Michaela Wunderle – Warum ist Bayern Freistaat – Von der Räterepublik zum Mia san mia (2018)

Postkarte1918.jpg

Wussten Sie, dass das Bundesland Bayern Produkt einer Revolution ist? In der Nacht zum 8. November 1918 erklärte der Sozialist Kurt Eisner Bayern zum Freistaat.

Er beendete damit die Herrschaft der Wittelsbacher Monarchie und wurde Bayerns erster Ministerpräsident. Freistaat, das war ein Synonym für Republik. Heute hat die CSU den Begriff umgemünzt – in ein hemdsärmeliges „mia san mia“.

Briefmarke.jpgWie kam es zur bayrischen Revolution? Sie geschah neben den Ereignissen in Berlin, zu einer Zeit, in der alles möglich schien – Frieden, soziale Gerechtigkeit, Demokratie. Der Sonderweg der Bayern, bei dem Dichter eine tragende Rolle spielten, dauerte fünf kurze, turbulente, tragische und auch skurrile Monate.

Ministerpräsident Kurt Eisner, Pazifist, Humanist und Idealist, wurde im Februar 1919 von einem völkisch-nationalen Offizier auf offener Straße erschossen. Der Mord gab der Revolution Auftrieb: Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte proklamierten darauf die erste „Baierische Räterepublik“. Selbst in kleinsten Gemeinden übernahmen Räte die Macht, manchmal nur für Stunden. In München regierten Dichter und Anarchisten, allesamt von der Idee der Freiheit beseelte Idealisten. (HR-Ankündigung)

Diese Infosendung des Hessischen Rundfunks informiert über jene Zeit, die einen fast atemlos machen kann … das rote Bayern gründet nicht nur die Räterepublik sondern auch den Freistaat.

Und da will ich es nicht nur dem Herrn Söder überlassen, das nun stattgefundene Jubiläum zu feiern …

KurtEisner.jpg

Eisner auf der Fahrt zur Reichskanzlei in Berlin anlässlich einer Konferenz der Reichsregierung (zu der Zeit „Rat der Volksbeauftragten“), 22. November 1918 (Fotografie von Robert Sennecke)

Zumal es kaum noch jemand weiß, dass wir den „Freistaat“ dem Sozialisten Kurt Eisner verdanken.

Und ein wenig amüsant ist es dann schon, wenn eine hessische Rundfunksprecherin versucht, bayerisch zu reden …

Aber unabhängig davon: Ein mehr als hörenswerter Radiomitschnitt, nicht nur zur Geschichte Bayerns, sondern letztlich zur Geschichte Deutschlands, denn diese Rätebewegung gab es damals wohl auch in Städten wie Berlin und Kiel.

Die Präsentation enthält neben dem Radiomitschnitt auch das dazugehörige Sende-Manuskript.

Karikatur.jpg

Besetzung:
Judith Kösters (Sprecherin)
+
Michaela Karl (Autorin des Buches „Die Münchner Räterepublik, Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008
Rosa Leviné (Ehefrau des KPD Aktivisten Eugen Leviné in einer Archivaufnahme)
Simon Schaupp (Autor des Buches „Kurzen Frühling der Räterepublik“. Münster, 2017)
Hans Well (1)
Volker Weidermann (Autor des Buches: „Träumer – Als die Dichter die Macht“, Köln, 2017)
u.a.

Manuskript: Michaela Wunderle

Titel:
01. Warum ist Bayern Freistaat – Von der Räterepublik zum Mia san mia 24.55

Gärtnerplatz.jpg

Soldaten der Münchner Räterepublik am Münchner Gärtnerplatz

*
**

HörbuchHansWell.jpg

Luise Kinseher (als Mama Bavaria) – Die letzte Nockherberg-Rede (2018)

FrontCoverEs gibt da in München so eine ganz spezielle Tradition: Den Starbieranstich zum Beginn der sog. Fastenzeit auf dem Nockherberg in München.

Die Starkbierprobe hat in München eine lange Tradition: War es ursprünglich der Wirt, der die Gäste derbleckt hat, machte der Münchner Humorist Jakob Geis das Derblecken 1891 bei einer Starkbierprobe auf dem Nockherberg zu einer festen Tradition.

Seitdem ist es für die jeweiligen Festredner sowohl eine Ehre als auch eine Herausforderung, den Politikern bissig und humorvoll den Spiegel vorzuhalten. Vor allem, weil der Bayerische Ministerpräsident und zahlreiche Kollegen aus der Bundes- und Landespolitik persönlich anwesend sind. Auch die müssen allerdings einstecken können und live im TV ihren Humor beweisen. Motto: Gute Miene zum bösen Spiel…

Die Riege der früheren Festredner liest sich wie ein „Who is who“ der Münchner Volkskultur: Adolf Gondrell, der Roider Jackl, Walter Sedlmayr, Michael Lerchenberg und Bruno Jonas standen schon auf der Paulaner-Bühne. Max Grießer schuf 1992 die Rolle des „Bruder Barnabas“, in Anlehnung an den historischen Paulaner-Mönch Frater Barnabas, auf den das Rezept des Salvators zurückgehen soll.

Nockherberg01

Das Zentralgebäude vom Nockherberg

Nach 16 Männern hatte seit 2011 nun erstmals eine Frau das Sagen: Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher war als „Mama Bavaria“ die gütige Landesmutter – zumindest, wenn ihr danach ist. Allerdings schlugen ihr die Kapriolen unserer Spitzenpolitiker ziemlich aufs Gemüt. Nach acht Auftritten als Mama Bavaria gab Kinseher nun ihren Rücktritt bekannt.

Und ihr letzter Auftritt als „Mama Bavaria“ kam gut an … hier ein paar Pressestimmen:

Sueddeutsche.de: „Die Augen der neuen Freunde Seehofer und Söder finden sich nicht sehr oft an diesem Abend. Schon zu Beginn verschränkte Seehofer die Arme, Söder plauderte mit Aigner. Warum aus ihr nichts geworden ist? „Ich bin ein Teammensch“, sagt Aigner. Um es nach oben zu schaffen, braucht es wohl Ellenbogen. Von denen will Söder jetzt nichts mehr wissen. Der „demütige Markus“, das sei „wirklich eine Mutation“, sagt Kinseher. Söder nimmt es ihr diesmal nicht übel. Etwas anderes würde sich für einen Landesvater nicht schicken.“

Mittelbayerische.de: „Die Kabarettistin Luise Kinseher, die seit 2011 die Fastenpredigt hält, kündigt am Abend völlig überraschend ihren Rückzug an. „Ich brauche jetzt Abstand“, sagt sie – und empfiehlt ihren Schritt Seehofer zur Nachahmung. Zuvor hatte sie mit großer Heiterkeit ihre letzte Rede absolviert. Sie spottete über die deklarierte Harmonie in der CSU. „Frieden in der CSU: das klingt für mich noch unheimlicher wie das Schweigen der Lämmer.“ Sie witzelte über Söders neuen landesväterlichen Habitus. „Der gütige Blick, leichtes Übergewicht: es dauert nicht mehr lange, dann werden wir ihn drollig finden.““

Merkur.de: „Keine Frage: Es war Luise Kinsehers beste Nockherberg-Rede – in acht Jahren. Die Münchner wollen jetzt die 3. Startbahn, stellt sie zum Ende traurig und nachdenklich fest. „Damit sie wegfliegen können.“ München sei eben längst zu voll. „Nichts ist mehr so wie es einmal war“, wiederholt unsere Mama immer wieder. Es ist ihr roter Faden durch das Programm. Sie weiß natürlich: Am Ende wird sie verkünden, dass sie geht. Um 20.38 Uhr ist es dann soweit. „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen“, sagt Luise Kinseher leise. Gemurmel im Saal. „Die hört auf“, flüstert Zuschauer Otti Fischer seiner Freundin zu. Mama Bavaria winkt nochmal kurz ins Publikum. „Danke“, sagt sie. Dann passiert es: Das Publikum steht auf, tosender Applaus. Ja, in der letzten Schlacht stand unsere Mama Bavaria ihren Mann… äh, ihre Frau. Und dafür unseren vollen Respekt! Danke.“

Nockherberg03

Der Festsaal auf dem Nockherberg

Abendzeitung-Muenchen: „Noch nie in ihren acht Jahren als „Mama“ hat Luise Kinseher die versammelte Polit-Prominenz treffender abgewatscht. Die Pointen saßen, auf grüne Zwischenrufe reagierte sie souverän und niederbairisch witzig. Es war ein Genuss. Warum sie jetzt geht? Ihre Rolle war ausgereizt, nicht selten hagelte es Kritik, so wie beim „Berg-Koma“ im letzten Jahr. Und man sollte gehen, wenn es (noch) am schönsten ist – und einem alle eine Träne nachweinen.“

Nordbayern.de: „“Mama Bavaria“ hört auf: Nockherberg verliert sein Gesicht“ und „Kinseher war in den vergangenen Jahren teilweise sehr umstritten gewesen und viel kritisiert worden. Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) und andere waren der Veranstaltung deshalb aus Protest fern geblieben. Am Mittwoch aber applaudierte das Publikum im Stehen.“

Und hier kann man sich nun diesen Auftritt nochmals in Ruhe anschauen:

Luise Kinseher

Luise Kinseher

*
**

Nockherberg02

Der Biergarten auf dem Nockherberg