Doris Blaich und Uwe Wolf – Gottfried August Homilius zum 300. Geburtstag (Radiomitschnitt) (2014)

Gottfried August Homilius1Zur Abwechslung mal einen Radiomitschnitt (SWR 2), Anlass ist der 300. Geburtstage des Kirchenmusikers Gottfried August Homilius

Von den Kantoren an den Dresdner Stadtkirchen erreichte Gottfried August Homilius (1714-1785) mit seinen Werken unter den Zeitgenossen und wenigstens noch zwei Genera­tionen nach seinem Tod überregionale Aufmerksamkeit. Abschriften finden sich bis heute im gesamten deutschsprachig-protestantischen Europa und in Einzelfällen auch darüber hinaus.
Später unterlagen seine Kompositionen dem verbreiteten Verdikt des „Verfalls“ der evangelischen Kirchenmusik und selbst in der sächsischen Residenzstadt beschränkte sich die Kenntnis auf wenige Motetten und Orgelwerke.

Im Zuge eines wachsenden Interesses an der älteren ­Dresdner Musikgeschichte und an der evangelischen Kirchen­musik des ausgehenden 18. Jahrhunderts rücken auch die Kompositionen von ­Homilius zunehmend in das Blickfeld des interessierten ­Publikums. So bietet die 300. Wiederkehr seines Geburtstages eine ­willkommene Gelegenheit nicht nur zu Wiederaufführungen, sondern auch für eine Bilanz des gegenwärtigen Wissens zu diesem Komponisten und die Diskussion offener Fragen.

Gottfried August Homilius Wurde am 2. Februar 1714 in Rosenthal in der Sächsischen Schweiz geboren. Nach dem Besuch der Annenschule in Dresden studierte er in Leipzig ab 1735 Jura. Als Frauenkirchenorganist war er zunächst ab 1742 und anschließend von 1755 bis zu seinem Tod am 2. Juni 1785 als Kreuzkantor in Dresden tätig. Er kann wohl als einer der bedeutendsten Kirchenmusiker seiner Zeit bezeichnet werden

Geburtshaus1Also:
Die Zeitgenossen waren sich einig: „Homilius war ohne Widerrede unser größter Kirchenkomponist“. Während seines Jura-Studiums in Leipzig war er Schüler von Johann Sebastian Bach, wählte dann die Musikerlaufbahn und avancierte schnell zu einem der angesehensten Organisten seiner Zeit. 1742 legte er ein Probespiel an der Silbermann-Orgel der Dresdner Frauenkirche ab und wurde bereits am folgenden Tag eingestellt. Später stieg er zum Kantor der Kreuzkirche auf – eine Position, die ein ähnlich hohes Ansehen hatte wie das Thomaskantorat in Leipzig. Komponiert hat Homilius fast ausschließlich Kirchenmusik: Oratorien, Passionen, Motetten und eine große Zahl geistlicher Kantaten. Erst in den letzten Jahren wird sein Werk in größerem Stil wiederentdeckt – das ist auch einer modernen Ausgabe seiner Kompositionen zu verdanken. Zu Homilius‘ 300. Geburtstag spricht Doris Blaich mit Uwe Wolf, dem Herausgeber dieser Notenausgabe.

Dieses Gespräch kann man hier nun nachhören … und auch wenn mir Kirchenmusik in der Regel nicht sonderlich nahesteht, so ist es doch wirklich bemerkenswert, mit welcher Akribie Dr. Wolf sich des Themas angenommen hat. Und deshalb noch ein paar Worte über ihn:

Dr. Wolf wurde 1961 in Kassel geboren und studierte Musikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte und Historische Hilfswissenschaft in Tübingen und Göttingen. Im Jahr 1991 promovierte er zum Dr. phil. und war anschließend bis 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen, seit 1996 als Stellvertreter des Hauptamtlichen Leiters. Im Jahr 2004 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt Bach-Repertorium der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und hatte von 2005 bis September 2011 die Leitung des Forschungsreferats II im Bach-Archiv Leipzig inne. Uwe Wolf ist Mitglied im Herausgeberkollegium der Neuen Bach-Ausgabe und der Neuen Bach-Ausgabe, revidierte Edition sowie Mitglied im Editorial Board von C. P. E. Bach: The Complete Works, und Herausgeber der Reihe „Gottfried August Homilius, Ausgewählte Werke“. Außerdem arbeitete er an weiteren Gesamtausgaben mit. Lehraufträge hatte Wolf an den Universitäten Göttingen, Pavia/Cremona und Leipzig inne und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Musikgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts sowie zur Editionstechnik u.a.

Wolf

Dr. Uwe Wolf

Wie sollte es anders sein, ist dieses Gespräch natürlich auch mit der passenden Musik garniert, hier die Liste der angespielten Kompositionen von Homilius:

Eingangschor der Kantate „Warum toben die Heiden“
Handel‘ s Company Choir, Handel‘ s Company
Leitung: Rainer Johannes Homburg

Choralvorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“
Christian-Markus Raiser (Chororgel der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe) 

Motette „Da es nun Abend ward“
Kammerchor Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius 

Motette „Dennoch bleib ich stets an dir“
sirventes Berlin
Leitung: Stefan Schuck

Verleugnung des Petrus aus der Matthäuspassion
Monika Mauch (Sopran),
Ruth Sandhoff (Alt)
Hans Jörg Mammel (Tenor)
Basler Madrigalisten
L‘ arpa festante
Leitung: Fritz Näf

Eingangschor aus der Adventskantate
„Ergreifet die Psalter, ihr christlichen Chöre“
Körnerscher Sing-Verein Dresden
Dresdner Instrumental-Consort
Leitung: Peter Kopp

Also, wer ein wenig Zeit und Muße hat kann sich durchaus mal mit diesem Komponisten, seiner Biographie und seiner Zeit beschäftigen.

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Cay Rademacher – Der Trümmermörder (Hörbuch) (2014)

FrontCover1Hier so ´ne Art Mitbringsel aus meinen Tagen auf Teneriffa … ein Krimi … Teil 1 einer Trilogie, die mich schon sehr bewegt hat:

Und darum geht´s:

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, Hamburg liegt in Schutt und Asche. Die Bevölkerung leidet unter Hunger und einem harten Winter. Als in den Trümmerfeldern Leichen gefunden werden, übernimmt Polizeiinspektor Stove den Fall. Alle Opfer sind nackt, ihre Namen und ihre Herkunft bleiben ungewiss. Sämtliche Aufrufe an die Bevölkerung, bei der Aufklärung der Verbrechen behilflich zu sein, verhallen ungehört, da die Menschen nur noch verzweifelt um das eigene Überleben kämpfen. Ein außergewöhnlicher Krimi, der die Atmosphäre Deutschlands in der Stunde Null brillant einfängt … (Klappentext)

Das Buch (ursprünglich 2011 erschienen) wie auch dieses Hörbuch bekam fast durchgehend gute, bis fast euphorische Kritiken. Stellvertretend hier folgende Zeilen:

Knapp zwei Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges ereignen sich im bitterkalten, zerstörten Hamburg eine Reihe von Morden, die die Stadt zusätzlich in Atem hält: die Polizei steht vor einem Rätsel, denn die in Trümmerruinen aufgefundenen Leichen sind unbekleidet und somit nicht einfach zu identifizieren.

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Oberinspektor Stave macht sich gemeinsam mit seinem Team, einen Offizier der britischen Armee und einem noch jungen Polizisten von der Sitte, auf die Suche nach Zusammenhängen und Zeugen. Dabei macht er einige interessante Gedankenspiele und Entdeckungen…

Dem Autoren Cay Rademacher ist es gelungen, einen authentischen Fall der Nachkriegsjahre in einem Krimi aufzuarbeiten und dabei die Atmosphäre in der Hansestadt so greifbar zu machen, dass man weit über die Fakten eines jeden Geschichtsbuches eintauchen kann. Die Sorgen und Nöte der Menschen zu dieser Zeit sind so plastisch dargestellt, dass man mehr als nur erahnen kann, was sie im Hungerwinter 1946/47 bei eisigen Temperaturen durchmachen mussten. Hinzu kommt die Angst um die noch vermissten Angehörigen und die traumatischen Erlebnisse aus der Zeit der Operation Gomorrha. Besonders wird dies an Frank Stave deutlich, einem Polizisten, der seine Frau bei den Luftangriffen und seinen Sohn an die Nazis verloren hat. Doch ebenso bemerkenswert ist seine Einstellung: er lässt seinen Sohn über das Rote Kreuz suchen und hegt keinerlei Groll gegen die Alliierten, ja, er versucht nach vorne zu blicken – in ein hoffentlich besseres Deutschland.

Brennhexe

Brennhexe, Mitte der 40er Jahre

Zugegebenermaßen lese ich gerne Krimis, die im letzten Jahrhundert spielen, denn mich fasziniert die Zeit der Weimarer Republik, die Zeit zwischen den Weltkriegen und besonders auch die während des Dritten Reiches. Von daher war ich natürlich sofort begeistert, als ich die Ankündigung von Der Trümmermörder gelesen habe. Endlich einmal ein Krimi, der sich mit der Zeit nach 1945 und den Folgen des Krieges und des Nationalsozialismus‘ beschäftigt und dazu noch in Hamburg spielt, in der Stadt, in der ich selbst lebe.

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Der Autor hat mich nicht eine Seite lang enttäuscht – im Gegenteil: die Figur des Polizisten Stave und die seines schottischen „Kollegen“ James MacDonald haben mir auf Anhieb sehr gut gefallen, aber auch andere Charaktere waren einfach toll (die möchte ich aber aufgrund der Spannung unerwähnt lassen). Nachhaltig hat mich auch der Staatsanwalt Ehrlich beeindruckt, ebenso wie die Leiterin einer Kindereinrichtung in einer Villa in Blankenese… besonders hervorzuheben ist aber auf jeden Fall die Atmosphäre des Buches, bei dessen Lektüre ich immer mehr der Meinung war, das Cay Rademacher das nicht besser hätte machen können – vermutlich nicht einmal ein Zeitzeuge hätte die damalige Situation der Menschen besser schildern können. Hier merkt man, wie gründlich der Autor recherchiert und Eindrücke eingefangen hat! Keine Ahnung, wie viele Krimis ich schon gelesen habe, aber meiner Meinung nach konnte ich mich selten so gut in die beschriebene Zeit und das Geschehen einfühlen. Im Grunde empfinde ich die Kategorie „Krimi“ als zu wenig, denn dieses Buch lebt eindeutig nicht (nur) von der Krimihandlung – obwohl es durchaus sehr spannend ist.

Definitiv ein Buchtipp für alle geschichtlich Interessierten …  (literaturschock.de)

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Schwarzmarkt in Hamburg, ca. 1947

Cay Rademacher (* 1965 in Flensburg) ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schreibt Kriminalromane und Sachbücher zu historischen Themen.

Cay Rademacher studierte Anglo-amerikanische Geschichte, Alte Geschichte und Philosophie in Köln und Washington, D.C. Als freier Journalist schrieb er für GEO, Merian, mare, Die Zeit und das SZ-Magazin. Seit 1999 ist er fester Redakteur bei GEO. Er baute die Zeitschrift GEO Epoche mit auf und ist deren geschäftsführender Redakteur.

Daneben schreibt Rademacher historische Sachbücher und Romane. Seine Themen reichen von der Zeit des Pharaohs Merenptah, dem historischen Jesus von Nazaret, den Essenern, dem ersten Kreuzzug, Paris im 14. Jahrhundert bis zur letzten Fahrt des LZ 127 Graf Zeppelin, der Versenkung der Athenia, dem Hamburger Trümmermörder und dem Untergang der Estonia. Er verfasste auch Reiseführer über Rom, Köln, Washington, D.C., die Provence und Frankreich.

Rademacher lebte und arbeitete in Hamburg, dem Handlungsort der Trilogie um den Oberinspektor Frank Stave, die in der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg spielt (Der Trümmermörder, Der Schieber, Der Fälscher). 2013 zog er mit seiner Familie in die Provence, wo sein neuer Romanheld, der französische Gendarm Capitaine Roger Blanc, angesiedelt ist.

Cay Rademacher

Cay Rademacher

Burghart Klaußner wurde 1949 in Berlin geboren. Er erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel in Berlin. Nach zweijähriger Arbeit an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin folgten Engagements unter anderem am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schiller-Theater in Berlin wie auch in Frankfurt am Main, Bochum und Zürich. Im Jahr 2009 war er erstmals als Autor und Regisseur tätig und inszenierte am Schauspielhaus Bochum sein erstes eigenes Stück »Marigold«.

Einem breiten Publikum wurde er durch Kinofilme wie »Good Bye, Lenin!«, »Die fetten Jahre sind vorbei« und durch »Das weiße Band« von Michael Haneke bekannt, wo er die Rolle des Pastors spielte. Im Film »Nachtzug nach Lissabon« (Originaltitel: »Night Train to Lisbon«) war er als Richter Prado zu sehen. Außerdem spielte Burghart Klaußner bei dem erfolgreichen Fernseh-Dreiteiler »Das Adlon. Eine Familiensaga« und dem Doku-Drama »George« mit, wo er an der Seite von Götz George auftritt.

Burghart Klaussner - Portrait Session

Burghart Klaußner

Klaußner erhielt zahlreiche Preise, unter anderem 2005 den Deutschen Filmpreis seine Rolle in »Die fetten Jahre sind vorbei«, den Silbernen Leopar­den in Locarno als bester männlicher Darsteller in »Der Mann von der Botschaft«. Weiterhin wurde Burghart Klaußner mit den renommierten Preisen wie dem Preis der deutschen Filmkritik, dem Deutschen Filmpreis sowie dem Deutschen Hörbuchpreis als »Bester Interpret« ausgezeichnet. (Quelle: wikipedia)

„Burghart Klaußner liest den Fall mit wunderbarem Hamburger Akzent für Polizeiinspektor Stave ein und auch der britische Akzent und das holperige Deutsch des englischen Leutnants stimmt perfekt.“ (Thorsten Wiedau)

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Dass Krimis mehr als nur Zeitvertreib sein können, wird gerade hier wunderbar deutlich.

Das zentrale Stichworte dieses Buches sind zum einen die Entbehrungen dieser Jahre und zum anderen … der zwingende Wille und die einfach gegebene Notwendigkeit, aus den Trümmern wieder aufzustehen … und na ja, die Liebe kommt auch nicht zu kurz …

Und das Buch ist auch deshalb so gelungen, da der Autor sich eine immense Mühe gegeben hat, die historischen Fakten jenes Jahr mit ganz viel Akribie zusammenzutragen. Respekt … das hat Zeit gekostet.

Eigentlich schade, das es bei dieser Trilogie blieb (sie endet, nicht ganz unlogisch im dritten Band mit der Währungsreform, die am 20.06. 1948 in Kraft trat).

Währungsreform 1948 / Einführung der DM

Sprecher:
Burghart Klaußner

Regie: Wolfgang Stockmann
Bearbeitung: Astrid Lukas

Booklet1

Titel:
01. Kaltes Erwachen 9.07
02. Die namenlose Tote (1) 7.04
03. Die namenlose Tote (2) 7.48
04. Die namenlose Tote (3) 7.11
05. Die namenlose Tote (4) 9.12
06. Die namenlose Tote (5) 10.31
07. Gefrorener Boden (1) 7.31
08. Gefrorener Boden (2) 5.52
09. Gefrorener Boden (3) 6.00
10. Ein alter Mann (1) 9.51
11. Ein alter Mann (2) 8.12
12. Ein alter Mann (3) 7.59
13. Ein alter Mann (4) 8.31
14. Schwarzmarkt (1) 7.08
15. Schwarzmarkt (2) 8.47
16. Schwarzmarkt (3) 9.09
17. Schwarzmarkt (4) 7.39
18. Schwarzmarkt (5) 9.24
19. Das Mädchen ohne Namen (1) 7.38
20. Das Mädchen ohne Namen (2) 5.17
21. Das Mädchen ohne Namen (3) 7.38
22. Das Mädchen ohne Namen (4) 10.47
23. Überlebende und Verschwundene (1) 5.50
24. Überlebende und Verschwundene (2) 7.24
25. Am nächsten Morgen 8.05
26. Ein Zettel und eine Zeugin (1) 8.38
27. Ein Zettel und eine Zeugin (2) 8.44
28. Ein Zettel und eine Zeugin (3) 7.17
29. Vor dem Rathaus 4.59
30. Nr. 4 (1) 10.27
31. Nr. 4 (2) 8.09
32. Nr. 4 (3) 8.25
33. Nr. 4 (4) 6.22
34. Unter Kollegen (1) 8.15
35. Unter Kollegen (2) 5.44
36. Unter Kollegen (3) 6.23
37. (fehlt leider, da dieser Track irreperabel beschädigt ist)
38. Enttarnung (1) 9.52
39. Enttarnung (2) 11.25
40. Enttarnung (3) 5.59
41. Enttarnung (4) 2.42
42. Lebenszeichen (1) 7.15
43. Lebenszeichen (2) 8.21
44. Lebenszeichen (3) 10.10
45 Ein Brief 7.37
46. Namen (1) 7.56
47. Namen (2) 10.27
48. Das Leben geht weiter (1) 7.51
49.Das Leben geht weiter (2) 4.38.
50. Trümmermörder (1) 6.08
51. Trümmermörder (2) 6.25

Gesamtdauer: 6.4 Stunden

CD1

 

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Die Frank Stave Trilogie:

Die Trilogie

Valerie Trebeljahr – Die andere Heimat oder das Rebellische im Gstanzl (Das Münchner Traditionslabel Trikont) (2014)

TitelbildAnläßlich des 50. Geburtstag des Trikont Verlages veröffentlichte der Baqyerische Rundfunk ein Radiofeature aus dem Jahr 2014:

Pop und Politik. Fast nirgendwo geht das so gut zusammen wie bei der Münchner Plattenfirma Trikont. Schließlich begann das Ganze als linker Buchverlag. Diesen Monat feiert das Label sein 50. Jubiläum.

Ganz ehrlich? Mit bayerischer Musik habe ich nichts am Hut. Gamsbärte und Dirndl-Dekolletés jagen mich durch meine düstersten Albträume und zur Wiesn würde ich gerne auswandern. Das einzige, was mir das Thema Bayern näher bringen konnte, war das Münchner Traditionslabel Trikont. Und zwar, weil es so viel mehr ist, als ein Label für bayerische Musik. Genauso wie Bayern doch viel mehr ist als Gamsbart und Dirndl.

Was mich zu Trikont gebracht hat, waren Gil Scott-Heron und Hank Williams, waren finnischer Tango und Mexican Boleros – kurz die liebevollst zusammengestellten Compilations. Darüber habe ich mir dann auch gerne die Liebe zum Bayerischen erklären lassen, nämlich zum „Rebellischem im Gstanzl“.

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„‚Das ist unsere Kultur‘ und dieser ganze Scheiß. Das brauch‘ ich alles nicht und das ist auch das, was Trikont nicht braucht. Oder es drauf anlegt. Da geht es vielmehr darum, hat die Musik ein kritisches, ein rebellisches Potential?“

Das latent Rebellische, das Irgendwie-gegen-den-Strich, das Wir-machen-es-weil-wir-es-lieben – das ist es, was alle Veröffentlichungen des Hauses Trikont eint. Und das kann eben die „Schönheitskönigin von Schneizlreuth“ Bally Prell, Straßenmusik aus Vietnam, der Hamburger King Rocko Schamoni, Attwenger, die bayerischen Japaner von Coconami, afrikanische Mzansi Music oder American Yodeling sein.

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Trikont hat sich den Blick in die Welt bewahrt. Und das ist es ja, was im ganzen Heimatrauschen, das seit einiger Zeit um sich greift – sei es nun ein Mia-san-Mia oder ein America-first – zählt. Trikont ist politisch, immer gewesen: Es begann 1967 als linksradikaler Buchverlag. Und Achim Bergmann, der Trikont zusammen mit seiner Partnerin Eva Mair-Holmes betreibt, hat auch eine linksradikale Vergangenheit, von der er sich distanzieren musste und wollte. „Demokratisierung durch Pop“ hätte ich meine Sendung 2014, als sie entstand, gerne genannt. War aber nicht poppig genug, der Titel.

„Das Revolutionärste, Demokratischste des 20. Jahrhunderts war die amerikanische Populärkultur – im Kino, in der Musik und so weiter. Mit dieser Feststellung kann man mich noch im Grab belästigen und ich werde immer noch drauf bestehen.“ Achim Bergmann, Trikont

2017 hat sich die Bedeutung von „Demokratisierung durch Pop“ wieder gewandelt. Trump, Brexit, AfD: Wir brauchen eine Heimat, die den Blick in die Ferne spannend, eine Kultur, die im Eigenen und im Anderen eine Heimat findet.

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„Wir ändern alles“ steht auf der Hausmauer im Münchner Stadtteil Obergiesing, da wo das „Trikont-Imperium“ seinen Sitz hat. „Wir ändern alles“ – ein Werbeschild für die Änderungsschneiderei im gleichen Gebäude – und doch passt es hervorragend zu Trikont – denn wer, bitteschön, hat nach 50 Jahren immer noch die Euphorie, jeden Tag die Welt verändern zu wollen? Allein dafür muss man Trikont lieben. Ach und übrigens: Bayern ist Räterepublik, ist Munich Disco, ist Rainer Werner Fassbinder!

Die Autorin:
Valerie Trebeljahr ist Sängerin und Keyboarderin der Elektropopband Lali Puna, hat Fanzines und Bücher herausgegeben und arbeitet als Journalistin beim Bayerischen Rundfunk.

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Besetzung:

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Das Manuskript zur Sendung liegt dieser Präsentation bei.

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Titel:
01. Die andere Heimat oder das Rebellische im Gstanzl 53.28

Valerie Trebeljahr

Valerie Trebeljahr

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Künstlerduo Sago – Das ist Bergmannsleben (Heinrich Kämpchen) (2014)

FrontCover1Und noch so ein Album, das mir viel bedeutet, das mich auch rührt … bewegt …

Die Rede ist von Heinrich Kämpchen:

Heinrich Wilhelm Kämpchen (* 23. Mai 1847 in Altendorf an der Ruhr; † 6. März 1912 in Linden, heute zu Bochum) war ein deutscher Bergmann und Arbeiterdichter.

Heinrich Kämpchen war Sohn eines Bergmannes und wurde ebenfalls Bergmann. Über sein Leben ist wenig bekannt. Wir wissen nicht, wie lange er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, einem Bruder und zwei Schwestern, in Altendorf gelebt hat. Die häufige Behauptung, er sei schon mit 13 Jahren auf der Zeche Hasenwinkel in Linden eingefahren, lässt sich nicht belegen. Logische Überlegungen machen dagegen Angaben, er habe nach der Volksschulzeit zwei Jahre Privatunterricht erhalten, zumindest wahrscheinlich. Die Grundlagen seiner sehr guten Allgemeinbildung, seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre kann er kaum im Elternhaus oder in der Volksschule erhalten haben. Wohl aber könnte ein zweijähriger Einzelunterricht die Grundlagen gelegt haben, mit denen er sich später autodidaktisch sein umfangreiches Wissen angeeignet hat.

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Unstrittig ist, dass er lange auf Zeche Hasenwinkel gearbeitet hat. Er wird Ende 1889 oder Anfang 1890 vorgeblich wegen der Folgen eines Arbeitsunfalls entlassen, den er wahrscheinlich zwei Jahre zuvor erlitten hatte. Die wahre Ursache seiner Entlassung dürfte aber seine Teilnahme am Streik der Ruhrbergarbeiter 1889, wo er als Sprecher der Belegschaft seiner Zeche aufgetreten war, sowie die Veröffentlichung des Gedichtes Lumpenparade und ähnlicher Werke gewesen sein. In seinen Entlassungspapieren wird ihm eine Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren bescheinigt. Daraus folgt, dass er 1865/1866 erstmals auf Hasenwinkel eingefahren ist. Somit verbleiben zwischen dem Ende des mutmaßlichen Privatunterrichts und seiner ersten Einfahrt auf Hasenwinkel ca. drei Jahre, die er auf einer anderen Zeche zugebracht haben muss. Aufgrund seines Arbeitsunfalls erhält er nach seiner Entlassung eine Rente als Frühinvalide, die wie in jener Zeit üblich, so gering war, dass sie gerade fürs Überleben reicht. Er lebt fortan in großer Armut. Daran änderten auch die bescheidenen Honorare nichts, die er für Veröffentlichungen seiner Gedichte in der Bergarbeiter Zeitung und vereinzelt im „Wahren Jakob“ erhielt.

Zwischen 1872 und 1874 besuchte er die Bergvorschule in Dahlhausen. Obwohl er diese erfolgreich absolvierte, verzichtete er auf seine Fortbildung zum Steiger.

Buchaugabe

Eine Buchausgsbe von allden  Texten von Heinrich Kämpchen (demnächst hier in diesem Theater)

Die durch die Reform des Knappschaftsrechts 1854 hervorgerufene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Bergbau erlebte H. Kämpchen an seinem Vater und später am eigenen Leib. Schon früh engagierte er sich für die Rechte der Bergleute. Politisch stand er der Sozialdemokratie nahe. Mit Inkrafttreten der Sozialistengesetze 1878 kommt er auf die Schwarze Liste, polizeilichen Überwachungslisten, die im Rahmen der Verfolgung von Sozialdemokraten angelegt worden sind. Obwohl 1890 das Sozialistengesetz seine Gültigkeit verloren hat, bleibt er weiterhin unter Überwachung der Obrigkeit.

H. Kämpchen unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zu Georg Breuker, ebenfalls Bergmann und sozialkritischer Dichter. Etwa seit 1877 bis zu seinem Tod lebte H. Kämpchen als Kostgänger bei einer Familie in Linden. Er war zeitlebens nicht verheiratet.

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H. Kämpchen war einer der talentiertesten sozialistischen Dichter seiner Zeit, der vor dem Hintergrund der herben Schönheit seines geliebten Ruhrgebiets mit großer Emotionalität die Sorgen und Nöte der Bergarbeiter thematisierte. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflusst wurde. Sein Werk ist gekennzeichnet durch die Bevorzugung einer politischen Lyrik mit deutlichen Bezügen zu tagespolitischen Geschehnissen. Erste Veröffentlichungen erscheinen 1889. Mit der im selben Jahr wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter Zeitung“ erhält er ein Forum, das seine Werke regelmäßig veröffentlicht. Er verfasste auch den Text für das „Internationale Knappenlied“, das in sozialistischen Kreisen weite Verbreitung fand.

Sozialkritische Literatur gab es auch schon vor den Veröffentlichungen von H. Kämpchen, aber er ist einer der ersten sozialkritischen Dichter, die selbst dem Arbeitermilieu entstammen. Viele seiner Gedichte geben die Arbeitsbedingungen des Bergmannes so anschaulich-konkret wieder wie es nur ein Autor schildern kann, der selbst unter Tage gearbeitet hat.

Seit März 2014 wird sein Grab auf dem katholischen Friedhof Linden in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgeführt. (Quelle: wikipedia)

Über 30 Texte aus Kämpchens politischer Bergarbeiterlyrik, die konträr zum verklärenden Pathos der geläufigen Bergmannslieder steht, wurden für diese CD eingespielt, gesprochen und gesungen vom Essener Künstlerduo Sago. Unbedingt hörenswert! (Jochen Grywatsch in „Westfalenspiegel“ 2/2014)

Heinrich Kämpchen

[…] Dieses Hörbuch ist eine Hommage an einen bisher unterbewerteten Dichter, dessen thematisch vielseitiges Werk zeigt, wie gekonnt er die Feder, nicht nur die Keilhaue, schwingen konnte. Kämpchens engagiertes lyrisches Werk kann man getrost neben das von Herwegh und der Droste stellen […]. („My Way. Magazin für kulturellen Eigensinn“ (Nr. 71, Mai 2014)

In der Tat, die Klarheit, die Bestimmtheit dieser Worte ist beeindruckend … bis heute … da bringt es einer derart auf den Punkt … dass man wieder mal verstehen kann, warum Karl Marx dem Kapitalismus auf den Leibe rücken musste, dass man verstehen kann, warum all die engagierten Gewerkschafter Milimeter für Milimeter mehr Rechte für das arbeitende Volk erkämpften … welche Mühe, welche Opfer mussten dabei damals erbracht werden …

Ein weiterer biographischer Abriss mit weiteren Nuancen:

Geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf (heute Essen) als Sohn eines Bergmanns. Er wurde ebenfalls Bergmann und erlebte so die durch die Liberalisierung des Bergbaus hervorgerufene Proletarisierung der Knappen am eigenen Leibe mit. (Killy-Literaturlexikon) Wie lange Heinrich Kämpchen mit den Eltern und Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, in Altendorf an der Ruhr […] gelebt hat, wissen wir nicht. GrabAn die Jugend denkt er später mit Liebe und Wehmut zurück. Seine engere westfälische Heimat, das Ruhrtal von der Ruine Hardenstein bis Steele, den Isenberg, den Horkenstein, die Burg Blankenstein, hat er immer wieder besungen. Wann er zum erstenmal in die Grube einfuhr, seit wann er auf der Lindener Zeche Hasenwinkel arbeitete: unbekannt. Es heißt zwar nach seinem Tod überwiegend, er habe schon mit 13 Jahren – also 1860 – die Arbeit unter Tage aufgenommen, denn das war das übliche damals in Bergarbeiterfamilien. Bei ihm scheint es aber gerade nicht so gewesen zu sein: er hat offenbar nach dem normalen Schulbesuch noch eine Zeitlang in Wattenscheid Privatunterricht erhalten. Für den erstaunlichen Umfang seiner autodidaktisch erworbenen Allgemeinbildung, für seine Belesenheit und die Fülle seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre wäre auch das keine hinreichende Erklärung, aber ein zweijähriger Einzelunterricht bei einem verständnisvollen, einfühlsamen Lehrer könnte immerhin den Grund gelegt haben, auf dem er dann auf sich gestellt weiterbauen konnte. Übereinstimmend wird seine langjährige Zugehörigkeit zur Belegschaft der Zeche Hasenwinkel hervorgehoben. Aber er scheint dort nicht angefangen zu haben. Wenn er Ende 1889 oder Anfang 1890 nach 24jähriger Tätigkeit dort den Abkehrschein erhalten hat, so führt diese Angabe zurück in das Jahr 1865/1866, und es bleibt eine Lücke von etwa drei Jahren zwischen dem vermutlichen Ende des Privatunterrichts (1862?) und der ersten Anfahrt auf Hasenwinkel. In die langen Jahre unter Tage muß auch seine literarische Lehrzeit fallen. Dafür spricht nicht zuletzt, daß sehr viele seiner Gedichte die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Bergmanns so anschaulich-konkret darstellen, daß sie unmöglich alle erst der nachträglichen Vergegenwärtigung entstammen können. (Carl 1992)

Er wohnte während dieser Zeit als Kostgänger bei einer Arbeiterfamilie. Im Selbststudium eignete er sich die Werke der Klassiker an. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflußt wurde. 1898 war er führend am Bergarbeiterstreik beteiligt. Erste Veröffentlichungen erschienen wohl erst seit 1889. Im selben Jahr wurde er ins Streikkomitee seiner Zeche gewählt. Der Streik von 1889 ließ ihn zum sozialkritischen Schriftsteller werden. Mit der seit 1889 wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter-Zeitung“ eröffnete sich ihm auch mit einem Schlag ein regelmäßiges Publikationsforum, das seine Gedichte druckte, ihn praktisch sogar zu kontinuierlicher Produktion anregte. Fortan lieferte Kämpchen über 20 Jahre lang Woche für Woche der Redaktion ein Gedicht, häufig zu aktuellen Anlässen (Streiks, Unglücken, neuen Gesetzesorhaben, Maifeiern, politischen Ereignissen in aller Welt), aber auch Betrachtungen und Reflexionen zu allgemeinen Zeitfragen wie der Frauenfrage, dem Alkoholismus oder dem gerade aufkommenden Automobil. (ebd.) Daneben war er Belegschaftsdelegierter. 1890 Pensionierung. Er lebte fortan von einer kleinen Invalidenrente.

Gedichtband
Hinzu kamen bescheidene Honorare für seine Gedichte, die in der Bergarbeiter-Zeitung und vereinzelt in sozialdemokratischen Blättern wie dem Wahren Jacob erschienen. Unverheiratet geblieben, lebte er seit etwa 1877 als Kostgänger bei einer Familie Küper in der Dr.-C.-Otto-Straße 4 in Linden. Nebenher betrieb er einen kleinen Handel mit Zigarren. Aufgrund seiner finanziellen Situation hat er zeit seines Lebens keine Reisen unternommen, die über die Entfernung einer Tagesreise hinausgingen. Er starb am 6. März 1912 in Bochum-Linden. 3.000 bis 4.000 Menschen wohnten seinem Begräbnis bei. (www.bibliothek-westfalica.de)

KünstlerduoSago03

Und dass diese alte Texte auf so wunderbare Weise „rüberkommen“, dafür trägt das „Künstlerduo Sago“ die Verantwortung … und so stelle sie sich selbst vor:

„Nach mehrjähriger Ausbildung und diversen Engagements fanden sich Isabel Katharina Sandig und Ralf Gottesleben im Jahre 1995 zusammen und gründeten in der Folge 1997 das Künstlerduo Sago, seit 2002 mit fester Spielstätte in Essen/Ruhr.

In einer Atmosphäre von Intimität schafft das Duo eine faszinierende Verbindung zwischen schauspielerischer Leichtigkeit und frivolem Gesang.“

Und um es mal ganz schlicht und ergreifend einfach zu formulieren: Was dieses Du hier musikalisch auf die Beine stellt … unglaublich, und unblaublich intensiv …

Wer hören kann, der höre !

KünstlerduoSago02

Besetzung:
Ralf Gottesleben (piano, vocals)
Isabel Katharina Sandig (vocals)

Booklet04A

Titel:
01.Wie ich dichte 0.56
02. Wer nie im Schacht 1.47
03. Mein Lebensgang 2.48
04. Glückliche Menschen 2.35
05. Einsam 0.58
06. Wenn der Bergmann 1.05
07. Bergmanns-Male 1.39
08. Undank 1.00
09. Die Entlassung 3.15
10. Im Traum 1.18
11. Anders 1.39
12. Lohntag 1.26
13. Aus der Tiefe 1.33
14. Der Pfeilerbruch 2.28
15. Das Grubenpferd 1.47
16. Glück Auf! (Internationales Knappenlied) 3.39
17. Streik 1.19
18. Auf der schwarzen Liste 1.23
19. Der brave Bergmann und der böse Hetzer 0.43
20. Radbod (Ein Nachtstück) 2.23
21. Die Klage der Toten 2.23
22. Ein Bild 3.16
23. Heimat 2.19
24. Die Waldbeerfrau 2.01
25. Der Liebe Dauer 4.57
26. Mainacht 3.01
27. Am goldenen Sonntag 2.12
28. Arm aber frei 2.27
29. Nur eins! 0.43
30. Letzte Mahnung 4.10
31. Mein Glaube 1.04

Texte: Heinrich Kämpchen
Musik: Ralf Gottesleben + Isabel Katharina Sandig außer bei 23:  Alfons Nowacki

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KünstlerduoSago01

Und die gibt´s immer noch: Das Künstlerduo Sago, 2015

Walter Bittners Zakedy Music feat. Ute Legner – Spinnig Wheel (2014)

FrontCover1Und jetzt kann ich hier mal wieder ein Projekt Vorstellung, dass unverzichtbar mit dem Attribut „ambitioniert“ versehen werden muss.

Bei mehreren Live-Konzerten hat das Augsburger Musikprojekt „Spinning Wheel“ bereits für Begeisterung beim Publikum gesorgt …

In den Kompositionen und Arrangements von „Spinning Wheel“ machen renommierte Jazz-Musiker Augsburgs das textile Erbe der Stadt musikalisch erlebbar.
Walter Bittners ZAKEDY MUSIC feat. Ute Legner verbindet authentische, sozialkritische Dichtungen aus dem deutschen und englischen Sprachraum mit Musik – mit Popsongs, Jazztunes und Volksliedern. Deren textilbezogene Motive wurden teils re-arrangiert und teils mit dem originalen Sound historischer Webstühle aus dem tim zu rhythmisch pulsierenden Kompositionen verwoben. Sie werfen facettenreiche Schlaglichter auf die Kultur, die Lebensumstände, die Leiden und Freuden der Arbeiterschaft bis in die jüngere Zeitgeschichte hinein. (Selbstdarstellung)

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Die lange Geschichte der Augsburger Webereien ist im Textil- und Industriemuseum mit Händen zu greifen. Genau dort ließen sich Ute Legner, Daniel Mark Eberhard und die anderen Musiker von Walter Bittners Zakedy Music für ein besonderes Konzert und nun auch ein besonderes CD-Album inspirieren: „Spinning Wheel“.

Diesem Album hört man buchstäblich an, wie viel Recherche nötig war, Recherche im Textil- und Industriemuseum, aber auch anderswo. Eingang gefunden haben alte Weber-Gedichte, die früher schon auf bekannte Melodien gesungen wurden, ein sozialkritisches Märchen aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Ausbeutung in der Frühphase der Industrialisierung angeprangert wird, ein Text aus den 1920er Jahren, in dem der Weg der Baumwolle nachgezeichnet wird. Musikalisch geht es aber auch über den Ärmelkanal mit dem englischen Traditional „The Four Loom Weaver“. Die Geschichte der Textilindustrie war von Anfang an international.

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Musikalisch gehen Ute Legner (Gesang), Walter Bittner (Schlagzeug, Samplings), Stephan Holstein (Klarinette, Saxofon), Daniel Mark Eberhard (Piano, Akkordeon, Synthesizer) und Uli Fiedler (Kontrabass) geschickt vor. Bei gut der Hälfte der Stücke lassen sie sich den Rhythmus vom Takt der Webstühle geben. Das große Thema der CD ist nicht nur ein ideelles Band, sondern oft auch musikalische Basis – mal sehr deutlich, mal bearbeitet und verfremdet.
So vielfältig die Muster sind, die auf Webstühlen entstehen können, so reich sind auch die musikalischen Strömungen, die in das Album einfließen. Mal swingt es, mal jazzt es. Dann liegt eine Mozartarie einem Stück zugrunde. Raffiniert, wie Johann Valentin Rathgebers Stück „Der hat vergeben das ewig’ Leben, der nicht die Music liebt“ mit einer Riedinger-Firmenfestschrift und ein traditioneller Vorarlberger Webertanz mit einer Materialliste gekoppelt werden.

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Für alle, die dieses bemerkenswerte Album nicht nur hören, sondern auch die Ideen dahinter verstehen wollen, gibt es ein aufschlussreiches und informatives Booklet. Wunderbar, wie Textil-Geschichte hier Musik wird. (Richard Mayr)

Und was für eine Mühe man sich da gemacht hat … insbesondere bei der Auswahl der Texte, für die Ute Legner verantwortlich war:

Ute Legner

Ute Legner

Klassisch ausgebildet an Waldhorn, Piano und Gesang, tritt sie seit vielen Jahren als Sängerin in verschiedenen Jazz- und Popformationen in Erscheinung, für die sie auch Texte schreibt, arrangiert und recherchiert.

Darüber hinaus organisiert Ute unterschiedlichste Kulturprojekte, ist im jazzclub Augsburg aktiv und arbeitet als freie Regisseurin.

Und ihr Gesang … insbesondere ihr Scat-Gesang ist nicht minder beeindruckend.

Textlich wurde Material aus diversen Jahrhunderten, Texte aus Werbebroschüre und Zeitschriften der Textil-Gewerkschaft, Märchen (was für ein intensives Quellenstudium war da notwendig !) usw.,  usw. verwendet, miteinander verwoben und so zu neuem Leben erweckt … einfach nur grandios !

Und der Bandleader Walter Bittner ist ein Jazz-Urgestein der Augsburger Szene … was der schon alles veranstaltet hat … das wäre abendfüllend.

Walter Bittner

Walter Bittner

Und dann noch der großartige Stephan Holstein … sein Spiel und dem Saxophone und der Klarinette schätze ich seit vielen, vielen Jahren …

Von daher haben wir es hier nicht nur mit einem wahrlich ambitioniertem Projekt zu tun, sondern auch mit Vollblutmusikern, die dieses Projekt meisterhaft umgesetzt haben.

Klar, Nischenmusik … aber mehr als lohnenswert !

Stephan Holstein

Stephan Holstein

Besetzung:

Walter Bittner (drums, sampling)
Daniel Eberhard (piano, accordeon, melodion)
Stephan Holstein (clarinet, saxophone)
Uli Fiedler (bass)
+
Ute Legner (vocals)

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Titel:
01. Hurre, hurre, hurre (Bittner/Eberhard/Hollstein/Fiedler/Bürger) 3.26
02. Spinn, Mägdlein, spinn (Reichhardt/Traditional) 3.54
03. Der Reichtum und die Not (Bittner/Glaßbrenner) 4.40
04. Üb´ immer Treu und Redlichkeit (Mozart/Hölty) 4.44
05. Der Neger und die Negerin (Cottontail) (Ellington/Dortu) 5.03
06. Jeans On (Dundas//Greenaway)
07. The Four Loom Weaver (Traditional) 5.36
08. ´s gibt nichts Schönere´s auf der Erden als ein Tuchmacher zu werden (Fiedler/Traditional) 2.21
09. Stolze Stadt, wo stehts du heut´? (Rathgeber/Legner) 3.20
10. Viele Fasern, noch mehr Namen (Traditional/Legner) 2.26
11. The Spinning Wheel Song (Bittner/Waller) 4.45
12. Song Of The Shirt /Bittner/Legner/Hood) 5.43
13. An meinem Werktisch, kalt und kahl (Eberhard/Legner/Lessen) 4.07

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Wer an weiterführenden Informationen, die zur Vertiefung
der einzelnen blog-Beiträgen dienen, interessiert ist,  benötigt ein Passwort.
Dazu schreibe man an

post-fuer-sammelsurium@gmx.net

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Gretel Rieber – Erlebte Geschichten mit Hein und Oss Kröher (2014)

frontcover2014 wurden sie 87 Jahre alt, die Zwillingsbrüder Heinrich und Oskar Kröher, in Pirmasens in der Pfalz geboren. Der eine, Hein, war Schuhverkäufer und später Lehrer, der andere, Oss, Kaufmann.
Bekannt geworden sind die beiden als Hein und Oss, die Liedermacher, die „Volkssänger“, wie sie sich, nach nunmehr über 50 Jahren auf der musikalischen Bühne selbst nennen. Ihre Art zu singen hat in den 1960er Jahren viel Zuspruch bekommen, als immer mehr Liedermacher auftraten und ihrem Genre mehr Gehör verschafften – wie Franz Josef Degenhardt oder Reinhard Mey.
Deren Namen wie auch der der Kröher-Brüder ist eng mit der Burg Waldeck verbunden, auf der sie sich zum Festival um Pfingsten herum trafen und dem politischen Lied in der Bundesrepublik zum Durchbruch verhalfen. Hein und Oss gehören zu den Gründervätern des Waldeck-Festivals.
Anlässlich dieses 87. Geburtstages gab es im WDR 5 ein Radiogespräch mit den beiden, in dem sie Auskunft über ihr nun wirklich reiches Leben gaben.
Hier kann man es nun nochmals hören … für den eigenen Hausgebrauch.
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Schmunzelnd musste ich einmal schon stark, als sie beide stolz verkündeten, sie hätten ein ordentliches Leben geführt und auch jeweils „Söhne gezeugt“ … nun gut, da hört man jenen für mich völlig unverständlichen männlichen Stolz heraus (der im übrigen völlig unbegründet ist, denn das Geschlecht wird dann doch durch die Frau bestimmt).
Nur mal so nebenbei: Ich habe auch ein ordentliches (na ja … ) Leben geführt und zwei Töchter gezeugt *gggg*.
Ansonsten aber kann man nur beeindruckt von diesem Brüderpaar sein …  das nenn ich eine deutsche Biographie auf die man nun wirklich stolz sein kann.
Akustische Beiträge der beiden werden hier natürlich noch folgen.
Der Hein ist dann am 14. Februar 2016 in Pirmasens verstorben …

Titel:

01. Erlebte Geschichten mit Hein und Oss Kröher 24.36

Redaktion: Mark vom Hofe
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Hein Kröher (* 17. September 1927 in Pirmasens; † 14. Februar 2016 ebenda)

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(diesmal ohne Passwort)