Cologne Contemporary Jazz Orchestra – WDR 3 Jazzfest (2018)

FrontCover1.jpgAlso bei diesem Beitrag sprech´ ich von so einem großartigem Glücksfall.

Zum einen wegen diesem Ensemble:

Gegründet wurde das Cologne Contemporary Jazz Orchestra 2002 zunächst als Composers Band, mit dem Ziel, die äußerst innovative und hoch professionelle Komponistenlandschaft der freien Kölner Jazzszene zu präsentieren und dieser abseits der WDR Big Band ein regelmäßig arbeitendes Großensemble zur Verfügung zu stellen.

Diese Grundidee stellte sich schnell als nachhaltig erfolgsversprechend heraus und so wurde die Arbeit der bandeigenen Arrangeure und Komponisten wie Frank Reinshagen, Jürgen Friedrich, Niels Klein, Ansgar Striepens und Marko Lackner inzwischen mit mehreren WDR Jazzpreisen gewürdigt, ein Preis den auch viele Gäste der Band wie Gabriel Perez, Markus Stockhausen, Florian Ross, Christina Fuchs, Nicolas Simion oder Stefan Pfeifer-Galilea vorweisen können. Auch der Einfluss auf die freie Szene war enorm, in der Jazzmetropole Köln gibt es kaum einen Musiker, der über die letzten 15 Jahre nicht mit dem CCJO in Berührung gekommen wäre.

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Von Beginn an arbeitete das CCJO auf Projektbasis, ohne festen musikalischen Leiter und Bandrepertoiremappe, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und frischer Inspiration von außen. Die Vielseitigkeit und Abenteuerlust der Band belegen auch die 3 CDs die eingespielt wurden. Die musikalische Reise geht hier von der Argentinischen Musik eines Gabriel Perez über die von Heiner Schmitz vertonte Odyssee von Homer (mit Christian Brückner als Sprecher) bis hin zur Musik der Heavy Metal Band Slayer die von Axel Knappmeyer wirkungsvoll arrangiert wurde.

Mit der Zeit verbreitete sich der exzellente Ruf der Band auch über die Stadtgrenzen hinaus, so daß das CCJO für internationale Komponisten und Arrangeure immer interessanter wurde. So arbeitete die Band im Verlauf ihres 15 jährigen Bestehens immer wieder auch mit Künstlern wie Darcy James Argue (USA), Paolo Fresu (IT), Gwilym Simcock (GB), Ryan Truesdell (USA), Silvia Versini (FRA), Lars Möller (DK) oder David Liebman (USA) zusammen und spielte auf dem North Sea Jazz Festival Rotterdam (NL), dem Spot Festival Aarhus (DK), dem Moers Jazzfestival (D), auf diversen Jazzfestivals des WDR und in der Schweiz.

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Seit jeher dient dem CCJO aber der Kölner Stadtgarten als Heimathafen für seine Konzerte, weshalb die Band auch oft und gerne als Stadtgarten Big Band betitelt wird. Mit der Gründung des Europäischen Zentrums für Jazz und Aktuelle Musik im Stadtgarten wird nun auch das CCJO zum Großensemble eben dieses Zentrums und begibt sich auch in seiner 16.Konzertsaison mit ungebrochener Neugier auf die Suche nach neuen musikalischen Abenteuern und Herausforderungen. (Selbstdarstellung)

Und über diesen Marko Lackner mag ich schon auch noch informieren:

Geboren 1972 in Feldkirchen/Kärnten, ging Marko Lackner nach Diplom am Landeskonservatorium Klagenfurt während seiner weiteren Studienzeit über Graz nach Köln wo er sein Studium in den Fächern Jazz-Komposition und Jazz-Saxophon abschloss. Hier konnte er sich sowohl als Saxophonist, als auch als Komponist und Dirigent in der deutschen Szene etablieren, und erhielt unter anderem als Komponist 2006 den WDR-Jazzpreis. Er arbeitet regelmäßig mit folgenden Ensembles zusammen: Bob Brookmeyers New Art Orchestra, Sunday Night Orchestra Nürnberg, Cologne Contemporary Jazz Orchestra, WDR-Bigband, NDR-Bigband, HR-Bigband. u.a.

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Marko Lackner

Auch als Musikpädagoge ist Marko Lackner gefragt, wie z.B als Leiter des deutschen Bundesjazzorchesters 2007 und 2010 oder diverser Landesjazzorchester. 2003 wurde Marko Lackner Professor für Bigband und Saxophon an der Musikhochschule Dresden, seit 2009 arbeitet er als Professor für Bigband und Jazz-Komposition/Arrangemnet an der Hochschule für Musik Würzburg.

Jazz sowohl in Verbindung mit europäischer Musiktradition als auch mit aktuellen Strömungen zu bringen sieht Marko Lackner als den Mittelpunkt seiner kompositorischen Arbeit. Mit den Instrumenten eines Jazzorchesters ist es möglich symphonische Klangfülle zu entwickeln und mit den Musikern des selben durch Improvisation und Interpretation die spontane Lebendigkeit einer Jazzcombo zu erzeugen. Durch die Balance dieser beiden Komponenten entwickelt Marko Lackner einen Stil der dem Jazz wie auch der symphonischen Musik nahe ist. (Quelle: hfm-wuerzburg.de)

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Und ein Glücksfall ist es dann auch noch, dass dieser Live-Mitschnitt exisitiert. Der Mitschnitt entstand anlässlich des WDR Jazzfest am 1. Februr 2018 im Theater Gütersloh.

Und eigens für diesen Anlass komponierte der Bandleader Marko Lackner eine Suite, die „Expat Echoes Suite“, die aus einem Reigen biographischer Momentaufnahmen besteht.

Und so hören wir zeitgenössische Big Band Musik … auf höchstem Niveau …

Wenn das kein Glücksfall ist …

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Besetzung:
Marcus Bartelt (saxophone)
Pascal Bartoschak (saxophone)
Matthias Bergmann (trumpet)
Ben Degen (trombone)
Jens Düppe (drums)
Jürgen Friedrich (piano)
Volker Heinze (bass)
Ralf Hesse (trumpet)
Niels Klein (saxophone)
Christoph Möckel (saxophone)
Frank Sackenheim (saxophone)
Wolf Schenk (trombone)
Andreas Schickentanz (trombone)
Jan Schneider (trumpet)
Janning Trumann (trombone)
Christian Winninghoff (trumpet)

Unter der Leitung von Marko Lackner

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Titel:
01. The Wooden Sun 7.47

Expat Echoes Suite:
02. Dance No. 1 9.06
03. Smart Home 11.00
04. Alm 10.25
05. Expat Echoes 11.39
06. Zuawetearzln 6.52

Musik: Marko Lackner

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Und hier kann man sich dann dieses Konzert auch noch als einen TV-Mitschnitt (ARTE)= ansehen:

Klaus Michael Heinz – Peter Rüchel – Eine Zeitreise (WDR Geschichte(n) (2018)

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Für mich ein herber Verlust:

Peter Rüchel (* 9. März 1937 in Berlin; † 20. Februar 2019 in Leverkusen) war ein deutscher Musikjournalist und Begründer der WDR-Sendung Rockpalast, die seit Mitte der 1970er Jahre Konzerte von nationalen und internationalen Bands und Solo-Künstlern produzierte und im deutschen Fernsehen übertrug.

Rüchel wurde 1937 in Berlin als Sohn eines Geigers (der Vater war vor dem Krieg Leiter des Rüchel-Quartetts) und einer Lehrerin geboren. Er wuchs in West-Berlin auf und besuchte ein humanistisches Gymnasium mit Latein, Griechisch, klassischer Musik, Literatur und Theater.

Als 16-Jähriger ging er als Austauschschüler für ein Jahr nach Minneapolis in Minnesota.

Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Philosophie. 1968 bewarb er sich beim Sender Freies Berlin. Bis 1970 arbeitete Rüchel dort beim Programm SF Beat mit. Wenig später wurde der junge Redakteur vom ZDF entdeckt. 1970 holten ihn die Mainzer für ihr erstes echtes Jugendprogramm Direkt. 1974 traf Peter Rüchel bei einer Fernsehpreis-Verleihung für Direkt Hans-Geert Falkenberg, den damaligen Leiter der WDR-Abteilung Kultur. Kurze Zeit später übernahm Rüchel die Position des neuen Leiters des WDR-Jugendprogramms. In Köln traf Peter Rüchel auf einen Studenten der Filmhochschule München, Christian Wagner, mit dem er in der Folgezeit zusammenarbeitete und der ihn mit der Welt der Rockmusik vertraut machte.

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Wagner und Rüchel erfanden den Rockpalast. Schon 1975 strahlte der WDR 13 Konzertmitschnitte aus.

Anfang 1976 startete beim WDR ein wöchentliches, halbstündiges Jugendprogramm. Einmal im Monat gab es darin unter dem Titel Rockpalast auch Live-Musik. Im Rahmen dieser Sendungen wurden Rüchel und Wagner schon früh auf spätere Weltstars aufmerksam. Etwa U2, die am 4. November 1981 ihr Rockpalast-Debüt im Berliner Metropol vor 350 Zuhörern gaben, Tom Petty (14. Juni 1977), Meat Loaf und Mink DeVille (beide im Juni 1978), Dire Straits (Februar 1979) oder R.E.M., die 1985 in der Zeche Bochum vor 280 zahlenden Zuschauern auftraten.

Schnell wurde der Rockpalast zum Geheimtipp in der Szene. Zur Präsentation des Rockpalastes holte Rüchel bald Alan Bangs und Albrecht Metzger.

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Rory Gallagher, Alan Bangs und Peter Rüchel

Am 23. Juli 1977 stieg dann in der Essener Grugahalle jene legendäre erste Rocknacht mit Roger McGuinn’s Thunderbyrd, Rory Gallagher und Little Feat. Seitdem fanden jährlich zwei Rocknächte statt, die synchron im Radio in Hifi-Qualität übertragen wurden. Trotz ihres Kultstatus wurden die Konzerte allerdings nie zum Quotenbringer. Selbst spektakuläre Rocknächte wie 1981 mit The Who oder 1976 ein Konzertmitschnitt der Rolling Stones in Paris brachten es auf gerade 5 % Sehbeteiligung. Das desaströse Ergebnis der Rocknacht vom 19. Oktober 1985, als The Armoury Show, Squeeze, Rodgau Monotones und Ruben Blades gerade mal 3.000 Zuschauer in die Grugahalle lockten (Rüchel: Mein deprimierendster Moment!), besiegelte das Schicksal der Sendung – der Rockpalast wurde 1986 eingestellt.

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Erst 1995 kam der Rockpalast wieder zurück ins Programm. Man suchte nach Möglichkeiten, die Nachtstunden preiswert zu überbrücken, also wurden Konzerte aus dem Rockpalast-Archiv ausgestrahlt. Nach überwältigenden Zuschauerreaktionen begann Rüchel behutsam, wieder eigene Produktionen auf die Beine zu stellen. Das erste Loreley-Festival war zwar 1995 noch ein Flop, aber bereits im Folgejahr war das Festival unter anderem mit David Bowie, Pulp und Iggy Pop ein voller Erfolg. Seitdem gehörten die jährlichen Loreley- und Bizarre-Festivals zu verlässlichen Fixpunkten im Programm. Gleiches galt für die Rocknächte in der Düsseldorfer Philipshalle.

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Die Grugahalle in Essen

Mit einigen Größen der Szene hat Rüchel über die Jahre Freundschaft geschlossen, wie zum Beispiel mit Pete Townshend, den er zum ersten Mal 1981 in London traf, sowie mit Little Steven.

Im Jahre 2003 verabschiedete sich Peter Rüchel auf dem Rock-am-Ring-Festival aus dem aktiven Bereich der Sendung, blieb aber dem Rockpalast weiterhin als Berater und Editor der Rockpalast-DVD-Serie treu.

In den letzten Jahren lebte der gebürtige Berliner mit seiner Familie im Leverkusener Stadtteil Wiesdorf. Peter Rüchel starb nach schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren. (Quelle: wikipedia)

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Treffen beim Live-Musik-Spektakel Street Life: Peter Rüchel und der vor kurzem ebenfalls verstorbene Wolfgang Orth (rechts)

Peter Rüchel ist tot. Der Vater des legendären WDR-„Rockpalast“ starb am Mittwochmorgen nach schwerer Krankheit im Krankenhaus. Das bestätigten enge Leverkusener Freunde sowie sein direkter Nachfolger in der „Rockpalast“-Redaktion, Peter Sommer. Peter Rüchel war gebürtiger Berliner und hatte in den vergangenen Jahren mit seiner Familie in Wiesdorf gelebt. Am 9. März wäre er 82 Jahre alt geworden.

Mitte der 70er Jahre kam der passionierte Musikliebhaber als Leiter des Jugendprogrammes beim WDR in Köln auf die Idee, Konzerte von Rock- und Popstars live im Fernsehen zu übertragen. Das Format, das er gemeinsam mit seinem damaligen Kollegen Christian Wagner entwickelte, nannte er „Rockpalast“.

Es war nicht nur Kult unter den Fans, die millionenfach des nachts vor dem Fernseher hingen. Es war vor allem Vorreiter für all das, was später als Musikfernsehen den Globus umspannen sollte und setzte international Maßstäbe in Sachen Konzertübertragungen.

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Peter Rüchel (links) und Little Steven beim Steven-Konzert in Hamburg 2017

Peter Rüchel entdeckte unter anderem spätere Weltstars wie U2, REM, ZZ Top oder die Dire Straits, zog sich 2003 aus dem Live-Geschäft zurück, gab die Leitung an Peter Sommer ab, blieb aber umtriebig und kümmerte sich um die Edition von „Rockpalast“-Konzerten auf DVD. Noch im vergangenen Jahr half er bei der Organisation von Konzerten seines engen und langjährigen Freundes Little Steven van Zandt – Gitarrist aus Bruce Springsteens E Street Band – in Deutschland.

Peter Sommer gab an, von Peter Rüchels Sohn telefonisch von dessen Tod unterrichtet worden zu sein. „Wir hier in der Redaktion sind alle geplättet und müssen nun erstmal schauen, wie wir damit umgehen.“ Bis zuletzt habe er mit seinem Vorgänger in Kontakt gestanden. „Wir wussten zwar, dass er krank war, aber eigentlich hieß es, er sei wieder auf dem Wege der Besserung.“ (Quelle: Kölner Stadtanzeiger)

Und hier ein intensives Portrait … aufgezeichnet vom WDR im Rahmen der Serie „WDR Geschichte(n) – Eine Zeitreise in 14 Interviews“ im Jahr 2018:

Peter Rüchel, geboren am 9. März 1937 in Berlin, erfand für den WDR den „Rockpalast“. Zuvor hatte er sich beim noch jungen ZDF einen Namen gemacht als Redakteur preisgekrönter Jugendprogramme. Als solcher wurde er Mitte der 1970er Jahre abgeworben nach Köln, wo er gemeinsam mit Regisseur Christian Wagner schließlich Fernsehgeschichte schrieb: Die Rockmusik-Nächte mit zahlreichen Weltstars wurden in weiten Teilen Europas zum Kult. Das Gespräch mit Klaus Michael Heinz fand 2018 in Leverkusen statt.(Presseankündigung)

Hier gibt Peter Rüchel nicht nur Auskunft über seine eigene Biographie, sondern auch über den „Rockpalast“ und darüber hinaus eigentlich auch Einblicke in die Geschichte des deutschen Fernsehens …

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Peter Rüchel mit Mitch Ryder

Und, ach ja … natürlich wurde er von den „68er“ geprägt … wie man von ihm selbst in diesem Portrait hören kann.

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Peter Rüchel in den frühen 70er Jahren

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Der unverzichtbare Weggefährten in den Rockpalast-Zeiten: Regisseur Christian Wagner

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Die wohl erste Rockpalast Sendung

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Eher im Hintergrund: Siegfried Mohr (WDR)

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Moderator Albrecht Metzger (* 1945 in Stuttgart): ein wenig ratlos in der ersten Rockpalast-Live Sendung, ob all der Pannen …

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Peter Rüchel singt mit Wolfgang Niedecken (BAP) „Verdammt lang her“

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Beispiel10

Peter Rüchel (* 9. März 1937 in Berlin; † 20. Februar 2019 in Leverkusen)

Und hier noch mein Verweis auf einen kleinen, aber feinen Nachruf das Jan Reetze (click on the pic):

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Weitere Nachrufe finden sich allen nur denkbaren Gazetten – landauf, landab – denn Peter Rüchel hat die Präsentation von Rockmusik im deutschen Fernsehen schlicht und ergreifend, geprägt.

F.W. Bernstein: Abschied (2018)

Einer, der antrat, die deutsche Gesellschaft satirisch aufzulockern

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Er dichtete das Motto der Neuen Frankfurter Schule und war Mitbegründer der Zeitschrift „Pardon“: Der Lyriker und Zeichner F. W. Bernstein ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

In nachklassischen Zeiten ist es fast unmöglich, mit einem Vers in den Volksmund zu gelangen. F. W. Bernstein, dem Dichter und Zeichner, der jetzt im Alter von 80 Jahren verstarb, ist dies gelungen. „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“: Unbestreitbare Weisheit fand hier im Gestalt einer kleinen Überraschung – wer würde Elche kritisieren? – zu einer gültigen, mühelos zu memorierenden Form.

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Lustig und wahr: Damit wurde der Doppelzeiler zum Motto der Neuen Frankfurter Schule, die sich Anfang der Sechzigerjahre in der Stadt von Adorno um die Satirezeitschrift pardon sammelte. Wer an fünfzig Jahre 1968 erinnert, der darf nicht von dem Parallelunternehmen dieser Künstlergruppe schweigen. Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. J. Waechter und eben F.W. Bernstein fanden sich reimend, zeichnend, erzählend zum Großunternehmen satirischer Lockerung der deutschen Gesellschaft zusammen.

Bernstein, der eigentlich Fritz Weigle hieß, und Gernhardt waren die beiden Zeichnerpoeten des Kreises. „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (Bernstein mit Gernhardt und Waechter) von 1966 und „Besternte Ernte“ (Gernhardt und Bernstein, 1976) wurden Klassiker für eine neue bundesrepublikanische Lesergeneration, der keine Literaturkritik die Wege wies, denn die war gerade mit der Gruppe 47 nach Princeton verreist.

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Der aus Göppingen stammende Schwabe Bernstein war der Einzige der Gruppe, der es, wie er gern vermerkte, zu etwas Ordentlichem gebracht hatte, als Kunsterzieher und Hochschullehrer nämlich (von 1984 bis 1999 war er Professor für Karikatur und Bildgeschichte in Berlin), zugleich war er der Stillste und Uneitelste, manche sagen auch: der Sperrigste. Ein unglaublich angenehmer Zeitgenosse, dessen Genialität daher auch, wie Eckhard Henscheid soeben bemerkte, kaum gebührend anerkannt wurde.

Ein Meisterwerk, mit dem sich Bernstein zusammen mit Gernhardt und Waechter in der deutschen Kulturgeschichte verewigt hat, war die Doppelseite „Welt im Spiegel“ in der pardon. Rubriziert als „Unabhängige Zeitung für eine saubere Welt“ trug sie unter einem Globus das wuchtige Motto „Pro Bono Contra Malum“ (für das Gute gegen das Böse), in Anspielung auf den Berliner Tagesspiegel, der ebenso lateinisch Ursachenerkenntnis zusagt: „Rerum cognoscere causas“ (hier ist alles erfunden und alles wahr). Schon die Überschriften (wir zitieren aus dem Jahrgang 1968) zeigen die Richtung: „Ein Sex-Buch, das uns mißfällt“. „Warum wir dieses scheußliche Bild veröffentlichen“.

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„Der schiefe Turm von St. Blasen“ wird gezeigt, ein phallisches Gebilde mit der Unterschrift: „Kunsthistoriker lehnen ihn ab. Voreilig?“ Bilder, Rubriken („Gut gesagt!“), Comics simulieren eine Zeitung, ein verträumtes Paralleluniversum von Presse, zum Zweck des Spiels mit ihren Hohlformen.

Zu Gernhardt gibt es inzwischen eine ausgebreitete Sekundärliteratur, auf die der zurückhaltende Bernstein noch warten muss. Dabei ist seine Lyrik nicht weniger ergiebig. Wer würde schon eine mit Heine verformte Nibelungenstrophe vermuten, wenn es um den Abgesang auf den R4 geht: „Uns wird in alten Mären/ wunder was erzählt/ von Automobilen, von schweren,/ die wären sehr zu verehren;/ Herr Gott – wie’s gefällt.“ Was dann folgt, ist nicht weniger als eine Kulturgeschichte der alten Bundesrepublik in vierzig Strophen, ein Epos: „Doch ach! Nichts ist von Dauer!/ Vorüber! Vorbei! C’est la vie!/ Die Zeiten, sie werden rauher,/ doch die Mitscherlichkeit zur Trauer,/ die haben wir irgendwie!“

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Ach ja, die haben wir! „Hab keine Romane geschrieben;/ keine einzige Sinfonie“, sagt Bernstein im Gedicht „Bilanz“. „Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;/ wie meine Tanztheorie./ Nicht eine Kathedrale!/ Kein Dachgeschoß ausgebaut!/ Und wenn ich mal male,/ wird’s Mist.“ Was ja nicht stimmte. Ganz still das Ende: „Nur dieses kleine Gedicht./ Reicht das nicht?“ Mindestens. (Gustav Seibt)

Ich verneige mich.

Zur Erinnerung ein kleines Bernastein Päckcen, jeweils ein Nachruf im Radio udnd im Fernsehen (ARD, Hessenschau)

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Fritz Weigle alias F. W. Bernstein (* 4. März 1938 in Göppingen ; † 20. Dezember 2018)

Titel:
01. Radio-Nachruf 4.14
02 Fernseh-Nachruf 2.48

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Die aktuelle Startseite der Website f.w.bernstein.de

„Zwanzig Stückchen Käsebrot, einunddreißig Veilchen, biete ich Dir, Gevatter Tod, verschon mich noch ein Weilchen.“

Michaela Wunderle – Warum ist Bayern Freistaat – Von der Räterepublik zum Mia san mia (2018)

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Wussten Sie, dass das Bundesland Bayern Produkt einer Revolution ist? In der Nacht zum 8. November 1918 erklärte der Sozialist Kurt Eisner Bayern zum Freistaat.

Er beendete damit die Herrschaft der Wittelsbacher Monarchie und wurde Bayerns erster Ministerpräsident. Freistaat, das war ein Synonym für Republik. Heute hat die CSU den Begriff umgemünzt – in ein hemdsärmeliges „mia san mia“.

Briefmarke.jpgWie kam es zur bayrischen Revolution? Sie geschah neben den Ereignissen in Berlin, zu einer Zeit, in der alles möglich schien – Frieden, soziale Gerechtigkeit, Demokratie. Der Sonderweg der Bayern, bei dem Dichter eine tragende Rolle spielten, dauerte fünf kurze, turbulente, tragische und auch skurrile Monate.

Ministerpräsident Kurt Eisner, Pazifist, Humanist und Idealist, wurde im Februar 1919 von einem völkisch-nationalen Offizier auf offener Straße erschossen. Der Mord gab der Revolution Auftrieb: Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte proklamierten darauf die erste „Baierische Räterepublik“. Selbst in kleinsten Gemeinden übernahmen Räte die Macht, manchmal nur für Stunden. In München regierten Dichter und Anarchisten, allesamt von der Idee der Freiheit beseelte Idealisten. (HR-Ankündigung)

Diese Infosendung des Hessischen Rundfunks informiert über jene Zeit, die einen fast atemlos machen kann … das rote Bayern gründet nicht nur die Räterepublik sondern auch den Freistaat.

Und da will ich es nicht nur dem Herrn Söder überlassen, das nun stattgefundene Jubiläum zu feiern …

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Eisner auf der Fahrt zur Reichskanzlei in Berlin anlässlich einer Konferenz der Reichsregierung (zu der Zeit „Rat der Volksbeauftragten“), 22. November 1918 (Fotografie von Robert Sennecke)

Zumal es kaum noch jemand weiß, dass wir den „Freistaat“ dem Sozialisten Kurt Eisner verdanken.

Und ein wenig amüsant ist es dann schon, wenn eine hessische Rundfunksprecherin versucht, bayerisch zu reden …

Aber unabhängig davon: Ein mehr als hörenswerter Radiomitschnitt, nicht nur zur Geschichte Bayerns, sondern letztlich zur Geschichte Deutschlands, denn diese Rätebewegung gab es damals wohl auch in Städten wie Berlin und Kiel.

Die Präsentation enthält neben dem Radiomitschnitt auch das dazugehörige Sende-Manuskript.

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Besetzung:
Judith Kösters (Sprecherin)
+
Michaela Karl (Autorin des Buches „Die Münchner Räterepublik, Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008
Rosa Leviné (Ehefrau des KPD Aktivisten Eugen Leviné in einer Archivaufnahme)
Simon Schaupp (Autor des Buches „Kurzen Frühling der Räterepublik“. Münster, 2017)
Hans Well (1)
Volker Weidermann (Autor des Buches: „Träumer – Als die Dichter die Macht“, Köln, 2017)
u.a.

Manuskript: Michaela Wunderle

Titel:
01. Warum ist Bayern Freistaat – Von der Räterepublik zum Mia san mia 24.55

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Soldaten der Münchner Räterepublik am Münchner Gärtnerplatz

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Luise Kinseher (als Mama Bavaria) – Die letzte Nockherberg-Rede (2018)

FrontCoverEs gibt da in München so eine ganz spezielle Tradition: Den Starbieranstich zum Beginn der sog. Fastenzeit auf dem Nockherberg in München.

Die Starkbierprobe hat in München eine lange Tradition: War es ursprünglich der Wirt, der die Gäste derbleckt hat, machte der Münchner Humorist Jakob Geis das Derblecken 1891 bei einer Starkbierprobe auf dem Nockherberg zu einer festen Tradition.

Seitdem ist es für die jeweiligen Festredner sowohl eine Ehre als auch eine Herausforderung, den Politikern bissig und humorvoll den Spiegel vorzuhalten. Vor allem, weil der Bayerische Ministerpräsident und zahlreiche Kollegen aus der Bundes- und Landespolitik persönlich anwesend sind. Auch die müssen allerdings einstecken können und live im TV ihren Humor beweisen. Motto: Gute Miene zum bösen Spiel…

Die Riege der früheren Festredner liest sich wie ein „Who is who“ der Münchner Volkskultur: Adolf Gondrell, der Roider Jackl, Walter Sedlmayr, Michael Lerchenberg und Bruno Jonas standen schon auf der Paulaner-Bühne. Max Grießer schuf 1992 die Rolle des „Bruder Barnabas“, in Anlehnung an den historischen Paulaner-Mönch Frater Barnabas, auf den das Rezept des Salvators zurückgehen soll.

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Das Zentralgebäude vom Nockherberg

Nach 16 Männern hatte seit 2011 nun erstmals eine Frau das Sagen: Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher war als „Mama Bavaria“ die gütige Landesmutter – zumindest, wenn ihr danach ist. Allerdings schlugen ihr die Kapriolen unserer Spitzenpolitiker ziemlich aufs Gemüt. Nach acht Auftritten als Mama Bavaria gab Kinseher nun ihren Rücktritt bekannt.

Und ihr letzter Auftritt als „Mama Bavaria“ kam gut an … hier ein paar Pressestimmen:

Sueddeutsche.de: „Die Augen der neuen Freunde Seehofer und Söder finden sich nicht sehr oft an diesem Abend. Schon zu Beginn verschränkte Seehofer die Arme, Söder plauderte mit Aigner. Warum aus ihr nichts geworden ist? „Ich bin ein Teammensch“, sagt Aigner. Um es nach oben zu schaffen, braucht es wohl Ellenbogen. Von denen will Söder jetzt nichts mehr wissen. Der „demütige Markus“, das sei „wirklich eine Mutation“, sagt Kinseher. Söder nimmt es ihr diesmal nicht übel. Etwas anderes würde sich für einen Landesvater nicht schicken.“

Mittelbayerische.de: „Die Kabarettistin Luise Kinseher, die seit 2011 die Fastenpredigt hält, kündigt am Abend völlig überraschend ihren Rückzug an. „Ich brauche jetzt Abstand“, sagt sie – und empfiehlt ihren Schritt Seehofer zur Nachahmung. Zuvor hatte sie mit großer Heiterkeit ihre letzte Rede absolviert. Sie spottete über die deklarierte Harmonie in der CSU. „Frieden in der CSU: das klingt für mich noch unheimlicher wie das Schweigen der Lämmer.“ Sie witzelte über Söders neuen landesväterlichen Habitus. „Der gütige Blick, leichtes Übergewicht: es dauert nicht mehr lange, dann werden wir ihn drollig finden.““

Merkur.de: „Keine Frage: Es war Luise Kinsehers beste Nockherberg-Rede – in acht Jahren. Die Münchner wollen jetzt die 3. Startbahn, stellt sie zum Ende traurig und nachdenklich fest. „Damit sie wegfliegen können.“ München sei eben längst zu voll. „Nichts ist mehr so wie es einmal war“, wiederholt unsere Mama immer wieder. Es ist ihr roter Faden durch das Programm. Sie weiß natürlich: Am Ende wird sie verkünden, dass sie geht. Um 20.38 Uhr ist es dann soweit. „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen“, sagt Luise Kinseher leise. Gemurmel im Saal. „Die hört auf“, flüstert Zuschauer Otti Fischer seiner Freundin zu. Mama Bavaria winkt nochmal kurz ins Publikum. „Danke“, sagt sie. Dann passiert es: Das Publikum steht auf, tosender Applaus. Ja, in der letzten Schlacht stand unsere Mama Bavaria ihren Mann… äh, ihre Frau. Und dafür unseren vollen Respekt! Danke.“

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Der Festsaal auf dem Nockherberg

Abendzeitung-Muenchen: „Noch nie in ihren acht Jahren als „Mama“ hat Luise Kinseher die versammelte Polit-Prominenz treffender abgewatscht. Die Pointen saßen, auf grüne Zwischenrufe reagierte sie souverän und niederbairisch witzig. Es war ein Genuss. Warum sie jetzt geht? Ihre Rolle war ausgereizt, nicht selten hagelte es Kritik, so wie beim „Berg-Koma“ im letzten Jahr. Und man sollte gehen, wenn es (noch) am schönsten ist – und einem alle eine Träne nachweinen.“

Nordbayern.de: „“Mama Bavaria“ hört auf: Nockherberg verliert sein Gesicht“ und „Kinseher war in den vergangenen Jahren teilweise sehr umstritten gewesen und viel kritisiert worden. Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) und andere waren der Veranstaltung deshalb aus Protest fern geblieben. Am Mittwoch aber applaudierte das Publikum im Stehen.“

Und hier kann man sich nun diesen Auftritt nochmals in Ruhe anschauen:

Luise Kinseher

Luise Kinseher

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Der Biergarten auf dem Nockherberg