)

Oder, um es mal auf den Ounkt zu bringen: Da schauen all die deutsche Mittelalter Bands ganz schön alt aus … der hier hören wir den überzeugnden Versuch, diese alten und wahrlich feinen Melodie authentisch zu interpretieren.

Aufnahme: 14 . 16. Februar im Konzert Blaibach

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Besetzung:
Joel Frederiksen (Bass)
Sabine Lutzenberger (Mezzo-Sopran)
+
Marc Lewon (lute, viola d’arco)
Caroline Richie (viola da gamba, lirone)
Baptiste Romain (violine)

Joel Frederiksen

Joel Frederiksen

Titel:

Martin Luther und der Zeitgenosse Ludwig Senfl:
01. Ein feste Burg ist unser Gott (Luther) 2.08
02. Aus tiefer Not schrey ich zu dir (Luther) 3.09
03. Was wird es doch des Wunders noch (Senfl) 5.27
04. Ich stuend an einem Morgen (Senfl) 5.53
05.  La Monzina (Anonymus; Augsburger Liederbuch um 1505-14) 2.07

Das „Newe Teutsche Lied“ und Orlando di Lasso:
06. Wach auff, wach auff O menschen Kind (di Lasso) 5.27
07. Domini est terra (Psalm 24) (di Lasso) 3.59
08. Was wird es doch des Wunders noch (Senf/Neusidler) 1.40
09. Verba mea auribus (Psalm 5) (di Lasso) 2.48
10. Motette Sine textu  23 (di Lasso) 2.26

Lobpreis Gottes im geistlichen und weltlichen Lied Lechners und Hasslers:
11. Ach Schatz, ich sing und lache (Haßler) 4.22
12. Mein Gmueth ist mir verwirret (Haßler) 4.54
13. Nun bitten wir den Heiligen Geist (Haßler) 1.37
14. Saltarello I (anonym, Bologna 1562) – Saltarello II (Gorzanis 1561) (Gorzanis) 3.24
15. Ach herzigs Herz (Lechner) 2.27
16. Ach Lieb mit Leid (Lechner) 2.22
17. Dieweil Gott ist mein Zuversicht (Lechner) 3.26

Ausblick in die Neue Zeit und Johann Hermann Schein:
18. Banchetto musicale 1617: Allemande – Tripla (Schein) 2.03
19. Johann Hermann Schein Ach mein herzliebes Jesulein (Schein) 4.53
20. Ach Gott und Herr (Schein) 4.18

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Ensemble für frühe Musik Augsburg – Spätmittelalterliche Musik der Karwoche (Planctus Mariae) (1994)

FrontCover1Eigentlich sollte man diese Aufnahmen eigentlich in der sog. Karwoche präsentieren aber ich mach´s jetzt halt mal antizyklisch.

Planctus Mariae – Spätmittelalterliche Musik der Karwoche:

Schmerz und Trauer der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes finden ihren Ausdruck in zahlreichen mittelalterlichen „Marienklagen“ („Planctus Mariae“). Diese Marienklagen erklangen meist – oft eingebettet in eines der großen Passionsspiele – in der Karwoche.

Dabei ist die Intention, durch eine expressive Darstellung der Trauer Mariens beim Anblick ihres gemarterten Sohnes im Gläubigen das Mitleiden mit Maria, die „Compassio Mariae“ zu wecken und damit einen persönlichen Bezug auch zur Passion Christi herzustellen. Ähnlich wie bei zahlreichen spätmittelalterlichen Kreuzigungsdarstellungen, deren Entstehung in engem Zusammenhang mit den Passionsspielen zu sehen ist, tritt dabei das realistisch nachempfundene Leiden des Menschen Jesus und seiner Mutter in den Vordergrund gegenüber einer distanzierten theologischen Betrachtung der Passion als Weg zur Auferstehung und damit zur Erlösung der Menschheit. Es handelt sich vielmehr um Momentaufnahmen einer zutiefst getroffenen Mutter beim Tod ihres Sohnes. (Heinz Schwamm)

Eingespielt wurden diese Aufnahmen von dem großartigem „Ensemble für frühe Musik Augsburg“

Ensemble

Das ensemble für frühe musik augsburg wurde vor beinahe 25 Jahren gegründet und zählt heute nach Jahren intensiver musikwissenschaftlicher und musikalischer Arbeit zu den bekanntesten Gruppen für Musik des Mittelalters. Über 1000 Konzerte in ganz Europa, in den USA und bei Internationalen Festivals für Alte Musik sowie zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen begründen diesen Ruf.

Neben der Frage nach der Gesangs- und instrumentalen Spieltechnik des Mittelalters, neben der Zusammenarbeit mit Romanisten und Germanisten, aber auch mit spezialisierten Instrumentenbauern, neben dem Versuch also, zu erfahren, „wie es wirklich geklungen hat“ stand immer wieder die Idee im Vordergrund der musikalischen Überlegungen, „Musik von Gestern“ für „Leute von Heute“ zu machen, d.h. das Publikum mit „Phantasien über mittelalterliche Musik“ (Dieter Kühn) zu fesseln und zu begeistern. Dabei zeigte sich im Laufe der Jahre, dass beide Wege zum gleichen Ziel führten:
Je näher man versuchte dem „Original“ zu kommen, um so beeindruckender wurde das musikalische Erlebnis für den heutigen Zuhörer.
In seiner Besetzung ist das ensemble seit den Anfängen gleich geblieben.

1981 kam zu den drei Herren die Sängerin und Blockflötistin Sabine Lutzenberger dazu.

Das Instrumentarium, angefertigt speziell nach mittelalterlichen Abbildungen, wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert, nach neuesten Erkenntnissen verbessert und umfasst heute u.a. verschiedene Fideln, Rabab, Lauten, Chitarra saracenica, Psalterium, gotische Harfe, Drehleier, Blockflöten, Schalmei und Schlagwerk.

In der langen Zeit kontinuierlichen Probens und reger Konzerttätigkeit erarbeitete sich das ensemble ein umfangreiches Repertoire mit einigen hundert Liedern und Instrumentalstücken vom 11.-15. Jahrhundert, aber auch einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit dieser Musik aus der Zeit vor über 600 Jahren. Und so entsteht, wie in einer Konzertkritik zu lesen war „im gemeinsamen Atem, dem Wissen um die Kunst der Verzierungen und Überleitungen, der Pausen und der leise verlöschenden Dynamik ein besonderer Zauber, auf angenehm schwingende Weise … mittelalterliche Musik ohne belehrenden Zeigefinger.“ (Schwäbische Zeitung vom 19.2.2001)

Auch wenn ich an der christlichen Lehre mittlerweile nur noch ein akademisches Interesse habe, stelle ich wieder mal mit Verblüffung fest, dass mich diese christliche motivierte Musik doch ganz tief im inneren berührt … wie Klänge aus einem anderen Land in einer anderen Zeit … wunderbar !

Booklet02ABesetzung:
Hans Ganser (vocals, psaltery)
Reiner Herpichböhm (vocals, narrator, harp)
Sabine Lutzenberger (vocals, recorder)
Heinz Schwamm (vocals, fiddle)

Ensemble2Titel:
01. Kyrie Rondello (anonym) 3.22
02. Enmitten unsers lebens zeit – Media vita in morte sumus (anonym) 9.51
03. Compassio Beate Virginis Marie (v.Wolkenstein) 6.33
04. Planctus Mariae Magdalenae (anonym) 3.46
05. Und dann begann die Folterung (Johannes Evangelum; Übersetzung: Walter Jens) 2.12
06. Planctus beatae virginis (Anonym) 11.29
07. Von unser vrawen mitleiden (Mönch von Salzburg) 5.03
08. Planctus Mariae et aliorum i ndie Parasceven (Anonym) 15.24

Ensemble3

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Des Geyers Schwarzer Haufen – Die erste (1986)

FrontCover11986 hämmerte ein gewisser Ritchie Blackmore noch auf seiner Fender Stratocaster herum, da machten sich zwei Männer auf, mittelalterliche musik aus deutschen Landen geradzu zu zelebrieren:

Des Geyers schwarzer Haufen ist eine deutsche Mittelalterband. Ihr Name verweist auf die Bauernkriege, in denen sich der Ritter Florian Geyer an die Spitze einer Gruppe aufständischer Bauern setzte.

Albrecht Schmidt-Reinthaler gründete die Gruppe 1983 als „Spielmann Albrecht“ zusammen mit Ulrich von Olnhausen. Seit einer Trennung 1999 war die neue Formation mit Martin Ernst als „Bruder Martin“ und Ralf Glenk als „Ralf der Saitengreifer“ in der Tradition der Spielleute unterwegs. Martin Ernst und Ralf Glenk wurden 2011 durch Andreas Berg (Blasinstrumente, Cembalo, Percussion) und Bernd Settgast (diverse Saiteninstrumente) ersetzt. Ihr Lied-Repertoire wird großen Teils auf zahlreichen nachgebauten historischen Instrumenten dargeboten.

Die ehemaligen Mitglieder Thomas Roth, Albert Dannenmann und Jost Pogrzeba spielten bis Juni 2014 zusammen mit Georg Hesse, Maik Walter und Elias Maier unter dem Namen Geyers mittelalterliche Musik mit Rockelementen. (Quelle: wikipedia)

Hier das Erstlingswerke dieser schrägen Typen und insbesondere die Instrumentierung macht so richtig vergnügen … Wir hören hier eine Mischung aus tatsächlich uralten Weisen und Texten sowie Neukompositionen.

Und weil mir diese mittelalterliche Musik ein wenig suspekt ist (ich erinnere mich da nur an den Mittelalter Hokus Pokus auf diversen Märkten: Einerseits bin auch ich ein wenig fasziniert, andererseits kommt s mir dann arg albern vor) sprchen mich die Instrumentalwerke im besonderer Weise an … Man höre sich da mal z.B. „St. Chartier“ ab …

Also reinhören lohnt sich allemal … und dann erinnert man sich auch, dass ein gewisser Ritchie Blackmore später mal mittelalterliche Musik für sich entdeckte, und dabei justament genau diese Gruppe besonders imponierte .. und da konnte es dann schon malpassieren, dass er plötzlich auf der Bühne dieser Gruppe auftauchte.

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Besetzung:
Thomas Roth (vocals, violin, drums, mandoline)
Albrecht Schmidt-Reinthaler (lute, mandoline, accordeon, horns, flute, hurdy-gurdy, vocals)
+
Albert Dannemann (bagpipe, hurdy-gurdy, whistle, bassoon)
Ute Ulshöfer (flute)

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Titel:
01. Bauernkrieg (Traditional) 3.29
02. Freier Bauersknecht (Traditional) 4.00
03. Armer Bauer (Traditional) 2.43
04. Bauernhimmel (Traditional) 3.03
05. St. Chartier (Schmidt-Reinthaler/Roth) 2.49
06. Wiegenlied für Deutschland (Vesely/Herwegh) 4.06
07. Landsknechte kommen (Traditional) 1.55
08. Unser liebe Fraue (Traditional) 3.44
09. Flandrischer Totentanz (Traditional) 3.12
10. Es ist alles eitel (Schmidt-Reinthaler/Gryphius) 4.40
11. Hotel Globus (Schmidt-Reinthaler) 2.10
12. Hans im Schnakenloch (Traditional) 1.58
13. Tod von Basel (Traditional) 3.41

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Geyer3

Stich, der Florian Geyer zeigen soll / Wappen der Familie Geyer nach Siebmachers Wappenbuch

 

 

Capella Antiqua – Musik zur Zeit der frühen Wittelsbacher (1980)

FrontCover1Und jetzt steigen wir mal wieder ganz tief in den Keller der Musikgeschichte … Licht aus … Fackeln an !

„Unser klingndes Dokument zu den Wittelsbachern in Bayern umfaßt zwei getrennte Zeiträume: von Otto I. (1180) bis zu Kaiser Ludwig IV., dem Bayern (1340) und die Zeit der „reichen Herzöge“ von Bayern-Landshut, also etwas das 15. Jahrhundert.“

Und weiter heißt es dann im mehr als informativen Hüllentext:

Hüllentext1

Man kann sich denken, dass wenn jemand so tief den Keller hinabsteigt, eine große Leidenschaft vorhanden sein muss. Und diese jemand heisst in diesem Zusammenhang Konrad Ruhland:

Konrad Xaver Ruhland (* 19. Februar 1932 in Landau an der Isar; † 14. März 2010 in Deggendorf) war ein deutscher Musikhistoriker, Musikpädagoge, Dirigent und Musikherausgeber.

Ruhland2Seine ersten Kontakte mit der Musik hatte Ruhland als Chorsänger im Dom von Passau. Er studierte Musikwissenschaft bei Thrasybulos Georgiades und Theodor Göllner. Weitere Kurse in Geschichte, Theologie und Kirchengeschichte bildeten den Hintergrund für seine musikwissenschaftlichen Forschungen.

Unter seiner Leitung fanden sich 1956 in München neun begeisterte Studenten, welche die „Capella Antiqua“ bildeten, eine der ersten Gruppen, die sich mit der Renaissancemusik und der Musik des Frühbarock im Studium auseinandersetzten. Mit der Zeit wuchs das Ensemble auf 19 Musiker an und machte zahlreiche Schallplattenaufnahmen.

Zwischen 1968 und 1991 wirkte Ruhland am musischen und neusprachlichen St.-Gotthard-Gymnasium seines Wohnortes Niederalteich. Dort gestaltete er zusammen mit seiner Frau Elisabeth (Musiklehrerin von 1968 bis 1995) die Qualität der musikalischen Ausbildung und damit zusammenhängend den Ruf der Schule entscheidend mit.

Aus seiner langjährigen Musizierpraxis im Bereich der Historischen Aufführungspraxis heraus gründete er 1976 die Niederaltaicher Scholaren, einen Konzertchor, mit dem er sich dem Gregorianischen Gesang und bis dahin wenig bekannten Werken und Komponisten widmete.

Ruhland1

Als Wissenschaftler sowie als Herausgeber hat sich Ruhland einen Namen gemacht und mehrere hundert Werke von vorwiegend süddeutschen Komponisten herausgegeben. Daneben gab er in Sommerkursen sein Wissen weiter, so an der University of Philadelphia.

Für sein Wirken wurde Ruhland 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. (Quelle: Wikipedia)

Und natürlich hören wir ihn mit seinem Ensemble „Capella Antiqua“, zusätzlich waren dann die „Niederaltaicher Scholaren“ am Werke.

CapellaAntiqua

„Capella Antiqua“

Und wie so oft bei Aufnahmen dieser Art, lässt mich die Innigkeit des Gesangs aber auch der Musik inne halten … wenngleich mich freilich der religiöse Inhalt weiterhin nicht interessiert.

Und ein wenig Ehrfurcht überkommt mich, wenn ich mir vorstellen, dass wir hier Musik hören, die Menschen zwischen den Jahren 1180 und 1340 komponiert haben. Fein, dass es Musikforscher wie diesen Konrad Ruhland gab und noch gibt, die sich hier als wirkliche Forscher betätigen.

Der Konrad Ruhland hat übrigens eine wahre Flut von Aufnahmen dieser Art eingspielt. Von daher gut möglich, dass wir ihm hier wieder mal begegnen.

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Besetzung:
Capella Antiqua
Niederaltaicher Scholaren

Musikalische Leitung: Konrad Ruhland

Booklet1

Titel:
01. Castis Psallamus Mentibus (Traditional) 2.36
02. Jubar Miri Luminis (Traditional) 2.38
03. Kyrie Magne Deus Potentiae (Traditional) 4.05
04. Nostri Festi Gaudium  (Traditional) 1.24
05. Ecce Iam Celebria (Traditional) 1.56
06. Te Lucis Ante Terminum (Traditional) 1.32
07. Nove Lucis Hodie (Traditional) 1.33
08. Procedentem Sponsum (Traditional) 2.07
09. Christus Vicit Resurgendo (Traditional) 2.02
10. Veni Sancte Spiritus – Veni Pater Divine (Traditional) 2.10
11. Gaude Nostra Contio (Traditional) 3.14
12. Daß Lepisch Gut Zu Lachen Ist (Traditional) 1.49
13. L’homme Armé (Deprez) 1.23
14. Der Polnische Dantz (Finck) 1.18
15. Der Pfoben Swancz 1.09
16. La Battaglia (Traditional) 0.44
17. Mit Ganczem Willen Wünsch Ich Dir (Paumann) 0.59
18. Weiblich Figur (Paumann) 0.55
19. Ich Beger Nit Mer (Paumann) 1.03
20. Jesu Corona Virginum (Nikolaus) 2.11
21. Der Füterer (Füterer) 1.07
22. Ave Mater O Maria (von Wolkenstein) 3.45

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Ensemble für frühe Musik Augsburg – Hildegard von Bingen und ihre Zeit (1990)

FrontCover1Seit Wochen, wenn nicht länger umkreise ich die Hildegard von Bingen gedanklich, denn sie scheint mir einer ganz und gar außergewöhnliche Frau gewesen zu sein, eine Frau die ihrer Zeit weit voraus war. Und damit steigen wir ganz tief in den Keller der Musikgeschichte … viel tiefer geht gar nicht mehr, denn wir schreiben un das 12. Jahrhundert:

Hildegard von Bingen (* 1098 in Bermersheim vor der Höhe (Ort der Taufkirche) oder in Niederhosenbach (damaliger Wohnsitz des Vaters Hildebrecht von Hosenbach); † 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen am Rhein) war Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin und eine bedeutende Universalgelehrte. In der römisch-katholischen Kirche wird sie als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt. Daneben wird auch in der anglikanischen, der alt-katholischen und der evangelischen Kirche mit Gedenktagen an sie erinnert.

Hildegard von Bingen gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der auch deutliche Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen enthält, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit.

Am 7. Oktober 2012 erhob Papst Benedikt XVI. die heilige Hildegard zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae universalis) und dehnte ihre Verehrung auf die Weltkirche aus. Ihre Reliquien befinden sich in der Pfarrkirche von Eibingen. (Quelle: wikipedia)

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Diverse Hildegard von Bingen Abbildungen

Und mich interessierte natürlich insbesondere die Komponistin Hildegard von Bingen:

Musik hatte für Hildegard von Bingen eine ganz besondere Bedeutung: Als Spiegel der himmlischen Harmonie brachte die Musik die Menschen Gott nahe. Sie selbst verfasste zwischen 1151 und 1158 über 70 Gesänge, die als Symphonia armonie celestium revelationum bezeichnet werden, sowie ein geistiges Singspiel. Man muss Wibert von Gembloux zustimmen: „Wer hat je ähnliches von irgendeiner Frau gehört?“. In den Gesängen preist sie den dreieinigen Gott, die Engel und die Heiligen, allen voran Maria, die heilige Ursula sowie Rupert und Disibod. Wieder bekräftigt sie den göttlichen Ursprung ihres Werks:

„Darauf sah ich eine von Licht durchstrahlte Luft. Aus ihr ertönten mir auf wundersame Weise mannigfaltige Klänge entgegen. Es waren Lobgesänge für jene, die im Himmel wohnen (…)“.

Noten

In einem Brief an die Mainzer Prälaten, die 1178 über dem Kloster Rupertsberg das Interdikt ausgesprochen hatten, erfahren wir, welche bedeutende Rolle die Musik für Hildegard im Gesamtzusammenhang ihrer Theologie besaß: Vor dem Sündenfall sei es dem Menschen möglich gewesen, am Gotteslob der Engel teilzunehmen. Erst die Propheten erhielten wieder etwas von dem damals verlorenen Wissen zurück. Durch die Gesänge und den Klang der Instrumente sollten die Menschen belehrt und zu einem gottgefälligen Leben ermuntert werden. Seitdem habe der Teufel alles daran gesetzt, das gesungene Gotteslob zu verhindern. Er sei über die wiedergewonnene Fähigkeit der Menschen zu singen höchst beunruhigt gewesen, denn der Gesang entstamme dem Heiligen Geist und sei der Widerhall himmlischer Harmonie.

Innerhalb des musikalischen Werks Hildegards nimmt das Singspiel Ordo virtutum eine besondere Stellung ein. Es hat die Form eines gesungenen liturgischen Dramas: Ähnlich wie im Liber Vitae Meritorum stellen sich die Tugendkräfte im Kampf um die Seelen der Menschen dem Teufel und seinen Machenschaften entgegen. Da die Harmonie der Musik immer dem Lob Gottes dient, ist der Teufel in dem Stück nur zu unrhythmischem lärmendem Getöse fähig. Vielleicht trugen es Hildegard und ihre Nonnen auf dem Rupertsberg und in Eibingen bei kirchlichen Festen vor.

Die Gesänge, die Hildegard komponierte, wurden bei der Messe oder dem Stundengebet gesungen, wie wir von Wibert wissen: „Diese Gesänge, die zum Lobe Gottes und zur Ehre der Heiligen komponiert sind, werden öffentlich in der Kirche vorgetragen“. Ob sie erst die Texte und später die Melodien schrieb, die in Neumen, den damaligen Tonzeichen, notiert wurden, oder ob beides zeitgleich entstand, ist nicht überliefert. Genauso wenig kann heute gesagt werden, wie die Musik in Hildegards Zeit tatsächlich klang. Die heutigen Fassungen der Lieder können sich daran nur annähern. (Quelle: www.bingen.de)

Klosterruine

Klisterruine Disibodenberg: Am 1. November 1112 wurde sie mit Jutta, von da an ihre Lehrmeisterin, und einer dritten jungen Frau in einem Inklusorium an oder in dem seit 1108 von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg eingeschlossen. Während Jutta an diesem Tage vor Abt Burchard (1108–1113) auch ihre Profess ablegte, tat dies Hildegard später vor dem Bischof Otto von Bamberg, der von 1112 bis 1115 den inhaftierten Mainzer Erzbischof Adalbert vertrat.
Nach dem Tode Juttas in der mittlerweile zum Kloster gewachsenen Klause wurde Hildegard 1136 zur Magistra der versammelten Schülerinnen gewählt. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, mäßigte. So lockerte sie in ihrer Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten, sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da Hildegard deren Kloster Popularität verschaffte.

Und hier ein erster musikalischer Eindruck der damaligen Musik, wie sie von Hildegard von Bingen (und anderen) komponiert wurde.

Dargeboten werden diese musikalischen Kostbarkeiten von dem Ensemble für frühe Musik, Augsburg, dieses Album ist zugleich ihr Debütalbum:

Das Ensemble für frühe Musik Augsburg wurde vor beinahe 25 Jahren gegründet und zählt heute nach Jahren intensiver musikwissenschaftlicher und musikalischer Arbeit zu den bekanntesten Gruppen für Musik des Mittelalters. Über 1000 Konzerte in ganz Europa, in den USA und bei Internationalen Festivals für Alte Musik sowie zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen begründen diesen Ruf.

Ensemble

 

Neben der Frage nach der Gesangs- und instrumentalen Spieltechnik des Mittelalters, neben der Zusammenarbeit mit Romanisten und Germanisten, aber auch mit spezialisierten Instrumentenbauern, neben dem Versuch also, zu erfahren, „wie es wirklich geklungen hat“ stand immer wieder die Idee im Vordergrund der musikalischen Überlegungen, „Musik von Gestern“ für „Leute von Heute“ zu machen, d.h. das Publikum mit „Phantasien über mittelalterliche Musik“ (Dieter Kühn) zu fesseln und zu begeistern. Dabei zeigte sich im Laufe der Jahre, dass beide Wege zum gleichen Ziel führten:
Je näher man versuchte dem „Original“ zu kommen, um so beeindruckender wurde das musikalische Erlebnis für den heutigen Zuhörer.
In seiner Besetzung ist das Ensemble seit den Anfängen gleich geblieben. (Selbstdarstellung)

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Und dieses Ensemble gibt´s noch heute ! Was für ein Geschenk !

Man muss nicht unbedingt religiös sein … aber dennoch kann diese Musik so richtig tief in Herz gehen … so jedenfalls geht es mir …

Unglaublich, dass Melodien aus dem 12. Jahrhundert heute noch eine derartige Magie vertrömen können.

Wer´s nicht glaubt … sollte reinhören.

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Besetzung:
Hans Ganser (vocals, percussion, psaltery)
Rainer Herpichböhm (vocals, chitarra saracenica, harp, percussion)
Sabine Lutzenberger (vocals, recorder, shawm)
Heinz Schwamm (vocals, fiddle, lira, shawm, hurdy-gurdy)

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Titel:

Hildegard von Bingen:
01. O Magne Pater1 O Magne Pater 3.06
02. O Aeterne Deus 2.19
03. Ave, Generosa, Gloriosa Et Intacta Puella 4.54
04. O Frondens Virga 5.31

Petrus Abaelardus:
05, Planctus David Super Saul Et Ionatha 9.38

Hildegard von Bingen:
06. O Felix Anima 4.24
07. Ave, Maria, O Auctrix Vitae 4.30

Petrus Abaelardus:
08. O Quanta Qualia 6.01

Anonym:
09. Promat Chorus Hodie (Aquitanien (12.Jh.) 3.29
10. Annus Novus In Gaudio (Aquitanien (12.Jh.) 4.48
11. Fulget Dies Celebris (Aquitanien (12.Jh.) 2.14

Hildegard von Bingen:
12. O Quam Mirabilis 6.19
13. O Virtus Sapientiae 2.46
14. O Vis Aeternitatis 6.00

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Textbeispiel

Claude Akiré- Alleweil ein wenig lustig (1977)

FrontCover1Also, die Recherchen zu diesem Album gestalteten sich anfangs ein wenig schwierig, mühsam, aufwendig.

Denn über die französische -Sängerin Claude Akiré ist nur wenig informatives zu finden. Aber dann wurde ich doch ein wenig fündig, und zwar im „Zentrum für Populäre Kultur und Musik“, Berlin (ein dreifache Hoch auf das deutsche Archivwesen !)

Claude Akiré (Pseudonym für Claudia Linnell, geb. Gschwend; (21.08.1933-08.04.2012) wurde in Immenstadt/Allgäu geboren u. wuchs in Kempten auf. Eine Skoliose-Erkrankung in der Pubertät hatte eine 50%ige Schwerbehinderung zur Folge. Trotz vorwiegend musischer Begabung absolvierte sie eine Ausbildung zur Chemotechnikerin u. übte diesen Beruf u.a. drei Jahre in Frankreich aus.

Bereits sehr früh nahm sie Gitarrenunterricht bei Prof. Santiago Mavascnés, einem Schüler von Segovia, u. beschäftigte sich mit altem Liedgut. Nach dem ersten Preis in einem Wettbewerb des Bayer. Rundfunks (1963) fand ihr erstes öffentl. Konzert 1969 im Münchner Lembachhaus sattt.

ClaudeAkire01In den 1970er Jahren folgten große Auslandstourneen, z.T. im Auftrag des Goethe-Institus. Diese führten sie in alle fünf Kontinente.
Claude Akiré nahm versch. Schallplatten u. Musikkassetten auf.
In den 1980er Jahren trat sie öffentl. auch als Malerin in Erscheinung.

Sie entwickelte eigene Programme zur künstlerischen Vermittlung (kultur-)historischer und literarischer Themen für Gymnasien.
Claude Akiré verfügte über umfangreiche Fremdsprachenkenntnisse, so sprach sie u.a. Finnisch und Polnisch.   (Quelle: kalliope.staatsbibliothek-berlin.de)

Es verwundert mich weiterhin, dass über diese Sängerin, die dann doch über eine künstlerisch sehr abwechslungsreiche Vita hatte, so wenig überliefert ist.

Sie ist in Vergessenheit geraten … und hier taucht wie einfach mal wieder auf.

Die Barockzeit kennt ja nicht nur diese höfischen Kompositionen von Bach, Telemann & Co. Nein, in der Barockzeit gab´s natürlich auch Volkslieder und aus diesem Fundus bediente sich Claude Akiré.

Dabei nahm sie überwiegend das „Augsburger Tafelkonfekt“ zur Hand. Und diese Liedersammlung (insgesamt vier Sammlungen, erschienen zwischen 1733 bis 1946) wurden von einem Johann Valentin Rathgeber zusammengetragen und veröffentlicht.

RathgeberJohann Valentin Rathgeber (* 3. April 1682 in Oberelsbach; † 2. Juni 1750 im Kloster Banz) war ein deutscher Benediktinermönch, Komponist, Organist und Chorleiter des Barock. Zur Erforschung der Biografie und der Werke Rathgebers wurde die Internationale Valentin-Rathgeber-Gesellschaft gegründet.

Und so hören wir vergnügliche, aber auch nachdenkliche Weisen … wie z.B. „Männer versuchen stets zu naschen“ (angeblich von Mozart ?) oder „Von einem Deliberanten“ (Deliberation ist ein aus dem Lateinischen entlehntes Fremdwort mit der Bedeutung „Beratschlagung“, oder „Überlegung“)

Und dann gibt es so rätselhafte Titel wie „Modicum, ein wenig“ oder „Medium, das Mittel“.

Die Texte sind zuweilen ein wenig derb, das heißt dann dem wohl „dem Volks aufs Maul geschaut“ … ein wenig verwunderlich ist das ja schon, bedenkt man, dass Valentin Rathgeber ein Benediktinermönch war (mehr davon später).

 

Vorlesungsverzeichnis

Aus dem Vorlesungsverzeichnis der Volkshochschule Bremen, Oktober 1970

 
Claude Akiré begleitet ihren Gesang auf der Gitarre … und ich kann mir nicht helfen: all die alten Melodien, sie haben einen ganz eigenen Zauber … ‚

Wer sich für mittelalterliche Klänge erwärmen oder gar begeistern kann, sollte hier zuschlagen …

Man muss deswegen ja nicht gleich verkleidet auf einen Mittelaltermarkt gehen.

ClaudeAkire02

Besetzung:
Claude Akiré (vocals, guitar)
+
Traudl Brumbauer (guitar bei 09.)
Elisabeth Dirscherl (guitar bei 09.)

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Titel:
01. Die frohe Campagnie (Seyfert) 2.48
02. Brüder, lasst uns lustig sein (Günther/Sperontes) 3.08
03. Von der Gedult (Rathgeber) 2.42′
04. Das Glück (Stoppe/Telemann) 1.05
05. Von der Hoffnung (Rathgeber) 1.56
06. Amor vincit omnia (Seyfert) 1.49
07. Von einem Deliberanten (Rathgeber) 4.08
08. Modicum, ein wenig (Rathgeber) 2.45
09. Wir haben drei Katzen (Seyfert) 2.27
10. Vom April gehen (Rathgeber) 2.40
11. Männer suchen stets zu naschen (Mozart) 2.01
12. Die Losung ist Geld (Krieger) 2.25
13. Medium, das Mittel (Rathgeber) 3.32
14. Von allerhand (Rathgeber) 2.45

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Todesanzeige

Aquarell Traumlandschaft

Aquarell „Traumlandschaft“ von Claude Akiré